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      Ultras und Hooligans sind nicht das Gleiche
      Foto: Imago
      April 14, 2015

      Ultras und Hooligans sind nicht das Gleiche

      Mit HoGeSa und ihrer deutlich erkennbaren Teilnahme an Pegida haben sich rechte Hooligans zurück in die mediale Wahrnehmung katapultiert. Es wird bisweilen sogar von einer bisher nicht erreichten „„Qualität der Gewalt" (Zitat von Oliver Malchow, Gewerkschaft der Polizei) gesprochen. Bei genauerem Betrachten der Fankurven zeigt sich allerdings, dass bei HoGeSa nichts Neues passiert. Es traten lediglich in den Fankurven schon länger andauernde Konflikte an die ?–ffentlichkeit. Konflikte zwischen antirassistischen Ultragruppen und rechten Hooligans.

      Das Transparent-Magazin erscheint seit April 2012 alle drei Monate und zeichnet sich durch einen besonders engen Bezug zur Fankultur und auch zur Ultraszene aus. Sie schreiben regelmäßig über politische Konflikte beziehungsweise die politische Arbeit gegen Diskriminierung in den Kurven. Anlässlich der aktuellen Ereignisse rund um HoGeSa und auch der Konflikte innerhalb der Kurven sprachen wir mit dem Transparent-Chefredakteur Pavel Brunßen über Ultras, Hooligans und den politischen Kampf in den Kurven.

      Vice Sports: In der deutschen Medienlandschaft wird viel darüber diskutiert, was denn eigentlich Ultras sind. Kannst du die Frage beantworten?
      Pavel Brunßen: „Die Ultras gibt es nicht" haben wir mal geschrieben, weil ständig von „„den Ultras" gesprochen wird. Ultras lassen sich aber nur über bestimmte Merkmale ihrer Gruppierung kategorisieren. Damit ist gemeint, dass sie eine Person haben, die mit dem Rücken zum Spielfeld vor dem Block steht und die Gesänge anstimmt. Dass es ein geschlossenes, gemeinsames Auftreten und Singen im Fanblock gibt. Dass die Gesänge über 90 Minuten vorgetragen werden. Dass es gemeinsame Stilmittel der Ultragruppen—wie eben Fahnen, Choreographien, bestimmte Banner und Transparente—im Stadion gibt. Dass die Zaunfahne mit dem Gruppennamen für alle sichtbar vor der Gruppe im Fanblock hängt. Damit hören die Gemeinsamkeiten dann aber auch schon auf.

      Pavel Brunßen, Chefredakteur vom Transparent-Magazin

      Ultra ist also weniger ein inhaltliches als ein ästhetisches Statement. Es steht mehr das Wie und weniger das Was im Vordergrund. Hat das auch ein breitgefächertes politisches Spektrum zur Folge?
      An politischen Ausrichtungen ist von klar antirassistisch und links-orientiert bis zu deutlich rechtsoffen mit Kontakten in die rechte Szene vor Ort eigentlich so ziemlich alles vorhanden. Und diese Ausdifferenzierung zeigt sich eben auch in anderen Punkten. Wie stehen Ultragruppen zu Gewalt? Suchen sie diese aktiv oder lehnen sie diese ab und verteidigen sie sich nur, wenn sie von anderen Ultragruppen angegriffen werden? Da gibt es eine ganz große Bandbreite und man muss genau differenzieren. Selbst in einer Fankurve gibt es oftmals mehrere Gruppen und man muss immer genau differenzieren, welche Gruppen meint man und wie sind deren Mitglieder orientiert.

      In der Außenwahrnehmung sind die Hooligans in den letzten Monaten wieder deutlich mehr in den Fokus gerückt. Auslöser war zunächst HoGeSa und dann die Teilnahme an Pegida-Demonstrationen. Aber auch kurveninterne Konflikte schaffen es immer mehr in die öffentliche Wahrnehmung. Letzteres geschieht dann meistens, wenn antirassistisch oder links-positionierte Ultragruppen in Konflikt mit Hooligans geraten. Sind Fälle wie die der „Ultras Braunschweig" oder „Aachen Ultras" denn Einzelfälle oder gibt es dafür noch deutlich mehr Beispiele?
      Das passiert in deutlich mehr Städten, als es bekannt ist. Die Schätzung liegt bei 15 bis 20 Standorten, bei denen solche Konflikte am Schwelen oder schon offen ausgebrochen sind, wie in Aachen oder Braunschweig. Es gibt viele Fälle, bei denen diese Konflikte nicht so an die Oberfläche treten, weil die von rechter Gewalt betroffenen Ultras oftmals sehr jugendlich sind, sich jedes Wochenende in der Fankurve bewegen und oftmals keine Möglichkeit haben, den körperlich überlegenen rechten Hooligans—die ausgewachsen und kampferprobt sind—physisch etwas entgegenzusetzen. Und diese Betroffenen fürchten eben, dass bei einer Bekanntmachung der Konflikte diese Übergriffe zunehmen. Das kann, wie bei Alemannia Aachen, dann auch bis in den privaten Bereich gehen, wo Leute in ihrer eigenen Wohnung aus dem Schlaf geprügelt werden. Da kann man sehr gut verstehen, dass diese Konflikte nicht öffentlich gemacht werden. Aber diese Entwicklung nimmt immer mehr zu und wird auch durch Erfahrungen wie HoGeSa und Aachen noch gestärkt, wo Hooligans Erfolgserlebnisse hatten und Selbstbewusstsein aufbauen konnten.

      Man hatte seit der Jahrtausendwende das Gefühl, dass die Hooligans weg waren oder zumindest nicht mehr als solche aufgetreten sind. War dieser Eindruck trügerisch oder waren sie tatsächlich inaktiv?
      Wirklich verschwunden waren die Hooligans seit ihrem ersten Auftreten Anfang der 80er-Jahre nie. Es gab auch hier immer die unterschiedlichsten Gruppierungen, also zum Beispiel die eher unpolitische „‚GelsenSzene" aus Gelsenkirchen oder nur ein paar Kilometer weiter die ‚„Borussenfront" in Dortmund, die von Anfang an mit der ‚„Aktionsfront nationaler Sozialisten" zusammengearbeitet hat und entsprechend politisch agiert hat. Hooligans hatten ihre Hochzeit in den 80er-Jahren bis Ende der 90er. 1998 bei der WM in Frankreich gab es ein zentrales Ereignis. Der französische Polizist Daniel Nivel wurde von einem Mob rechter deutscher Hooligans ins Krankenhaus geprügelt, ist dort fast gestorben und leidet bis heute unter den Folgen. Zeitgleich fand allerdings im deutschen Fußball ein Prozess der Kommerzialisierung statt.

      Welche Rolle spielte diese Kommerzialisierung für die Hooligans?
      Der Fußball wurde mehr vermarktet, die Fernsehrechte wurden verkauft, die Champions League wurde gegründet, die Stadien veränderten sich, Stadionverbote wurden erstmals ausgesprochen, um die Hooligans aus dem Stadion zu drängen. Zeitgleich wurden erstmals auch offensiv Frauen als Publikum angesprochen, also die Vermarktung richtet sich nicht mehr an ein rein männliches Publikum. Dieser ganze Prozess führte eben dazu, dass die Hooligans—teils auch aus eigener Überalterung—sich aus dem Geschehen der Fankurven zurückgezogen haben.

      Und diese Lücke schlossen dann die Ultras?
      Genau. Ende der 90er haben die Ultra-Gruppierungen dieses Machtvakuum in den Fankurven gefüllt. Deshalb verschwanden die Hooligans zunehmend aus dem öffentlichen Bewusstsein. Sie haben nicht mehr so offen im Stadion agiert, gleichzeitig aber im Hintergrund noch dafür gesorgt, dass sie eben das Machtmonopol haben, Kontakte in alle Bereiche der Fanszene hatten und immer präsent waren. Die vorhin angesprochenen Konflikte sind daraus entstanden, dass die Hooligans sich von Ultras—die sich zunehmend auch antirassistisch positionierten—herausgefordert gefühlt haben, ihre Vormachtstellung in Frage gestellt gesehen haben und darauf mit Gewalt reagiert haben. Was sie wieder deutlich zurück ins öffentliche Bewusstsein geführt hat.

      Der Konflikt zwischen Ultras und Hooligans kann demzufolge als eine Art Generationenkonflikt verstanden werden. Gibt es überhaupt Nachwuchs für Hooligans oder sind die Hooligans wirklich nur eine alt gewordene Jugendkultur, was die Bilder der HoGeSa-Demonstration in Köln nahelegen?
      Das ist auch von Ort zu Ort, von Fanszene zu Fanszene, unterschiedlich. Es gibt teilweise sehr enge Verknüpfungen zwischen Hooligans und Ultras, wie zum Beispiel bei Alemannia Aachen, wo die ‚„Karlsbande Ultras" die antirassistisch positionierten ‚„Aachen Ultras" gemeinsam mit den Hooligans und Personen aus dem Umfeld der mittlerweile verbotenen ‚Kameradschaft „Aachener Land" aus dem Stadion geprügelt haben. Dort sind die Grenzen sehr fließend. In anderen Fanszenen funktioniert das eben anders, zum Beispiel bei Werder Bremen. Dort gab es 2007 einen Angriff auf eine antirassistische Ultragruppe von rechten Hooligans, woraufhin sich die Fanszene von den Hooligans abgegrenzt hat und es eben keinen Nachwuchs für Hooligans aus den Ultragruppen gab. Aber auch da hat sich mit ‚„Nordsturm Brema" eine Hooligannachwuchsgruppe gebildet. Die Faszination des Hooliganismus, des Kampfsport in Wald und Wiese, ist ungebrochen. Es gibt immer noch Nachwuchs, auch wenn man in Köln deutlich gesehen hat, dass die Szene einen sehr hohen Altersschnitt hat.

      [body_image src='//sports-images.vice.com/images/2015/04/16/ultras-und-hooligans-sind-nicht-das-gleiche-567-body-image-1429145028.jpg' width='2300' height='1533']Die rechten „Karlsbande Ultras" haben die linken „Aachen Ultras" aus dem Stadion gedrängt.

      HoGeSa oder auch Pegida schafft es, dass Hooligans verschiedener Vereine auf einmal auf einer Seite für dieselbe Sache stehen. Diese Zusammenarbeit ist streng genommen nichts Neues. Im Rahmen von Länderspielen—zum Beispiel bei dem von dir erwähnten Fall bei der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich—wurde bereits früher schon zusammen für die Nationalmannschaft gekämpft. Gibt es also auch schon frühere Beispiele von Zusammenarbeit von Hooligans—gerade auch von politisch motivierter Zusammenarbeit?
      Es ist definitiv kein neues Phänomen und auch keine „neue Qualität der Gewalt", wie es Oliver Malchow von der GDP erklärt hat. Es ist etwas, das es seit Beginn des Hooliganismus gegeben hat. Sei es, dass Hooligans auch gemeinsam agieren, also sich gar nicht so Spinnefeind sind, wie es oft dargestellt wird. Sei es, dass sie nach den Kämpfen im Wald noch in die Kneipe fahren und gemeinsam ein Bier trinken, gemeinsam auf Konzerten der Band Kategorie C sind, die in Hooligan-Kreisen Kultstatus genießt (benannt ist die Band nach dem Polizeibegriff für gewaltsuchende Fußballfans, Anm. d. Red.). Am deutlichsten sieht man diese Kontinuität der Zusammenarbeit tatsächlich bei den Länderspielen, wo Hooligans eigentlich seit ihrem Bestehen gemeinsam hingefahren und aufgetreten sind. Auch dort haben sie schon gemeinsam politisch agiert, wie zum Beispiel 1988. Bei der Europameisterschaft in Deutschland versuchten Hooligans unterschiedlicher Vereine gemeinsam, die Hamburger Hafenstraße anzugreifen. Sie wurden dann letztlich zwar von den Hafenstraßen-Besetzern und Besetzerinnen zurückgedrängt. Aber das ist eines der Beispiele, wo Hooligans versucht haben, gemeinsam politisch zu agieren und eine linke Struktur in der Stadt anzugreifen.

      Es ist üblich, dass einzelne Gruppen auf aktuelle Ereignisse durch Choreos oder Spruchbänder reagieren. Die Reaktionen auf HoGeSa fallen demzufolge so unterschiedlich aus, wie die Fankurven selbst sind?
      Es gab mehrere Fankurven—vor allem Ultragruppen—die sich per Spruchband distanziert haben. Es gab aber auch Gruppen, die sich distanziert haben, von denen bekannt ist, dass sie bei HoGeSa aktiv gewesen sein sollen. Wie zum Beispiel von den „Desperados" aus Dortmund, die über ein Transparent verkündet haben: „„DoGeScha statt HoGeSa". Also Dortmund gegen Schalke statt Hooligans gegen Salafismus. Aber dahinter steckt keine so konsequente Distanzierung, wie man es vielleicht vermuten könnte. Ein anderes Beispiel gibt es beim VfL Bochum, wo sich mit den ‚„Ultras Bochum" und ‚„BoCity" eine Ultragruppe und eine Hooligan Gruppe gemeinsam gegen HoGeSa positioniert haben und auch gewaltsam gegen die ‚„Brigade Bochum"eine andere Hooligan-Gruppe vor Ort, die sehr stark bei HoGeSa involviert ist—vorgegangen sind.

      Solche Aktionen der Hooligans sind auch eine Reaktion auf diese Antidiskriminierungsarbeit in den Stadien. Diese kann unterschiedliche Formen haben. Wie kann so eine Arbeit überhaupt erfolgreich sein?
      Ich glaube, dass Fanszenen etwas sehr Dynamisches sind. Ein dynamischer, komplexer, sozialer Raum. Dort ist es sehr wichtig, genau hinzuschauen, welche Möglichkeiten man vor Ort hat. Ich hab ja vorhin schon angesprochen, dass manche Ultras sich gar nicht trauen, sich über rechte Gewalt zu äußern. Das geht aber auch soweit, dass sich manche nicht trauen, sich überhaupt gegen Rassismus zu äußern. Zu sagen „Ich bin gegen Neonazis in meiner Kurve!", weil sie dann eben nächste Woche nicht mehr da stehen könnten und vielleicht sogar aus der Stadt wegziehen müssten. Ich glaube, dass alle Akteure in und um eine Fankurve ihre Verantwortung haben, dass es dort eine positive politische Kultur gibt und eine Fankurve ein Raum ist, in dem sich alle bewegen können. Ganz wichtig hierfür ist natürlich, dass sich die Fankurve selbst positioniert. Aber auch der Verein hat da eine Pflicht, sich zu positionieren und kontinuierlich zu arbeiten, Aktionen zu machen, Angebote zu schaffen und Rückendeckung zu geben.

      Während man in Braunschweig das Gefühl bekommen hat, dass diese Arbeit der ‚„Ultras Braunschweig" gegen den Willen des Vereins stattgefunden hat, scheint es in Dortmund gerade andersherum zu sein. Auf die von Verein und Fanabteilung vorangetriebene Antidiskriminierungsarbeit wurde mit einem Spruchband in der Südtribüne reagiert, auf dem zu lesen war: „„Ultras und Hools—wir sind der Verein".
      Ich glaube, was ich eben erwähnt habe, ist so ein bisschen das, was Borussia Dortmund gerade versucht. Die einerseits sehr plakativ, aber andererseits auch mit einem inhaltlichen Konzept, das auf mehreren Säulen beruht, an vielen Fronten versuchen, etwas zu verändern. Mit dem Widerstand aus Teilen der Fanszene war da auch zu rechnen, aber dieser Widerstand zeigt eben auch, dass einiges in Bewegung ist. Und gerade mit Blick auf das Verhalten von Alemania Aachen oder Eintracht Braunschweig kann man dieses Verhalten gar nicht positiv genug erwähnen. Ich würde fast so weit gehen, Borussia Dortmund im Moment als vorbildlich zu bezeichnen. Weil Borussia Dortmund eben damit auch versucht, einen Raum zu schaffen, in dem sich Fangruppen überhaupt antirassistisch positionieren können. Was mit ‚„Ballspielvereint" bei Borussia Dortmund auch geschehen ist, auch wenn das keine Ultragruppe, sondern ein breites Bündnis aus Fans ist.

      Gibt es noch mehr Orte, in denen die aktuelle Entwicklung so positiv gesehen werden kann wie in Dortmund? Bewertest du die politische Entwicklung in den Fankurven allgemein als positiv?
      In Bezug auf die letzten fünf bis zehn Jahre auf jeden Fall. Es hat sich sehr vieles zum Positiven gewendet. Die Ultragruppen haben überhaupt erst angefangen, sich gegen Rassismus zu positionieren. Es gibt zwar Initiativen wie das ‚„Bündnis aktiver Fußballfans", die sich schon deutlich länger positionieren, aber so deutlich und so offen, wie das die Ultragruppen teilweise an ihren Standorten machen, hat das bisher keiner gemacht. Und das ist eine Entwicklung, die sehr positiv ist. Es gibt auch einige Vereine, die das positive Potenzial durchaus zu würdigen wissen. Dass die ‚Schickeria aus München den ‚Julius-Hirsch-Preis (Preis des DFB für soziales Engagement, Anm. d. Red.) bekommen hat, ist ein Zeichen für eine Sensibilisierung, die beim Verband stattgefunden hat. Auch wenn man am DFB natürlich nach wie vor auch Kritik an verschiedenen Stellen anbringen kann, ist diese Entwicklung sehr positiv. ‚„Fußballfans gegen Homophobie" sind wahnsinnig gewachsen, das Transparent dieser Initiative war in unglaublich vielen Stadien zu sehen. Mit ‚„Fußballfans gegen Antisemitismus" gibt es eine weitere Initiative, die wahnsinnig gute Aktionen macht. Also es passiert schon ganz viel Positives in den Kurven und ich glaube, dass dort Vereine gut beraten sind, den Leuten unter die Arme zu greifen, wo sie es können.

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