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      Mein Doppelleben als Hooligan ist anstrengend, aber ich würde nichts anders machen Mein Doppelleben als Hooligan ist anstrengend, aber ich würde nichts anders machen
      Illustration: Johnny Terror
      October 13, 2016

      Mein Doppelleben als Hooligan ist anstrengend, aber ich würde nichts anders machen

      Unser Kolumnist Lebemann fährt zum Fußball, um sich mit Gleichgesinnten zu prügeln. Unter der Woche arbeitet er in einem normalen Job mit einem nervtötenden Chef. Von seinen Wochenend-Aktivitäten darf niemand was erfahren und manchmal kollidieren die beiden Welten. Hier beschreibt er, warum dieser schizophrene Lebensstil so zermürbend ist, er aber trotzdem nichts ändern würde.

      Illustration von Johnny Terror

      Wie jedes Jahr wollten eine Handvoll Jungs und meine Wenigkeit in die Ostschweiz reisen, um einer bekannten Herbstmesse beizuwohnen, hauptsächlich aber um zu saufen und das Revier zu markieren. Ein paar Jungs fanden sich bereits gegen Mittag auf der Messe ein. Irgendjemand von uns hatte VIP-Bändchen besorgt.

      Das Bier und der Wein flossen, Kokain wurde nonchalant direkt auf den Tischen konsumiert. Und nebenbei wurde der einheimische Dialekt der Messehostessen gekonnt nachgeäfft. Alles in allem also ein wesentlich besserer Montagnachmittag, als ihn wohl gerade meine Kollegen im Büro erlebten.

      Trotz der ausgelassenen Stimmung hielt unsere Reisegruppe Augen und Ohren offen, um anrückende Späher oder Einheiten des Gegners zeitnah zu entdecken. Wir sahen nur wenig später, wie sich einzelne Leute aus der ansässigen Fanszene unweit von uns versammelten und uns misstrauisch beäugten. Wir trugen mehr oder minder allesamt die bekannten Labels, die in unserer Subkultur getragen werden: Stone Island war aus Provokationsgründen bei beiden Gruppen an diesem Tag hoch im Kurs. Mit einigen Barbour-Hemden und eher assig anmutenden Tracksuit-Tops von Sergio Tacchini konnten sie ebenfalls aufwarten. Zudem kennt man den einen oder anderen Kopf von Länderspielen, es war also eindeutig Klientel, die nicht zum Quatschen kam.

      Es kam, wie es kommen musste. Auswärts darf man sich nun mal keine Blöße geben. Das erste Rumgepöbel ging los, es wurden ein paar Nettigkeiten ausgetauscht und der eine oder andere Bierbecher wechselte in hohem Bogen den Besitzer. Es resultierte daraus eine handfeste Keilerei inmitten der anwesenden Besucher. Nach einem Nachmittag voller Freibier und einigen Näschen waren nun alle Parteien für ein Tänzchen zu haben. So beförderte ich den Anführer unserer Kontrahenten und mich mit gekonntem Tackle durch eine Holztür und landete auf der anderen Seite der Tür auf ihm. Wir wälzten uns wie ein frisch verliebtes Paar auf dem versifften Boden der Damentoilette, waren aber beide viel zu berauscht, als dass jemand die Überhand hätte gewinnen können. Die umherstehenden Mädels kreischten und versuchten uns zu trennen, was ihnen schließlich auch gelang.

      Nun hieß es, sich aus dem Staub zu machen: Zum Einen wegen der anrückenden Bullen. Zum anderen wollten wir unseren letzten Zug aus diesem Drecksloch nicht verpassen. Wir ergriffen also die Flucht, schlichen uns vom Gelände und bestiegen ziemlich erschöpft den letzten Zug nach Hause.

      So saß ich am nächsten Tag nun mit einem kapitalen Veilchen in der Tram und feilte an meiner Ausrede für mein blaues Auge und meinen etwas lädierten Gesamteindruck. Und damit wären wir schon beim Thema für diese Kolumne: Doppelleben.

      „Fußballfans sind keine Verbrecher!", schallt es oft von den Rängen und ist auf Spruchbändern oder Hauswänden zu lesen. Die allermeisten Fans sind mit Sicherheit keine Verbrecher, weder im eigentlichen noch im übertragenen Sinne. Die Szene, in der ich und andere Fans meiner Façon sich bewegen, besteht allerdings kaum aus Waisenknaben. Wir sind durchaus in den Augen von Öffentlichkeit und Justiz das, was man allgemein Verbrecher nennen würde.

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      Normale Menschen können seelenruhig am Montag nach einem alkohol- und drogenschwangeren Wochenende zurück zur Arbeit und von ihren Erlebnissen berichten oder vielleicht sogar damit prahlen. Wenn Menschen wie ich das tun würden, wäre ich meinen Job wohl noch schneller los, als der Gegner am vergangenen Wochenende gerannt ist. Die Geschichten, die wir Jungs vom Fußball jede Woche erleben, sind nicht für die breite Öffentlichkeit bestimmt.

      I don't care if Monday's blue, Tuesday's grey and Wednesday, too

      Unter der Woche bin nicht viel anders als Normalos, außer vielleicht, dass ich mehr Wert auf meine Erscheinung lege als euer Kollege, der euch gerade misstrauisch beäugt, weil ihr lieber diesen Artikel studiert, als zu arbeiten.

      Dieses Doppelleben kann durchaus sehr anstrengend sein. So besitze ich zwei Handys, eines für die Arbeit und eines, das ich für meine Kumpanen beim Fußball nutze. Ich unterhalte einen anonymen Facebook-Account, sodass mich niemand aus der Personalabteilung—oder aber einfach nur missgünstig gestimmte Kollegen—aufspüren können. Dass ich überhaupt Facebook benutze, leugne ich schon seit Jahren. Ich musste mir ein Hobby zulegen, das im Falle eines Falles meine Blessuren erklären kann. Ich empfehle hierfür Eishockey oder Rugby. Montag bis Freitag muss ich mich höchst seriös an diese Gesellschaft anpassen, geradezu mit ihr verschmelzen. Ich muss genauso wie ihr die Launen meines Arschlochs von Chef ertragen und mich so gut es geht fügen. Das alles kann unglaublich viel Kraft kosten. Es gibt diese beschissenen Tage, an denen ich an die Decke gehen könnte. Innerlich fahre ich regelmäßig ein Kopfkino mit Riesenleinwand, auf der ich mich so aufführe, als stünde ich auf einer Stehtribüne irgendwo in einem alten, heruntergekommenen Stadion Mitte der 80er. Ich werfe dem Gegner (in diesem Fall meinem Chef) wüste Flüche an den Kopf oder prügle ihm einfach wortlos die Scheiße aus dem Leib. Ihr seht also, mir geht es da nicht großartig anders als euch. Im Grunde genommen warten wir doch alle nur darauf, dass es endlich Freitag 17:00 Uhr wird und wir unsere Ledermappe unter den Arm klemmen können.

      Lebemanns erste Kolumne: Warum ich nur gut angezogen in den sportlichen Faustkampf gehe

      Dieses Verhalten klingt für Außenstehende wohl ziemlich verbittert und zeugt von einem hohen Aggressionspotenzial. Und auch generell bin ich wohl in den Augen anderer ziemlich geisteskrank. Doch es gibt ja auch noch eine andere Seite. Ich bin generell nicht das, was man sich allgemein hin unter einem Fußball-Gewalttäter vorstellt. Ich nenne mich „Lebemann" und nicht „Der Brecher". Ich gehöre bei weitem nicht zu den schlagkräftigsten Gesellen, die sich in dieser Subkultur tummeln. Das war auch nie mein Anspruch. Es geht mir vielmehr darum, smart zu agieren und ebenso smart aufzutreten, und das in allen Bereichen des Lebens. Ich interessiere mich privat eher für Kunst und Kultur als für langweilige Champions-League-Abende in der Kneipe. Fußball ist—abgesehen von den Momenten, wenn meine Mannschaft spielt—eine nicht allzu wichtige Komponente in meinem Leben. Und ohne persönlichen, emotionalen Bezug für meine Begriffe auch ziemlich langweilig. Wenn dir dann auch noch die UEFA ein Alkoholverbot ausspricht, ist der Abend ohnehin gelaufen. Daher lümmle ich privat lieber auf Vernissagen oder anderen kulturellen Events herum—gern aber auch mit dem Hintergedanken, die anwesenden Damen ordentlich zu bezirzen, aber das ist eine andere Geschichte. Kurzum bin ich wohl das, was man gemeinhin einen „Hooligan mit Gehirn" nennen würde. Am Gehirn zweifle ich jedoch manchmal, daher lasse ich die Aussage einfach mal stehen und konzentrieren uns auf das Wesentliche, nämlich das Wochenende.

      Friday i'm in love

      Bei so viel Frust, der sich unter der Woche in meinem öden Job anstaut—auch wenn das Meckern auf hohem Niveau ist, da ich mich für den Blödsinn, den ich fünf (!) Tage die Woche leiste, wenigstens angemessen entlöhnen lasse—braucht es trotz allem ein Ventil am Wochenende. Andere machen Sport oder lassen ihre Aggression am Partner oder ihren Kindern aus, ich fahre nun mal zum Fußball. So abgedroschen es klingt, Fußball und das ganze Drumherum, inklusive der Gewalt, sind und bleiben für mich nach Sex die beste Entspannung. Meist geht diese Sehnsucht schon unter der Woche los, es wird sich rege über das Wochenende unterhalten, es werden Videos und Fotos von vergangenen Schlachten ausgetauscht oder Videos von Wald- und Wiesen-Boxereien angeschaut, nur um sich irgendwie über die Woche hinwegzutrösten.

      Das ersehnte Wochenende steht somit ganz im Zeichen eines etwas speziell anmutenden Wellness-Programms, das am Freitag beginnt. Kurz nach der Arbeit das erste Bier: Es fließt die trockene Kehle hinunter und die Woche wird erst mal runtergespült. Dann geht es auf direktem Wege in den Pub, wo der Abend mit Bier, Koks und dummem Gelaber über Gott und die Welt—oder besser gesagt: Fußball, Mädels und Jacken—zelebriert wird. Dummes Gequatsche für die einen, aber sind die Gespräche am Kleingärtnerstammtisch wirklich so viel gehaltvoller?

      Da Samstag meist Spieltag ist und man somit in ein paar Stunden wieder auf den Beinen sein sollte, nehme ich meistens den letzten regulären Zug, um wenigstens zu einer einigermaßen christlichen Zeit zu Hause zu sein. Ein paar Valium später schlafe ich trotz des ganzen Kokainkonsums meistens wie ein Baby. An der Stelle mal ein Hoch auf die Schulmedizin.

      Der Morgen danach ist meist trotzdem ziemlich heftig. Man wird nun mal auch nicht jünger, aber ein englisches Frühstück und ein Tässchen Tee wirken meist Wunder. Nachdem das Outfit auserkoren wurde und ein paar Telefonate geführt wurden, trifft man sich dann auch bereits an dem Ort wieder, an dem der gestrige Abend geendet hatte. Und an dem die Aktivitäten des Vorabends nahezu nahtlos von mir und meinen Spießgesellen fortgesetzt werden.

      Wenn ein gutes Spiel ansteht, sind natürlich alle dementsprechend heiß. Da werden dann einige Herren—und da nehme ich mich bewusst nicht aus der Verantwortung—etwas angespannter und aufgeregter. Da wird dann auch schon mal Mitte der Woche Geld in die Hand genommen und ein neues Paar Schuhe oder eine Jacke gekauft, um in Stimmung zu kommen. Der Spieltag erfolgt nach folgendem Muster: Durch die Stadt fahren, den Gegner suchen oder beschatten lassen und wenn sich die Gelegenheit bietet, zuschlagen. Schnell und ohne Rücksicht auf Verluste austeilen, aber auch genauso schnell wieder verschwinden. Und wichtig: Fair und gesittet zuschlagen, denn übermäßig stumpfe Gewalt lehne ich kategorisch ab. Ich will niemanden ernsthaft verletzen oder verletzt werden. Ich möchte Spaß haben und mich am Montag trotz aller Langeweile im Büro und nicht im Krankenhaus wiederfinden.

      When two tribes go to war

      Über die Schizophrenie, mit der ich mein Leben bestreiten muss, wurde nun schon ausführlich erzählt. Es gibt aber auch Tage und Situationen, in der mir das nicht gelingt, wo die Sache etwas aus dem Ruder läuft oder man auch im Privatleben mit brenzligen Situationen konfrontiert wird. Wenn dich zum Beispiel die Polizei während der Arbeit anruft, wohlgemerkt über die Firmendurchwahl. Oder aber wenn du mit deinem Gschpusi brunchen gehen willst, aber nicht den Spielplan des verhassten Derbygegners im Kopf hast (da irrelevant) und du dadurch Gefahr läufst, von einer Horde schlecht gekleideter Primaten auf dem Weg dorthin verprügelt zu werden. Da hilft dir dann selbst das nagelneue Button-Down-Hemd von Ralph Lauren nichts. Außerdem kannst du—je nach überregionalem „Promistatus" in Fankreisen—nicht mehr „mir nichts, dir nichts" in andere Städte fahren und das dort vorhandene kulturelle Angebot genießen. Weil Provokationen in diese Richtung jedoch geil sind, tut man es trotzdem immer wieder gerne.

      Wie ihr seht, ist man auch als sogenannter Lebemann, der zum Dunstkreis einer wenig erforschten Subkultur der Fußballgewalt gehört, nicht vor Rückschlägen und Einschränkungen gefeit. Das gehört nun mal zu diesem Leben dazu. Ein für die Gesellschaft nicht unwesentlicher positiver Nebeneffekt bringt die ganze Sache beim Fußball trotzdem mit sich. Im Gegensatz zum ganzen Assipöbel, der Wochenende für Wochenende irgendwelchen Opfern an Bahnhöfen oder in Clubs auflauert und völlig Unbeteiligte in Mitleidenschaft zieht, hatte ich, seit ich denken kann, noch nie eine Prügelei, die nicht mit Fußball zu tun hatte. Und wohl gerade deshalb würde ich nichts anders machen und lebe mit den guten wie den schlechten Seiten dieses Lebensstils.

      Das ganze Drumherum macht viel zu süchtig, als das man einfach damit aufhören könnte. Dieses Gefühl, dass du in der Sekunde kurz vor dem Knall bekommst, wenn du Kotzen oder Scheissen könntest. Wenn dann die Angst genau in jenem Moment, in dem es knallt, von einem abfällt und in ein Gefühl der Allmacht, der Stärke und auch des Glücks übergeht—dafür lebe ich.

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