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      „Die letzte Konsequenz ist das Fernbleiben"
      Foto: Imago
      July 12, 2015

      „Die letzte Konsequenz ist das Fernbleiben"

      „Anstoßzeiten dürfen kein Tabuthema mehr sein", sagte Wolfsburgs Manager Klaus Allofs nach Bekanntgabe des neuen TV-Vertrags der englischen Premier League. Seitdem wird in der Bundesliga beinahe täglich über den riesigen finanziellen Vorsprung der englischen Mannschaften gemeckert. Die Angst ist groß. Die Versuchung nach jeder Menge Kohle noch größer. Die Deutsche Fussball Liga (DFL) hat jetzt ihre Pläne für die neue Ausschreibung der Bundesliga-TV-Rechte ab der Saison 2017/18 verkündet. Pro Saison sollen maximal zehn Bundesliga-Partien vom Samstag verlegt werden. Sie bekommen neue Anstoßzeiten, um nicht zu sagen Sendeplätze. Fünf der zehn Spiele sollen am Sonntagmittag um 13.30 Uhr, die anderen fünf am Montagabend um 20.15 Uhr angepfiffen werden.

      In England und Spanien kann der bequeme TV-Zuschauer schon heute über das ganze Wochenende von der Mittagszeit bis kurz vor Mitternacht ununterbrochen Fussball gucken. Jetzt sollen sich auch die deutschen Couchtisch-Täter an diesem Service erfreuen. Die Kritik für dieses Vorhaben von aktiven Fans wie Dauerkarteninhabern, Auswärtsfahrern, Ultras und dem normalen Stadiongänger ist jedoch mindestens genau so groß wie die €-Zeichen in den Augen der Funktionäre und Vereinsbosse. Wir haben uns mit Nicolai vom Fan-Bündnis ProFans Dortmund", die sich seit Jahren für die Interessen aktiver Fußballfans einsetzen, unterhalten.

      VICE Sports: Was spricht gegen die Pläne der DFL?
      Nicolai
      : Zum einen ist der Sonntagstermin für die Amateurspieler ein Arschtritt, weil es den Amateurvereinen sowohl Fans als auch im schlechtesten Fall Spieler abnimmt, die zu ihren Bundesligaclubs gehen. Spiele am Montag sind für aktive Fans wegen der Anreise an einem Werktag sehr schlechte Termine. Das hat man schon an den Diskussionen in der zweiten Liga gesehen, wo Fanszenen wie bspw. von St.Pauli massiv protestiert haben. Das ging so weit, dass Sport1 seinerzeit sogar keine Spiele mehr vom Millerntor zeigen wollte, weil der Sender so angegangen wurde. Spiele wie Rostock gegen 1860 München am Montag um 20.15 Uhr sind dann extreme Beispiele für die Belastung von Auswärtsfans bei solchen Terminierungen.

      Christian Seifert, Geschäftsführer der DFL, sagte, dass es der Entlastung der international vertretenen Bundesligaklubs" dient.
      Das ganze Thema ist aus Sicht der Fans mit relativ vielen Halbwahrheiten durchsetzt. Wenn es eine sportliche Notwendigkeit gehabt hätte, dann bestände diese schon seit der Saison 1999/2000, denn da gab es schon die Donnerstagsspiele in der Euro-League. Und jetzt 15 Jahre später ist es auf einmal notwendig?

      Habt ihr denn Alternativvorschläge?
      Wir wollen zurück zum reinen Wochenendspieltag. Man kann sicherlich—das ist jetzt meine persönliche Meinung—auch mehr Spiele am Sonntag um 15.30 Uhr anpeilen. Im Hinblick auf eine zweite Konferenz am Sonntag würde das den Spieltag auch noch interessanter machen. Das wahrscheinlich wirkliche Ziel der DFL, Geld zu machen, lässt sich durch eine Konferenz am Sonntag eher erzielen, als ein Montagsspiel zwischen zwei Werksclubs.

      Dann sind die Amateurspieler aber auch noch nicht zu Hause...
      Definitiv, am liebsten hätten wir ja alle Spiele nur am Samstagnachmittag. Da muss man aber auch den Realitäten ins Auge schauen. Mit der Veranstaltungsgröße, die der Fußball mittlerweile hat, würde das zu infrastrukturellen Problemen führen. Wenn Dortmund, wo das Stadion direkt neben der Messe liegt, Bochum und unsere Nachbarn aus Gelsenkirchen alle zu Hause spielen, dann wird es richtig eng.

      Kam es primär zu der Idee von der Aufspaltung des Spieltages, weil die DFL nach England und Spanien schaut?
      Das ist der ganz starke Verdacht. Herr Seifert hat ja auch kürzlich in einem Interview das Beispiel Firmino genannt (ist für 41 Millionen Euro von Hoffenheim nach Liverpool gewechselt, Anm. d. Red.), um darzustellen, dass England sich jetzt bei uns bedient und man hinterherhechelt. Man muss einfach nur in die Geschichte schauen. Seit Jahren wird wegen der größeren TV-Verträge in England deutlich mehr verdient. Trotzdem ist es nicht so, dass jedes Jahr die großen deutschen Vereine nach einer starken Saison ihren kompletten Kader an englische Mannschaften verlieren. Man sollte sich die Realitäten ansehen. Die Vereine werben immer für Ihre Fan-Nähe, doch ist der Geldsegen aus England in Deutschland ein Ansporn für eine Veränderung ohne sich für die Belange der Fans zu interessieren.

      Selbst ein "Fan-naher" Christian Heidel sagte: England ist unsere neue Konkurrenz. Versuchen die Vereine bewusst Angst zu schüren, statt sich mit den Belangen der Fans auseinanderzusetzen?
      Theoretisch muss man ja sagen, dass sie näher an der ganzen Sache dranhängen als die Fans. Doch seit mehr als zwanzig Jahren haben wir doch die Situation, dass die großen finanziellen Mittel immer im Ausland sind. Trotzdem konnte sich der deutsche Fußball durch andere Qualitäten immer behaupten. Da spielt zum einen eine sehr moderne Jugendarbeit mit rein, zum anderen aber auch, dass andere Werte und Möglichkeiten herangezogen werden. Die Bundesliga ist, was Sponsoring-Verträge angeht, die umsatzstärkste Liga in Europa. Man hat immer eigene Nischen gefunden. Mit Bayern, Dortmund aber auch Bremen und unseren Nachbarn aus Gelsenkirchen hat man trotz finanziellen Rückstand, Vereine die international auch sehr weit gekommen sind.

      Was sind denn die Stärken der Bundesliga?
      Die Bundesliga hat immer ihre Attraktivität daraus gezogen, dass das Gesamtpaket Fußball sehr sehr hochwertig ist. Nicht nur der sportliche Aspekt zählt, sondern das Gesamtbild mit Stadien, Fans und Stimmung spielt da eine Rolle. Das hat man vor allem bei der 12:12-Kampagne gesehen, wo die Stadien auf einmal leise waren und die Stimmung allen Beteiligten fehlte. Das Gesamtbild rund um das Spiel muss stimmen und da ist die Liga in Europa führend. Diese Stärke muss sich die Liga bewahren, da sie schon durch immer mehr Werksclubs oder weniger starken Fan-Vereine gefährdet ist. Das Alleinstellungsmerkmal im Wettbewerb gegen die anderen großen Ligen droht zu verfallen. Die DFL sollte auf ihre einmalige Fankultur stolz sein und nicht immer wieder gegen diese vorgehen und scheinheilige Sicherheitsdebatten starten, sondern einen verlässlichen Dialog auf Augenhöhe fördern. Diese Fankultur ist nicht selbstverständlich.

      Ihr vertretet Stadiongänger, Allesfahrer und Ultras. Hat der Fan überhaupt die Möglichkeit diese weitreichenden Änderungen der DFL zu beeinflussen?
      Die letzte Konsequenz ist das Fernbleiben. Dem Produkt, was die DFL vermarkten und verbreiten will, den Rücken zu kehren. In anderen Zusammenhängen konnte man etwas ähnliches schon erleben. In Auswärtsblöcken in Hannover oder sogar beim Nordderby zwischen Hamburg und Bremen bleiben viele Reihen wegen der hohen Kartenpreise leer. Das wollen wir natürlich nicht, deshalb gehen wir schon im Vorfeld dagegen vor.

      In England sind die Stadien trotz wuchernder Ticketpreise voll. Viele Fans, die sich das nicht mehr leisten können, gucken die Spiele jetzt in Pubs. Sind Fußballfans zu unpolitisch?
      Die deutsche Fanlandschaft ist deutlich politisierter als die englische oder spanische. Deshalb sind solche Kampagnen wie 12:12 auch immer mitgetragen worden von Fanclubs und anderen aktiven Fans. Dennoch kann ich mir vorstellen, dass es in Deutschland zu einem Fanaustausch in den Stadien wie in England kommt. Doch da sollten wir uns die Frage stellen, ob das im Sinne des deutschen Fußballs ist. Denn dann muss man sich direkt mit der Premier League messen, weil der Bundesliga das Alleinstellungsmerkmal fehlt. Gerade auch die zweite Liga mit dem irre-hohen Zuschauerzahlen. Das ist schon eine Gefahr, aber das merkt man leider immer erst wenn es zu spät ist.

      Ist es schon zu spät?
      Das ist eine sehr sehr individuelle Frage. Die Entwicklung der letzten Monate zeigt, dass es immer schwieriger wird für die aktiven Fans, die das Ganze auch etwas aus der gesellschaftskritischeren Sicht sehen, noch mitzugehen und für sich selber zu rechtfertigen noch Teil des Systems zu sein. Diese Frage drängt sich immer mehr auf.

      Es sollen auch die vielkritisierten Freitagsspiele in der zweiten Liga abgeschafft werden. Versucht die DFL nicht einen Mittelweg zwischen Turbokommerz in anderen Ligen und Fanfreundlichkeit zu gehen?
      Ich glaube, die Bundesliga läuft dem Ausland immer sieben Jahre hinterher und geht in die Richtung England und Spanien. Die Planungen mit den Freitagspartien sind nette Worte, doch die DFL muss sich an diesen messen lassen. Unsere Erfahrungen aus der Vergangenheit haben gezeigt, dass sich bis auf eine kleine Ausnahme — die Spielterminierungen werden früher bekannt gegeben — die schlechten Dinge bewahrheiten haben und die guten Dinge nicht umgesetzt wurden.

      Zum Beispiel?
      Der Pyrotechnik-Dialog oder 2005 gab es die Zusage die 300-Kilometer-Regel für Auswärtsfans an Freitagen und Sonntagen festzulegen. Trotz der Tatsache, dass manchmal einfach nur die Spielzeiten von zwei Spielen ausgetauscht werden müssten, scheinen da andere willkürliche Dinge die Ansetzung zu beeinflussen oder es wird eben schlichtweg nicht darüber nachgedacht. Deshalb hat die DFL in den Fanszenen ein massives Glaubwürdigkeitsproblem.

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