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      Bist du gegen „Bild", bist du gegen Flüchtlinge
      Illustration: Sarah Schmitt
      September 16, 2015

      Bist du gegen „Bild", bist du gegen Flüchtlinge

      Es gibt Dinge, die passen einfach nicht zusammen: Nazis und ein hervorragendes IQ-Test-Ergebnis zum Beispiel. Oder auch die Rechtspopulisten der AfD und der linke Fußballverein FC St. Pauli aus Hamburg. Einer hat es nun doch geschafft, ausgerechnet diese beiden Pole zusammenzuführen: Bild-Chefredakteur Kai Diekmann. Am Morgen verkündete er bei Twitter:

      Mit seiner peinlich-zynischen Art, lustig zu sein, verkündete er damit, dass sich der FC St. Pauli als bisher einziger Verein nicht an der Bild-Aktion in der Bundesliga beteiligen wird. Wie populistisch, peinlich und falsch soll es denn noch werden?

      Aber der Reihe nach: Außer dem FC St. Pauli werden am Wochenende alle Vereine mit dem Bild-Aufnäher „Wir helfen - #refugeeswelcome" auflaufen. Mit der Kampagne hat sich die Bild-Zeitung an die Speerspitze der Bewegung gesetzt und wirbt mit Aufklebern, Aufnähern und Artikeln für die Aktion. Sogar SPD-Chef Siegmar Gabriel trug den Aufnäher im Parlament auf der Regierungsbank, Unternehmen wie Mercedes beteiligen sich mit Spenden im Millionenbereich. Die Bild betreibt ihre Kampagne mit allen ihr zur Verfügung stehenden Werkzeugen so massiv, dass man sich fragt: Geht es ihnen um die Sache? Oder auch um ein bisschen Imagepflege?

      Gestern wurde bekannt, dass auch die Bundesliga gerade noch rechtzeitig auf den Zug der Guten aufspringen möchte. Da beginnen allerdings die Ungereimtheiten: Das Logistikunternehmen Hermes verzichtet für einen Spieltag auf seine eingekaufte Werbefläche am Trikotärmel aller Vereine, um Platz für den Bild-Aufnäher zu schaffen. Nicht die Bundesliga selbst also hat eine Aktion gestartet, es waren die Bild und Hermes, um ein überfälliges Zeichen für eine Willkommenskultur in der Bundesliga zu setzen.

      Warum schafft es die Liga nicht, eine eigene Kampagne zu starten? So wie in der Saison 1992/93, als nach den fremdenfeindlichen Attacken in Rostock und an anderen Orten alle Vereine für einen Spieltag „Mein Freund ist Ausländer" auf den Trikots trugen. Jetzt machen sich die Liga und die Vereine verdächtig, sich von Bild vor den Kampagnen-Karren gespannt haben zu lassen. „Refugees are welcome" verkommt in dieser Umgebung zur Werbeveranstaltung.

      Das wollen nicht alle Klubs. Der FC St. Pauli verzichtet auf den Bild-Aufnäher und wird stattdessen am Sonntag mit dem normalen Hermes-Logo am Oberarm auflaufen und sich auf seine eigenen Projekte konzentrieren. Lieber einen Sponsor als die Bild, das ist gerade für den FC St. Pauli eine Entscheidung für die Pest statt Cholera.

      Es ist aber die einzig richtige.

      Denn der Bild-Kampagne gegenüber war Skepsis angebracht. Zu schnell lassen sich Bild-Artikel finden, die ein anderes Licht auf die Willkommen-Werber der Gegenwart werfen. „Die Asylabzocker" (2004) druckte das Blatt 2004. Oder erst im vergangenen Jahr, als sie fälschlicherweise schrieb, dass Sanitäter in ein Asylbewerberheim nur mit Schutzwesten gehen würden. Auch wenn sich die Bild heute mit ihrer enormen Reichweite um eine aktive Willkommenskultur bemüht. Jahrelang hat sie mit ihren Artikeln Ressentiments bedient, die vermutlich in den Köpfen der Freitaler bis heute fest verankert sind. Es bleibt zu hoffen, dass diese Menschen, denen die Bild so lange einfachsten Argumentationsstoff geliefert hat, sich nun auch vom Gegenteil überzeugen lassen.

      Dafür müsste die Zeitung aber konsequent sein und die Entscheidung aus St. Pauli respektieren. Zurückhaltung ist allerdings der kürzeste Workshop, den Bild-Mitarbeiter durchlaufen. Denn auf der großen Bühne, auf der sich der Bild-Chef Kai Diekmann bewegt, wird nun der St. Pauli diskreditiert. Die Stimmungsmache gegen den Klub ist kühl eingeplant. Diekmann teilt wie ein Sittenwächter ein, wer es ernst meint mit dem Engagement und wer nicht. Das ist widerlich und trieft vor Doppelmoral.

      Immerhin wurde durch seinen Tweet klar: Es geht den Bild-Leuten nicht primär um das Leiden der Flüchtlinge, wichtig ist auch die eigene Position. Wer nicht mitmacht, ist nicht für Flüchtlinge. So einfach ist das bei Bild. Dass der FC St Pauli der letzte Klub ist, dem man das vorwerfen könnte, scheint für Diekmann eine lustige Provokation zu sein. Deshalb auch der Link zur AfD.

      Sie ist aber vollem allem eines: ziemlich plump. Das zeigen die ersten Reaktionen bei Twitter.


      Bei Twitter fangen nun die ersten Fans anderer Vereine an, ihre Klubs aufzufordern, die Aktion ebenfalls zu boykottieren. Der Hashtag #BILDnotwelcome liegt derzeit in den Trends. Doch die Sache hat einen Haken.

      Der FC St. Pauli ist der Verein, der sich am leichtesten dagegen wehren kann, von der Bild für diese Aktion vereinnahmt zu werden. Seit Jahren engagiert er sich in sozialen Projekten, hat erst in der vergangenen Woche Flüchtlinge zum Kennenlernen und anschließendem Testspiel gegen Borussia Dortmund in sein Stadion eingeladen.

      Und das dürfte vielen anderen Vereinen schwer fallen, dafür ist die Bild zu mächtig und die Vereine haben erst in dieser Saison angefangen, Stellung zu beziehen. St. Pauli hingegen das Engagement abzusprechen, ist lächerlich. Es zeigt sich nun, wer es wirklich ernst meint mit dem Engagement für Notleidende und wer selbst dort ein Geschäft wittert.

      Folgt Fabian bei Twitter: @Faiaann

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