Wie sich russische Politiker mit Hooligans solidarisieren

Wegen der Randale in Marseille muss der russische Verband 150.000 Euro zahlen und spielt auf Bewährung. In Russland ist das Hooligan-Problem aber so groß, dass nicht mal Politiker die Kritik verstehen.

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Juni 14 2016, 12:15pm

PA Images

Die Krawalle von englischen, französischen und russischen Hooligans in der Innenstadt und im EM-Stadion in Marseille überschatteten den Auftakt der Europameisterschaft. Von den mindestens 35 Verletzten seien überwiegend Engländer. Neun der nur 20 festgenommenen Randalierer—sechs Briten, ein Österreicher und zwei Franzosen—sind schon per Schnellverfahren zu Haftstrafen und Einreiseverboten verurteilt worden. In der Kritik stehen vor allem russische Hooligans.

Diese fielen mit extremer Brutalität in der Altstadt und später im Stadion von Marseille negativ auf. „Mindestens 150 russische Fans waren eigentlich Hooligans", erklärte der französische Staatsanwalt Brice Robin auf einer Pressekonferenz. „Diese Schläger waren perfekt vorbereitet auf extrem schnelle und brutale Aktionen. Sie sind darüber hinaus hochtrainiert." Die Erfolgsbilanz der französischen Behörden ist wiederum ziemlich durchwachsen: „Die Angreifer konnten nicht identifiziert werden." Gegen den russischen Verband verhängte die UEFA eine Strafe von 150.000 Euro und will das Team bei erneuten Krawallen ausschließen.

In Russland kann man die Kritik an den eigenen Fans hingegen nicht verstehen. Zahlreiche hochrangige Politiker sorgten mit mitunter sehr grotesken und nationalistischen Aussagen für Schlagzeilen. „Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden. Im Gegenteil, gut gemacht, Jungs. Weiter so!", twitterte Igor Lebedew, Parlamentsvizepräsident und Vorstandsmitglied des russischen Fußballverbands. „Wir sollten sie verteidigen und dann können wir es klären, wenn sie nach Hause kommen", erklärte der Politiker der nationalistischen Liberaldemokraten weiter. Die Hooligans hätten „die Ehre ihres Landes verteidigt und es den englischen Fans nicht gestattet, unser Land zu entweihen", sagte Lebedew. „Wir sollten vergeben und unsere Fans verstehen."

Vor allem die Sicherheitsvorkehrungen und Organisation in Frankreich wurden kritisiert. Was in Marseille und anderen französischen Städten passiert sei, „ist nicht die Schuld der Fans, sondern die Unfähigkeit der Polizei, solche Events angemessen zu organisieren", erklärte Lebedew weiter. Der russische Sportminister Witali Mutko sah das auch so: „Solche Spiele muss man gut organisieren. Man sollte die Fans voneinander trennen", erklärte Mutko, der auch Präsident des russischen Fußballverbandes und Mitglied im Vorstand der FIFA ist. „Es gab Pyrotechnik, das ist natürlich schlecht. Hier gab es keine Netze, nichts." Auf Twitter kursiert derweil ein Video, in dem Mutko vor der Kurve mit den Ausschreitungen mit nicht so gemäßigten Gesten auffiel:

Wladimir Markin, Pressechef des einflussreichen russischen Ermittlungskomitees (vergleichbar mit dem US-amerikanischen FBI), setzte übrigens noch einen drauf. Er erklärte auf seinem verifizierten Twitter-Profil als Antwort auf die Aussagen des französischen Staatsanwalts : „Ein normaler Mann, so wie er sein sollte, weckt bei ihnen Erstaunen. Sie kennen ja nur die ‚Männer' von Schwulenparaden."

Die Aussagen verdeutlichen, wie sehr sich Russland durch die harsche Kritik von westlichen Medien und Verbänden angegriffen und missverstanden fühlt. Durch nationalistische Reaktionen schützen sie selbst „ihre Hooligans". Das Unverständnis aus Russland hat jedoch auch mit der jahrelangen negativen Erfahrung mit der Hooligan-Bewegung zu tun. Die Gewalt in den heimischen Ligen—vor allem bei den großen Moskauer Vereinen und Zenit St. Petersburg—ufert ständig aus. Die großen Fangruppen sind durchsetzt von Rassismus und Homophobie. Vereine, Verband und Staatsgewalt werden trotz einiger Bestrebungen nicht Herr der Lage. Stattdessen versuchen Woche für Woche tausende Polizisten, gegen die Gewalt der Hooligans vorzugehen. Ungetrennte Blöcke oder die Möglichkeit, dass sich verschiedene Fangruppen in der Stadt treffen können, stoßen in Russland auf Unverständnis.Das Problem mit Hooligans wird auf Grund der heimischen Probleme gar nicht erst hinterfragt, vielmehr die laschen Sicherheitsvorkehrungen der Franzosen.

Video: Das verstörende GoPro-Video eines russischen Hooligans aus Marseille

Wie durchsetzt der Fußball etwa mit Rassismus ist, zeigt ein Bericht des britischen Guardian. Danach soll der rechtsradikale Aktivist Alexander Shprygin scheinbar als offizielles Mitglied der russischen Delegation zur EM gereist sein. Von Shprygin soll es Fotos geben, wie er gemeinsam mit dem Sänger einer rechtsradikalen Band den Hitlergruß zeigte. Auch erklärte er, dass er „nur slawische Gesichter in der russischen Nationalmannschaft sehen" wolle. Jener Shprygin ist ebenfalls Kopf des russischen Fanclubs und erklärte in den frühen Morgenstunden noch der Nachrichtenagentur Reuters, dass französische Polizeieinheiten Busse russischer Fans in Cannes festhalten würden. Laut ihm wollen sie „50 Fans aus Frankreich ausweisen". „Die Polizei macht uns für ihre Fehler drei Tage zuvor verantwortlich", sagte er und will auf Hilfe des russischen Konsulats warten.

Die Russen müssen sich aber auch unangenehmen Fragen stellen: Nur 30 russische Hooligans bekamen vor der EM ein Reiseverbot, in England waren es 3000 Fans. Aufgrund des öffentlichen Drucks und einem drohenden EM-Ausschluss des russischen Teams lenkte zumindest der russische Sportminister Mutko ein und ließ sich zu einer Erklärung hinreißen: „Es gibt Leute, die nicht wegen des Fußballs kommen. Sie sehen sich als Helden in ihrer Gruppe. Sie glauben, dass unser Land mit 140 Millionen Bürgern hinter ihnen steht, das Gastgeberland der WM 2018. Doch solche Leute bringen Schande über unser Land und finden das auch noch in Ordnung." Eine Lösung des russischen Hooligan-Problems scheint weit entfernt.