​„Preußen welcome"—Mein erster Trip in den Fußball-Osten

Beim Drittligaspiel zwischen Dresden und Cottbus hatte ich mit rassistischen und gewaltbereiten Fans gerechnet. Ich wurde eines besseren belehrt.

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Okt. 19 2015, 12:15pm

Screenshot: Bultras.net

Es ist bewölkt und grau, als wir mit einem quietschgrünen Fernbus über die Elbe fahren. Nur die Dresdner Silhouette des historischen Stadtkerns mit der herausragenden steinernen Kuppel der Frauenkirche verzaubert mich an diesem tristen Samstagmittag ein wenig. Am Bahnhof prallt auf die kofferbepackten Elbflorenz-Touristen der ostdeutsche Drittliga-Alltag: Wasserwerfer, bellende Polizeihunde mit Maulkorb und Hundertschaften sichern die halbe Stadt ab. Es ist Ost-Derby und Risikospiel. Heute spielt Dynamo gegen Energie Cottbus.

Es ist mein erstes Mal in Dresden und es wird auch mein erstes Spiel im Fußball-Osten sein. Die Vorfreude auf die stimmungsvollen und berüchtigten Dynamo-Fans im fast ausverkauften Hexenkessel des noch ungeschlagenen Tabellenführers ist groß. Meine Vorurteile über die Stadt von Pegida und den scheinbar ungebrochenen latent-sächsischen Alltagsrassismus vor allem bei Dynamo-Spielen überwiegen jedoch. Das mag naiv wirken, ist aber—inmitten sächselnder schwarz-gelber Fans und jahrelanger negativer Sensationsberichterstattung in den Medien—nun mal mein inneres (mulmiges) Gefühl, bevor ich mir ein eigenes Bild machen kann.

Mit Bierchen und Bratwurst erklimmen wir die steile Tribüne des Dresdner Stadions. Wir sitzen direkt gegenüber des lautstarken K-Blocks und neben den Cottbussern. Ob der greise Ostalgie-Opa, die Großfamilie oder der Schnitzel-Brötchen-Manni in seinem Klempner-Anzug: Der Drittliga-Fußball scheint größtenteils von event-lechzenden Neu-Fans, die seit ein paar Jahren zu ihren Bundesliga-Dorfvereinen gehen, verschont worden zu sein. 30.000 Zuschauer wollen sich den unattraktiven Drittliga-Kick geben. Der achtmalige DDR-Meister Dynamo übt mit fast hundert Europapokalspielen nicht nur in Dresden und Umgebung eine unverwechselbare Anziehungskraft aus. Es ist die Mischung aus fußballromantischer Ostalgie und der lautstarken, bedingungslosen Unterstützung für ihren Verein in einem modernen Stadion, die hier regelmäßig für Furore sorgen.

Aus dem hundert Kilometer entfernten Cottbus sind knapp 1.800 Fans angereist. Der Block ist jedoch nicht ganz voll. Das Derby zwischen den Brandenburgern und den Sachsen hat keine größere Brisanz als andere Ost-Derbys. Während Dynamo einer der populärsten Ost-Vereine war, spielten die Cottbusser über zwanzig Jahre in der zweitklassigen DDR-Liga. Erst nach der Wende stritten die Vereine um die Nummer eins im Osten. Dynamo spielte fortan unterklassig und Energie ist nach dem Abstieg 2009 bis heute der letzte Erstligist aus den neuen Bundesländern.

Auf der Trikotbrust der Dresdner ist kein Trikotsponsor zu finden. „Love Dynamo—Hate Racism" steht dort stattdessen geschrieben. Es ist schon das fünfte Mal, dass der Dynamo-Sponsor auf sein Logo verzichtet und die Dresdner das Sondertrikot überstreifen. Dem schlechten Image von Dynamo und der Stadt Dresden muss entgegengewirkt werden. Auch Aias Aosman trägt das schwarz-gelbe Trikot. Der hochtalentierte Mittelfeldspieler ist der erste Syrer, der überhaupt für Dynamo spielt. In Zeiten von brennenden Flüchtlingsunterkünften und einer großen Gruppe asylkritischer Montagsspaziergänger steht er vielleicht für die Hoffnung, Menschen aus verschiedenen Welten (wieder) einander näherzubringen.

Aias Aosman (Imago)

Anpfiff. Keine Derby-Choreos, ein lauter K-Block und ein kleiner roter Rauchtopf im leisen Energie-Sektor. Auf Dresdner Seite hängen die mittlerweile in der Ultraszene leider schon obligatorischen geklauten Schals des Gegenübers. Die Cottbusser präsentieren ein Banner im Stile der „Refugees welcome"-Logos mit Anspielung auf ihre preußische Herkunft und die sächsische der Dresdner: „Destroy Saxony—Prussians Welcome". Ein Aufreger wie beim Zweitligaspiel beider Mannschaften vor zehn Jahren, als die Cottbusser ein schwarzes Banner mit der weißen Aufschrift „Juden" hochhielten, wo das D als Dynamo-Symbol dargestellt wurde, ist das geschmacklose Banner aber scheinbar nicht.

Vierte Minute. Der gebürtige Wuppertaler und Cottbus-Stürmer Richard Sukuta-Pasu geht in einen Zweikampf. „Hau ab, du scheiß Neger", krächzt eine heiserne Stimme zwei Reihen hinter mir. Der Mann mit der Krächzstimme, ein breitgebauter Vin-Diesel-Verschnitt mit Akne-Gesicht und fleischigem Glatzkopf, hat sich für seine Beschimpfung hingestellt. Er wirkt bedrohlich. Und dümmlich. An seiner Aussage stört sich anscheinend keiner in Block C.

Das Spiel ist schlecht. Beide Mannschaften sind zwar kämpferisch engagiert, doch zählbare oder gar attraktive Aktionen gibt es kaum. Cottbus macht am Anfang der zweiten Hälfte das 1:0. Der Mann mit der Krächzstimme regt sich fürchterlich auf und schreit herum. Der Rest im Block ist weniger genervt. Sie merken, dass Dynamo heute einfach nicht gewinnen kann und wissen um die trotzdem sichere Tabellenführung. Auch Aias Aosman macht ein schlechtes Spiel und wird ausgewechselt—Pfiffe gibt es aber keine.

Ein bisschen Derby-Hitze und einen kleinen Eklat gibt es aber trotzdem noch. Als Dynamo-Talent Marvin Stefaniak eine Ecke vor dem Energie-Block schießen will, fliegen mehrere Gegenstände auf den Platz. Stefaniak wird von einem Feuerzeug am Kopf getroffen. Die Fans müssen von einigen Spielern beruhigt und von Ordnern getrennt werden, nachdem auch eine Hand voll Sitzplatzpöblern von der Dynamo-Seite provozieren. Schiedsrichter Felix Zwayer lässt das Spiel—komischerweise anders als beim Feuerzeugwurf von Osnabrück gegen RB Leipzig—weiterlaufen. Stefaniak kann weiterspielen.

Der schwarze Mob im vorderen Teil des Cottbusser Blocks provoziert die Dresdner heute noch ein paar Mal. So wirklich wollen beide Seiten aber anscheinend keine direkte Auseinandersetzung, so dass es heute ruhig bleibt.

Als das Spiel abgepfiffen wird, feiern die Cottbusser Spieler mit ihren Fans. Die Dynamo-Anhänger klatschen für ihren Spitzenreiter. Meine Vorurteile über das Dresdner Publikum habe ich abgelegt. Dennoch haben Stadt und Verein noch viel Arbeit vor sich, um ihr Image zu verbessern und gegen Rassismus in der ganzen Gesellschaft und im Block zu sensibilisieren—denn es gibt ihn. Einige Fans scheinen auf den Unterhaltungsfaktor Fußball bei Rassismus und Gewalt auf den Rängen schon länger keine Lust mehr zu haben. In der S-Bahn in die Dresdner Innenstadt erzählt uns eine ältere Dame: „Zum Fußball geh' ich nicht mehr. Seitdem wir den Westen haben, brauche ich das nicht."

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