Faschismus, Gewalt und Tod—: der traurige Tiefpunkt des italienischen Fußballs

Kurz vor dem Finale der Coppa Italia 2014 zog ein ehemaliger Roma-Ultra eine Pistole und der italienische Fußball hatte (mal wieder) einen neuen Tiefpunkt erreicht.

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26 Mai 2015, 7:35am

Im Mai 2014—nur wenige Stunden vor dem Finale der Coppa Italia—hat Daniele De Santis, ein 48 Jahre alter Postangestellter und ehemaliger Roma-Ultra, während Zusammenstößen mit Fans vom SSC Neapel eine Waffe gezogen und mehrere Schüsse abgefeuert. Der Vorfall ereignete sich nur ein paar Kilometer vom Stadio Olimpico entfernt, wo zu späterer Stunde der SSC Neapel auf den AC Florenz treffen sollte. De Santis schoss auf drei Menschen. Einer davon—Ciro Esposito, ein 30-jähriger Autowäscher aus Scampia, einem berüchtigten Vorort von Neapel mit hoher Kriminalitätsrate—starb einige Wochen später an seinen schweren Verletzungen.

Die Schießerei und der Tod von Esposito lösten landesweit eine große Welle der Entrüstung aus—was natürlich für die italienischen Gazetten ein gefundenes Fressen war, um die Zeit zwischen dem Saisonende der Serie A und dem Beginn der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien zu überbrücken. Doch der Vorfall hat auch dafür gesorgt, dass sich die Spannungen zwischen Roma- und Napoli-Fans—zwischen denen eine der größten Rivalitäten im italienischen Fußball herrscht—erheblich zugespitzt haben. In den Monaten nach seinem Tod wurde Esposito als Held dargestellt, „„ein lieber Kerl und ganz normaler Fan, der nie zuvor etwas mit Gewalt am Hut hatte", wie der Messaggero seine Mutter, Antonella Leardi, zitierte. De Santis machte die Presse hingegen zu einem Ultra-Schreckgespenst, einem unverbesserlichen Faschisten und Schlägertypen, der nur auf Gewalt aus sei. „„Will man die Tat von De Santis verstehen", konnte man vier Tage nach der Schießerei in der La Repubblica lesen, „„muss man wissen, dass er nicht nur ein Ultra ist, sondern vor allem auch ein überzeugter Faschist. Einer vom harten Kern, der auch vor Strafexpeditionen nicht zurückschreckt."

Die Ermittlungen zur Schießerei haben in Italien monatelang für Schlagzeilen gesorgt. Demnächst soll der Prozess beginnen und schon jetzt wird deutlich, dass De Santis—der zugibt, Esposito erschossen zu haben—auf Notwehr plädieren wird. Da man von Medienseite De Santis schon längst den Prozess gemacht hatte, beschloss er, seine Version des Vorfalls in einem makabren Exklusiv-Interview mit dem wöchentlichen Nachrichtenmagazin Panorama zum Besten zu geben.

„„Hätte ich nicht abgedrückt, wäre ich jetzt tot", beteuert er.

Foto via WikiMedia Commons

Das Pokalfinale

Auch ich war am Tag des Pokalfinales in Rom, weil ich über das Spiel berichten sollte. Ich freute mich schon auf einen spannenden Abend, schließlich standen sich mit Neapel und Florenz zwei offensivstarke Mannschaften gegenüber. Das Spiel wurde auf der ganzen Welt übertragen und sollte dem ramponierten Image der Serie A auf die Sprünge helfen. Doch die Marketing-Riege der Serie A sollte an dem Abend Pech haben, denn das Spiel war am Ende kaum mehr als eine—wenn auch unterhaltsame—Nebenvorstellung.

Als ich die Pressetribüne betrat, ging mein Blick rüber zu den berüchtigten Ultras des SSC Neapel. Sofort fiel mir auf, dass in der Napoli-Kurve keine Banner und Fahnen schwenkten. Es herrschte eine beängstigende Stille. Weder Fangesänge noch Klatschen, nichts. Dann begann die „„Show" des Ultra-Anführers „„Genny 'a Carogna" (in etwa: „„Genny der Schweinehund"). Der Sohn eines gefürchteten Camorra-Bosses aus Neapel, der die gesamte Napoli-Fanschar fest im Griff hatte, befahl einem Steward, dass er mit Hamšik, dem Mannschaftskapitän des SSC Neapel, reden wolle, ansonsten—wie später bekannt wurde—würde er mit allen Napoli-Fans das Stadion verlassen und in der Stadt ordentlich auf den Putz hauen. Es hatte nämlich schon das Gerücht die Runde gemacht, dass einer der drei Fans gestorben sei, auch wenn noch keine offizielle Bestätigung vorlag. Als dann ein paar der Organisatoren in die Kurve gingen, um den Napoli-Anhängern mitzuteilen, dass niemand umgekommen sei, wurden sie mit Fackeln und Rauchbomben beworfen. Erst als dann Hamšík dazukam und auf den Ultra-Boss einredete, haben sich die Gemüter beruhigt. Derweil erhob sich ein gellendes Pfeifkonzert im Stadion. Die Fiorentina-Fans hatten die Nase voll von den Spielchen der Napoli-Fans. Nach reiflicher Überlegung—und vielen weiteren Diskussionen—wurde das Spiel dann mit einer 45-minütigen Verspätung angepfiffen und nach 90 aufregenden Minuten konnte sich der SSC Neapel mit 3:1 durchsetzen. Nach Spielende stürmten Hunderte Neapel-Fans den Platz und einige von ihnen zogen enttäuschte Spieler des AC Florenz mit hämischen Gesten und Sprüchen auf, während man in der Fiorentina-Kurve „„O Vesuvio lavali col fuoco" („„Oh Vesuv, verbrenn sie") sang. Ein furchtbarer Tag lief immer mehr aus den Rudern. Dem Ganzen wurde dann noch die Krone aufgesetzt, als der Vorsitzende des SCC Neapel, Aurelio De Laurentiis, der Presse erzählte, er habe ein Pokalfinale geprägt von Anstand und Respekt erlebt. Fans in ganz Italien waren empört und bedauerten, dass der italienische Fußball mal wieder für eine figura di merda—also eine peinliche Aktion—gesorgt hatte.

Die Reaktionen

Ein paar Tage nach den Vorfällen waren sich viele darüber einig, was am Tag des Pokalfinales wirklich geschehen war: Ein paar Roma-Ultras, angeführt von De Santis, hatten versucht, eine Gruppe von Napoli-Fans von einem Sportplatz in Rom zu verjagen (der ganz in der Nähe von der Baracke, in der De Santis wohnte, liegt). Doch die Sache ging nach hinten los und einige der Napoli-Anhänger gingen zum Gegenangriff über. De Santis hat dann seine Waffe gezogen und abgefeuert, wobei er Esposito und noch zwei weitere traf. Dann wurde er von wütenden Napoli-Ultras überwältigt und böse verprügelt. Nachdem man dann noch ein paar Mal auf ihn eingestochen hatte, hielten ihn seine Angreifer für tot und suchten das Weite. De Santis' Geschichte hört sich hingegen etwas anders an. Er beteuert, erst geschossen zu haben, nachdem er angegriffen worden war. Und laut Reportern, die mit den Ermittlungen vertraut sind, könnte das auch zutreffen.

„Da ging es wie im Krieg zu", erzählt De Santis. „Ich wollte sehen, was da los war, schließlich spielten auf dem Sportfeld auch kleine Kinder. Mein einziger Fehler bestand darin, dass ich eine Leuchtfackel in Richtung eines Busses, der die Straße blockierte, geschmissen habe..."

Daraufhin, so De Santis, seien mindestens 30 Personen auf ihn losgestürmt. Dann wurde er mit Knüppeln und Messern attackiert, und als er versuchte, das Tor zwischen dem Sportplatz und einer angrenzenden Straße zu schließen, um den Angreifern so zu entkommen, habe er sich dabei so schwer eingeklemmt, dass es ihm fast das Bein abriss.

„„Ich war überzeugt davon, dass mein letztes Stündchen geschlagen hatte", so De Santis. Darum habe er auch die Waffe gezogen.

Während sich De Santis wieder erholte, sorgte der Gesundheitszustand von Esposito regelmäßig für Schlagzeilen. Seine Mutter wurde zur Protagonistin in einem von den Medien inszenierten Drama rund um die Frage: Wird er überleben oder nicht? Dann tauchten Fotos von De Santis vor neofaschistischen Flaggen und Postern auf, während Aufnahmen von Esposito und seiner attraktiven Freundin im Bikini die mediale Runde machten.

Seitdem die Fanfreundschaft zwischen dem SSC Neapel und dem AS Rom in den späten 80ern auseinanderbrach, wurden aus den ehemaligen Freunden tödliche Rivalen. Als der AS Rom 2001 seine Meisterfeier nach einem missglückten Auswärtsspiel in Neapel um eine Woche verschieben musste, haben die 10.000 mitgereisten Roma-Fans in großem Stil randaliert. In diesem erschreckenden Video sieht man die verspätete Ankunft von Tausenden Napoli-Fans in Termini, dem Hauptbahnhof von Rom, nachdem sie einen ganzen Zug besetzt hatten, um noch zum Spiel zu kommen. Und eine Woche nach dem Pokalfinale haben Roma-Fans im Spiel gegen Juventus Turin Plakate hochgehalten, auf denen sie ihre Unterstützung für De Santis bekundeten. Und einige Wochen später haben Roma-Ultras ?–l ins Feuer gegossen, als sie in einer Pressemitteilung bekannt gaben, dass sie sich „niemals „von einem ihrer Brüder abwenden würden."

Rund zwei Monate nach der Schießerei, am 25. Juni, ist Esposito dann gestorben. Seine Familie hat daraufhin eine Erklärung abgegeben, in der sie Esposito als „„Held des Volkes" bezeichnete. Seine Beerdigung fand zwei Tage später in Scampia statt und wurde von Napoli-Ultras umlagert. Ein paar von ihnen—ausgestattet mit Basecaps und T-Shirts, auf den „„Ciro the Hero" stand—trugen den mit Fanschals behangenen Sarg zum Grab. Ein Platz in der Nähe wurde nach ihm benannt, während ihm andere den Spitznamen „„Engel von Scampia" gaben. Beim Auswärtsspiel der Roma in Neapel haben Napoli-Fans Banner aufgehängt, auf denen offen mit Vergeltung gedroht wurde: „„Worte werden euch nicht helfen können: Wenn sich für uns die Möglichkeit ergibt, werden wir keine Gnade zeigen."

„„Die Medien hetzen eine ganze Stadt—mitsamt ihren gefährlichsten Bürgern—gegen mich auf", sagt De Santis, der sich als früheres Karate-Ass beschreibt und deswegen auch um Werte und Prinzipien wie „Integrität, Selbstbeherrschung und Respekt vor dem Gegner wisse. Außerdem, so De Santis weiter, habe ihm Karate gelehrt, dass der Einsatz von Waffen einem Verlust an Würde gleichkommen würde.

„„Die, die mich kennen, wissen, dass ich nie im Leben eine Waffe, geschweige denn eine Pistole, benutzen würde", sagt er und vergisst dabei anscheinend, dass er zugab, auf Esposito geschossen zu haben.

Auch wenn man diesen offensichtlichen Widerspruch mal für einen Moment ausklammert, ist immer noch nicht klar, warum De Santis an jenem Tag überhaupt eine Waffe bei sich trug. Er braucht wohl eine bessere Ausrede als die von seinem alten Bekannten Mario Corsi—einem früheren Neonazi und Terroristen sowie ehemaligem Roma-Ultra, der mittlerweile für einen lokalen Radiosender arbeitet.

„„Er hatte die Waffe", erklärt Corsi, „„um die Kinder auf dem Sportplatz vor Zigeunern zu schützen."