Quantcast
Fotos: Imago; Illustration: Jutta Babak

Wie Mehmet Scholl durch Lammbock zum Kiffer-Sexsymbol wurde

Benedikt Niessen

Benedikt Niessen

Die Kiffer-Komödie „Lammbock" machte Scholl endgültig zum deutschen Beckham. Zum Kinostart der Fortsetzung „Lommbock" erklärte Regisseur Christian Zübert, wen er eigentlich für Scholls Rolle vorsah und ob man als Kiffer erwachsen werden kann.

Fotos: Imago; Illustration: Jutta Babak

„Mehmet ist der einzige Mann auf der ganzen Welt, dem ich einen blasen würde." Dieser Satz über Ex-Bayern-Star Mehmet Scholl ist eines der bekanntesten Zitate aus dem Kifferfilm Lammbock. Die Kultkomödie aus dem Jahr 2001 handelt eigentlich von den etwas chaotischen Cannabis-Genießern und späteren Dealern Kai und Stefan – gespielt von Moritz Bleibtreu und Lucas Gregorowicz. Doch ihre fast schon homoerotische Verehrung des damaligen Bayern-Zauberfußes führte zu einer Zementierung seines Legendenstatus. „Das Zeug kickt besser als Mehmet Scholl, Alter!", heißt es über den dribbelnden Teenieschwarm. „Die Leute verbinden den Film mit Mehmet Scholl", weiß auch Drehbuchautor und Regisseur Christian Zübert, der 16 Jahre später in dieser Woche den zweiten Teil Lommbock in die Kinos bringt. Auch von Mehmet wird wieder die Rede sein.

Aber wie kam Zübert ausgerechnet auf Scholl? Wie fand es der dreifache Bravo-Otto-Sieger, im bekanntesten deutschen Kifferfilm als homoerotische Zielscheibe vorzukommen? Wir sprachen mit Christian Zübert über nervende Kommentare von Scholls Mitspielern, wieso Kiffen und Fußball so gut zusammenpassen und warum an Stelle von Scholl eigentlich ein ganz anderer Profi der Lammbock-Held werden sollte.

VICE Sports: Wenn du Lammbock nochmal schreiben würdest, welchen Fußballer würdest du heute statt Mehmet Scholl auswählen?
Christian Zübert:
Vielleicht ist es jetzt mal an der Zeit aufzudecken, wie ich überhaupt auf Mehmet Scholl für Lammbock gekommen bin. Ich finde ihn immer noch toll, aber ich war damals ein NBA-Fan. Den Dialog aus Lammbock hatte ich eigentlich für den Basketballer Karl Malone von den Utah Jazz geschrieben. Weil ich aber dachte, in Deutschland kennt den keiner, habe ich einen Fußballer genommen und kam auf Scholl. Heute würde ich LeBron James nehmen, weil ich den extrem beeindruckend finde. Einen Fußballer auszuwählen, wäre jetzt schwerer: Heute wäre der Scholl in Lammbock wohl Toni Kroos.

Welche Verbindung gibt es denn zwischen Karl Malone und Mehmet Scholl?
Bei Malone gefiel mir sein Spielstil: Er spielte damals gemeinsam mit John Stockton bei den Utah Jazz extrem Oldschool. Ihm ging es nicht um Dunkings oder spektakuläre Aktionen, sondern darum, möglichst viele Punkte zu machen und zu gewinnen. Alte Schule eben. Oder wie Kai im Film sagt: Er spielt mit Understatement. Aber mit Malone, der im echten Leben glaube ich sehr konservativ und Vorstandsmitglied der „National Rifle Association" ist, würde ich wahrscheinlich nicht abhängen wollen. Ich habe Scholl damals gewählt wegen seines Understatements neben dem Platz.

Was symbolisierte Scholl denn für dich?
Ich fand Scholl richtig cool. Damals, Ende der 90er, waren die Fußballer alle noch mehr Fußballer, da gab es kaum einen, der drei Sätze geradeaus sagen konnte. Scholl war damals unter den Matthäusen und Effenbergs – ohne jetzt jemandem zu nahe zu treten – einer, der so seinen eigenen Kopf und Style hatte. Ein Fußballer, der trotzdem smart war. Er wirkte charmant und intelligent. Scholl symbolisierte was Lässiges. Deswegen würde ich mich jetzt auch so schwer tun, einen heutigen Profi auszuwählen, weil es jetzt mehr Spieler von dieser Sorte gibt, mit denen man sich gut unterhalten kann und auch ein Bierchen trinken kann.

...oder mit dem man gemeinsam auf dem Sofa kiffen und über Fußball philosophieren könnte?
Ja, genau. Ich glaube, Scholl kifft nicht, aber mit ihm könnte man es und auf der Couch ein gutes Gespräch führen. Das war der Grund, wieso Scholl in Lammbock ein Held war. Ich fand es immer sehr schön, mit Kumpels in der Runde zu sitzen, einen zu rauchen und über das Spiel zu reden. Beim Sport hatte man etwas, über das man reden konnte, aber auf das man sich nicht super konzentrieren musste. Sport und Kiffen gehörten für mich immer sehr gut zusammen.

Weißt du, wie Scholl auf den Film und den Hype damals reagiert hat?
Ich glaube, eher schlecht. (lacht)

Wieso?
Wir mussten ihn damals vorher fragen, ob wir ihn da so behandeln dürfen, weil das ja schon derbe war. Dann hat er gesagt: „Wenn Moritz Bleibtreu mich fragt, dann mache ich das." Moritz hat ihn dann angerufen und er hat zugesagt. Ich habe Mehmet jetzt nochmal getroffen und er meinte, dass er so oft aufgezogen wurde und Sprüche bekommen hat von seinen Mitspielern wegen des Films, dass er es ein bisschen bereut hat. Jetzt, mit ein bisschen Abstand, glaube ich, dass er es entspannter sieht und ihn diese Rolle auch ein bisschen freut.

Regisseur und Drehbuchautor Christian Zübert bei der Weltpremiere von Lommbock in Köln. Foto: Imago

War dir wichtig, dass Scholl im zweiten Film auch wieder thematisiert wird?
Es war sehr wichtig, dass er wieder ein Thema ist. Da möchte ich aber natürlich noch nicht zu viel verraten. Ich will nicht sagen, dass man mit Mehmet Scholl Lammbock verbindet, aber umgekehrt ist das so. Die Leute verbinden den Film mit Mehmet Scholl.

Sonst geht es aber natürlich ums Kiffen. Gab es Menschen, die auf dich zugekommen sind und erklärt haben, dass sie wegen Lammbock kiffen?
Eigentlich niemand. Natürlich war Lammbock für viele Kiffer ein gutes Hintergrundgeräusch beim Rauchen, aber ich war eher immer wieder erstaunt, wie viele Leute den Film geguckt haben, obwohl sie nicht kiffen. Ich glaube, zehn bis 15 Jahre, nachdem Lammbock rauskam, sind Teenies auf mich zugekommen und meinten, dass sie den Film voll geil finden. Und das waren nicht nur Kiffer. Man kann auch abseits des Kiffens großen Spaß mit Lammbock haben.

Die skurrileren Begegnungen gab es da wahrscheinlich mit richtigen Potheads...
Da gab es einige. Wir hatten zum Beispiel mal ein paar Leute, die den ganzen Film komplett neu drehen wollten. Sie haben mich dann gefragt, ob das für mich in Ordnung wäre. Später haben sie die erste Szene sogar gedreht und an mich geschickt. Aus dem Film ist aber nie etwas geworden, weil sie wohl doch lieber einen aufgerollt haben, statt weiterzudrehen – also den Film.

Foto: Wildbush

In Lommbock gibt es eine Szene, in der es Stefan und Kai als erwachsene Kiffer sichtlich schwerfällt, mit Kais Stiefsohn verantwortungsvoll über Gras zu sprechen. Gab es das Gespräch schon mit deinen Kindern?
Zum Glück sind meine Kinder mit sechs und zehn Jahren noch zu jung, aber das wird irgendwann auch kommen. Wenn meine Kinder auch nicht alt genug sind, werde ich ihnen Kiffen auch verbieten. Man sollte es Kindern zu Anfang nicht zu leicht machen. Aber wenn sie dann 17 oder 18 sind und es nicht übertreiben, dann dürfen sie das auch. Im Vergleich zu Alkohol ist das eine harmlose Nummer. Mir ist lieber, wenn meine Kinder später kiffen, statt sich mit Alk wegzuknallen.

Du sprichst diesmal auch unbequemere Seiten des Kiffens wie hochgezüchtete THC-Werte und Psychosen an. Wieso?
Ich wollte in dem Film besonders das Thema „älter werden" von Kiffern behandeln. Und wie Kiffer sich mit 40 Jahren im Alltag immer noch zurecht finden. Zudem finde ich es spannend, wie sich das Gras in den letzten Jahren verändert hat und stärker geworden ist. Es ist gar nicht mehr so leicht, softes Gras zu finden, das einen angenehm drauf bringt. Das meiste Zeug ist – wie Kai auch im Film kritisiert – „genmanipulierte Haze-Scheiße", die einen total wegbombt. Das ist für die Kids auch ein riesiges Problem, weil das Zeug heute viel stärker reinhaut als früher.

Wolltest du nach dem glorifizierenden Lammbock bei Lommbock also irgendwie verantwortungsvoller an das Thema Marihuana gehen?
Nee, überhaupt nicht. Ich fühle mich dazu mit einer Komödie als Filmemacher moralisch nicht verpflichtet und finde auch nichts im Film moralisch verwerflich. Generell stürzt keiner mit Drogen ab wegen eines Films. Die Kiffer, die ich kannte, hatten auch immer eine gesunde Einstellung zu Cannabis. Jeder konnte das so steuern, dass es das Alltagsleben nicht beeinflusst hat. Zudem ist das Kiffen im Film immer auch nur eine Metapher für die Freundschaft der beiden – es geht nicht darum, möglichst breit zu werden.

Wie wichtig sind Freundschaft und Gemeinschaft für dich beim Kiffen?
Es war immer so, dass wir zusammensaßen, erzählt haben und einen rauchten – ­ohne, dass man so todesdruff ist. Mir war wichtig, dass ich im Film das auch nicht so überzogen darstelle. Mit dem Film will ich ja keinen Drogenrausch zeigen, sondern das Miteinander. Ein bisschen so, wie die Indianer ihre Friedenspfeife weitergaben, sich unterhielten und einfach nur zusammensaßen. Dieser gemeinschaftliche Aspekt war der, den ich immer am schönsten beim Kiffen fand.

Viele Kiffer hoffen darauf, dass es in den nächsten Jahren auch in Deutschland zu einer Legalisierung von Marihuana kommt, wie siehst du das?
Ich bin extrem für eine Legalisierung von Marihuana. Ich halte es für weniger gefährlich als Alkohol und ich kenne auch niemanden, für den dies eine Einstiegsdroge war für härtere Sachen – wie das immer gerne gesagt wird von Kritikern. Und durch eine Legalisierung kommst du als Kiffer eben nicht in diese illegalen Kreise, wo du anderes Zeug bekommst.

Das Interview führte Benedikt Niessen, folgt ihm bei Twitter: @BeneNie