Sehbefehl: Der Ursprung der Zusammengehörigkeit bei Schalke

Dieses Video sorgt nicht nur bei Schalke-Fans für Gänsehaut. Filmemacher Simon Schwarz verknüpft die Entstehung des Klubs mit der Geschichte seines Opas, einem Bergmann. Und er fragt sich, wo die menschlichen Werte im Fußball heute hin sind.

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08 Juni 2017, 11:19am

Foto: Screenshot Youtube.com

"All das wofür etwa RB Leipzig steht, ist doch das, woraus sich die Bergarbeiter befreien wollten", erzählt Simon Schwarz mit aufgewühlter Stimme. Der Filmstudent fragt sich in seinem vierminütigen Kurzfilm "Das Vergessen des Wesentlichen", wo die familiären Werte des Fußballs hin sind. Dabei verknüpfte er die Bergarbeiter-Geschichte seines Opas mit der Entstehung des FC Schalke. Opa Herrmann bekam beim FC Schalke 04 "einen kleinen Schritt Menschlichkeit" zurück, wie er sagt. Weil er diese im heutigen Fußballgeschäft vermisst, hält er dem Fußball den Spiegel vor.

VICE Sports sprach mit dem 23-jährigen Filmemacher über eine spezielle Schulung der Profis und die Verantwortung der schweigenden Fußballfans.

VICE Sports: In deinem Kurzfilm verknüpfst du die Elemente Familie und Fußball. Wieso?
Simon Schwarz: Die Werte einer Familie sind Mittel zum Zweck für die Messwerte der Gesellschaft. Eigentlich muss es aber andersherum sein. Und im Fußball ist das auch so. Hunderttausende Bergarbeiter gingen damals auf die Straßen, weil sie unterdrückt wurden. Sie kämpften für ein bisschen Freizeit und durften dann Fußball spielen. Aus diesem Kampf wuchs der FC Schalke heran. Die Chance Fußball zu spielen war ein Schritt in Richtung Menschlichkeit. Die Bergarbeiter empfanden Freude, Gemeinschaft, Emotionen und es gab durch die Liebe zum Verein FC Schalke eine Identifikation: Da haben Bergmänner für andere Bergmänner gegen bürgerliche Vereine gespielt. Heute wird all das vergessen.

Was ist heute anders?
All das wofür etwa RB Leipzig steht, ist doch das, woraus sich die Bergarbeiter befreien wollten. Sie wollte nicht, dass Messwerte regieren und es nur um Profitmaximierung geht. Es geht dem Profifußball nicht mehr um die unermesslichen Werte des Wesens. Den Fans wird praktisch alles abgesprochen. Und das Schlimme ist: Jeder weiß, was im Fußball falsch läuft und redet davon. Doch wir lassen es alle trotzdem zu.

Die Fußballfans müssen sich also wie die Bergmänner erheben?
Ja. Die Fans müssen ein Zeichen setzen. Gewalt ist Quatsch. Das haben wir bei RB Leipzig in Dortmund gesehen – das spielt denen nur in die Karten. Aber Fans müssen sich mehr organisieren und einfach mal wegbleiben für ein Heimspiel. Das Hauptproblem sind nicht die Leute, die den Fußball kommerzialisieren, sondern das Hauptproblem sind die ganzen Fans, die nichts tun. Aber dafür geht es uns gerade wohl zu gut. Ich denke, wir müssen diese Kurzsichtigkeit ablegen: Geht es uns wirklich darum nur mit anderen Vereinen mitzuziehen und nach Erfolg zu streben? Oder wollen wir unsere Freizeit in wichtige Werte und unser Wesen investieren?

In deinem Film singen die Fans auf Schalke gemeinsam das Steigerlied. Kann ein Profiklub wie der FC Schalke überhaupt noch eine Familie sein?
Schalke ist immer noch ein eingetragener Verein und versucht immer noch viel auf die Tradition einzugehen, auch wenn es kaum Mitspracherecht für Fans gibt. Wir können den Fußball nicht mehr so einfach ändern. Die Vereine müssen Geld machen und züchten kleine Fußballer-Roboter heran, die nur gut spielen und funktionieren müssen. Es wäre ein Anfang, wenn man auch ihr Wesen schulen würde. Wenn man den Spielern näher bringt, für was ein Verein steht und auf welchen Werten der Klub fußt. Die Generationen nach uns müssen nicht nur die Fakten, sondern auch die Psychologie dahinter verstehen. Wir müssen enkeltauglich leben. In der Schule lernen wir zum Beispiel nur noch historische Fakten ohne eine emotionale Bindung dazu zu schaffen. Dadurch entsteht vielleicht Dankbarkeit und Genügsamkeit.