Die Läuferin, die den London-Marathon gewann, während sie sich in die Hose schiss

Was machst du, wenn du den wichtigsten Sieg deiner Karriere holen kannst, aber Verdauungsprbleme hast? Läufst du oder lässt du laufen?

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Juni 9 2016, 9:35am

Foto: Kieran Doherty, Reuters

Es gibt wohl kaum etwas Unangenehmeres im Alltag als Unterleibsdruck zur falschen Zeit. Extrem dringend auf die Toilette zu müssen und nicht einmal einen Zaun oder Baum zu finden, an dem man sich erleichtern könnte, kann Panik auslösen wie sonst fast kein körperliches Gefühl. Wenn dir das noch nicht dramatisch genug ist, dann stell dir mal vor, wie unerträgliches Bauchrumoren dich mitten in einem Marathon ereilt.

Die Situation wirkt erst recht grotesk, wenn es sich bei der armen Person um einen Eliteläufer handelt, der in diesem Augenblick einzig und allein das harte Rennen im Kopf hat. Im Grunde bleiben in diesem Fall nur noch zwei Optionen: stehen bleiben, jegliche Chance auf den Sieg zunichte machen und sich dafür wenigstens halbwegs wohlfühlen ... oder den Ballast, der sich im Inneren angestaut hat, abwerfen und versuchen, weiterzulaufen als sei nichts passiert.

Stehenbleiben oder nicht stehenbleiben, das ist hier die Frage.

Genau dieser quälenden Entscheidung sah sich die irische Sportlerin Catherina McKiernan während des London-Marathons 1998 gegenüber. McKiernan konnte auf eine stolze Karriere im Crosslauf sowie einen beachtlichen elften Platz bei den 10.000 Metern der Sommerspiele in Atlanta zurückblicken, und war als eine der großen Favoritinnen ins Rennen gegangen—doch ihr Darm hatte in London etwas andere Pläne.

Die Probleme mit ihrem Verdauungssystem überkamen McKiernan ohne Vorwarnung, wie es bei diesen Dingen nun einmal ist. Sie machten sich auf dem 16. Kilometer des Rennens bemerkbar und begleiteten McKiernan den Rest der Strecke. Ganze vier Mal musste die zurückhaltende und schüchterne McKiernan in aller Öffentlichkeit in den sauren Apfel beißen ... und du weißt vermutlich, wie es ist, wenn man es dann erst einmal rauslässt.

Wir wissen nicht, ob die Erleichterung ihr Flügel verlieh, oder ob einfach sonst niemand konzentriert neben ihr her laufen konnte, aber anstatt vor Scham im Boden zu versinken, zeigte die Irin es gleichzeitig ihrem Körper und ihren Rivalinnen. Nach einem Lauf durch die Hölle, der genau 2 Stunden, 26 Minuten und 26 Sekunden dauerte, gewann McKiernan den Marathon der Frauen.

Nachdem sie die Ziellinie erreicht hatte, packte ihr Trainer sie von Achsel bis Fuß in eine Rettungsdecke und sie konnte endlich eine der mobilen Toiletten entlang der Strecke nutzen.

Ihr Triumph über Läuferinnen wie die Schottin Liz McColgan, die olympisches Silber hatte, und die Kenianerin Joyce Chepchumba, die im Vorjahr den London-Marathon gewonnen hatte, sicherte der Irin endgültig einen Platz in der weltweiten Marathon-Elite der Frauen.

Ihre Glanzleistungen—bei denen ihr in einem Fall um eine Minute der Weltrekord entging—machten McKiernan auch zu einer der großen Favoritinnen für die Olympischen Spiele in Sydney 2000. Doch eine olympische Medaille wurde ihr leider nie zuteil: Nach 1999 hielten Knieverletzungen sie davon ab, ein weiteres Mal bei der Olympiade anzutreten.

Über Komplikationen wie die von McKiernan beim London-Marathon, die meist harmlos verlaufen, aber unter Umständen auch gefährlich sein können, wird kaum gesprochen. Inkontinenz passt nicht zu dem Image, das der Sport uns vermitteln will—nur tritt sie bei Marathon- und Langstreckenläufern sogar häufig auf.

Laut einer Studie der renommierten Fachzeitschrift Journal of the International Society of Sports Nutrition haben 30 bis 50 Prozent aller Marathonläufer das Phänomen bereits zu spüren bekommen. Rumorende Eingeweide, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall sind bei Sportlern in solchen Disziplinen also durchaus mehr als gewöhnlich.

Der "Boxenstopp", den die Weltrekordhalterin Paula Radcliffe bei ihrem siegreichen London-Marathon 2005 einlegte, ist noch ein berühmter sanitärer Notfall. Die Britin musste mitten im Rennen anhalten und gut sichtbar auf den Asphalt urinieren, weil es einfach nicht mehr anders ging.

Die ständige Bewegung der Eingeweide, schlechte Klimabedingungen wie Kälte oder Wind—was die Urinproduktion ankurbelt—und natürlich die Ernährung können dabei eine Rolle spielen. Das Problem soll aufgrund der großen Belastung der Beckenbodenmuskulatur Läuferinnen häufiger treffen als Läufer.

Zwar haben wir bisher zwei Frauen als Beispiele genannt, doch den absoluten Höhepunkt der skatologischen Bilder aus der Welt des Laufsports lieferte uns der Schwede Mikael Ekvall 2008 beim Halbmarathon Göteborgsvarvet.

Vielleicht wird die großartige McKiernan zum Teil immer dafür in Erinnerung bleiben, dass sie sich mitten in einem Marathon in die Hose gemacht hat, doch ihr eigentliches Erbe ist ein viel besseres. Ob oder wie jemandes Schließmuskel das Rennen meistert, ist nicht der springende Punkt, sondern die Überwindung und Entschlossenheit, die es braucht, um unerträglichen Situationen Erfolg abzuringen.

Einen Marathon zu gewinnen, sollte ohnehin ein unbeschreiblich gutes Gefühl sein, doch wenn du auch noch trotz deiner selbst gewinnst, dann ist das der Inbegriff von badass.