Schweizer Verband lässt preisgekröntes „Gegen Homophobie"-Banner abhängen

Beim U20-Spiel zwischen der Schweiz und Deutschland ließ der eidgenössische Verband das vom DFB ausgezeichnete Banner als „politische Werbung" entfernen. Ein offener Brief zertrümmert nun die Argumentation der Banner-Gegner.

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März 29 2017, 1:05pm

Symbolfoto: Imago

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Wir schreiben das Jahr 2017 (ja, also ziemlich genau jetzt), in einem mitteleuropäischen Fußballstadion wird ein nur wenig beachtetes Nachwuchs-Länderspiel angepfiffen und irgendwo hängt ein harmloses Banner der Fans gemeinsam gegen Homophobie mit gleichnamiger Botschaft. Nach 15 Minuten kommen plötzlich drei Security-Typen anmarschiert und entfernen genau dieses Banner. Warum? Weil zu politisch. Kann nicht sein? Doch, gerade erst in der Schweiz passiert. Dabei wurde dasselbe Banner schon vom DFB ausgezeichnet.

Vorgestern spielte in Biel, einer Stadt im Kanton Bern, die Schweizer U20-Auswahl gegen die Nachwuchsauswahl des DFB (2:1). Mit dabei waren auch Vertreter der europaweiten Initiative Fans gemeinsam gegen Homophobie bzw. Fußballfans gegen Homophobie. Die Fan-Initiative sieht Handlungsbedarf, weil aus ihrer Sicht in der Welt des Fußballs „weiterhin ein Reservat obsoleter Männlichkeitsvorstellungen" vorherrsche. Dieser Meinung schließen wir uns an, weswegen wir sowohl die Aktion in der Bieler Tissot-Arena als auch die Fan-Initiative per se für richtig und wichtig halten.

Darum ist es umso schockierender und verdammt nochmal verrückt, dass in der heutigen Zeit ein solches Banner ‚Stadionverbot' erhält. Dabei habe sich laut der Fan-Initiative sowohl das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) als auch der Schweizerische Fussballverband (SFV) eines „Scheinargumentes" bedient. So soll das Banner, weil „politische Werbung", gegen die Regeln des SRF und SFV verstoßen haben.

Die Fan-Initiative hat gegen das Vorgehen eine Stellungnahme veröffentlicht. Außerdem hat man zusammen mit Queer Football Fanclubs und Queerpass Basel einen offenen Brief an das SRF und den SFV verfasst, in dem das Banner-Abhängen mit guten Argumenten rasiert wird.

Angefangen damit, dass die Verfasser kritisieren, beim Banner könne von politischer Werbung keine Rede sein. Vielmehr zeige das Banner einfach nur eine Botschaft gegen Homophobie, „ähnlich den verschiedenen Kampagnen gegen Rassismus". Außerdem weisen die Verfasser daraufhin, dass sich sowohl die FIFA als auch die UEFA ganz offiziell und explizit gegen Schwulenhass engagieren würden – und schicken folgende (rhetorische) Fragestellung hinterher:

„Es kann doch nicht angehen, dass eine Fanbotschaft, welche die offizielle Haltung der Verbände stützt, als politische Werbung abgetan und verboten wird. Würde ein Banner gegen Rassismus von den Verantwortlichen ebenso sanktioniert? Wohl kaum."

Word up.

Richtig widersprüchlich wird das Vorgehen der Schweizer Offiziellen vor dem Hintergrund, dass dasselbe Banner schon den Julius-Hirsch-Preis des Deutschen Fußball-Bundes gewonnen hat. Ja, du liest richtig: Sogar der DFB – nicht gerade für Avantgardismus bekannt – hat schon verstanden, dass Fußballfans gegen Homophobie ein gesellschaftlich relevantes Projekt betreibt. Die 2011 gegründete Gruppe war ursprünglich aus der Fanszene von Tennis Borussia Berlin entstanden und das Banner wird laut Informationen der Initiative schon seit fünf Jahren „in fast allen europäischen Ligen" regelmäßig gezeigt. So auch beim Champions-League-Finale 2012, was uns zu einem weiteren guten Punkt bringt.

Mehr dazu: „Ich kann es verstehen, wenn ein schwuler Profi nicht die Kraft hat, sich zu outen" – Roman Neustädter über Homophobie im Fußball

Für ein Spiel, das – zumindest in der Schweiz – nur via Webstream ausgestrahlt wurde (so viel zum Thema kommerzielle Relevanz), wurden laut den Verfassern des offenen Briefes Werbe-Richtlinien angewandt, die eigentlich für Top-Turniere formuliert worden waren. Und nicht mal bei denen, wie das oben genannte Beispiel Champions League zeigt, haben sich die Verantwortlichen am Banner gestört. VICE Sports bat sowohl das SRF als auch den SFV um eine Stellungnahme, die bisher noch nicht abgegeben wurde.

Kurz zusammengefasst: Schweizer Offizielle verbieten ein vom DFB ausgezeichnetes Banner, das sich für eine gute Sache einsetzt (die von FIFA-Seite unterstützt wird) und schon seit Jahren in europäischen Stadien ohne Probleme ausgerollt werden darf.

Das nennt man wohl ein Eigentor. Flopp Schwiiz.

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Update: Mittlerweile haben sich sowohl der SRF als auch der SFV bei VICE Sports gemeldet:

Lino Bugmann, Mediensprecher des SRF Sport, erklärte VICE Sports, man habe entgegen den Berichten der Fan-Initiative nichts mit der Entscheidung, das Banner abzuhängen, zu tun. Weiter heißt es: „Das U20-Länderspiel vom 27. März wurde weder von SRF produziert noch ausgestrahlt. SRF war in Biel nicht vor Ort." Zuständig sei die SRG. Adrian Ehrbar, Leiter Marketing und Kommunikation Business Unit Sport SRG, erklärte: „Die SRG produzierte die Bilder des U20-Länderspiels vom 27. März 2017 im Auftrag des Schweizerischen Fussballverbands für die Webplattform 'SFV Play'. Die Organisation des Spielbetriebs, einschliesslich einer eventuellen Kontrolle von Fan-Transparenten, liegt hingegen nicht in der Verantwortung der SRG."

Der Schweizerische Fußballverband (SFV) erklärte VICE Sports, er wolle „zu diesem Zeitpunkt die nötigen Debatten direkt mit den Betroffenen und nicht via Medien führen". Kommunikationsleiter Marco von Ah fügte jedoch hinzu: „Versichern kann ich Ihnen schon jetzt, dass wir selbstverständlich nicht gegen die erwähnte Kernbotschaft sind." Dazu sah der Verband sein Verhalten vor Ort durchaus selbstkritisch: „Wir vermuten zudem, dass am Spieltag von unserer Seite etwas überreagiert worden ist. Darum suchen wir jetzt die Gespräche mit involvierten Personen und streben auf Basis dieser Analyse dann ein Ergebnis an, das für alle Parteien passend ist."