Die wohl besten Ultras Portugals kommen weder aus Porto noch aus Lissabon

In Portugal machen Benfica, Sporting und Porto den Titel unter sich aus. Doch was imposante Choreos betrifft, mischt auch Vitória S.C mit. Einer ihrer Ultra-Bosse hat uns erklärt, warum Fans​ in Portugal Opportunisten sind.

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Apr. 28 2017, 2:15pm

In Portugal machen seit Jahrzehnten die beiden Vereine aus Lissabon, Benfica und Sporting, sowie der FC Porto die Meisterschaft unter sich aus. Auch auf den Tribünen sieht die Situation ähnlich aus. Mit Ausnahme eines Klubs, deren Ultras regelmäßig Choreos organisieren, die über die Landesgrenzen hinaus von sich reden machen: die White Ultras. Die unterstützen mit Vitória de Guimarães den aktuellen Tabellenvierten der portugiesischen Primeira Liga, der sich in Sachen Ultrakultur und Zuschauerzuspruch vor den großen Drei des Landes nicht verstecken muss. Wir haben mit Marco Talina, den Vizepräsidenten der White Angels, gesprochen und uns erklären lassen, warum Vitória-Anhänger keine Opportunisten sind – im Gegensatz zu den meisten Fußball-Fans in Portugal.

VICE Sports: Abgesehen von den großen Klubs aus Porto und Lissabon sorgen nur sehr wenig Vereine in Portugal für ausverkaufte Stadien. Wie erklärst du dir das?
Marco Talina: Wenn man einen Verein aus seiner Region unterstützt, der keine Titel holt, ist das für die meisten Portugiesen gleichbedeutend damit, "minderwertig" zu sein. Es gehört sich einfach, Fan eines erfolgreichen Vereins zu sein. Durch die Vormachtstellung der beiden Lissaboner Vereine und des FC Porto, die sich sowohl in Titeln als auch in der medialen Sichtbarkeit ausdrückt, fühlen sich noch mehr Portugiesen angehalten, nur einen dieser drei Vereine zu unterstützen. Und das drückt sich auch in den Zuschauerzahlen aus. Dem Ganzen liegt eine kleinbürgerliche Mentalität zu Grunde, die besagt: Bist du Fan von den drei Großen, bist du mehr wert und wichtiger als der Rest.

Dabei sind doch die Portugiesen bekannt dafür, sehr lokalpatriotisch zu sein. Warum drückt sich das nicht auch im Fußball aus?
Das stimmt, die Portugiesen hängen sehr an ihrem Land und ihrer Geburtsstadt. Doch sobald es um Fußball geht, verschwindet diese Abhängigkeit. Im Fußball gibt es hierzulande keine Kultur der Zugehörigkeit, sondern nur die des Geldes. Natürlich spielen da auch noch andere wirtschaftliche und soziale Faktoren mit rein, aber im Grunde kann man sagen, dass wir Portugiesen gern auf der Gewinnerseite stehen.

Vitória de Guimarães ist aber eine klare Ausnahme. Wie erklärst du dir den großen Support, vor allem wenn man bedenkt, dass die Stadt so nah an Porto und Braga liegt?
Wir sind in der Nähe von Porto und Braga, aber auch von Viana, Vila Real, Aveiro und Coimbra... Portugal ist ein kleines Land, am Ende entscheidet nicht die geographische Nähe, welchen Verein man unterstützt. Es ist eine Frage der Mentalität. Guimarães hat eine Geschichte. Es war die erste Hauptstadt dieses Landes. Hier wurde Portugal geboren!

All das hat zu einem jahrhundertealten Regionalismus geführt, der von Generation zu Generation weitergereicht wird. Dieser Regionalismus gibt dir Lust zu kämpfen und dich für das einzusetzen, was ein Teil von dir selbst ist. Wir haben hier die Angewohnheit zu sagen, dass wir an erster Stelle aus Guimarães und nur an zweiter Stelle aus Portugal sind. Fan von Vitória zu sein, ist für uns genauso natürlich, wie die Geschichte unserer Stadt zu lieben. Es betrübt uns, dass wir mit dieser Haltung in Portugal alleine sind.

Eure Gruppe, die White Angels, wurde 1999 gegründet. Wie kam es dazu?
Die White Angels wurden am 14. April 1999 bei einem Abendessen ins Leben gerufen. Zu jener Zeit hatte Vitória jede Form von Support nötig, da die Unterstützung schon seit einiger Zeit nachgelassen hatte. So kam es, dass eine Gruppe von Freunden – die 11 Gründer – zusammen mit 22 anderen Personen die White Angels gegründet hat. Wir hatten damals nur ein Ziel: die Farben des Vereins und der Stadt zu verteidigen und zu unterstützen.

Hattet ihr auch eine politische Agenda?
Nein, wir waren in keiner Form politisch motiviert. Unsere einzige Ideologie lautete: die Liebe für unsere Region weitergeben, fördern und verteidigen. Und natürlich Vitória bedingungslos unterstützen, egal ob wir gewinnen oder verlieren.

War es schwer, im Estádio D. Afonso Henriques eine Ultra-Bewegung zu kultivieren?
Es ist nicht schwer, wenn man ein gemeinsames Projekt hat. Die Fans von Vitória, nicht nur die Ultras, leisten eine großartige Unterstützung.

Verstehen sich die White Angels gut mit den anderen Fangruppen im Verein?
Klar, natürlich. Wir haben dasselbe Ziel und ein und dieselbe Liebe: Vitória Sport Clube.

Hat die Gruppe ein Vorbild? Gibt es ausländische Klubs, die euch inspirieren?
Natürlich achten wir darauf, was andere Gruppen machen. Wir lieben die Ultra-Bewegung, auch wenn die Geschmäcker in unserer Gruppe verschieden sind. Manche mögen die griechische Ultra-Kultur, andere die italienische, französische oder argentinische. Ich würde nicht sagen, dass wir uns von dem, was andere machen, beeinflussen lassen. Aber natürlich sehen wir manchmal anderorts Sachen, die wir auch bei uns ausprobieren wollen. Wir blicken aber auf so eine reiche Geschichte zurück, dass wir ohne Probleme unsere eigenen Gesänge und Choreographien entwickeln können, die sehr individuell und an unsere Region angepasst sind.

Innerhalb der Gruppe haben wir verschiedene organisatorische Aufgabenbereiche, etwa für Auswärtsfahrten, Choreos, Tickets usw. Dieses Jahr haben wir außerdem einen Bereich gegründet, der sich in unserer Stadt sozial engagiert.

Wie ist euer Verhältnis zu den anderen portugiesischen Ultra-Gruppen?
Es gibt keines.

Aber euch verbindet doch beispielsweise eine Rivalität zu Braga...
Ehrlich gesagt wollen wir den anderen Vereinen nicht den Gefallen tun, sie als Rivalen oder Feinde anzusehen. Wichtig ist das, was wir sind und was wir für den Klub leisten. Darum gibt es zu anderen Gruppen auch keine Freundschaften.

Wir geben in jedem Spiel das Maximum, singen über 90 Minuten lang. Wo sonst sieht man sowas in Portugal? Vielleicht bei den drei Großen, aber selbst bei denen würde ich nicht sagen, dass sie besser sind als wir. Sie sind vielleicht größer, was die Quantität betrifft, aber bestimmt nicht im Hinblick auf Qualität. Und Braga ist eh nur ein Klub unter vielen...

Was war dein schönstes Erlebnis als White-Angels-Mitglied?
Da gab es so einige. Aber wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich sagen, die ganze Saison 2002/03. In der Zeit mussten wir unsere Heimspiele in der sympathischen Stadt Felgueiras, 20 Kilometer von hier entfernt, austragen, weil unser Stadion für die Euro 2004 modernisiert wurde. So haben wir White Angels und die anderen Fans jedes zweite Wochenende regelrechte Pilgerfahrten nach Felgueiras unternommen. Das Stadion war immer ausverkauft. Am Ende wurden wir Vierter, obwohl wir all unsere Spiele "auswärts" austragen mussten, dem unglaublichen Support unserer Fans sei Dank. Diese Saison war wichtig für die Entwicklung der White Angels.

Vitória hat mehrfach an der Europa League teilgenommen. Was war die beste Auswärtsfahrt?
Unser Gastspiel in Sevilla am 1. Dezember 2005. Mehr als 3.500 Vitória-Fans waren angereist. Zusammen haben wir die Stadt eingenommen und sind durch Sevillas Straßen gezogen! Dabei versuchten Sevilla-Fans, unsere Fahne zu klauen. Wir Ultras haben eine tolle Einstellung an den Tag gelegt.

Vielerorts werden Ultras schlecht angesehen und vonseiten der Regierung unterdrückt. Wie sieht es in Portugal aus?
Es gibt zwar eine Gesetzgebung, aber die ist nur Illusion. Es wurde eine eigene Polizeieinheit gegründet, die sich um Ultras kümmert. Sie soll sich um Sicherheitsfragen während der Spiele kümmern. Doch das ist nicht der Fall. Die Polizisten machen je nach Situation ihre eigenen Gesetze. Außerdem wird in Portugal nicht zwischen Ultras und Hooligans unterschieden. Ultras werden als Verbrecher angesehen und Unterdrückung ist das "Gesetz".

Foto via Facebook.