Nowitzkis Nachhilfelehrer erklärte uns, wie er Dirk zum Durchschnittsschüler machte

Dirk Nowitzki spielte in der Tennis-, Handball- und Basketball-Auswahl—und hatte zunächst einige Probleme in der Schule. Sein BBL-Trainer Klaus Perneker brachte ihn durch den Chemie-Leistungskurs und hat heute einige Anekdoten zu erzählen.

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Jan. 18 2017, 12:00pm

Foto: Imago

Wenn man an die deutschen Trainer von Dirk Nowitzki denkt, kommt den meisten erstmal Holger Geschwindner in den Sinn. Der war aber in erster Linie Individualcoach und Mentor. Sein Trainer bei seiner letzten Station in Deutschland—den s. Oliver Baskets Würzburg—war Klaus Perneker, der heute als Gymnasiallehrer für Chemie und Biologie arbeitet. Zurzeit unterrichtet er am Röntgen-Gymnasium in Würzburg, wo er als Referendar auch Nowitzki als Schüler kennenlernte—und ihm neben dem Basketball auch Nachhilfe in Chemie gab. Von ihm wollten wir wissen, wie sich der junge Dirk Nowitzki in der Schule und im Privaten gemacht hat.

VICE Sports: Wie hast du Dirk Nowitzki damals kennengelernt?
Klaus Perneker: Das ist eine witzige Geschichte. Ich war damals Referendar am Röntgen-Gymnasium in den Fächern Biologie und Chemie. Da gab es Hospitationsstunden, die man in den ersten Wochen macht. Ich war dann in einer zehnten Klasse, in der auch Dirk saß. Er wurde auch gleich in meiner ersten Stunde abgefragt. Das gab dann ein lustiges Bild, weil der Lehrer maximal 1,70 Meter und Dirk mit seinen 2,07 Metern vorne an der Tafel stand. Die Abfrage war von der Note her nicht überragend, sah aber wenigstens sehr witzig aus.

Wie war Nowitzki denn generell in der Schule?
In der Mittelstufe war er ein klassischer Teenager. Aber zu seiner Verteidigung muss man sagen, dass er ja damals eine Vielzahl an Sportarten betrieb. Darunter litt er dann auch, weil sein Leben noch nicht so strukturiert war. Er hat ja in der Tennis-, Handball- und Basketballauswahl gespielt.

Wann wurde dann bei ihm eine Veränderung bemerkbar?
Das ist spürbar anders geworden, als er den Holger Geschwindner kennengelernt und von ihm die persönlichen Strukturen beigebracht bekommen hat. Zuvor war er eher ein unterdurchschnittlicher Schüler und hatte zum Halbjahr der elften Klasse in mehreren Fächern ernsthafte Probleme. Ich habe ihm dann in Chemie geholfen und auch durch den Chemie-Leistungskurs in der Oberstufe gebracht. In Mathematik half ihm dann Holger, der auch sonst ein toller Mentor war beziehungsweise ist.

Also war sein Abitur auch ein Verdienst von Holger und dir?
Am Ende würde ich sagen, dass ihn seine professionelle Einstellung zum Abitur verholfen hat. Das konzentrierte und konsequente Arbeiten hat er von dem Platz mit in die Schule genommen.

Wie hat er denn dann seine Schule letztlich beendet?
Seinen Schnitt will ich an der Stelle nicht verraten, aber gemessen daran, dass er 20 bis 25 Prozent seiner Zeit mit Basketball verbracht hat, war er schon ganz gut. In Chemie hatte er sieben Punkte und war damit immerhin noch befriedigend. Das war wirklich eine tolle Leistung von Dirk, gemessen an den Umständen. Aber auf die 13 Punkte im Chemie-Abitur von Maxi Kleber bin ich genauso stolz. Dem habe ich letztes Jahr auch Chemie-Nachhilfe gegeben.

Wann hast du gemerkt, dass Dirk ein Ausnahmesportler ist?
Neben den normalen Trainingseinheiten streuten wir zusätzlich zum Kraftraum oft lieber Rudereinheiten ein. Wir sind dann zum Münchner Segel- und Rudersportclub an den Tegernsee gefahren. Holger war ja schon der Kapitän der Olympia-Mannschaft '72, deswegen kannte er auch einen Olympiasieger im Zweierrudern. Rudern ist ja für Kraft-Ausdauer-Training ein wahnsinnig genialer Sport—und vor allem geht er nicht auf die Gelenke.

Wir saßen dann alle in den Ruderbooten, und du kennst das, falls du schon mal gerudert hast, am Anfang landet man immer erstmal im Wasser. Das war bei uns nicht anders. Die einzige Ausnahme war Dirk, der da mit seinem breiten Kreuz in dem Boot saß und ruderte, als ob er sein komplettes Leben nichts anderes gemacht hätte. Eine wichtige Sache noch zu dem Ausflug: Wir haben damals sehr darauf geachtet, dass unsere Spieler nicht zu sehr verwöhnt werden. Deswegen haben wir wirklich in den Räumen des Ruderclubs gelebt. Wir haben da auf Holzgestellen und Feldbetten geschlafen. Luxus war da kein Thema, es ging ja darum, sportlich besser zu werden.

Glaubst du, dass die Ausflüge auch zu seiner Mentalität als Team-Player beigetragen haben?
Ich glaube schon, dass das auch dabei geholfen hat, Bodenständigkeit und Teamwork zu verinnerlichen. Es waren ja noch andere Basketballspieler dabei—Robert Garrett, Desmond Green, die ganzen damaligen Nationalspieler eben. Die Zeit mit den Jungs war eine schöne Lebenserfahrung, die einem keiner nehmen kann.

Klaus Perneker 1999 in Würzburg

Wie kam es eigentlich zu dem Dreiergespann, das aus Holger, Dirk und Dir bestand? Ihr habt ja nicht nur sportlich, sondern auch in der Schule geholfen.
Den Holger kannte ich schon länger. Dazu gibt es auch wieder eine lustige Geschichte. In der Nähe von Bamberg gibt es so ein Quattroball-Turnier, da spielt man die vier großen Ballsportarten. Wir haben beide im Team „Barney Geröllheimer" gespielt, das quasi nur aus Erst- und Zweitliga-Basketballern bestand. Holger war dann immer unser Special Guest, der auch alle vier Sportarten super beherrschte und uns daher auch ein Vorbild war. Im Bezug auf Dirk war ich eben erst der Co- und dann der Mannschaftstrainer, während Holger auch mehr der Individualtrainer war. Für mich war es ein Lebensereignis, mit den beiden arbeiten zu dürfen. Egal, ob menschlich oder sportlich. Ich glaube, wir haben uns einfach ganz gut ergänzt.

Um den Kreis zu schließen: Weißt du auch, wie sich Dirk und Holger kennengelernt haben?
Holger hat den Dirk dann eben bei einem Jugendspiel in Schweinfurt gesehen, nachdem er selber auf dem Court stand und hat dann anschließend mit ihm gearbeitet. Dass er dann die Entwicklung genommen hat, die bis heute bekannt ist, war meiner Meinung nach der Verdienst von Holger Geschwindner. Zum einen wegen der Struktur, die er Dirk gab, zum anderen wegen seines Horizonts, indem er Dirk aufzeigte, welchen Weg man denn gehen kann. Aber, dass er eines Tages zum besten Spieler der Welt gewählt wird, damit war ja auch nicht zu rechnen—obwohl er schon in Würzburg außergewöhnlich spielte.

Hat die ganze Geschichte dann erst mit dem Nike Hoop Summit so richtig Fahrt aufgenommen?
Es war vorher schon so, dass bei mir andere BBL-, aber auch NBA-Trainer angerufen haben, um zu erfahren, ob Dirk wirklich so gut ist. Wir hatten zum Beispiel in den Niederlanden ein Turnier, bei dem die Scouts von den Philadelphia 76ers zuschauten. Wir haben da gegen das U22-Nationalteam der Niederlande gespielt und Dirk hat die ersten 28 Punkte des Würzburg Selected Teams im Alleingang erzielt. Die Gegner wussten immer, was kommen wird, konnten es aber einfach nicht verhindern. Da sind die Zuschauer natürlich durchgedreht. Wir haben das Turnier dann auch gewonnen—spätesten da war Dirk Nowitzki auch wirklich ein Name. Der Hoop Summit hat natürlich trotzdem geholfen—man wusste aber trotzdem vorher schon, dass er Sachen kann, die andere nicht hinbekommen. Er war nie der große Athlet, hatte dafür aber immer das Gefühl und die Koordination für den Sport.

Über die Umstände von dem zweiten Summit wurde ja damals viel geschrieben. Unter anderem, dass Dirk seine Würzburger bei der Relegation im Stich gelassen hätte.
Ja, ich habe das erst im Nachhinein erfahren, aber ganz im Ernst: Von meiner Seite aus war es ein einziges Geschenk, dass Dirk nicht schon zwei, drei Jahre früher gegangen ist. Er hatte ja Angebote von Alba Berlin und Bayer Leverkusen auf dem Tisch liegen, bei denen er das Zwanzigfache verdient hätte und noch mehr. Von daher hatte er bei seiner Entscheidung vollen Rückhalt von jedem in der Mannschaft und aus dem Coaching-Stab, auch wenn das im Nachhinein anders dargestellt wird. Mir fehlt da einfach das Verständnis, ihn dafür zu kritisieren.

Dass Nowitzki ein loyaler Spieler ist, hat sich ja bis heute nicht geändert. Er hätte ja auch Dallas das eine oder andere Mal für einen lukrativen Deal verlassen können. Außerdem hat er ja immer wieder auf Geld verzichtet.
Deswegen hat es mir auch im Herzen gut getan, als die Mavericks damals die Meisterschaft gegen Miami gewonnen haben. Die Heat-Spieler haben ihn ja schon vor den Finals provoziert. Aufgrund der Loyalität wurden dadurch in Dallas Kräfte entfacht, die den Sieg erst möglich machten. Er ist ja heute noch bodenständig.

Wie hast du die Playoffs von Deutschland aus erlebt?
Wir haben hier an der Schule was ganz Tolles gemacht. Während der Playoffs habe ich angeboten, die Spiele live in den Computerräumen zu verfolgen. Wir haben dann am nächsten Tag bei Dallas-Siegen weiße Hemden getragen und bei Niederlagen schwarze. Am Ende waren wir sogar so viele, dass wir es in der Cafeteria vom Röntgen-Gymnasium geschaut haben.

Und wann habt ihr euch das letzte Mal gesehen?
Wir haben ja beide viel zu tun und deswegen haben wir uns das letzte Mal vor ungefähr zwei Jahren in einem griechischen Restaurant getroffen. Wir hatten auch dementsprechend viel zu bereden. Wir schätzen uns beide total und—obwohl wir nur noch wenig miteinander zu tun haben—ist der Kontakt auch nie verloren gegangen. Aber ich weiß auch, dass ich in Dirk immer einen Menschen hätte, der mir bei Problemen jederzeit helfen würde.