Aufgepasst, ihr Muggel: Quidditch ist ein Sport!

Was als nerdiges Campus-Phänomen begann, ist inzwischen ein progressiver Sport, der boomt. Ja, wir reden von Quidditch.

|
Apr. 14 2015, 3:35pm

Foto: Wikimedia Commons

Wenn du ihm jemals begegnest, während du einen amerikanischen Universitätscampus oder einen Park durchquerst, dann wirst du den Sport namens Quidditch auf Anhieb erkennen: Es wird an beiden Enden des Spielfelds drei Ringe auf Pfählen geben, Bälle werden zwischen den Spielern hin- und her oder durch die Tore hindurch geschlagen, da ist eine gelbgekleidete Person zu sehen, an deren Shorts ein Tennisball in einer Socke (auch „„Schnatz" genannt) hängt, und Menschen auf Besenstielen, die quer übers Feld rennen und einander dabei angreifen. Du wirst es erkennen, weil es aussieht wie sonst nichts auf der Welt. Das ist der einfache Teil. Der schwierige Teil ist, die extrem komplizierten Regeln, die eine steile, Kricket-artige Lernkurve haben, zu kapieren.

Farzad Sangari erfuhr das vor gar nicht allzu langer Zeit, im Jahr 2011. „„Ich lief gerade über den UCLA-Campus und sah, wie sie Quidditch spielten. Es war einfach eine seltsame Erfahrung", sagt er, „denn „ich hatte es noch nie gesehen, aber ich wusste sofort, was es war." Sangari ist der Regisseur der neuen Doku Mudbloods (Schlammblüter), die dem Quidditch-Team der UCLA bei seinen Vorbereitungen auf die Quidditch-WM 2011 folgt—kein Witz.

Als ich mich hinsetzte, um die Doku mit meinem Harry-Potter-begeisterten sechsjährigen Sohn anzusehen, durchlöcherte er mich mit Fragen wie: „„Werden sie Zauberstäbe haben? Werden sie aussehen wie wir? Können sie fliegen?" Als stolzer Besitzer einer Nachbildung von Potters Zauberstab war er ziemlich enttäuscht, als er herausfand, dass es keine Zauberstäbe gibt, die Spieler nicht wirklich fliegen können und dass sie tatsächlich so aussehen wie wir.

Quidditch-Spieler sind einfach nerdige Sportler (sportliche Nerds?), die es lieben, ihrem Sport nachzugehen. Ja, Quidditch ist ein Sport.

Und Quidditch erfreut sich wachsender Beliebtheit. In der kurzen Zeit, seit es 2005 zum ersten Mal auf dem Campus von Middlebury gespielt wurde, ist es in den USA und im Rest der Welt zu einer Art Mini-Phänomen geworden. Heute dient U.S. Quidditch (USQ) laut seiner Webseite „„landesweit mehr als 4.000 Sportlern in fast 200 Teams". USQ richtet jedes Jahr die Weltmeisterschaft sowie eine Handvoll anderer großer Turniere aus. Es gibt auch eine International Quidditch Association und eine zweijährige Veranstaltung namens The Global Games. Alex Benepe, der in Mudbloods vorkommt, ist der aktuelle Geschäftsführer von USQ und einer der Schöpfer der Muggelversion des Sports. „„Der Sport ist beliebter denn je", sagt er. „„Wir hatten über die letzten 4 Jahre ein durchschnittliches Wachstum von 40 Prozent."

Die Spieler sind größtenteils damit zufrieden, einfach auf Besenstielen über die Campus-Grünflächen der USA zu hüpfen, und dafür gibt es unzählige Gründe. Der erste Grund ist, dass die Leute Harry Potter lieben, und das Neuartige des Spiels zieht die Aufmerksamkeit der Medien auf sich. Benepe sagt, das Team von Middlebury sei am Anfang, nach der ersten WM 2007 in Middlebury, im Frühling 2008 auf Tour gegangen und habe sechs Colleges in sieben Tagen besucht, worüber es „viel Berichterstattung in den Medien gab. „Der Sport war „auf der Titelseite des Boston Globe, bei der ESPN-Sendung 360, live vor zwei Millionen Zuschauern im CBS-Frühstücksfernsehen und außerdem waren wir noch auf MTV." Das hat sich ausgezahlt. Die WM jenen Herbst hatte zwölf Teams, im nächsten Jahr waren es 21, 2010 waren es schon 46 und 2011 traten 94 Mannschaften vor 10.000 Zuschauern bei der Quidditch-Weltmeisterschaft in New York City an. Schließlich wurde 2014 „die Zahl der Mannschaften auf 80 begrenzt. „Um bei der WM dabei zu sein, müssen sich die Teams bei Regionalmeisterschaften qualifizieren", so Benepe.

Die Spieler haben auch eine Gemeinschaft erschaffen. In der Doku sprechen die Spieler häufig darüber, dass sie all ihre Zeit zusammen verbringen, zwei Leute im Team sind ein Paar, sie richten am Ende des Jahres Bankette aus und arbeiten zusammen, um Geld für ihre Turnierkosten zu beschaffen. Sangari sagt, er habe versucht, den „„Kameradschaftsgeist" und die „„Leidenschaft" des Teams einzufangen, etwas, von dem er glaubt, „dass viele dieser Menschen es nicht wirklich hätten, wenn es Quidditch nicht gäbe.

Kenny Chilton ist stellvertretender Mannschaftskapitän des Quidditchteams der University of Texas, der momentanen zweifachen Weltmeister. Inzwischen in seinem Abschlusssemester, erfuhr Kenny ursprünglich von dem Sport als er in seinem ersten Jahr an der Uni ein Treffen der Harry Potter Alliance besuchte. Er sagt, er habe die letzten vier Jahre „wegen der Teamkollegen Quidditch gespielt, und außerdem liebe er die Organisation an der UT.

Der Sport bemüht sich, ein inklusiver zu sein. USQ hat den niedlich betitelten „„Title 9 ¾" (Anspielung auf Title IX, das US-Gesetz, gemäß dessen keine Bildungsinstitution, die mit öffentlichen Geldern gefördert wird, Frauen und Mädchen benachteiligen darf), benannt nach dem Bahngleis an der Kings Cross Station in London, wo Potter in den Zug zu seiner Zaubererschule steigt. Title 9 ¾ verlangt, dass zu jedem Zeitpunkt auf dem Spielfeld Geschlechterparität herrscht. Der Schlüsselabsatz dieser Regelung ist die „„Maximal-Vier-Regel", laut der „jedes Team maximal vier Spieler haben darf, die sich als dasselbe Geschlecht identifizieren. Der Sinn dahinter, so USQ, ist „sicherzustellen, dass die Mannschaften sich bemühen, ein Team zu rekrutieren und aufzustellen, das Vielfalt besitzt.

Quidditch ist auch, und vielleicht ist dies das Wichtigste, ein mitreißender, körperlich anspruchsvoller Sport und, wie alle mitreißenden, körperlich anspruchsvollen Sportarten, fesselt er die Zuschauer. Laut Chilton ist Quidditch spielen „eine wirklich hervorragende Art, in Form zu bleiben." Sangari sagt: „„Es ist extrem sportlich. Die Leute verstehen nicht, wie viel es einem abverlangt, mit einem Besenstiel zwischen den Beinen zu rennen und ein einhändiges Spiel zu spielen." Chiltons Team verbringt „sechs Tage die Woche beim Training, wobei wir zwei bis drei Mal die Woche im Team trainieren." Er sagt, dies sei nötig, „„um auf dem Niveau, auf dem wir es tun, bei Wettkämpfen anzutreten", denn „die Leute da draußen seien „echte Sportler" und um mit ihnen mitzuhalten, müsse man hart trainieren.

Benepe sagt, seit Sangari 2011 die Doku drehte, habe Quidditch „angefangen, „halbwegs normal" zu werden, weil inzwischen so viele Menschen den Sport ausüben. „Viel mehr Leute wüssten inzwischen davon und „es „wird zu einem weitverbreiteten Phänomen." Sangaris Dokumentarfilm, der den Sport als spaßig und herausfordernd und die Wettkämpfe als voller Drama zeigt, wird wohl nur noch dazu beitragen.

Ich fragte meinen Sohn am Ende der Doku, ob er Quidditch spielen wolle, wenn er älter ist. Nachdem er gesehen hatte, wie sie einander auf dem Spielfeld tackeln (ein Spieler in dem Film musste mit dem Krankenwagen in die Notaufnahme, nachdem er eine blutige Kopfwunde abbekam), antwortete er ohne zu Zögern, dass er es nicht spielen würde, denn: „„Es ist zu hart. Man kann sich ganz schön verletzen." Dennoch sieht er für sich eine Zukunft in dem Sport. „„Ich könnte ein guter Schnatz sein", sagt er mir. Der Schnatz ist der Spieler, der einen Tennisball in einer Socke an seinen Shorts hängen hat—das erste Team, dass dem Schnatz die Socke wegnimmt, gewinnt 30 Punkte und das Spiel endet sofort. Die Aufgabe des Schnatzes ist es also, umherzurennen und sich nicht fangen zu lassen. Mein Sohn sieht mich an, während er es beschreibt—ein Glitzern in seinen Augen: „„Ich würde so schnell durchs Stadion rennen, dass keins von den andern Kindern mich fangen könnte."

Wenn der Sport sein momentanes Wachstum beibehält, wird er wohl jede Menge Gelegenheit haben, es zu versuchen.