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Was erwartet Fans in Russland?

Wir sprachen mit einer Russland-Bloggerin über Polizisten, mangelnde Begeisterung der Bevölkerung und explodierende Hotelkosten.

René Bosch

Ein russischer Fan bei der EM 2016 trägt auf seinem T-Shirt eine eindeutige Botschaft: "Die, die uns beleidigen, werden nicht einmal drei Tage überleben." | Foto: imago | Alexander Demianchuk

Seit vergangenen Freitag ist klar, wo die deutsche Nationalmannschaft ihre Vorgruppenspiele bestreiten wird: An der Schwarzmeerküste in Sotschi, in Kasan und im Final-Stadion der WM, dem Luschniki in Moskau. Doch was erwartet die Fans? Ein "Sommermärchen" wie 2006 in Deutschland oder doch eher ein russischer Emotionswinter? Wir haben mit Katrin Scheib gesprochen, die sich in ihrem "Russball"-Newsletter den Vorbereitungen des Turniers widmet. Sie hat uns erzählt, warum nicht jeder Russe Fußballfan ist, wie die Polizei den Spagat zwischen Freundlichkeit und Abschreckung schaffen will und wie die Doping-Geschichte der russischen Olympioniken die Gastfreundschaft beeinflusst:

VICE Sports: Lass uns gleich mit der wichtigsten Frage anfangen: Denkst du, die Bauarbeiten an den Stadien werden bis zum Eröffnungsspiel fertig sein?
Katrin Scheib: Ja, fertig werden die auf jeden Fall – ein paar hinken zwar im Moment noch hinterher, vor allem das Stadion in Samara. Aber bei so einem prestigeträchtigen Großereignis wird schon dafür gesorgt, dass es an sowas dann nicht hakt.
Es kann nur sein, dass es am Ende aussieht, wie damals bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi: Unmittelbar um die Sportstätten ist alles tiptop, aber dann schaust du dich mal ein bisschen um, und plötzlich endet der Radweg im Gestrüpp. Oder da, wo du aus dem Zug steigst, ist nur ein Loch im Boden mit Flatterband drum, aber keine Bushaltestelle. Das, was man im Fernsehen sieht, wird auf jeden Fall fertig sein.

Ein zentrales Thema sind immer wieder die russischen Hooligans. In einer BBC Dokumentation sprachen sie von der WM als einem "Festival der Gewalt". Werden sie ähnlich wie bei der EM in Frankreich für Schlagzeilen sorgen?
Das wollen die Veranstalter hier in Russland natürlich unbedingt vermeiden. Massive Polizeipräsenz ist bei russischen Fußballspielen nichts Besonderes. Je nachdem, wer gegen wen antritt, sieht man am Spieltag auch durchaus voll ausgerüstete OMON-Einheiten – das sind Sicherheitskräfte, die zur Nationalgarde gehören und aus einer Antiterroreinheit hervorgegangen sind. Andererseits wurde beim Confed-Cup sehr auf die Außenwirkung geachtet, da habe ich rund ums Stadion nur reguläre Polizisten gesehen, oft sogar lächelnd, gar nicht auf Abschreckung hin inszeniert. Das werden wohl die beiden Pole sein, zwischen denen sich die Sicherheitskräfte beim Turnier bewegen: potentielle Krawallmacher durch demonstrative Präsenz fernhalten, gleichzeitig aber versuchen, den Fans eine positive Atmosphäre zu bieten. Zum Ziel, Hooligans fernzuhalten, soll auch eine offizielle Liste des Innenministeriums beitragen: Wer da drauf steht, darf per se keine WM-Veranstaltungen besuchen können. Angeblich sind das fast 400 Namen.

Innerhalb Russlands spricht man eher über Korruption und Misswirtschaft. Die Olympischen Spiele verschlangen Unsummen, auch die WM wird nicht gerade günstig. Hat die Bevölkerung überhaupt noch Lust auf solche Großereignisse?
Korruption ist in der Tat ein Thema, das in der russischen Gesellschaft in den letzten Jahren zunehmend diskutiert wird. Der Oppositionspolitiker Alexey Nawalny positioniert sich ja vor allem über den Kampf gegen Korruption und die Videos, in denen er die Geldgier von Russlands Führungselite anprangert, werden von Millionen Menschen geguckt.
Ob das nun Auswirkungen auf die WM-Begeisterung hat, ist schwer zu sagen. Wichtiger ist da als Faktor vermutlich, dass Russland keine klassische Fußballnation ist. Selbst Erstligisten haben hier regelmäßig Probleme, ihr Stadion voll zu kriegen. Eishockey ist sehr viel populärer. Aber am Ende reißen solche Großereignisse, wenn sie einmal laufen, dann natürlich auch Menschen mit. Das war ja beim Sommermärchen in Deutschland nicht anders, wer da plötzlich alles Fußballfan war.

Lassen wir mal die Stereotype wie Wodka und Borsch beiseite: Was können Fans abseits des Fußballs vor Ort erleben?
Gurkenlimonade ist wirklich sehr lecker. Nein, im Ernst: Der Kreml in Kasan zum Beispiel ist beeindruckend, wo orthodoxe Kirche und Moschee unmittelbar nebeneinander stehen – der ganze Komplex ist Unesco-Weltkulturerbe. Von Sotschi aus kann man in die Berge hoch fahren und sich Stalins Datsche ansehen – dort gönnte sich der Diktator damals das gute Leben mit Pool und Meerblick, während parallel Millionen Russen in den Gulags hungerten und froren. Von Kaliningrad aus ist man schnell an der Ostsee, und Wolgograd sollte man – gerade als Deutscher – nicht verlassen, ohne im Stalingrad-Museum gewesen zu sein. Ansonsten kann ich abgesehen von den großen Sehenswürdigkeiten nur dazu raten, ein bisschen Alltag kennenzulernen, sich treiben zu lassen. Mal durch einen Hauseingang in einen Innenhof abbiegen. Ein bisschen mit der Marschrutka, also dem Minibus, fahren. Im Supermarkt auf gut Glück ein paar unbekannte Dinge kaufen. Nicht immer nur in die drei Restaurants gehen, von denen im Reiseführer steht, dass die Kellner Englisch sprechen.

Katrin Scheib, Russland-Bloggerin und Wahl-Moskowitin. Foto: Pascal Dumont

Deutschland beginnt bereits in der Vorrunde in relativ großen Städten. Die kleineren Austragungsorte sind hingegen kaum bekannt, Rostow am Don liegt sogar an der Grenze zur Ukraine, wo noch immer Krieg herrscht. Würdest du Fans trotzdem empfehlen, auch eine der kleineren Städte zu besuchen?
Ja, aus dem gleichen Grund, aus dem man sich auch Köln, Leipzig oder Hamburg ansehen sollte: So, wie Deutschland mehr ist als Berlin, ist Russland eben auch mehr als Moskau. Natürlich spielt politisch die Musik in der Hauptstadt, also kommt sie in der Russland-Berichterstattung am häufigsten vor. Aber wer hofft, vielleicht auch mal mit Russen ins Gespräch zu kommen über ihren Alltag, der muss wissen, dass dieser Alltag abseits der Hauptstadt anders ist.

Kommen wir zur deutschen Vorrunde: Sotschi beheimatete schon die Olympischen Spiele, damals wurde das Image der Stadt durch zweifelhafte Bilder wie doppelte Toiletten geprägt. Was hat sich seit dem denn getan?
Ich war nach den Olympischen Spielen mehrmals in Sotschi, zuletzt diesen Sommer während des Confed-Cups. Und unterm Strich war ich überrascht, wie gut vor allem die Straßen dort noch in Schuss sind, jedenfalls im Zentrum von Sotschi und im Vorort Adler. Da sind ja die meisten olympischen Sportanlagen und auch das Fischt-Stadium, in dem die deutsche Mannschaft spielen wird. Das Prinzip, dass zu einem Großereignis alles hübsch sein muss und dann sich selbst überlassen wird, scheint hier also nicht zu gelten – vielleicht auch deshalb, weil Präsident Putin gerne mal spontan nach Sotschi fliegt, um mit Freunden eine publikumswirksame Runde Eishockey zu spielen. Und dessen Wagen soll ja nicht über irgendwelche Buckelpisten rollen.

Der russische Sport steht wegen eines gigantischen Doping-Skandals unter Druck, in den letzten Jahren hörte man sogar von einem WM-Boykott verschiedener Nationen. Viele Russen fühlen sich von anderen Ländern unfair behandelt, sie glauben den Beweisen der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA nicht. Denkst du, das wird die Gastfreundschaft schmälern?
Nein, soweit würde ich nicht gehen. Also: Abends in der Kneipe nach dem fünften Bier ist „Na, was denkst du so über die WADA?“ vermutlich nicht der beste Gesprächseinstieg, um entspannt neue Leute kennenzulernen. Aber ernsthaft Gedanken würde ich mir nicht machen. Dafür sind Gastfreundschaft, gemeinsames Feiern, gemeinsames Anstoßen hier einfach zu wichtig. Kann sein, dass du im Gespräch mit einem russischen Fan irgendwann bei dem Thema landest. Und dann redet ihr halt darüber, wer von euch das wie sieht.

Sprechen wir mal über die “Touri-Basics”: Wird man denn mit Englisch klar kommen? Oder muss man das kyrillische Alphabet büffeln, um den Weg zum Stadion zu finden?
Muss man nicht, kann aber auch nicht schaden. Hier in Moskau gibt es seit ein, zwei Jahren immer mehr englische Hinweisschilder, mehr englische Durchsagen auf den Metrolinien, mehr Restaurants mit englischer Speisekarte. Abseits von Moskau und St. Petersburg sieht das aber schon ganz anders aus: Beim Confed-Cup hab ich zum Beispiel in Sotschi mal versucht, ein Ticket für ein Deutschland-Spiel zu kaufen, ohne dabei Russisch zu sprechen. Die ganzen Volunteers waren zauberhaft, aber Englisch sprach so gut wie keiner. Das war dann schon ein ganz schöner Akt, bis ich die Eintrittskarte hatte. Fans sollten sich dann doch lieber in der Woche vor der Abreise jeden Tag ein halbes Stündchen mit einer Russisch-App hinsetzen und sich das Alphabet verinnerlichen – so schwer ist das nicht.


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Wie schwierig ist es denn, an ein Visum ohne Ticket zu kommen? So wie es aussieht, können ja nur diejenigen visafrei nach Russland einreisen, die ab heute, den 5. Dezember, noch eines der Tickets ergattern können.
Ein normales Touristenvisum? Überhaupt nicht schwierig, höchstens etwas ungewohnt, wenn man im Schengen-Raum aufgewachsen ist. Ich lebe jetzt fast vier Jahre in Moskau, hatte in der Zeit schon jede Menge Freunde und Familie zu Besuch, und es hatte noch nie jemand von denen ein Problem, ein Visum zu bekommen. In den meisten großen Städten gibt es Reisebüros, die sich darauf spezialisiert haben. Die organisieren die offizielle Einladung, die man braucht. Im Prinzip kannst du das auch alles selber erledigen und dich mit deinen Unterlagen beim Visazentrum des nächsten russischen Konsulats anstellen, aber damit habe ich keine guten Erfahrungen gemacht – langwierig, umständlich, wenig hilfsbereit.

Wie teuer ist ein Fan-Aufenthalt in Russland eigentlich?
Also, zum Beispiel bei meinem Lieblingsitaliener – das ist weder eine Imbissbude noch ein besonders edles Restaurant: Pizza mit Schinken und Pilzen: 580 Rubel. Gurkenlimo (wie gesagt, sehr lecker): 240 Rubel. Tiramisu: 370 Rubel. Sind zusammen 1190 Rubel, also rund 17 Euro. Und das ist in Moskau, wo die Lebenshaltungskosten deutlich höher sind als an den meisten anderen WM-Austragungsorten.

Das gilt auch für die Unterkunft, ein Hotelzimmer in Moskau oder St. Petersburg kostet sicherlich mehr als etwas Vergleichbares in Jekaterinburg oder Kasan. Aktuell bekommt man hier in der Hauptstadt zum Beispiel ein Doppelzimmer in einem mittelguten Hotel (also: Sowjetcharme, aber sauber und mit der Metro nur 20 Minuten vom Zentrum entfernt) für rund 50 Euro. Die Preise werden aber – das hat Russlands Zentralbank vorausgesagt – bis zur Weltmeisterschaft steigen. Manche Prognosen rechnen sogar mit drei- bis viermal höheren Preisen. Neulich hat hier außerdem die Zahl die Runde gemacht, dass in Moskau schon 60 Prozent der Hotelbetten während der WM reserviert sind. Andererseits gibt es ja auch noch Hostels und Privatunterkünfte.

Wenn wir in einigen Jahren auf die WM zurückblicken, was denkst du wäre ein Fazit, das den Russen gefallen würde?
"Sensation: Russland übersteht erstmals bei einer Fußball-WM die Gruppenphase!"