Alle Fotos: Jermain Raffington

„Besser, er reißt die Klappe im Ring auf als auf der Straße"—beim Wrestling-Training in Neukölln

Wrestling ist Entertainment, Wrestling ist Stärke, ist Spontanität, ist Konzeption, Wrestling ist der Ort für unbürokratische Lösungen. Wrestling ist aber auch vor allem ein Zufluchtsort.

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Okt. 9 2015, 8:30am

Alle Fotos: Jermain Raffington

Es riecht nach Schweiß und Sportmatten in der Neuköllner Schulsporthalle. Hier trainieren die Wrestler der „German Wrestling Federation", aufgeteilt nach Erfahrungsgrad in verschiedene Gruppen. Die Anfänger üben zunächst vergleichsweise einfache Griffe und Wurftechniken, werden mit intensiven Konditions- und Kraftübungen malträtiert. Erst wenn sie sich darin bewährt haben, können sie am Training der Fortgeschrittenen teilnehmen. Wrestling mag zum großen Teil Entertainment sein, aber um die teilweise sehr komplexen und nicht ungefährlichen Bewegungsabläufe ausführen zu können, ist ein hohes Maß an Athletik und Körperbeherrschung erforderlich.

Chef-Trainer „Crazy Sexy Mike" achtet genau auf das Verhalten der Nachwuchswrestler. Persönliche Eigenschaften fließen mit ein, wenn es darum geht, den Charakter zu entwickeln, den sie später im Ring repräsentieren werden. Sein Schüler „Cash Money Erkan" etwa sei von Anfang an durch eine ziemlich große Klappe aufgefallen. Wenn er die mittlerweile vor Publikum aufreißt, dann ist das also nicht ausschließlich eine Show. Aber immerhin besser als auf der Straße, findet Mike. Andere treten zunächst eher schüchtern an und erhalten durch das Verkörpern eines besonders abgedrehten Wrestling-Charakters die Möglichkeit, aus sich herauszugehen. Die meisten populären Wrestler sind auch heute noch Männer. Die GWF hat aber auch weibliche Stars wie „Blue Nikita".

Die Charaktere fallen traditionell in zwei Kategorien: Ein „Face" ist ein strahlender Held, der versucht, die Gunst des Publikums zu gewinnen. Zumeist steht er einem „Heel" gegenüber, einem Bad Guy, der die Regeln nicht respektiert, obendrein die Zuschauer beleidigt und daher entsprechend verhasst ist. Manchmal startet ein Wrestler als positive Figur, wechselt dann aber ins Lager der Bösen. Dafür kann es verschiedene Gründe geben, zum Beispiel dass das Publikum den Charakter nicht so gut annimmt. „Vielleicht hat er auch einfach keine Lust mehr, immer zu lächeln und nett zu sein", meint Mike. So wie Koray beispielsweise, der nach einigen Jahren als Strahlemann plötzlich umsattelte und seither die Persona eines gemeingefährlichen Irren verkörpert.

Manche Schüler werden am kommenden Wochenende ihre ersten Kämpfe bestreiten. Die Charaktere dafür kriegen sie vorgeschrieben, denn beim ersten Auftritt geht es vor allem darum, Angst und Lampenfieber zu überwinden. Während die Rookies schwitzen, erklärt Mike nebenan den Profis, die bereits regelmäßig im Ring stehen, den Umgang mit konkreten Situationen. Jede Aktion muss abgestimmt sein auf die Storyline. Eine Technik sollte nicht nur einen konkreten Zweck erfüllen, also dem Gegner in irgendeiner Form zusetzen, sondern sie muss in die Geschichte passen, die das Match erzählt. Die klischeehafte Vorstellung, Wrestling sei vollständig durchchoreographiert, beziehungsweise „abgesprochen", trifft die Sache nicht wirklich. Hinter den einzelnen Moves stecken eher Prinzipien und teils geheime Regeln dafür, welche Reaktion auf welche Aktion zu folgen hat, damit ein Kampf zu einem gelungenen Ereignis werden kann.

Nach dem Training möchte ich von einigen der Rookies wissen, warum sie mit dem Wrestling begonnen haben. Die Teenager Aytac und Emre sind erst seit zwei Wochen dabei. Als Fans der US-amerikanischen WWE haben sie zuerst die Veranstaltungen der GWF besucht und dann beschlossen, es selbst einmal zu versuchen. Kenton, ein weiterer junger Athlet, trainiert zwar schon etwas länger, sagt aber von sich selbst, dass er noch eine Weile brauchen wird, bis er im Ring durchstarten kann. Er möchte noch ein paar Gewichte stemmen, Masse aufbauen und „wie ein Wrestler" aussehen. Ambitionen und einen Plan scheint er zu haben, der Körper muss noch angepasst werden.

In der Umkleidekabine erkenne ich den Rapper HighJakka, der die legendäre Einlaufmusik von Cash Money Erkan komponiert und eingespielt hat: „Böse und hart!". HighJakka startete als bloßer Begleiter von Erkan, wurde dann zum Manager, der auch in die Kämpfe eingriff, etwa durch hinterhältige Attacken in der Ringecke. Mittlerweile steht er als eigenständiger Wrestler im Ring. Mike erzählt mir, dass die Neuköllner Wrestlingschule großen Zulauf hat, seit mit Axel Tischer einer der ehemaligen Schüler den Sprung ins US-amerikanische Wrestling geschafft hat. Der Dresdner nennt sich jetzt Axel Wolfe und tritt in der WWE-Nachwuchsliga NXT an. Der Traum von internationalem Fame ist damit ein kleines Stück näher herangerückt an die Turnhalle in der Sonnenallee. Angeblich soll demnächst ein weiterer Deutscher in die USA gehen, sagt Mike. Dessen Namen will mir bei der GWF aber partout niemand verraten.

Der Spandex-Zirkus ist in der Stadt—Einblicke in die deutsche Wrestling-Szene

Bis Mai 2015 fand die monatliche „Berlin Wrestling Night" regelmäßig im Zirkuszelt „Shake!" am Ostbahnhof statt. Kaspar Denker vom Cabuwazi e.V., dem Betreiber des Zelts, erzählt mir am Telefon, dass Anwohner neugebauter Luxusapartments gegenüber sich wegen des angeblich zu lauten Gejohles der Wrestling-Fans beschwert hätten. Die Veranstaltungen sind daher nicht mehr möglich, das Zelt wird jetzt nur noch für den Kinderzirkus genutzt. Der Trend zur kleinkarierten Ruhestörungsanzeige gegen Veranstaltungsorte scheint in Berlin weiterhin anzuhalten.

Am Freitag beginnt das zweitägige Wrestling-Event im Huxley's mit dem Viertelfinale um den „GWF Berlin Title". An der Tür treffe ich den Nachwuchswrestler Kenton wieder. Als Teil der Einlass-Crew ist er bemüht, die drängelnden Fans ohne allzu großes Chaos abzufertigen. Auch andere Gesichter aus der Turnhalle sind hier auszumachen, denn die meisten Jobs rund um die Veranstaltungen werden von den Sportlern selbst sowie ihren Freunden erledigt.

Im Publikum entdecke ich einen alten Hasen des Geschäfts: Ali Aslan stand früher als „Flying Dragon" im Ring. Zwischen zwei Viertelfinalkämpfen interviewt der Moderator Ingo Vollenberg den Veteranen, der für das heutige Wrestling nicht viel übrig hat: „Früher haben wir echte Schlachten geschlagen", behauptet er. „Wir hatten keine Ringseile, sondern Stacheldraht." Nach einem Wortwechsel mit Crazy Sexy Mike sticht ihn der Hafer. Ali Aslan will zeigen, dass er es noch drauf hat und fordert einen Kampf gegen Mike. Den bekommt er prompt für den nächsten Tag zugesagt. Wrestling ist auch ein Ort für unbürokratische Lösungen.

Hintergrund ist hier ein Zerwürfnis im letzten Jahr. GWF-Vizepräsident Ahmed Chaer legte damals einen „Heel Turn" hin, wurde also vom Guten zum Bösen, und brach mit seinem Bruder und ehemaligen Tag-Team-Partner Crazy Sexy Mike. Diverse Wrestler folgten ihm auf die dunkle Seite der Macht, offenbar auch Aslan. Nur ein Beispiel dafür, dass Storylines oft über lange Zeiträume erzählt werden und eine hohe Komplexität erreichen können, wenn sie beim Publikum gut ankommen.

Am Samstagnachmittag geht es erst einmal für die Rookies zur Sache. Einer der Kämpfer tritt unter dem nichtssagenden Namen „TBA" an, ohne dass weitere Angaben gemacht werden. So ganz ohne Identität ist es natürlich nicht allzu einfach, bei den Zuschauern einen Eindruck zu hinterlassen. Doch eben darin besteht die Herausforderung für einen Neuen: Rauszugehen und es dennoch zu versuchen. Nach einem recht kurzen Kampf wird TBA von Pete Bouncer besiegt, einem ebenfalls jungen, aber bereits ziemlich populären Helden der Arena, der seine Ambitionen auf ein Titelmatch zu erkennen gibt.

Der Rapper HighJakka muss in einem „Fatal Four Way nach Mexican Rules" gegen drei Gegner antreten und schlägt sich wacker. Er verliert jedoch, da hilft es auch nichts, dass er dem Clown Slinky in die Eier tritt. Ein anderer Neuling mit dem reichlich obskuren Namen „Felix Flick Flack" wird vom notorischen Bösewicht Ronaldo gedemütigt und geschlagen. Der „Flying Dragon jr." (nicht zu verwechseln mit dem oben genannten „originalen Flying Dragon" Ali Aslan) ist für schräge sexuelle Anspielungen bekannt. Statt aggressiv einzulaufen wie die meisten Wrestler, räkelt er sich wie eine rollige Katze auf dem Boden herum. „What the fuck, ey!", brüllt ein Zuschauer angewidert, es folgen zahlreiche anzügliche Zoten. Ich überlege, warum es eigentlich keine wissenschaftliche Untersuchung zu Gender-Stereotypen im Wrestling gibt. Ach nein, die gibt es ja. Mithilfe fieser Tricks besiegt der Junior-Drache jedenfalls seinen Gegner Marcus „The Buccaneer" Monere, einen Piraten mit Pluderhose.

Beim Prematch waren nicht alle Reihen im Huxley's gefüllt, am Samstagabend jedoch ist der Saal rappelvoll. Der „Carribean Killer" Rambo zeigt sich nach seinem Eröffnungskampf gegen Chris Colen als schlechter Verlierer. Wie ein bockiges Kind weigert er sich zu gehen, muss aus dem Saal gebracht werden. Im nächsten Match schlägt Ivan Kiev seinen Gegner André Trucker. Da kommt Rambo hereingerannt und fällt über den besiegten Trucker her. Warum? Einfach so, weil er es kann und weil er böse ist. Gemein verhält sich auch das „Team Chaos und Körperverletzung" aus Koray und Cem Kaplan: Nachdem sie den „Young Lions" die Tag-Team-Titles von GWF und DWA abgenommen haben, traktieren sie ihre unterlegenen Gegner mit einem Stuhl (im Wrestling eine sehr mächtige Waffe). Weder Ringrichter noch Präsidium oder gar Ordner—einfach niemand ist in der Lage, die Fieslinge davon abzuhalten. Ein Spektakel. Auf dem Klo überhöre ich aber die Unterhaltung einiger Typen, denen die GWF-Shows zu professionell geworden sind. Sie vermissen die urige Atmosphäre im Zelt.

Ali Aslan besiegt Crazy Sexy Mike, aber nur mit Hinterlist: Ahmed Chaer lenkt Mike ab und Aslan verpasst ihm einen Tiefschlag. Nach gegenseitigen Herausforderungen und einigem Hin und Her wird beschlossen, dass die zerstrittenen Gründer der GWF im kommenden Monat in einem „Fatal Four Way" gegeneinander antreten werden. Der Abend endet mit dem fulminanten Sieg von Chris Colen gegen Ivan Kiev. „The Austrian Wolverine" Colen ist damit der neue Träger des „GWF Berlin Title" und das Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit. Seine Einlaufmusik dröhnt aus den Boxen und er hat erreicht, wovon die Anfänger träumen: Das größtenteils angetrunkene Publikum liegt ihm johlend, jubelnd und singend zu Füßen.