„Ich habe einfach auf mein Bauchgefühl gehört"—Neustädters EM-Chronik Teil 5

Im letzten Teil seiner EM-Chronik spricht Neustädter über seinen Titelfavoriten, den plötzlichen Abschied aus Schalke und den Traum von der WM im eigenen Land.

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Juni 23 2016, 2:20pm

Foto: Imago

Noch-Schalke-Profi Roman Neustädter spielte für Russland bei der EM in Frankreich. Für VICE Sports blickte er in den ersten Wochen des Turniers hinter die Kulissen. Nach dem russischen EM-Aus spricht er im letzten Teil seiner EM-Chronik über seinen Titelfavoriten, den plötzlichen Abschied aus Schalke und dem Traum von der Weltmeisterschaft 2018 im eigenen Land.

Gestern habe ich auf Facebook verkündet, dass ich Schalke nach vier sehr emotionalen Jahren verlassen werde. Die Kommunikation ist wegen des großen Umbruchs leider etwas chaotisch verlaufen. Ich habe einfach auf mein Bauchgefühl gehört und wollte nicht mehr länger als eine Notlösung hingehalten werden. Ich gehe mit Schalke und Herrn Heidel trotzdem im Guten auseinander. Schalke werde ich immer im Herzen haben und ich blicke auf eine unglaublich geile Zeit zurück. Bevor ich jetzt in den Urlaub fliege, suche ich mir einen neuen Verein. Meine russischen Mitspieler scherzten schon, wann ich denn zu ihnen in die russische Liga komme. Ich habe mir da aber noch keine Gedanken gemacht, weil ich ganz bewusst über die EM einen freien Kopf haben wollte. Einen konkreten Verein oder eine Tendenz gibt es noch nicht. Ich will mir erst mal alle Angebote anhören und suche mir dann den Verein aus, wo alles am besten zusammenpasst.

Leider muss ich mich mit diesen Dingen jetzt schon beschäftigen, weil das Abenteuer Europameisterschaft für mich und mein Team leider viel zu früh zu Ende gegangen ist. Nach einem guten Spiel gegen England und der Chance auf ein Unentschieden gegen die Slowakei haben wir unser entscheidendes Spiel gegen Wales deutlich verloren. Die ganze Mannschaft war natürlich extrem deprimiert. Wir wollten uns besser verkaufen und zeigen, wie viel Potenzial in diesem Team steckt. Ich persönlich war natürlich auch enttäuscht, dass ich auf dem Platz nicht helfen konnte. Die anderen Teams waren aber einfach stärker, das müssen wir uns letztendlich eingestehen.

Jetzt bin ich erst mal froh, nach so vielen Nächten im Hotel in meinem eigenen Bett schlafen zu können. Ich kann kein Hotelessen und auch keine Nudeln mehr sehen. Trotzdem war es eine schöne Zeit und ich habe mit meinem Team sehr viel gelacht. Oft kann man nach einigen intensiven Wochen den ein oder anderen nicht mehr sehen, aber das war mit diesen Jungs gar nicht so.

Mein schönster Moment des Turniers war definitiv mein erstes Spiel von Beginn an gegen England. Ich war wie in einer Traumwelt. Ich habe nur das Spiel gesehen und alles andere konnte ich ausblenden. Jeder kleine Junge träumt davon und ich durfte als einer der wenigen Auserwählten bei solch einem Turnier mitspielen. Und trotz des echt bitteren Ausscheidens nehme ich diese Glücksgefühle und die riesige Erfahrung mit nach Hause.

Auch sonst war das Turnier superschön. Die Organisation war sehr gut und ich nehme auch einige russische Musiktipps meiner Mitspieler mit nach Hause. Ansonsten kommt man in der Regenerationsphase auch immer zu anderen Dingen: Die heißgelaufene Playstation lasse ich erst mal aus und mit der Serie „Suits" bin ich auch so gut wie durch. Ansonsten habe ich sehr viele Spiele der anderen Teams geguckt. Deutschland hat mir bisher von allen Mannschaften am besten gefallen. Und da man Deutschland als Turniermannschaft kennt, weiß man, dass sie im Laufe eines Turniers erst richtig in Fahrt kommen. Ich denke, Frankreich hat bisher nicht sein ganzes Potenzial ausgeschöpft und wäre nach Deutschland mein zweiter Favorit auf den Titel.

Wir haben jetzt zwei Jahre Zeit, um uns bei der Weltmeisterschaft in der Heimat besser zu präsentieren. Große Gespräche über meine Zukunft in der russischen Nationalmannschaft gab es nach unserem Spiel gegen Wales nicht mehr, weil am nächsten Tag alle nach Hause geflogen sind. Einige ältere Spieler hören auf und es wird einen großen Umbruch in der Mannschaft geben. Doch wenn mich jemand fragt und ich gebraucht werde, bin ich da. Das Kapitel Nationalmannschaft ist für mich noch nicht zu Ende und ich will mit Russland noch viele Erfolgserlebnisse feiern. Aber es liegt auch viel Arbeit vor uns. Beim Confed-Cup in einem Jahr können wir das erste Mal sehen, ob wir den richtigen Weg gehen.

Liebe Grüße,

Roman.

Teil 4: „Ich habe mir das auch anders vorgestellt"

Teil 3: „Wie soll ich für diese Leute noch Vorbild sein?"

Teil 2: „Es ist gewöhnungsbedürftig, dass uns Leute mit Maschinengewehren begleiten"

Teil 1: „Im Team kennt keiner die Russenhocke"

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Protokolliert von Benedikt Nießen