Zu Besuch beim ersten Separatistenderby der Ukraine

Seit Ausbruch des ukrainischen Bürgerkrieges wurde in Donezk nicht mehr professionell Fußball gespielt. Doch vor zwei Wochen traten die Nationalmannschaften der Volksrepubliken Donetsk und Lugansk an. Wir waren dabei.

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14 August 2015, 12:30pm

Jack Crosbie

Ukraine im Jahr 2015. Die Fußballstadien in Donezk stehen seit über einem Jahr leer. Bevor der Bürgerkrieg im Land ausbrach, gab es in der Stadt ein halbes Dutzend professionelle Sportmannschaften, darunter drei Fußballvereine in der Premjer-Liha, der höchsten Spielklasse im ukrainischen Fußball. Doch nachdem die Stadt und die umgebende Region der Ukraine den Rücken gekehrt und ihre Unabhängigkeit erklärt haben, bestimmten zunehmend Gefechte und Grenzkontrollen das Bild. Bis heute. Darum ist Profisport in der selbst ernannten Volksrepublik Donezk fast zu einem Ding der Unmöglichkeit geworden.

Fußball ist mit Abstand der wichtigste Sport in der Ukraine. Schachtar Donezk, früher der größte Verein der Stadt, trägt seine Heimspiele mittlerweile im fast 1000 Kilometer entfernten Stadion von Lwiw, am anderen Ende des Landes, aus. Schachtar wird von seinen Fans fast wie eine Religion angesehen. Die Initialien des Vereins finden sich im gesamten Stadtgebiet verteilt als Graffitis an den Wänden. Und bei Sun City, einer beliebten Pizzakette, trägt die Bedienung als Arbeitskleidung orange Schachtar-Trikots. Darum geht es jetzt, wo Schachtar im weit erfernten und stramm proukrainischen Lwiw angesiedelt ist, vielen in der Stadt so wie den Römern im 14. Jahrhundert, als das Papsttum ins französische Avignon umsiedelte.

Am Samstag vor zwei Wochen kehrte der Profifußball (auch wenn der Begriff Profi recht weit ausgelegt ist) nach Donezk zurück. Ein Freundschaftsspiel zwischen den selbst ernannten Volksrepubliken Donezk und Lugansk stand auf dem Programm. Ausgetragen wurde die Partie im Stadion von Metallurg, dem zweit erfolgreichsten Team von Donezk. Mit anderen Worten fand ein erstes Separatistenderby statt.

Die Volksrepubliken von Donezk und Lugansk sind sogenannte Splitterrepubliken, die in einem Zustand von nichtanerkannter Quasi-Staatlichkeit existieren. Ihre Bürger benutzen noch immer ihre ukrainischen Pässe, und die Autonomie der beiden Volksrepubliken geht nur so weit, wie es die Russische Föderation zulässt. Gleichzeitig spielt Profisport eine wichtige Rolle beim Aufbau einer nationalen Identität, weswegen die beiden Volksrepubliken schnell zwei Nationalmannschaften zusammengestellt haben, um ein Freundschaftsspiel ausrichten zu können.

Auf beiden Seiten kamen vor allem Spieler aus der Gegend mit überschaubarer Profierfahrung zum Einsatz. Foto: Jack Crosbie

Beide Teams hatten genau ein Länderspiel auf dem Buckel, das sie beide gegen die Auswahl der Autonomen Republik Abchasien mit 0:1 verloren hatten. Also stand am Samstag das allererste Aufeinandertreffen beider Mannschaften bevor. Wie so ziemlich alle Veranstaltungen in der Volksrepublik Donezk wurde die Partie mit möglichst viel Fahnenschwenken und aufgeblasenem Zeremoniell begangen. Ellenlange Nationalhymnen durften dabei genauso wenig fehlen wie bewaffnete Soldaten an jeder Ecke und der Auftritt vom selbst ernannten Regierungchef Denis Pushilin. Auch für Trophäen, die dem WM-Pokal verdächtig ähnlich sahen, war gesorgt.

Vor dem Anpfiff dröhnte Technomusik aus den Stadionlautsprechern und der Stadionsprecher gab sich alle Mühe, seinen schier grenzenlosen Enthusiasmus auf die Zuschauer zu übertragen. Rund 3.500 Zuschauer füllten das weite Rund, das maximal 5.000 Besuchern Platz bietet. Fast alle waren Donezk-Fans. Das hatte vor allem damit zu tun, dass das Reisen zwischen den beiden Republiken äußerst kostspielig ist und häufig nicht gerade reibungsfrei verläuft. Auch wenn das Stadion ziemlich gut besucht war, konnte man die Zuschauerzahl nicht annähernd mit denen von Schachtar-Heimspielen vergleichen, als bis zu 60.000 Fans in die Donbass-Arena pilgerten.

Am Ende gewann Donezk klar mit 4:1. Schon zur Halbzeit führte der Gastgeber mit drei Toren und fing sich das einzige Gegentor erst in der 90. Minute. Die Mannschaft aus Lugansk hatte fast das ganze Spiel über Schwierigkeiten, ordentliche Angriffe vorzutragen. Das spielerische Niveau war Lichtjahre von der Premjer-Liha, vor allem aber von Schachtar entfernt. Denn die konnten 2009 sogar den UEFA Cup gewinnen und sind regelmäßig in Europa League oder Champions League vertreten. Von CL-Zauber war im Metallurg-Stadion wahrlich nichts zu sehen. Vielmehr bestimmten Grätschen, Rumpeltore und extrem wackelige Abwehrreihen das Geschehen. Unterhaltsam war das Spiel dennoch.

Auch wenn das spielerische Niveau einiges zu wünschen übrig ließ, waren die Fans von Donezk überwiegend glücklich. Glücklich darüber, dass endlich wieder Fußball in ihrer Stadt gespielt wurde. Foto: Jack Crosbie

Die meisten der Spieler waren „Local Guys", wie es Mikhail Mishin, Sportminister der Volksrepublik Donezk, ausgedrückt hat. Also Spieler aus der Region. Nur wenige von ihnen haben jemals in der Premjer-Liha gespielt. Dafür hatte man einen Spieler aus Nigeria, Perez Agong, in den eigenen Reihen (Mishin hat der russischen Nachrichtenseite gazeta.ru erzählt, dass Agong mit einem Mädchen aus der Gegend verheiratet sei und in der Volksrepublik Donezk wohnen würde).

Gazeta hat vor Kurzem berichtet, dass die wenigen Spieler von Lugansk, die schon mal erstklassig gespielt haben, aufgrund ihres Auflaufens für die Lugansk-Auswahl in der Premjer-Liha nicht mehr spielberechtigt seien. Darum ist es auch äußerst unwahrscheinlich, dass weitere Spieler, die aktuell in der ersten ukrainischen Liga spielen, das Risiko eingehen werden, für ihre Heimatregion Lugansk aufzulaufen.

So oder so: Die Spieler, die dabei waren, sorgten auf den Rängen für gute Stimmung. Dort sangen die Fans „Novorossiya", ein Begriff, der die beiden Volksrepubliken umfasst. Der Begriff stammt übrigens aus dem Russischen Reich des 18. Jahrhunderts.

In Abwesenheit von gegnerischen Fans gab es nicht wirklich eine Atmosphäre von Rivalität. Gestört hat das aber niemanden. Die Donezk-Fans waren einfach nur glücklich, dass sie in ihrer Heimatstadt endlich wieder live ein Fußballspiel im Stadion anschauen konnten. „Das war ein ganz besonderer Tag mit einer Atmosphäre wie unter Freunden", fand Ludmilla Tsakova, 54, die mit ihrem Mann Igor, 60, und einigen Freunden zum Spiel gekommen war (sie selbst gab an, die Mutter des Donezk-Trainers zu sein).

Sportminister Mishin hat gegenüber gazeta.ru gesagt, dass er eine Liga aus 18 Teams aus der Region zusammenstellen will. Außerdem hofft er, dass die Mannschaft der Volksrepublik Donezk bei der „Weltmeisterschaft der nichtanerkannten Staaten" teilnehmen kann.

Die Mannschaft der Volksrepublik Donezk hat das Team der Volksrepublik Lugansk mit 4:1 geschlagen. Foto: Jack Crosbie

Das Match hat keinen Eintritt gekostet und hat eine bunte Mischung aus dienstfreien Soldaten, Familien mit Kindern, Teenagergruppen und vielen Rentnern angelockt. Donezk ist vor allem im Sommer eine schöne Stadt und viele ihrer Einwohner verbringen ihre Freizeit in den verschiedenen Parks entlang des Flusses. Doch ohne richtigen Profisport fehlt der Stadt eine ihrer wichtigsten Unterhaltungsquellen. Das Fehlen von Schachtar und Metallurg macht sich fast überall bemerkbar. Sogar die Fanshops haben mittlerweile dichtgemacht.

Die Druzhba-Arena, wo das Hockeyteam H.C. Donbass seine Heimspiele austrägt, wurde bei Kämpfen im März letzten Jahres zerstört. Auch die Donbass-Arena von Schachtar soll von einigen Granaten getroffen worden sein. Die Bewohner der Stadt müssen sich mit gelegentlichem Granatfeuer, Lebensmittelengpässen und einer durch das Militär überwachten Ausgehsperre ab 23 Uhr arrangieren. Daher ist jede Form von Ablenkung vom Krieg unglaublich gern gesehen. Der Lärm von Artilleriefeuer außerhalb der Stadt dringt den ganzen Tag lang bis nach Donezk und nimmt vor allem zum Abend hin deutlich zu. Aber an diesem Samstag hat der Jubelsturm der begeisterten Zuschauer jede Form von Kriegsgeräusch übertönen können. „Heute war ein großartiger Tag", erzählt mir Luba Teshulka, eine 57-jährige Bibliothekarin. „Er hat mich an die Zeit vor dem Krieg erinnert."