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Gibt es bald wieder Stehplätze in England?

Seit über 20 Jahren sind Stehplätze im britischen Fußball verboten. Jetzt fordert sogar ein konservativer walisischer Politiker das „Safe Standing". Die Vereine signalisieren Interesse.

Markus Hofmann

Markus Hofmann

Foto: Imago

Englische Fußballfans dürfen sich berechtigte Hoffnungen machen, in nicht allzu ferner Zukunft ihre Teams wieder von Stehplätzen aus anfeuern zu können—das ist nämlich aufgrund des verheerenden „Hillsborough Disaster" seit Anfang der 90er-Jahre verboten. Bedanken können sie sich dafür neben dem schottischen Traditionsverein Celtic Glasgow bei dem konservativen walisischen Politiker Andrew R. T. Davies.

Davies ist ein bekennender Fürsprecher des sogenannten „Safe Standing" in Fußballstadien und befindet sich aktuell in Gesprächen mit der britischen Sportministerin Tracey Crouch. Die will er überzeugen, die Verantwortung für Stadionsicherheit an die walisische Nationalversammlung abzutreten, was—wenn erfolgreich—den Weg für erste Modellversuche mit dem sogenannten „Rail Seating System" frei machen würde. Mithilfe dieser Technologie könnte man ausklappbare Sitzplätze mittels eines Schlüssels „wegschließen", um eine Stehplatztribüne zu gewährleisten. Bei Europapokalspielen würde man die Sitzplätze dann wieder ausklappen (müssen).

Für Davies sind Stehplätze beim Fußball vor allem eine Frage der Fairness, schließlich dürfen Zuschauer bei Rugbyspielen oder bei Konzerten auch stehen. Nur beim Fußball soll dies jedoch gefährlich sein, wie er auf der Internetseite seiner Partei kritisiert.

Die walisischen Vereine Swansea und Cardiff City sollen bereits Interesse am Rail Seating System bekundet haben, ebenso der Premier-League-Verein Sunderland. Die Einführung von Safe-Standing-Plätzen hätte nicht nur die Zustimmung der einflussreichen Fanvereinigung „Football Supporters' Federation" (FSF), sondern auch der meisten britischen Fußballfans, wie eine Umfrage ergab, bei der sich 96 Prozent der Befragten für sichere Stehplätze aussprachen.

Doch damit Sunderland und andere EPL-Vereine wieder Stehplatztribünen anbieten können, müssten Gesetzesänderungen her. Denn seit über 20 Jahren besteht Sitzplatzpflicht in englischen Stadien. Auslöser war der 15. April 1989, an dem die Fußballseele der Insel großen Schaden nahm.

Szenen der schrecklichen Hillsborough-Katastrophe. Foto: imago

Im Halbfinale des FA Cup zwischen Liverpool und Nottingham Forest kam es zu einer der größten Katastrophen der Sportgeschichte, als unzählige Zuschauer zu Tode gedrückt wurden. Insgesamt verloren 96 Menschen ihr Leben und 766 wurden verletzt. Da das Spiel im Sheffielder Hillsborough-Stadion ausgetragen wurde, hat es unter dem Namen Hillsborough Disaster traurige Berühmtheit erlangt.

Was in Wales noch Wunschdenken und in England Zukunftsmusik ist, wird in Schottland ab diesem Sommer schon Wirklichkeit sein. Dann nämlich führt Celtic Glasgow das „sichere Stehen" in seinem Celtic Park ein. Nach fünfjährigen Verhandlungen erhielt der schottische Serienmeister im Juni letzten Jahres die Zustimmung zum Stadionumbau, der insgesamt 2.600 optionale Stehplätze schaffen soll.

Schaut man sich die vielerorts maue Stimmung in englischen Stadien an—die ganz im Zeichen von Kommerzialisierung und Eventies stehen—ist den Walisern zu wünschen, dass sie mit ihrem Vorhaben Erfolg haben, um so den Druck auf die Premier League zu erhöhen. Dass England Stehplätze kann, zeigen schließlich seine dritte und vierte Liga.