Valentin—der Werder-Ultrà, an dem die Polizei ein Exempel statuieren wollte

Der Bremer Ultra Valentin kommt nach deutschlandweiten Solidaritätsaktionen und 134 Tagen U-Haft frei. Der Prozess steht ihm aber noch bevor. Auch, weil er einen rechten Bremer Hooligan attackiert haben soll.

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Nov. 12 2015, 2:15pm

Screenshot: twitter.com/Osterdeicher

Lange haben Bremer Ultras, deutschlandweite und sogar internationale Solidaritätsaktionen dafür gekämpft: Der Bremer Ultrà Valentin wurde nach 134 Tagen aus der Untersuchungshaft entlassen, wie es eine Facebook-Seite, die die „Freiheit für Valentin" fordert, meldet. Die Freilassung habe mit dem Wechsel des Richters und der Tatsache, dass Valentin unter Druck des Staatsanwalts zwei Tatvorwürfen zugestimmt haben soll, zu tun. Der Kampf für Gerechtigkeit fängt aber jetzt überhaupt erst an.

Valentin bekam während seines 134-tägigen Aufenthalts in Untersuchungshaft viel Unterstützung. Auf mehreren Veranstaltungen forderten Teilnehmer die Freilassung des 21-Jährigen. Die Bremer Ultras haben bei jedem Spiel ein Banner mit „Einer fehlt—Valentin" im Block hängen. Im Pokal-Spiel in Würzburg wurde ihm sogar eine Choreo gewidmet: „Freiheit für Valentin". Auch andere Ultragruppierungen solidarisierten sich mit Valentin und den Bremern.


Für die deutsche Justiz ist Valentin jedoch kein Ultra oder Freund, sondern ein politisch motivierter Gewalttäter. Seit Anfang Juli saß er in Untersuchungshaft, weil ihm fünf Vergehen angelastet werden—allesamt wegen gemeinschaftlich gefährlicher Körperverletzung. Einer der Vorfälle ereignete sich am 19. April 2015. Nach dem Spiel von Werder Bremen gegen den Hamburger SV trieb die Polizei eine Gruppe Bremer Ultras auf die Fankneipe „Verdener Eck" zu. Diese wird regelmäßig von rechten Bremer Hooligans besucht. Es kommt zur Eskalation zwischen antirassistischen Ultras und den rechten Hooligans.

Laut Aussagen der Ultras und Augenzeugenberichten des Bremer Fanprojektes griffen die rechten Hooligans die eher politisch linksorientierten Ultras an. Die Rolle der Polizei als „Treiber" wird ebenfalls kritisiert. Die Polizei wiederum widerspricht den Anschuldigungen und verweist auf ein Video, auf dem mehrere Ultras, darunter Valentin, auf einen rechten Hooligan losgehen. Sie nehmen Valentin fest.

Alle Hintergründe: Bremer Ultras und ihr Kampf gegen rechte Hooligans und die Staatsgewalt

Auch heute sind die kritischen Stimmen für die zweifelhafte Rolle der Bremer Polizei nicht erloschen. Valentin gilt als Bauernopfer und durch seine Verhaftung sollte ein Exempel statuiert werden. Die Staatsanwaltschaft wehrt sich vehement gegen den Vorwurf und rechtfertigt die Verhaftung. Ihr zufolge gehe es nicht darum, ob Valentin politisch links, rechts oder in der Mitte stehe, sondern alleine darum, dass er ein Gewalttäter sei. Die rechten Gewalttäter der Bremer Hooligan-Szene wüten jedoch bis heute.

Eben das ist das Problem. Die Bremer Polizei verschließt seit Jahren schon die Augen vor den Auseinandersetzungen zwischen rechten Hooligans und linken Ultras. Für sie ist es ein Kampf zwischen Fußball-Rowdies, die nur Bock auf Gewalt haben. Den Zusammenhang und Kontext sehen sie nicht, bemängelten bei SPON auch Thomas Hafke und Daniel Behm vom Bremer Fanprojekt. Dabei lassen sich diese Grabenkämpfe bis ins Jahr 2007 zurückverfolgen. Damals überfiel ein rechter Hooligan-Mob eine Feier von den Bremer Ultras. Die Täter kamen mit geringen Geldstrafen davon und mischen bei den Konflikten bis heute mit. Valentin musste hingegen in U-Haft.

Die Staatsanwaltschaft erhöhte zuletzt den Druck auf Valentin. Sie steckte ihn für sechs Wochen in Isolationshaft und verlegte ihn in die von Bremen zwei Stunden entfernte Jugendanstalt Hameln. Laut Angaben der oben genannten Facebookseite forderte der ermittelnde Staatsanwalt „eine Auseinandersetzung Valentins mit seinen Taten", woraufhin Valentin „zwei Tatvorwürfen" zugestimmt haben soll. Jetzt wurde er vorerst freigelassen. „Valentin sollte vor dem Gesetz einknicken und Reue zeigen", kommentieren seine Freunde die Vorgänge.

Ein Spendenkonto mit dem Verwendungszweck „Freiheit für Valentin" ist schon länger eingerichtet. „Mit der Entlassung Valentins aus der Untersuchungshaft darf diese Solidarität jedoch nicht abreißen! Der Prozess steht noch an und wird unsere weitere solidarische Begleitung erfordern." Denn seine Unterstützer wissen, dass jetzt erst die teuren Prozesse beginnen. Dann könnten auch die Vorfälle vom 19. April und ihre Vorgeschichte endlich aufgeklärt werden.

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