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Wrestler Ryback hat die hässlichen Praktiken hinter den Kulissen der WWE enthüllt

Das Wrestling-Geschäft gibt außerhalb des Rings eigentlich nur wenig preis. In einer Mischung aus Essay und Schimpftirade offenbart Ryback nun die ungerechte Geldverteilung.

Ian Williams

Image via Flickr User Ed Webster/Wikimedia Commons

Professionelles Wrestling ist ein zwielichtiges Geschäft. Selbst für eingefleischte Fans ist es nicht gerade einfach, von außen die genauen Abläufe hinter den Kulissen auszumachen. Es gibt diverse Verhaltenskodexe und Fachbegriffe, die schon viele Jahrzehnte zurückgehen, und dazu besteht quasi schon genauso lange eine Kultur an manchmal fast schon sadistisch anmutenden Späßen. Medikamente und andere Mittelchen bestimmten das Geschehen im Ring und machen das mancherorts auch immer noch: Aufputschmittel bringen die Sportler dabei in Fahrt und Beruhigungsmittel lassen sie schlafen—das war lange Zeit ganz normal. Das Geschäft ist undurchsichtig, von Gruppenbildung geprägt und besessen von seinen eigenen Jargons, Kodexen und Bräuchen. Wenn man sich den genauen Mittelpunkt zwischen Schaustellerkultur und Militärdienst vorstellt, dann kommt man dem Ganzen wahrscheinlich schon ziemlich nahe.

Dieser Ruf der mysteriösen Welt wird durch einen bestimmten Umstand aber noch mal zusätzlich verstärkt: Pro-Wrestler reden immer noch nur wenig darüber, wie das Geschäft hinter den Kulissen wirklich abläuft. Selbst nach dem Niedergang von Kayfabe ziehen die Athleten in Bezug auf die Wrestling-Realität immer noch an einem Strang—und zwar mithilfe einer Kombination aus Stillschweigen und dem Aussprechen von Wahrheiten, die so bizarr und unglaubwürdig anmuten, dass man sie wohl kaum für bare Münze nehmen kann. Das trifft vor allem in der heutigen Zeit zu, in der die WWE quasi das Wrestling-Monopol innehat.

Das tragische Vermächtnis des Chris Benoit

Die WWE sieht es dabei gar nicht gerne, wenn sich jemand in den Medien zu den dunkleren Seiten des Business äußert. Die Themen Bezahlung und Arbeitsstunden sind dem Unternehmen dabei ein besonderer Dorn im Auge. Wo die ganzen Späße und Tourgeschichten immer noch die Illusion eines Wanderzirkus aufrecht erhalten, lassen Dinge wie etwa die Details zu John Cenas Altersvorsorge den Egotrip der WWE doch eher wie eine Sache erscheinen, die innerhalb des Kontexts unserer eigenen Arbeitswelt existiert. Irgendwie vermiest es einem schon den Spaß, wenn man weiß, dass die WWE-Superstars im Grunde auch einfach nur Angestellte sind. Wir haben keine rechte Ahnung, wie genau die Vorstandsfamilie der McMahons arbeitet, weil die Wrestler nicht viel darüber reden. Wenn man jedoch ein Monopol darstellt—und genau das macht die WWE in Nordamerika—, dann kann man eben auch seine Angestellten erpressen oder die Medien ausspionieren.

Ein besonders verärgerter Ex-Angestellter ist dabei CM Punk, der mögliche UFC-Debütant und Angeklagte in einem Gerichtsverfahren, das von seinen ehemaligen WWE-Arbeitgebern eingeleitet wurde. Punk besaß die Kühnheit, sich öffentlich zu der medizinischen Betreuung sowie den Booking-Praktiken des Wrestling-Unternehmens zu äußern. Erstgenanntes ist dabei ziemlich selbsterklärend: Angeblich hat die WWE Punk trotz andauernder Krankheit zu sehr eingespannt und ihn dabei von einem inkompetenten Arzt behandeln lassen. Im zweiten Punkt bezog sich der ehemalige Wrestler dann auf seine Unzufriedenheit mit Wrestling-Stil und -Ablauf der WWE. Dabei sprach er auch die Probleme an, die auch viele Fans mit den Storylines haben—zum Beispiel überbezahlte Teilzeitathleten wie etwa The Rock. Abgerundet wurde das Ganze dann noch von einem Hauch eigennütziger Werbung für den Charakter CM Punk.

Foto via Flickr user Miguel Discart/Wikimedia Commons

Punk war in den vergangenen Jahren dabei der wohl lautstärkste Kritiker der WWE-Praktiken sowie ein seltenes Beispiel dafür, wie sich ein ausgebrannter Athlet zu der mörderischen Art und Weise äußert, auf die das Unternehmen sein Ding durchzieht. Diese Woche hat es ihm allerdings ein doch etwas überraschender Kollege gleichgetan: Der Midcard-Muskelprotz Ryback hat sich auf Tumblr ziemlich deutlich zu den Bezahlungspraktiken der WWE geäußert. In dem Post, der wie eine Mischung aus Essay und Schimpftirade daherkommt, zeigt Ryback auf, wie das Wrestling-Unternehmen seine Angestellten entlohnt.

Ryback hat offensichtlich genau darüber nachgedacht, was er da niederschreiben wollte, und driftet dabei sogar manchmal in eine existenzielle Richtung ab. „Natürlich hat man es schon immer so gemacht", meint er, „aber ist es deswegen auch automatisch richtig?" Im weiteren Verlauf legt er dann eine Tatsache detailliert dar, die so zwar schon lange vermutet wurde, aber nichtsdestotrotz einschlägt wie eine Bombe: Es gibt eine Art Gewinnertopf. In anderen Worten heißt das, dass der Verlierer eines Matches, dessen Ausgang vorher festgelegt wird, weniger verdient als der Gewinner, den eine kleine Gruppe an Menschen auswählt, die für ihre Kleinlichkeit, ihr Geläster und ihre Willkür bekannt sind.

So wie Ryback das Ganze beschreibt, ist es quasi so, als würde der Comedian, über den sich bei einer Comedy-Show ständig lustig gemacht wird, weniger Gehalt bekommen. Aber selbst dieser Vergleich ist nicht ganz adäquat, weil es bei Wrestling oft so abläuft, dass die Verlierer die meiste Arbeit machen, weil sie den Gewinner besser aussehen lassen, als er eigentlich ist. Ob das nun auch auf Ryback zutrifft (dessen Wrestling-Fähigkeiten werden irgendwo bei „nur OK" eingestuft), ist in dieser Debatte erstmal zweitrangig. Kein Jobber bedeutet auch kein Gewinner. Und kein Gewinner bedeutet kein Superstar.

Wrestling ist tot—lang lebe Wrestling

Um seinen Text noch weiter zu verschärfen, erklärt Ryback einen weiteren Umstand, der das WWE-Universum noch unfairer dastehen lässt: So besteht zwischen den Superstars und „normalen" Wrestlern nicht nur das vermutete Lohngefälle, auch Dinge wie etwa Merchandise-Verkäufe bedeuten außerdem, dass den Verlierern da noch mal zusätzliches Einkommen verwehrt wird.

Hier muss jedoch auch angemerkt werden, dass sich Ryback etwas unklar ausdrückt und man durch seine Aussagen nicht genau weiß, ob die Verlierer jetzt langfristig gesehen weniger bezahlt bekommen oder ob es das ist und dazu noch zusätzlich der oben erwähnte Gewinnertopf besteht. Man hat den Eindruck, dass der zweite Fall zutrifft, aber Ryback ist halt nun mal nur ein muskelbepackter Wrestler und kein Autor. Eine Sache steht allerdings fest: Ryback stößt die bizarre und unfaire Lohnstruktur der WWE sauer auf. Und er steht mit seinem Frust ganz sicher nicht alleine da.

Rybacks Post kommt in einer Zeit, in der er für die WWE nicht mehr im Fernsehen zu sehen ist, da sich sein Vertrag dem Ende nähert. Dabei erweckt er auch nicht wirklich den Eindruck, diesen Vertrag erneuern zu wollen—zumindest nicht unter den derzeitigen Bedingungen. In der WWE sind die Wrestler als selbständige Unternehmer angestellt, die jedoch nicht die Möglichkeit besitzen, von jetzt auf gleich zu einem anderen Arbeitgeber zu wechseln. Im Grunde habe die Athleten das schlimmste Los gezogen: Trotz ihres Angestelltenstatus können sie nicht einfach so kündigen und sie werden dazu noch schlecht bezahlt (was dann in den USA noch dazu führt, dass sie gefährlich unterversichert sind). Dadurch, dass die WWE Rybacks Vertrag jetzt einfach so auslaufen lässt, anstatt den Wrestler bis zum Vertragende weiter zu beschäftigen, wird dem Athleten nicht nur Geld verwehrt, sondern durch die fehlende Publicity geht auch noch dessen „Marktwert" zurück. In anderen Worten: Ryback ist gerade das Opfer eines unglaublich rücksichtslosen Vorgehens und hat jedes deshalb Recht der Welt, sich darüber aufzuregen.

Die ganze Geschichte hat aber auch noch einen kleinen Twist: Als sich CM Punk aus dem Wrestling-Geschäft zurückzog und dann von seinem Kumpel Colt Cabana für einen Podcast interviewt wurde, warf er Ryback vor, unsauber zu wrestlen. Im gleichen Zug behauptete er außerdem noch, dass der Riese ihm mit einem Kick mehrere Rippen gebrochen hätte. Abgerundet wurde das Ganze dann mit einer Anspielung, dass Ryback wohl Steroide nehmen würde. Seitdem herrscht zwischen den beiden Athleten inoffiziell dicke Luft. Da sich CM Punk jedoch kaum mehr zum Thema Wrestling äußert, geht dieser Streit eher von Rybacks Seite aus.

Irgendwie mutet es es schon ziemlich ironisch an, dass sich CM Punk und Ryback—die aufgrund ihrer Wut auf ihren tyrannischen (Ex-)Boss eigentlich auf der gleichen Seite stehen sollten—so in den Haaren liegen. Leider passen sie damit perfekt in die lange und starrköpfige Beziehung zwischen dem Wrestling-Geschäft und dessen Protagonisten, welche wie ein generationsübergreifendes „Divide and conquer"-Schauspiel anmutet, bei dem die Mächtigen ordentlich absahnen, das Management kleinere Streitigkeiten fördert und diejenigen, die den Status Quo in Frage stellen, ganz schnell in die Belanglosigkeit verbannt werden. Wenn sich daran jemals etwas ändern soll, dann müssen die Wrestler dem Beispiel von Ryback folgen und mehr Klartext reden. Je mehr wir über das bizarre und unfaire Grundgerüst der Wrestling-Welt erfahren, desto einfacher ist es auch, die Wut der Athleten zu verstehen und auch selbst zumindest ein klein wenig wütend zu werden.