Wie strukturiert der Wahnsinn einer XXL-Bundesliga-Konferenz abläuft

Trotz Fernsehen werden am Samstag wieder über 8 Millionen Fans bei der Radio-Konferenz mitfiebern. WDR 2-Sportchefin Sabine Töpperwien erklärt, warum die Konferenz im Radio besser als im Fernsehen funktioniert.

|
17 Mai 2017, 12:00pm

imago/teutopress

„Wir sind die Anwälte der Spiele", erklärt Reporterin Sabine Töpperwien. „Es geht darum, glaubwürdig und engagiert rüberzubringen, was in meinem Stadion passiert." Die 56-Jährige hat jeder Fußballfan schon mal in der Bundesliga-Radiokonferenz der ARD gehört. Töpperwien kommentierte 1989 als erste Frau überhaupt in Deutschland ein Spiel der Radio-Konferenz und gehört mittlerweile für Generationen von Hörern zum samstäglichen Bundesliga-Geschehen dazu. Uns erklärt Töpperwien, mittlerweile Sportchefin des für die Fußball-Bundesligaübertragung federführenden WDR 2, wie spontan, aber strukturiert der XXL-Spieltag hinter den Kulissen abläuft und warum ihr immer noch (laut ARD-Angaben) 8 Millionen Menschen jeden Samstag zuhören.

Das besonders Schöne, aber gleichzeitig Herausfordernde an der Radiokonferenz ist, dass wir niemals drei Sekunden schweigen dürfen. Sonst denken die Hörerinnen und Hörer, ihr Radio sei kaputt. Alles natürlich ohne Floskeln und vorab aufgeschriebene Redewendungen. Wenn ich ein Spiel kommentiere, in dem es noch um viel geht, wo Tore fallen und Tabellenkonstellationen sich verändern, dann bin ich in einem Tunnel. Ich muss neben der aktuellen Lage in der Tabelle auch innerhalb kürzester Zeit erklären, wie die Mannschaften spielen, wie sie taktisch stehen, ob eine Führung verdient ist, ob es Schmankerl an der Außenlinie gibt. Und an diesem 34. Spieltag muss man zusätzlich noch den anderen Reportern immer gut zuhören. Das ist Adrenalin pur. Da schwitzen wir wie Schauspieler auf der Bühne. Denn anders als beim Film, wo es die erste oder auch die zwölfte Klappe gibt, gibt es bei uns keine zweiten Versuche.

Sabine Töpperwien im Gespräch mit Peter Neururer (Foto: imago/Weckelmann)

Die Zusammenarbeit zwischen den Reportern ist aber nicht so hektisch, wie man annehmen würde. Es ist zwar spontan, aber strukturiert. Unsere Regisseurin Kerstin von Kalckreuth sitzt in der Schaltzentrale im WDR 2 Sendezentrum in Köln und hat die inhaltliche Hoheit über die Konferenz. Neben ihr sitzen zwei Techniker, die die Regler der einzelnen Spiele bedienen. Und jeder Regler ist auf Halb-Acht-Stellung. Das heißt, es wird in dieser Konferenz kein Regler ganz geschlossen beziehungsweise stumm sein. Alle anderen können den gerade sprechenden Reporter jederzeit unterbrechen. Wir warten also nie auf irgendeine Regie – bei einem Tor schreien wir. Wichtig ist, dass wir nicht nur "Tor, Tor, Tor" schreien, sondern "Tor in Köln" oder "Tor in Ingolstadt", so dass die Techniker den entsprechenden Regler sofort komplett hochziehen und den anderen zurücknehmen. Falls zwei Reporter gleichzeitig schreien, setzt sich der mit der kräftigeren Stimme durch. Eingreifen muss die Regisseurin nur, wenn wir zu ballverliebt werden und mit unserem Spiel durchgehen. Dann kriegt man aufs Ohr: "Weiter an", "Schluss" oder "Blitztabelle". Vor diesem XXL-Spieltag spielt diese natürlich eine besondere Rolle. Wenn Hoffenheim gegen Augsburg führt und Dortmund gegen Werder zurückliegt, dann ist es wichtig, dass wir Reporter einordnen, wer gerade im Kampf um den direkten Champions-League-Platz vorne liegt. Unsere Hörer sitzen im Auto oder liegen im Garten und haben nicht gerade den Videotext, eine App oder den TV-Bildschirm vor sich.

Damit wir nicht zu lange erzählen, hat jeder von uns eine Stoppuhr in der Hand: In der ersten Runde soll jeder 20 Sekunden den Hörern eine Standortbestimmung geben und danach ist die Richtzeit bei 60 Sekunden. Wenn aber bei einem Spiel die Luft raus ist oder es eine Paarung gibt, in der es um nichts mehr geht, müssen wir uns kürzer halten. In den letzten 10 Minuten werden wir dann den Existenzkampf in den Fokus rücken und die anderen Reporter melden sich nur noch, wenn etwas passiert. Denn das ist auch ein Geheimnis der Radio-Konferenz: Wir wollen möglichst schnelle Wechsel, für viel Dramaturgie und Fluss. Und bei neun Spielen ist das schon jede Menge Holz, wie die Vergangenheit zeigt.

An zwei ganz dramatische Konferenz-Momente erinnere ich mich noch gerne zurück: Als 1999 die Clubberer aus Nürnberg abgestiegen sind, obwohl sie auf dem zwölftem Platz standen und sich das erst am Ende der Schlusskonferenz entwickelte. „Hallo, hier ist Nürnberg, wir melden uns vom Abgrund", sagte der Kollege Günther Koch damals. Der zweite Moment ist natürlich der Viereinhalb-Minuten-Meister der Herzen aus Schalke im Fernduell gegen den FC Bayern. In der Konferenz sah es schon so aus, dass die Schalker Meister waren. Während der Kollege in Hamburg signalisierte „Hier ist noch nicht Schluss", feierten die Spieler und Fans in Gelsenkirchen schon. Das war natürlich Wahnsinn. Es ist das, was die Konferenz ausmacht: Am Ende gibt es ein Ergebnis, aber im Laufe eines Spiels führt die eine Mannschaft und die andere Mannschaft dreht das Ergebnis wieder. Dieses Auf und Ab sorgt für Bauchkribbeln.

Als Sportchefin beim WDR-Hörfunk sympathisiere ich natürlich mit unseren NRW-Klubs. Daher würde ich mich freuen, wenn Dortmund den direkten Champions-League-Platz erreichen würde. Oder wenn Köln mal in die Europa League zieht. Dienstlich bin ich von keiner Mannschaft Fan – privat schon. Aber das ist eben privat. In dem Moment, wo ich auf der Antenne bin, versuche ich, objektiv, aber trotzdem emotional das Geschehen für alle Hörer einzufangen. Wir senden bundesweit und sind kein Lokalsender. Wenn Mainz am Samstag ein Tor in Köln schießt, dann werde ich das auch mit voller Inbrunst rüberbringen. Der Hörer ist dann gespannt, wer das Tor geschossen hat und kann es eigentlich nur an der Atmosphäre der Zuschauer im Hintergrund erahnen. Wir sind Anwälte der Spiele, denn es ist nicht unser Job, uns selbst in den Fokus zu rücken. Es geht darum, glaubwürdig und engagiert rüberzubringen, was in meinem Stadion passiert. Und wer wirklich besser spielt, wird dann auch von mir gefeiert. Dadurch kriegt man dann hinterher auch gerne mal befremdliche Hörerpost von eingefleischten Fans.

Es gibt ja auch immer den Eindruck, dass die bayerischen Kollegen patriotischer und subjektiver wären. Das entsteht übrigens nur deswegen, weil die erfahreneren und bekannten Kollegen vor Ort sehr stimmgewaltig sind und einen Dialekt sprechen. Dadurch wird das Ganze potenziert und es wird sehr emotional. Ich glaube nicht, dass die anderen Reporter aus der Republik weniger emotional sind. Das ist natürlich immer eine Typfrage: Wir haben zurückhaltendere und andere wie mich, die sehr emotional und spontan sind. Gerade bei neun Spielen ergänzt sich das gut, denn es ist schön, wenn die Stimmen unterschiedlich sind. Es ist auch wichtig, dass die Intensität unterschiedlich ist, denn wir dürfen nicht alle nur herumbrüllen. Das wäre viel zu anstrengend für den Hörer.

Töpperwien im Jahr 2016 (Foto: imago/Sven Simon)

Ich glaube wirklich – und das ist kein Lippenbekenntnis –, dass das Instrument einer Konferenzschaltung im Radio enormen Glanz entfacht, aber im Fernsehen verwirrt. Wenn man im Fernsehen ein einzelnes Spiel komplett guckt, ist das klasse und man kann sich ein eigenes Bild machen. Aber in dem Moment, wo es um eine Konferenz geht, blickt man bei der Hin- und Her-Schalterei bei neun Spielen nicht mehr durch. Hinzu kommt, dass im Fernsehen immer erst reagiert wird, wenn irgendwo ein Tor gefallen ist und man vom normalen Ablauf abweicht. Bei uns im Radio ist es wirklich so, dass wir es über die vielen Jahrzehnte hinbekommen haben, einen Hörgenuss und einen Überblick für die Ohren zu schaffen. Dabei spielt im Radio eine große Rolle, dass wir immer die Original-Akustik aus allen Stadien haben, weil alle Regler halboffen sind. Das heißt, in dem Moment, wo in einem Stadion etwas passiert, ist man eine Zehntelsekunde später nicht mehr halb, sondern ganz zu hören. Man hat dieses Unmittelbare auch akustisch. Der Hörer kann den Torschrei noch direkt mitbekommen. Das ist eine solche emotionale Dichte, die einfach im Radio tausendmal besser transportiert werden kann. Es ist intensiver für den Bauch, aber auch besser zu begreifen für den Kopf.

Die Reporter sind das Stadion für Zuhause. Es werden keine Dramaturgien festgelegt. Es gibt keine Sprechzettel. Es gibt nur Abfolgen, die sich aus den eigenen Spielflüssen entwickeln. Wir Reporter werden uns alle wieder ins Wort fallen. Es wird viel Dramatik geben. Kurz gesagt: Das ist noch Radio, wie es leibt und lebt. Radio pur. Radio ungeschminkt. Was Fettes und Schönes auf die Ohren. Deswegen fasziniert die Bundesliga-Radiokonferenz nach wie vor Millionen von Menschen. Und weil man nebenbei noch etwas anderes tun kann, glaube ich, dass das noch viele Jahre so weitergeht.

Der Text wurde von Benedikt Niessen protokolliert.