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Warum geht man als Erwachsener noch zum Wrestling?

Als Kind fand unser Autor Wrestling für ein halbes Jahr cool. Aber als die Inszenierung aufflog, wurde der Sport sofort uninteressanter „Kinderkram". Daher wollte er bei der „WWE Live" herausfinden, warum Erwachsene den Sport verfolgen.

Dominik Putnai

Alle Bilder: Benedikt Niessen

Als Kind der Neunziger kam auch ich nicht am Wrestling bzw. der „WWF" vorbei. Natürlich gab es auch in meiner Schulklasse Gemunkel über diesen Sport, bei dem sich Muskelpakete in Käfigen gepflegt mit Klappstühlen auf die Schnauze hauen sollten. In der Vorstellung eines Zwölfjährigen gab es einfach nichts Cooleres. Aber sobald der Schwindel um die Schlägereien aufflog, verschwand auch die Magie um Figuren wie den Undertaker oder Rey Mysterio. Nach einem halben Jahr tat man den Showkampf einstimmig als „infantilen Quatsch" ab und widmete sich erwachseneren Dingen, zum Beispiel dem Gameboy. Trotzdem sind manche Figuren weiterhin in einer dunklen Ecke meines Gehirns unter „trashige Kindheitserinnerung" abgespeichert.

Wenn man zehn, fünfzehn Jahre später beim Zappen zufällig bemerkte, dass Wrestling lief, blieb man in meinem Freundeskreis immer bei zwei Fragen hängen: „Was, den gibt es immer noch?" und „Wer guckt das eigentlich noch?" Diese schienen nämlich ein Fall für sich zu sein: Bei den gescripteten Kämpfen erlitten diese regelmäßig emotionale Zusammenbrüche und beschimpften die Darsteller—soweit das die Mimik verriet—auf das Übelste. Als ich erfuhr, dass die WWE in Berlin gastierte, nutzte ich meine Chance: Ich fragte die Zuschauer, die teilweise über 100 Euro für die Show zahlten, warum man als Erwachsener Wrestling verfolgt

Andreas (28)

VICE Sports: Warum bist du Wrestling-Fan?
Andreas: Warum ich Fan bin?! Das ist doch gar keine Frage: die Action, die perfekte Show, die perfekten Charaktere, alles! Ist doch supergenial! Seit 1990 bin ich dabei. Damals bin ich bei der Survivor Series durch den Undertaker zum Wrestling gekommen.

Magst du dann auch andere Kampfsportarten?
Ja, ich mag auch die UFC, weil ich generell ein bisschen kampfsportveranlagt bin. Aber die WWE finde ich schon weitaus besser.

Also ist dir der Show-Aspekt mit den Charakteren wichtiger?
Definitiv, die haben mich sofort gefesselt und wegen denen bin ich auch da geblieben. Ich habe auch ein paar Freunde, die hier in den Independent-Ligen kämpfen. Die WWE besuche ich hier seit Jahren regelmäßig. Außerdem war ich schon mal in Florida, um mir Wrestlemania XXXVIII anzuschauen, das war 2012. Da hat The Rock gegen John Cena gekämpft.

Als ich die heutigen Kämpfer gegoogelt habe, ist mir aufgefallen, dass es mittlerweile viel weniger bunte Verkleidungen gibt als noch vor zehn Jahren. Ist Wrestling erwachsen geworden?
Ich glaube, Figuren wie der Undertaker würden heute nicht mehr funktionieren. Kein Mensch glaubt heutzutage noch an das Übermenschliche, das die Kämpfer damals ausstrahlten. Deswegen waren früher die Charaktere stärker, aber dafür hat man heutzutage die besseren Athleten und mehr Action. Damals war es ein Highlight, wenn überhaupt mal jemand auf das Ringseil gegangen ist, und heute hast du in jedem Move irgendeinen Flickflack drinnen.

Chistopher (27)

VICE Sports: Sind die Gürtel die absurdesten Fan-Accessoires, die du hast?
Christopher: Ja.

Und wie kommt man dazu, sich so einen Gürtel zu kaufen?
Ich sag' mal so, als Fan will man auffallen und mit dem Gürtel klappt das auf jeder Veranstaltung. Das ist mir auch richtig wichtig. Die anderen sollen ja sehen, dass man ein eingefleischter Wrestling-Fan ist. Ich bin ja schon lange dabei: Damals waren der Undertaker und Randy Savage meine Lieblinge, aber auch heute gibt es gute Kämpfer. Die neue Zeit kommt auch langsam in Schwung. Dadurch, dass sie den Split zwischen Smack Down und RAW wieder aufgelöst haben, sind die Geschichten auch nicht mehr so vorhersehbar.

Also ist das Rätselraten, was die Autoren geplant haben, quasi dein Netflix und nicht nur infantiler Kinderkram?
Genau. Es ist auf jeden Fall auch was für Erwachsene. Ich war ja jetzt schon auf verschiedenen Veranstaltungen. Von Kindern bis Rentnern hat man da alles.

Aber weißt du dann nicht schon, was heute passiert?
Nein. Manchmal machen die Autoren ja auch richtig unerwartete Sachen, womit man nun wirklich gar nicht rechnet, aber meistens kann man mit einer 75-prozentigen Wahrscheinlichkeit sagen: „Das wird so und so kommen".

Martin (26) und Ben (31)

VICE Sports: Seid ihr zum ersten Mal beim Wrestling?
Martin: Ja, ich bin zwar schon seit den WWF-Zeiten Wrestlingfan und habe das auch immer auf Tele5 oder Pro7 MAXX verfolgt, aber das ist die erste Chance, das mal live mitzunehmen. Zurzeit finde ich auch fast alle Kämpfer geil, ob das jetzt ein Rusev oder ein Enzo Amore ist, oder jemand, der von der einen Liga in die andere wechselt... ich find's einfach geil!

Tim Wiese kam ja aus dem Nichts in die WWE. Was sagt ihr—als Kenner—zu seinem Kampf?
Wir können das nicht ernst nehmen. Ich glaube, das war einfach ein PR-Gag, weil der ja jetzt auch wieder Torwart werden will. Wenn der sich in der Bezirksliga verletzt, dann meint er es nicht ernst. Ist ja schön und gut: Er hat den Körper und die Veranlagung dafür, aber ich glaube nicht, dass er das ernst meint. Ich habe auch ein Video von seinem Kampf gesehen. Das, was er gemacht hat, war schon gut ausgeführt, gar keine Frage, aber das waren ja wenige Aktionen. Gemessen an dem, was hier jeden Tag geleistet wird, ist das nichts.

Ihr seht ja jetzt nicht aus wie die klassischen Wrestlingfans und versteht ja auch, dass es nicht echt ist. Was gibt euch der Sport?
Die Inszenierung ist klasse. Das ganze Drumherum einfach. Das ist ja wie beim Football. Das ist ja auch die reine Inszenierung und auch nicht viel mehr. Wenn du dir das Wrestling anschaust, kämpfen die natürlich nicht richtig. Es ist ja was anderes als die UFC. Da hauen die sich ja richtig auf die Fresse. Trotzdem ist Wrestling eine Kunst, die von Profisportlern betrieben wird.

Ist die UFC mit der echten Gewalt dann auch euer Ding?
Auf jeden Fall. Auch Boxen ist ein toller Sport, aber ich glaube nicht, dass wir da hingehen würden. Es pusht uns nicht so wie der Sport aus der Kindheit. Beim Wrestling wird man ja auch immer ein bisschen nostalgisch.

Dennis (18) und Christopher (18)

VICE Sports: Ihr zählt hier ja zu den Jüngeren. Wann ging es denn bei euch mit dem Wrestling los?
Dennis: Also ich habe das mit zehn Jahren mal beim Durchzappen entdeckt und mir gedacht: „Schau ich mir das mal an." Auch wenn ich es zwischendurch mal schleifen gelassen habe, hat mich mein bester Freund Christopher wieder dazu gebracht.

Christopher: Bei mir war das ähnlich. Als Kind fand ich das auch gut, dann hat es wieder aufgehört. Als ich gesehen habe, dass es wieder bei Tele5 übertragen wird, habe ich es wieder verfolgt. Das ist jetzt ungefähr drei Jahre her.

Habt ihr das dann früher mal nachgespielt im Kinderzimmer?
(Schauen sich ertappt an und lachen laut)
Dennis: Das machen wir immer noch.
Christopher: Auf jedem Trampolin, das wir sehen, im Wasser...
Dennis: ... auf der Couch, oder so.

Habt ihr euch dabei schon mal richtig wehgetan?
Christopher: Naja...
Dennis: Auf jeden Fall! Ich habe mir mal beim Suplex das Knie selbst in die Nase gehauen.

Aber ihr kennt doch den „Don't try this at home"-Werbespot, oder?
Dennis: Der hatte bei uns irgendwie keine Wirkung. Wir wollen die Moves immer ausprobieren.

Macht ihr euch dann auch mit dem Handy eine Einlauf-Musik an und habt ihr auch Kampfnamen?
Christopher: Haben wir leider nicht.
Dennis: Noch nicht!

Nicole (20)

VICE Sports: Hörst du öfters, dass Wrestling ein ungewöhnliches Hobby für eine Frau ist?
Nicole: Voll, aber das finde ich völlig unwichtig. Es sollte für alle Geschlechter und Altersgruppen sein. Ich habe auch mal meine Mutter mitgeschleppt, weil ich damals in München noch nicht 18 war. Zuvor hatte ich Wrestling ja immer nur im DSF geschaut. Jemand hat mir das in der Grundschule verraten, dass es so einen Sport gibt, wo sich die Leute so richtig aufs Maul hauen. Das habe ich mir dann mal angeschaut und dachte mir: „Oh mein Gott, das schaue ich nie wieder". Dann kam die Phase, in der man länger wach bleibt und fernsieht. So bin ich darauf hängen geblieben. Die Storylines kann man einfach super verfolgen!

Ist es also quasi dein „GZSZ"?
Genau, das habe ich heute auch einem Kollegen erzählt. Die WWE ist mein „GZSZ". Denn Wrestling lebt auch von den Emotionen, obwohl ich ja weiß, dass es abgesprochen ist. Für mich macht es das nur noch besser, weil man so auch mal abschalten kann. Ich bin dann in meiner eigenen Welt. Auch wenn es sich komisch anhört, ist es so.

Bist du dann auch manchmal von den Drehbüchern enttäuscht?
Überraschungen gibt es zurzeit eher weniger und das Produkt ist ein bisschen vorhersehbar. Mir fehlen die Überraschungen und die Erzählungen. Früher wurden die Charaktere aufgebaut, man hat sich Zeit gelassen. Das vermisse ich heute. Wrestling ist ja im Endeffekt eine Unterhaltungsshow mit Sportelementen.

Tobi (46), Levent (13) und Lasse (16)

VICE Sports: Levent, du bist bestimmt der große Wrestling-Fan in der Familie, oder?
Levent: Genau.

Wie kam es denn, dass ihr hier seid?
Levent: Ich bin an einem Wrestling-Plakat vorbeigegangen und habe es mir dann zum Geburtstag gewünscht, hierher zu kommen.

Und das Wrestling war dann auch nicht zu brutal für einen 13-Jährigen?
Tobi: Brutal? Ich schlafe da immer nach zwei Minuten ein, wenn ich das mitgucke.
Levent: Also ich fand es früher zu brutal. Jetzt geht das eher in die andere Richtung, weil sie auch junge Zuschauer anlocken wollen. Das ist echt krass in Amerika, die Fans sind da noch jünger als ich!

Wann wurde dir bewusst, dass das alles nicht ganz echt ist?
Levent: Das wusste ich schon am Anfang. Das hat mir mein Bruder auch relativ schnell gesagt. Aber die Luchadores gefallen mir, wenn sie von den Seilen springen, auch ihre Bewegungen sind beeindruckend! Die Fehden bleiben auch spannend, obwohl jedem klar ist, dass da alles gescriptet ist.