Alle Fotos: Gerrit Starczewski

„Ich kann es verstehen, wenn ein schwuler Profi nicht die Kraft hat, sich zu outen"—Roman Neustädter über Homophobie im Fußball

Roman Neustädter wehrte sich gegen einen homophoben Fan. Wir fragten ihn, was für ein Coming-Out im Fußball passieren müsste.

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März 30 2016, 10:55am

Alle Fotos: Gerrit Starczewski

Im oberfränkischen Igensdorf hat sich vor vier Jahren ein Pfarrer zu seinem Partner öffentlich bekannt. 2009 outete sich der walisische Rugby-Star Gareth Thomas, weitere Profis folgten ihm. Und im Volkssport Fußball? Auch mehr als zwei Jahre nach dem Coming-Out von Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger hat sich kein Profi-Spieler als schwul bekannt. Das Schlimme daran: Man bekommt nicht das Gefühl, dass sich daran in nächster Zeit irgendetwas ändern wird. Das Thema wird von Verbänden und Vereinen so gut wie totgeschwiegen. Gegen Rassismus werden Plakate ausgefahren und Image-Clips gedreht, Flüchtlinge winken samstags um 15:25 Uhr in die Kameras—Homophobie aber ist weiterhin kein Thema. Was aber sagen die Profis selbst? Schließlich haben sie am ehesten was zu sagen, tun es aber so gut wie nie.

Anfang Januar wurde Schalke-Profi Roman Neustädter von einem Fan unter einem Bild auf seinem Instagram-Account als „Homo" beschimpft. Daraufhin machte der 28-Jährige den Kommentar öffentlich. „I'm tired of all that negative shit. It's 2016. If you are racist or homophobe get the fuck off my insta", schrieb er damals. VICE Sports sprach mit ihm über das männliche Rollenbild im Fußball, Kabinengespräche über Homosexualität und die Frage, was es für ein Coming-Out bräuchte.

VICE Sports: Ein junger Instagram-Nutzer hat dich im Kommentarfeld zu einem Bild von dir „Homo" genannt, um dich zu beleidigen. Daraufhin hast du seinen Kommentar öffentlich gemacht. Warum hast du so klar Stellung bezogen?
Roman Neustädter: Mir hat es in dem Moment einfach gereicht. Es ist beängstigend, dass „Homo" im Jahr 2016 noch immer als Schimpfwort benutzt wird. Wir geben uns in Deutschland sehr weltoffen und sagen trotzdem solche Dinge. Ich wollte diese Leute, die in der Anonymität des Internets immer mit Beleidigungen um sich werfen, zurechtweisen und sie darauf aufmerksam machen, dass ich solche Äußerungen auf meiner Instagram-Seite nicht haben will.

Kannst du dir erklären, warum du mit dem Begriff „Homo" beleidigt werden sollst?
Vielleicht, weil ich einen Zopf oder andere Kleidung als sie trage? Ich weiß nicht, was in den Menschen vorgeht, die solche Hasskommentare verfassen. Es sind oftmals Jüngere, die gar nicht wissen, was das für Auswirkungen hat. Ich selbst habe aber auch nicht geahnt, dass mein Post eine solche Reichweite bekommt. Danach habe ich mich bei dem Jungen entschuldigt, weil ich nicht wollte, dass er an den Pranger gestellt wird. Ich wollte nur, dass die Gesellschaft endlich versteht, dass Homosexualität normal ist.

Wie kannst du das als Profi jüngeren Fans erklären?
Das geht nur gemeinsam. Die Profis, die das so sehen wie ich, sollten sich offen äußern und sich den Themen stellen. Dazu gehört eben auch mal ein klares „Nein" an homophobe Fans.

Ist der Grund für solche Kommentare vielleicht auch die Verschiebung des Rollenbilds? Manche Fußballer wirken mittlerweile wie Rockstars, nur dass sie noch mehr verdienen.
Ich habe letztens ein Konzert von Michael Jackson in Rumänien auf DVD gesehen und da sind alle zehn Sekunden Menschen aus der Menge herausgezogen worden, weil sie umgekippt sind. Wir sind hingegen keine einzelnen Künstler, sondern vertreten einen Verein und sind Teil eines vielseitigen Teams. Mal sind wir Helden unter vielen, mal auch Deppen. So richtige Rockstars sind wir also nicht.

Ihr verdient trotzdem Millionen und steht im Rampenlicht. Habt ihr euch vom normalen Fan in der Kurve entfernt?
Ich glaube, gerade durch die sozialen Medien können die Fans an unserem Leben so nah dran sein wie nie. Andererseits will man natürlich auch nicht zu viel preisgeben. Aber ich versuche, viel mit den Fans zu sprechen. Der besagte Post war ja auch kein Selfie in Schwimmhose auf einer Yacht, sondern ein Bild mit meinen Privatklamotten im Spielertunnel neben dem Schalker Wappen. Ich sehe da keine große Diskrepanz zwischen Fans und Profis. Ich bin von Düsseldorf nach Gelsenkirchen gezogen, damit ich die Menschen hier mehr verstehen kann.

Fußball ist ein krasser Männersport, was ein Coming-Out sehr schwer macht.

Haben schwule Fußballer überhaupt im Männlichkeitsbild von Fans Platz?
Gerade hier auf Schalke sehen die Zuschauer gerne, dass man grätscht und vollen Einsatz zeigt. Aber ich versuche zum Beispiel sauberer zu spielen, was aber nicht heißt, dass ich keinen vollen Einsatz zeige. Es gibt verschiedene Spielertypen und ich maloche auf meine Art und Weise. Genauso müssen die Leute verstehen, dass homosexuelle Spieler auch grätschen und harte Spieler sein können. Fußball ist ein krasser Männersport, was ein Coming-Out sehr schwer macht.

Was müsste passieren, damit sich ein aktiver Spieler outet?
Für einen einzelnen Spieler ist es schwer sich zu outen. Es muss ein enormer und nicht auszudenkender Druck sein, dann auf einmal in der Öffentlichkeit zu stehen. Es würde helfen, wenn sich mehrere Spieler gemeinsam outen würden. Ich hoffe, in den nächsten Jahren wird das passieren. Aber wir müssen akzeptieren, wie jeder einzelne sich entscheidet.

Hast du mal mit einem homosexuellen Profi zusammengespielt?
Nein, soweit ich weiß noch nicht. Wenn wohl, dann wusste ich es nicht, weil sich niemand von ihnen geoutet hat. Man sieht das ja keinem an.

Sprecht ihr innerhalb der Mannschaft über das Thema?
Nein, eigentlich nicht. Lediglich als sich Thomas Hitzlsperger öffentlich geoutet hat und die Medien darüber berichteten, haben wir kurz darüber geredet.

Ich habe mir vor allem die Frage gestellt, wie es für ihn gewesen sein muss, dieses Geheimnis und die Angst vor der Enthüllung die ganze Zeit mit sich herumzutragen.

Kannst du uns mal einen Einblick geben?
Wir waren im Trainingslager in Katar und ich lag auf der Massagebank, als die Nachricht kam. Wir haben im Team dann gerätselt, seit wann er für sich dazu steht und wer alles davon gewusst haben könnte. Wir haben uns auch gefragt, ob es die richtige Entscheidung war oder ob er sich vielleicht sogar früher hätte outen sollen. Aber wir fanden es alle sehr stark, dass er es überhaupt getan hat.

Was hast du dabei gedacht?
Ich habe mir vor allem die Frage gestellt, wie es für ihn gewesen sein muss, dieses Geheimnis und die Angst vor der Enthüllung die ganze Zeit mit sich herumzutragen. Ich kann mir das nicht vorstellen, aber ich glaube, es ist extrem hart und eine extreme Last.

Was könnte homosexuelle Profis vom Coming-Out abhalten?
Ich glaube, die Menschen in Deutschland sind einfach noch nicht so weit. Die Fußballkarriere ist nicht allzu lang und schwule Spieler fragen sich bestimmt, ob sie sich diese Aufmerksamkeit wirklich antun wollen. Die Medien werden deutschlandweit, wahrscheinlich sogar weltweit, berichten. Der Spieler steht dann im absoluten Fokus. Stell dir vor, was da beim Auswärtsspiel los ist.

Was wäre da los?
Ich weiß es natürlich nicht, aber die gegnerischen Fans suchen immer nach etwas, was sie gegen dich verwenden können. Die verhöhnen dich ja schon, wenn du den Ball mal zehn Meter übers Tor schießt. Diese Faktoren würden dann im extremen Maße zunehmen.

Können sie sich nicht den anderen Spielern aus der Mannschaft anvertrauen?
Es ist extrem schwer, weil wir in der Kabine nicht darüber sprechen. Man ist jeden Tag mit den Jungs zusammen und vielleicht haben homosexuelle Spieler Angst, dass die Mitspieler falsch darauf reagieren und dass sie etwa nicht mit ihm duschen wollen oder so. Ich glaube aber, dass es für uns Spieler kein Problem wäre. Ich kenne ja auch schwule Männer und kann ganz normal mit ihnen umgehen.

Wie würdest du reagieren, wenn sich ein homosexueller Mitspieler dir anvertraut?
Ich hätte wirklich absoluten Respekt für seinen Mut. Allerdings würde sich für mich im Umgang mit ihm nichts ändern. Homosexualität ist für mich etwas ganz Normales und ich freue mich, wenn die Mehrheit das genauso sieht.

Das Coming-Out von Thomas Hitzlsperger hat nichts verändert

Was würdest du ihm anraten?
Ich weiß nicht, wie es bei Thomas Hitzlsperger nach seinem Coming-Out war, aber ich glaube, ihm ist danach ein Stein vom Herzen gefallen, dass er endlich ein normales Leben führen konnte und offen über seine Homosexualität sprechen konnte. Aber ich kann mir die Situation nur sehr schwer vorstellen. Ich würde ihm vielleicht anraten, noch etwas zu warten, damit er sieht, wie es sich in den nächsten Jahren entwickelt. Ich kann es voll verstehen, wenn ein Profifußballer nicht die Kraft hat, sich zu outen.

Das Interview führte Benedikt Niessen, folgt ihm bei Twitter: @BeneNie

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