Warum Christian Streichs Angst-Bekenntnis so viel Mut macht

Freiburg-Trainer Christian Streich erklärte in einer PK ganz offen, wie fassungslos er ob des Rechtsrucks in Deutschland ist. Seine Worte sind ehrlich und zeugen doch von ganz viel Mut.

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Dez. 9 2016, 10:50am

Man muss sich ganz schön konzentrieren, wenn man Christian Streich verstehen will. Sein sehr feister badischer Akzent hält phonetisch doch die eine oder andere Stolperfalle bereit. Dazu ist er nicht unbedingt der flüssigste Redner. Man hat sogar den Eindruck, dass Streich seine Gedanken einfach heraussprudeln lässt und dann erst nachdenkt. Eigentlich ist das ein sehr sympathischer Makel. Und doch ist wohl Streich der eine Trainer in der Bundesliga, dem man wirklich bei einer Pressekonferenz zuhören will. 11 Freunde postete gestern Abend ein Video der Badischen Zeitung von einem Monolog des Freiburger Trainers zu dem Freiburger Mordfall der Medizinstudentin Maria. Den Topkommentar unter dem Post lieferte Nutzer Hartmut Fischer und schrieb darin: „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal einem Fussball-Trainer so lange von Anfang bis ende mit grösster Aufmerksamkeit zuhören würde."

Streich erklärt in seiner gut fünfminütigen Ansprache, warum er im Moment eine solche Angst hat. Nicht vor afghanischen Flüchtlingen, sondern vor dem, was man in Deutschland plötzlich sagen darf.

Mir wurde mitgeteilt, dass ein Mensch aus der AfD den Vater von der Maria, der dieses Furchtbare erleben musste, als pathologisch bezeichnet hat, weil er vor dieser Tat Flüchtlinge unterstützt hat. Dass in diesem Land jemand einer als demokratisch eingeordneten Partei zugehören darf, und jemand noch verhöhnen darf, der so etwas erleben musste, da sehen Sie, was los ist.

Streich bringt das Unbehagen des schweigenden Großteils der Bevölkerung genau auf den Punkt. Man hat Angst vor diesem zügellosen Hass, der überall geschürt wird. Kopfschüttelnd und doch schweigend sitzt man da und fragt sich: Wie können sich die Dinge in kürzester Zeit so hochgeschaukelt haben?

Das, was seine Worte so eindringlich macht, ist der Absender. Streich ist Sohn eines Metzgers und sieht eher nicht aus wie ein Gutmensch mit angeblicher Agenda. Vielmehr wirkt er generell, als ob er frisch aus dem Bett in die PK gestolpert wäre. Dennoch ist der 51-Jährige eine Respektsperson, zum einen, weil er ein richtig guter Fußballlehrer ist, dem seine Spieler vertrauen. Zum anderen, weil er einer der wenigen Verantwortlichen im Fußball ist, die sich offen für Menschenverstand einsetzen. Deswegen laufen die Worte vielleicht doch nicht ins Leere, wenn er sagt:

Und jetzt werden wir sehen, was weiter passiert. Und ob die Mehrzahl der Bevölkerung sich dem widersetzt und auch dagegen vorgeht. Damit heißt es für alle anderen: Sich bekennen! Und wer das nicht tut und sich da nicht klar bekennt, der trägt eine Mitverantwortung, wenn es in eine andere Richtung geht, das ist klar. Da gibt es keine Ausflucht.

Streich sagt nicht, wofür man sich bekennen soll, doch vielleicht ist das auch nicht entscheidend. Wir sind nicht so abgestumpft, als dass wir keine Werte hätten. Wenn der Großteil der Bevölkerung die Angstmacherei ablehnt, dann soll sie das auch deutlich machen. Es reicht nicht, einfach zu schweigen und den Kopf zu schütteln und eine passive Masse zu bleiben. Wenn wir immer noch denken, dass das Wort Gemeinschaft in dieser aus dem Ruder gelaufenen Welt irgendwas zählt, dann müssen wir dafür eintreten. Und wir brauchen mehr Anführer wie Christian Streich, die auch zugeben können, dass sie Angst haben. Und wenn man das kann, dann ist der Rest gar nicht mal so schwer.

Man muss es halt als Herausforderung annehmen.

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