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Text & Bilder: Konstantin Arnold

Vollstes Entertainment FSK 18: Eine Annäherung an die UFC

Konstantin Arnold

UFC-Kämpfe sind hart und blutig. Die Sportart wird in Deutschland immer beliebter—wegen uhrzeitlichem Triebdenken und blendender Inszenierung. Unser Autor hat sich das Treiben angeschaut.

Text & Bilder: Konstantin Arnold

UFC! Versalien der Superlative auf der großen Bühne einer Jahrtausende alten Kunstform des Kampfsports. Ein Verband und sein schwer dressierbarer Goldesel in einem Kolosseum der Neuzeit. Auf den Rängen urinstinktives Verlangen im Dress Code. Ein Publikum in Rage und Krawatten, das nichts als Maximales fordert. Aber bitte lebendig. Von Gladiatoren, die sich in funktionaler Unterwäsche die bärtigen Schädel einschlagen. Unverfälscht, blutig und echt im Kampf gegen die so falsch verstandene Wahrnehmung ihrer Brutalosportart. „Human Cockfighting" ohne Regeln und voller Verletzungen für alle, die diesen Sport nur als das sehen, was er in diesem Moment ist: vollstes Entertainment FSK 18. Ohne die monatelange Vorbereitung für Minuten im Glanz des Käfigs, dem seit 2002 das wohl umfangreichste Regelwerk zu Grunde liegt, welches die Welt des Kampfsports je gesehen hat. Nach der Blutschlacht von Berlin im letzten Jahr, kehrt die „UFC Fight Night" nun zum dritten Mal zurück nach Deutschland in die Hauptstadt des Boxens: Hamburg. Für Aufklärungsarbeit und die Zementierung des europäischen Kernmarktes.

Alle Fotos: Konstantin Arnold

Maßgebend hierfür sind die deutschen Mixed Marshall Artists Nick „The Sergeant" Hein und Yessin Ayari. Ein Bundespolizist, dessen Saubermann-Image mit Schwiegersohnfrisur helfen soll, eine vorurteilbehaftete Sportart wieder in die gut geputzten Wohnzimmer der Nation zu bringen. Wie einst der große Henry Maske. Und Yessin Ayari? Ein tattooloser Lokalmatador mit smartem Auftreten, der seiner Heimat zeigen will, dass „wir nicht alle dumme Tättoowierte sind, die sich nur auf die Schnauze hauen". Zwei Helden, ein Bildungsauftrag, den „The Sergeant" Hein in der großen Ticketnachfrage bestätigt sieht, die mit knappen zwölftausend Besuchern vor allem internationale Fans in die Hansestadt lockt. „Ich bin froh, meinen Teil zu dieser Entwicklung beizusteuern. Ich will der Welt zeigen, dass wir Human-Beings sind. Menschen mit Gefühlen und keine Superhelden wie in Karate Kid oder Blood Sport."

Natürlich haben alle Fighter der UFC genügend Muhamad Ali Kämpfe geschaut, um zu wissen, dass provokante Attitüde und Charme zum guten Ton einer Pressekonferenz gehören sollten, wenn man sich und seinen Namen in den Köpfen der Menschen wiederfinden möchte. So wie Octagon-Girl Luciana Andrade, die während einer Signing-Session im Karstadt Sport weitaus mehr leichtbekleidete Autogrammkarten unterschreibt, als die ewig siegende Legende Matt Hughes. So ist eben der Kampfsport. Provokationen, Selbstsicherheit und Floskeln verprügeln dir die Aufnahmen deines Diktiergeräts. Braune Haut, straffer Po und gepushte Brüste tun den Rest.

Octagon Girl Luciana Andrade

Aber eigentlich steht die UFC doch gut da? Immerhin gibt es, nach eigenem PR-Verständnis, weitaus weniger verheerende Schläge auf den Kopf, die im Boxsport zu bekannten Langzeitschäden führen können. Außerdem ist der achteckige Käfig nicht da, um die Athleten einzusperren, sondern ihnen Schutz zu gewähren. Völliges Missverständnis, siehst du! Nur was ist mit Schlägen auf den Hinterkopf oder dem berüchtigten „Ground & Pound", in dem der Kontrahent so lange auf seinen Unterlegenen einschlägt, bis der Referee denkt, dass es genug ist. Emotionale Professionalität bis zum Kampfende, zu dem man sich blutverschmiert und in kameradschaftlicher Romantik zurück auf die wackligen Beine hilft. Die Athleten der UFC sind Trainingsmaschinen. Kampfsportwunder. Psychisch wie physisch auf dem Zenit des körperlich Ertragbaren und dank Conor McGregor mittlerweile auch Teil der gesellschaftlichen Gutverdiener.

Über Qualifizierung und Marktwert entscheidet ein System, das angeblich alle verstehen, aber keiner erklären kann. Durch Gewichtsklassen, Prelims und Maincards. Alles aber nichts im Vergleich zum Boxsport, in dem unzählige Promoter unverständliche Arrangements in unerträglicher Art und Weise an das große Geld verkaufen. Die UFC ist Verband und Wirtschaftsunternehmen zugleich. Sie entscheidet wer, wann und gegen wen kämpft. Sie bestimmt über Verträge, Gehälter und sogar den Dress-Code der Journalisten am Tage des Kampfes. Sie richtet über den Sport, aber nicht über Sieg und Niederlage. Pro Glaubwürdigkeit, contra Korruption verlieren einfach zu häufig auch die wirklich Großen zur Schande der Buchmacher. So wie Conor McGregor, der für seine Kämpfe mittlerweile Gagen von drei Millionen Dollar und prozentuale „Pay per View-Anteile" einstreicht. Bei zwölf Millionen Abonnenten kein schlechtes Unterfangen.

Andrei Arlovski

Die UFC! Eine Instanz in vollster Kontrolle und durch ein vielseitiges Einnahmeportfolio in sicherer Distanz zur Knechtschaft des Wettgeschäfts. 100 Euro für ein Ticket auf den obersten Rängen der Barclaycard Arena. Von hier fallen die Fighter wie Legomännchen in einander und die Performance, von der alle sprechen, scheint für Sportfremde von hier oben noch viel unerkenntlicher als gutes Marketing.

Was gab es noch? Das Show-Weigh-In zu dem die ausgemerzten Körper der Athleten zum offiziellen Wiegen erscheinen, nachdem sie sich in speziellen Saunaanzügen jeden Tropfen Flüssigkeit aus den Muskeln geschwitzt haben. Oder ein Showtraining mit Susianna Kentikian, der schnellsten Boxerin der Welt. 400 Schläge pro Minute. 50 mehr als Muhamad Ali.

Der eigentlich seit zehn Jahren überfällige Hauptkampf an diesem Abend findet zwischen den beiden Schwergewichtsmonstern Josh Barnett und Andrei Arlovski statt. Amerikanische Fleischberge und Champions vergangener Tage, die mit der Wucht eines LKWs ineinander fahren. Das Publikum ist durchgemischt und rastet aus. Vergebens. Die Suche nach dem Klischee, das man gerne zum demografischen Stereotyp dieser Veranstaltung bedienen würde. Zwischen über der Schulter hängenden Ralph-Lauren-Pullovern verlangt ein schreiender UFC-Fan mit Goldkette, dass Arlovski Barnetts Gesicht in einen Mixer stecken soll. Ein dünner Kerl in ansehnlicher Begleitung will Barnett endlich im Gefängnis sehen. Aber alle sprechen von Sport und Athletik, wenn man ihnen ein Diktiergerät in die Bierfahne hält. Auch während des Frauenkampfs, in dem eine Venezuelerin so lange verprügelt wird, dass einem A) schlecht wird und man B) am liebsten in den Ring steigen will, um ihr zu helfen.

UFC-Fans in Hamburg

Ultimate Fighting ist Dopamin für die Massen. Nicht alltägliches Brot und Spiele. Ein archaisches Grenzerleben durch Gewalt, das seinen eigenen achteckigen Normenkodex schreibt. Ein Regelwerk, das verlangt, dass du dich schlägst bis einer weint. Durch uhrzeitliches Triebdenken und blendende Inszenierung. Verrohung für ein kämpferisches Richtig und ein menschliches Falsch.

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„Ich habe keinerlei Bedarf an Gewalt in meiner Freizeit und hatte zu Beginn meiner Karriere sogar das Gefühl, mich für jeden zu harten Schlag im Sparring entschuldigen zu müssen. Es ist ein Prozess zu akzeptieren, dass man seinem Gegenüber einfach ziemlich wehtut." Nick Hein ist wohlbehütet in einem kleinen Dorf aufgewachsen. Er ist ein Weltklasse Judoka und aktuelle World Number 47 im härtesten Sport der Welt.

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Text und Bilder: Konstantin Arnold