Foto: Imago

Bekenntnisse eines Wettbüro-Mitarbeiters

Jeder hat schon mal einen Schein gemacht, doch Stammpersonal im Wettbüro will man nicht sein. Unser Autor berichtet vom Konflikt zwischen Alkoholiker-Rentnern und wettsüchtigen Migranten-Kids. Am Ende wurde er Seelsorger und selber Zocker.

|
08 Februar 2017, 12:05pm

Foto: Imago

Fast jeder Sportfan hat schon mal eine Wette abgeschlossen oder einen Schein gemacht. Doch zum Stammpersonal in den Wettbüros von Deutschlands Innenstädten will man sich nicht zählen. „Hier trifft sich der Bodensatz der Gesellschaft – und damit versuchten wir, Geld zu machen", erzählt Rafael*, der fast zwei Jahre in einem ostdeutschen Wettbüro eines zwielichtigen Besitzers arbeitete. Uns erklärte er, wie er erst zum Seelsorger und am Ende selbst zum Zocker wurde.

Eigentlich hatte ich keine Ahnung von Galopprennen und mal abgesehen von einem Oddset-Tippschein auch wenig von Sportwetten. Aber ich brauchte einen Job, der mich nicht ganz so ausbeutet – also fing ich an, neben meinem Studium in einem Wettbüro zu jobben. Es lag mitten im Bahnhofsviertel und war keine kalt eingerichtete Tipicobude, sondern ein alteingesessener Laden mit dem wenig charmanten Interieur der 80er-Jahre. Als ich das erste Mal reinkam, dachte ich mir nur: Hier ist es verdammt zwielichtig. Und das war es auch.

Nachdem man über Jahrzehnte in der Bude nur Pferdewetten setzen konnte, hatte sich mein Chef dazu entschlossen, nun auch normale Sportwetten anzubieten. Das führte zu einer interessanten demographischen Erscheinung: Auf der rechten Seite im Sofabereich sehnten sich die Opas meist nach der „guten" alten Zeit und verzockten mit den Pferden ihre Rente. Auf der linken Seite an den Tischen saßen die jungen Spieler, meist mit Migrationshintergrund, und versuchten, mit Dutzenden Fußballspielen auf 2-Euro-Tippscheinen das große Geld zu machen. Ärger gab es ständig – vor allem wegen der ewiggestrigen Arschloch-Opis, für die die Sportwetter meist nur die „Neger" und „Buschmänner" waren.

Foto: Imago

Mein Jobtitel war „Mädchen für alles", von der Wettannahme über die Getränkeausgabe bis hin zu der Aufgabe, das Geld in den Tresor zu bringen und zuzuschließen. Ansonsten war ich mit den Menschen dort mehr oder weniger gefangen und musste sie vor allem betreuen. Aber nicht wie ein Verkäufer, eher wie ein Vertrauenslehrer – als Respektsperson und Seelsorger. Bei einem Stamm von 20 bis 30 Kunden kannte man als Mitarbeiter von jedem die gesamte Lebensgeschichte. Der eine war Taxi-Manni, der immer Stress mit seiner Frau hatte. Der andere war Drossel, der schon morgens, bevor wir öffneten, stramm bis obenhin war. Und um 22 Uhr kam Ralle genervt rein: „Die Säcke im Altenheim machen mich fertig, darauf muss ich erstmal einen saufen." Ein Wettbüro ist ein Auffangbecken für Menschen, die nicht wissen, wohin mit sich. Sie haben Probleme und meistens mehr als nur eine Sucht. Hier trifft sich der Bodensatz der Gesellschaft – und damit versuchten wir, Geld zu machen.

Einer der interessantesten Typen war Irfan, ein eloquenter, redseliger Kerl, der stets im Anzug und mit schmierig nach hinten gegelten Haaren in den Laden kam. Er stand schon morgens beim Aufschließen vor dem Eingang und ging erst am späten Abend wieder. Wie er selbst erzählte, war er Bauunternehmer, der durch seine Spielsucht sein Haus verspielt und Frau und Kinder verloren hatte. Er war so einer, der bei jedem Schulden hatte und sich über den ganzen Tag trotzdem seine 20 Euro für Scheine und ein paar Bier bei seinen Wettkompagnons erbettelt hat. Bei mir hatte er es auch versucht und wollte immer mal wieder zwei Euro, um sich ein Brötchen kaufen zu können. Beim ersten Mal gab ich ihm das Geld und er kam zwei Minuten später zu mir und gab für zwei Euro einen Wettschein ab. Was sich lustig anhört, war zutiefst traurig. Menschen wie Irfan haben oft die Ehre und den Respekt vor sich selbst verloren.

Sie denken, dass sie das System austricksen können und mit den Wetten gut Geld machen können, ohne zu arbeiten – aber das ist Schwachsinn.

Am Anfang fiel es mir echt schwer, von solchen gebrochenen Menschen wie Irfan die Tippscheine anzunehmen ­– vor allem die augenscheinlich schlechten. Dann sagte man ihnen noch, dass der Tipp sicher nicht kommt. Aber das wollten die ja nicht wahrhaben. „50.000, dann bin ich weg", hieß es immer. 50.000 Euro war unsere Maximalauszahlung und bei einem 2-Euro-Einsatz kann man sich vorstellen, wie lang der Wettschein war. Die Menschen gehen jeden Tag ins Wettbüro, weil sie Zuflucht suchen, einen Ort, wo sie hingehen können, um nicht den ganzen Tag zu Hause zu sitzen. Sie denken, dass sie das System austricksen und mit Wetten gut Geld machen können, ohne zu arbeiten – aber das ist Schwachsinn. Und wir im Wettbüro lebten davon, dass sie ihr Können maßlos überschätzten. Man denkt sich häufig, dass man den Reichen das Geld aus der Tasche ziehen könnte, aber in so einer Wettbude wird aus denen, die nichts haben, noch das Letzte rausgepresst. Doch nach der Zeit dachte ich mir nur, dass das erwachsene Menschen sind und die selbst wissen müssen, wofür sie ihr Geld ausgeben. Als Mitarbeiter im Wettbüro ist man die falsche Person, um sich über die Spielsucht der Kunden Gedanken zu machen.

Foto: Imago

Bei einigen Spielern wusste ich, dass die nichts haben und jeden letzten Euro zusammenkratzen mussten, bei anderen wusste ich, dass sie ihr festgelegtes Zocker-Geld haben und von ihrer Sucht nicht sterben werden. Dann gab es die Genießer. Ein Bürgermeister aus einer Kleinstadt im Umland kam immer ein Mal im Monat mit einer Prostituierten in den Laden und setzte pro Wette einen Hunderter. Das war wahrscheinlich ihr Vorspiel, nachher ging es dann woanders zur Sache. Ab und zu kamen auch Leute von arabischen oder asiatischen Clans, denen einige Restaurants oder Shops gehörten. Die haben sich aufgeführt wie Mafiabosse und sinnlos ihr Geld verprasst. Im Grunde genommen gab es nur einen einzigen fähigen Wetter. Der war ein Großkotz, der konstant einen 10er gespielt hat und auch einen Plan im Hinterkopf hatte. Ich glaube, das ist der einzige Mensch gewesen, der bei uns mit einem Plus rausgegangen ist, weil er nie impulsiv gewettet hat. Aber selbst der hatte eine Alkoholikervergangenheit – den hatte mein Kollege schon auf der Rennbahn mit vollgepisster Hose angetroffen.

Mehr zum Thema: Meine Generation Tipico – wenn im Freundeskreis nur noch die Quote zählt

Am schlimmsten ging es im Wettbüro an den Spielautomaten ab, von denen auch einige bei uns standen. Die Automatenleute hatten nicht mal mehr die Motivation, eigenständig zu denken. Bei Sportwetten hat man ja noch irgendwie Spaß oder Einfluss auf das Ergebnis, aber die Automaten sind schon so programmiert, dass du so gut wie nie gewinnst. Wie Zombies waren sie dementsprechend immer ziemlich aggressiv. Da hieß es nur: „Ey, das ist mein Automat, ich habe den gefüttert und hole da auch raus."

Ein Automatentyp war ein junger Russe, Mitte 20 müsste der gewesen sein und total fertig. Ich weiß nicht, was er genommen hat, aber er war mega aggressiv. Mit Drogen hatten natürlich viele Kunden auch ein Problem. Der Typ hatte so lange gegen den Automaten getreten, bis ich ihn rausschmeißen wollte. Dann wollte er aber vorher nochmal aufs Klo und kam da erstmal gar nicht mehr raus – weil er sich wahrscheinlich einen Schuss gesetzt hat oder so. Ich habe ihn dann leider vergessen und beim Abschließen die Toilette nicht mehr gecheckt. Nachts ist dann der Alarm losgegangen, weil der Typ nach seinem Schläfchen aus dem Fenster im zweiten Stock gesprungen ist.

Für die Tageseinnahmen hatten wir einen Safe, aber es hieß immer: Wenn jemand kommt, spiel nicht den Helden und gib alles aus der Kasse.

Zum Glück habe ich die Polizei aber ansonsten selten im Laden gehabt. Meist blieb es bei verbalen Auseinandersetzungen oder kleinen Prügeleien, bei denen es um Geld und Schulden ging und die man selbst regelte. In größeren Städten wie Berlin haben mir Kollegen von ganz anderen Problemen wie Messerstechereien berichtet. Ich habe mich aber nie unsicher gefühlt, die meisten Kunden kannte ich ja. Wichtig ist aber, dass diese Menschen dich respektieren. Ich bin eigentlich ein ziemlich ruhiger Typ und für wohl niemanden eine richtige Bedrohung. Doch ein Wettbüro ist eine reine Männerwelt mit ziemlich kaputten Menschen, in der keine Höflichkeiten ausgetauscht werden. Bis auf eine ältere Dame, die regelmäßig am Nachmittag kam, gab es keine weiblichen Kunden. Dementsprechend musst du auftreten und Ansagen machen. Manchmal verstehen die nur: „Haltet die Fresse, sonst fliegt ihr raus!" Sicherheiten wie einen Baseballschläger unterm Tresen oder einen stillen Alarm hatten wir nicht. Für die Tageseinnahmen hatten wir einen Safe, aber es hieß immer: Wenn jemand kommt, spiel nicht den Helden und gib alles aus der Kasse. Das sind an guten Tagen auch mal ein paar Tausend Euro.

Nach wenigen Wochen in der Bude war mir schnell klar: Das Geld landet am Ende immer bei uns. Von unseren Kunden dachte jeder, dass er Ahnung hat, aber groß gewonnen hat da keiner. Doch selbst, wenn man das weiß, schützt das einen nicht vor dem Zocken. Die Versuchung ist einfach zu groß. Obwohl es verboten war, haben alle meine Kollegen auch gezockt. Gerade am Abend, wenn nicht viel los war, die ganzen Bildschirme flimmerten und nur Idioten um mich herum saßen, schaute ich auch mal selbst ins Wettprogramm. Und schon dachte ich wie sie: Ich dachte, ich könnte es besser und habe mir irgendwann selbst die Zeit mit Zocken vertrieben. Gerade Pferdewetten haben es mir bis heute mit dem ganzen Drumherum um die Pferde, die Gestüte, Jockeys und der ganzen Tradition des Sportes angetan. Ich habe es dann irgendwann aber auch übertrieben und stand in manchen Abenden mit 50 Euro in der Kasse im Minus. Das konnte man bei uns sogar noch anschreiben und später reinlegen. Zwei Kollegen hatten sich in meiner Zeit jedoch so verzockt, dass sie gefeuert wurden. Du wirst selbst zu diesen Leuten, wenn du dich den ganzen Tag mit ihnen umgibst. Ich habe es irgendwann gecheckt, dass es nichts bringt.

Foto: Imago

Das Problem ist: Du kannst den ganzen Tag wetten. Von Südafrika bis nach Japan, irgendwo läuft immer ein Rennen. In Deutschland ist Pferderennen nicht so verbreitet, aber in England oder Frankreich sind jeden Tag Rennen. Das sind dann nicht die großen Traditionsmeetings wie Royal Ascot, wo die feinen Damen mit Hut hingehen, sondern da werden den ganzen Tag Läufe ohne Zuschauer nur für die Spieler live gesendet. Gerade in England setzen die Leute – so, wie wir einen Lottoschein ausfüllen – einfach auf ein Pferd und schauen im Laufe des Tages, wie es gelaufen ist. Bei Hunderennen – die in Deutschland verboten sind – ist es noch perverser, denn die laufen immer.

Von Betrügereien bekam ich übrigens nicht viel mit. Es gibt immer Kunden, die einen „heißen Tipp" aus der Unterwelt haben, aber da ist kaum etwas Ernsthaftes dabei. Trotzdem gibt es natürlich andere Tricks zum Betrügen. Im Internet kannst du kaum tricksen, aber wenn du abends in der Wettbude hockst, dann unterlaufen den dort arbeitenden Menschen auch Fehler. Einige langjährige Kollegen wussten zum Beispiel, dass der USA-Livestream immer etwas verzögert auf unsere TV-Geräte ausgestrahlt wurde. Oftmals lief das Rennen schon, aber die Wette war noch offen. Also zeigte mir einer der alten Hasen bei der Spätschicht, dass man auf Rennen setzen konnte, die schon zu Ende waren oder wo man wusste, wer vorne liegt. Das sind auch die Dinge, die man als Student bei den Kollegen lernte. Da lag es dann am eigenen Gewissen, ob man da einen 10er oder einen 100er setzt. Dumm war nur, wenn das eigene Pferd noch eingebrochen ist, man aber wie ein sicherer Sieger gesetzt hatte.

Mein Chef war übrigens ein Wettbüro-Besitzer, wie er wohl nicht besser in der Buchmacherbibel stehen kann. Allein unser Laden hat bestimmt 30.000 bis 40.000 Euro in der Woche gemacht und ihm gehörten einige Wettbüros. Er lebte auf Gran Canaria und kam nur einmal im Jahr nach Deutschland – zu unserer Weihnachtsfeier, wo er sich richtig volllaufen ließ. Wir bekamen einen Umschlag mit 400 Euro als „Weihnachtsgeld" und wenn er die Feier verließ, legte er uns noch einen 500-Euro-Schein hin, damit wir noch weiterziehen konnten. Es gibt aber bestimmt auch seriösere Unternehmer und mit der Konkurrenz der großen Player wie Tipico oder auch den Onlinediensten werden solche kleinen Wettbüros leider nach und nach verschwinden. Das ist schade, denn bei all der Scheiße, die passiert, sind Wettbüros für einige Zocker schon seit Jahrzehnten ein Hafen zum Einkehren – auch wenn der nicht unbedingt sicher ist. Ich kann davon ein Lied singen, denn ich zocke seit meiner Zeit als Mitarbeiter noch immer – obwohl ich es besser weiß.

*Damit er auch in Zukunft noch Tippscheine abgeben darf, haben wir für Rafael ein Pseudonym gewählt, ebenso wie für die anderen Charaktere in der Geschichte. Der Text wurde protokolliert von Benedikt Niessen.

-

Noch mehr Bekenntnisse aus der Welt des Sports:

Bekenntnisse eines Playboy-Drifters

Bekenntnisse eines Kreisklasse-Schiedsrichters

Bekenntnisse eines Amateur-Tennistrainers