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Warum Götzes Rückkehr zum BVB der perfekte Transfer wäre

Mario Götze steht unmittelbar vor der Rückkehr zum BVB. Dortmund-Fans werden ihren „Judas" nicht willkommen heißen, doch was ist, wenn das Experiment funktioniert? Maximaler Image-Gewinn bei geringstmöglichem Risiko.

Benedikt Niessen

Benedikt Niessen

Foto: Imago

„Dortmund ist sich mit Weltmeister Mario Götze einig", schrieb die Bild in dieser Nacht. Demnach ginge es nur noch um die Höhe der Ablösesumme für den 24-Jährigen. Schon Ende März hieß es, dass der Ex-Dortmunder zurück zum BVB wechseln würde. Die Welle der Entrüstung blieb jedoch trotz vieler ablehnender Facebook-Kommentare von BVB-Fans und einiger Beiträge wie beim Fanzine schwatzgelb.de aus. Einige Fans sprachen sich sogar schon für einen Wechsel aus. Auch die (mediale) Bombe, wie sie 2013 explodierte, blieb bisher aus.

Damals verkündete Bild ebenfalls nachts und nur einen Tag vor dem Spiel gegen Real Madrid im Champions-League-Halbfinale den Götze-Wechsel vom BVB zum FC Bayern München. Für alle Borussen ein schmerzhafter und vor allem plötzlicher Schlag ins Gesicht. Es war schließlich Götze, der als Jahrhunderttalent aus der eigenen Nachwuchsschmiede emporstieg und die Romantik von Borussia David gegen den reichen FC Goliath untermauerte.

Aber Goliath lockte den damals 20-Jährigen mit einem Star-Trainer sowie der Aussicht auf Titel und Geld. Statt sich in Dortmund zum internationalen Topstar zu entwickeln, wollte Götze so früh es nur ging zum Weltstar aufsteigen. Dass er per festgeschriebener Ausstiegsklausel abwanderte, aber kurz vorher noch erklärte, dass er sich vorstellen könne, langfristig in Dortmund zu bleiben, ließ aus Trauer unendliche Wut und aus Götze einen Judas werden. Während die Dortmunder Fans für die verlorenen Söhne Nuri Sahin und Shinji Kagawa und deren Träume von Madrid und Manchester Verständnis zeigten, wird es für den zum verhassten Konkurrenten gewechselten Wortbruch-Götze keine Sprechchöre oder #FreeMario-Hashtags geben. Eine gehandelte Rückkehr drei Jahre danach ist für Verein, Spieler und vor allem für die Fans zwar schwer—doch sportlich könnte sich ein zweites Verhältnis auszahlen.


Laut der Bild liegen BVB und FCB bei der Ablösesumme nicht mehr weit auseinander: Die Schwarz-Gelben wollen 23 Millionen Euro zahlen, der Rekordmeister aus München will eine Ablöse von 27 Millionen Euro—und somit zehn weniger als beim Einkauf. Damit würden sie Götze auch an den direkten Konkurrenten aus dem Ruhrpott abgeben. Für den BVB wäre dies ein absolutes Schnäppchen: Berechnet man spielerische Klasse, Talent, Alter und den Marken-Wert des WM-Final-Siegtorschützen, dann sollte der erst 24-Jährige in Zeiten von ausufernden Wahnsinnssummen wohl die beste und günstigste Wahl als Mkhitaryan-Ersatz sein. Die Tatsache, dass er Deutsch spricht sowie Verein und Umfeld kennt, sind da nur noch zusätzliche Kaufargumente. Ein Götze würde die mittlerweile stark verjüngte Dortmunder Offensive auf eine neue Ebene katapultieren und Marco Reus seinen kongenialen Partner wie Freund früherer Tage zur Seite stellen. Aber passt Götze, der in Klopps eher suboptimalem Ballbesitzspiel als Problemlöser brillierte, überhaupt in das Tuchel-System, das dem von Pep Guardiola bei den Bayern doch sehr ähnlich ist?

„Tuchel vereint für Götze das Beste aus zwei Welten", erklärt Taktik-Experte René Marić von spielverlagerung.de im Gespräch mit VICE Sports. „Ein starkes und fokussiertes Positions- und Ballbesitzspiel wie Guardiola, aber andere Mechanismen im zweiten und letzten Drittel, die teilweise eher an Klopp als an Guardiola erinnern und dabei aber strukturierter und effizienter sind", so Maric, der sich schon intensiv damit beschäftigte, warum Götze nicht in Guardiolas System passt. So könnte Götze im Dortmunder System, welches in den vorderen Zonen nicht so flügelfokussiert ist, als Achter oder Zehner, also als „spielintelligenter Ballverteiler", agieren. „Seine Stärken—wenn er fit ist, wobei auch hier Tuchels Periodisierung helfen könnte—würden gut zu in die Dortmunder Offensive passen", fasst Maric zusammen.

Der momentane Bankwärmer Götze kann sich seinen zweiten Anlauf zur Weltspitze scheinbar dort vorstellen, wo alles seinen (damals noch erfolgreichen) Anfang fand: Der BVB ist wahrscheinlich der einzige Verein, der ihm sowohl die Champions League als auch die Sicherheit und Geborgenheit garantieren kann, die er nun braucht, um zu alter Stärke zu finden. Die Option eines Auslandswechsels dürfte den sensiblen Mittelfeldspieler erst mal abschrecken—auch weil die Traumziele Barça oder Real an einen Transfer nicht denken. Dafür scheint er auch auf einen Teil seines Mega-Gehalts beim FC Bayern zu verzichten—was die Borussia wohl überhaupt erst ins Grübeln gebracht hat. Und: Falls Götze auch beim BVB scheitert, dürfte der Verein ihn trotzdem noch an Vereine weiterreichen können, die eine ähnliche Millionensumme wie jetzt die Borussia zahlen würden.

Viele BVB-Fans haben sowohl die letzten Erfolgsjahre als auch die Abgänge und die ständigen Transfergerüchte um eigene Leistungsträger vor allem eines gelehrt: Die vielpropagierte Echte Liebe wird eigentlich nur in der Kurve gelebt und nicht von den angestellten Spielern. Aber vergessen tun sie trotzdem nicht. Die Götze-Trikotbeflockung würde die Borussia erstmal nur im Ausland brauchen: Der 24-Jährige müsste lange und hart arbeiten, um überhaupt wieder auch nur ansatzweise irgendwelche positiven Gefühle auf der Dortmunder Südtribüne auslösen zu können.


Aber nehmen wir an, dass der in München nie wirklich angekommene Götze zurück beim BVB neue Heldengeschichten schreibt und sich wieder die Anerkennung der Fans verdient. Dann zeigt diese Rückkehr den BVB-Fans erneut, dass die Borussia doch besonderer ist als der FC Bayern. Wenn es aber nicht klappt und Götze scheitert, dann gab der Verein—trotz unrühmlicher Trennung im Jahr 2013—einem altgedienten Spieler eine zweite Chance.

Und vielleicht zeigen die BVB-Fans ihre oftmals so beneidenswerte Klasse und Empathie, so dass sie den Fehltritt eines 20-Jährigen und seinen jahrelang vom Umfeld produzierten Ambitionen verzeihen. Zwischen dem Transfer von Götze zum BVB liegen also scheinbar nur noch vier Millionen Euro auf die sich die Vereine wohl einigen sollten. Das erfolgreiche Gelingen dieser Rückkehr werden aber Götze selbst und das große Herz der Dortmunder Fans zu guter Letzt beeinflussen.

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