Was nach Olympia bleibt: Milliarden Schulden, verwaiste Sportstätten und Zukunftsangst

Brasilien hat sich mit Olympia 2016 völlig übernommen. Doch die Spiele sind nur makabre Spitze einer tiefen brasilianischen Krise. Leidtragende sind besonders Rios Bewohner.

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Dez. 30 2016, 5:30pm

Erich Schlegel-USA TODAY Sports

Während Olympia 2016 war ich vor Ort in Rio und habe mich lange und intensiv mit Hugo Costa, einem Geografen aus einem der Arbeiterbezirke der Stadt—über die Spiele und ihre Folgen unterhalten. Er erklärte mir, wie ein neues Bussystem, das von Regierungsseite als Fortschritt für die Bevölkerung Rios vermarktet wird—in Wirklichkeit das Leben für ihn und seine Familie verschlechtert und eine der wenigen grünen Oasen in seiner Nachbarschaft zerstört hat.

Vor einigen Wochen habe ich Costa mal wieder auf WhatsApp angeschrieben und wollte von ihm wissen, wie es so geht. Seine Antwort war ernüchternd.

„Nun ja", schrieb mir Costa zurück, „in Brasilien gibt es aktuell keine guten Nachrichten."

Denn seitdem sich das weltweite Interesse wieder anderen Orten gewidmet hat, ist Brasilien nur noch tiefer in seine verheerende politische und wirtschaftliche Krise geschlittert. Seit 2014 hat sich die Arbeitslosenquote verdoppelt, während das BIP um 8,4 Prozent zurückgegangen ist. Die neue rechtsgerichtete Regierung hat drakonische Spargesetze erlassen, die nicht nur die Ausgaben für die nächsten 20 Jahre auf dem heutigen Stand einfrieren, sondern auch die Löhne und Renten der Staatsangestellten bis zu 30 Prozent kürzen wird. Die Maßnahmen gehen so weit, dass sogar die Vereinten Nationen das Gesetz als noch nie dagewesen, zu undifferenziert und erbarmungslos bezeichnete. (Das alles in einem Land, das bis heute keine Körperschaftsteuer hat, versteht sich.)

Von allen Orten in Brasilien ist Rio von der Wirtschaftskrise am stärksten betroffen. Der Bundesstaat Rio, wie auch die Stadt, waren schon vor Beginn der Spiele pleite. Rios Einnahmen hängen seit Jahren stark vom Ölpreis ab. Als der einbrach, versiegte auch Rios Geldquelle, genauso wie die vom größten Unternehmens Brasiliens, Petrobras. Petrobras ist ein Staatskonzern mit Sitz in Rio, im gleichnamigen Bundesstaat hat Petrobras gleich mehrere Raffinerien und Fabriken. Staatliche Rettungsgelder, die Rio für die Olympischen Spiele am Laufen hielten, sind längst Geschichte. Und dank der Steuererleichterungen für Sponsoren und andere an Olympia mitverdienende Firmen hat es der Bundesstaat geschafft, aus dem drei Wochen andauernden Mega-Event einfach mal keine Einnahmen zu erzielen. Dafür sitzt Rio jetzt auf einem rund 31 Milliarden Dollar hohen Schuldenberg.

Petrobras steht außerdem im Zentrum eines massiven Korruptionsskandals, den die Brasilianer Lava Jato („Autowäsche") getauft haben. Es geht um Bestechungsvorwürfe in Höhe von sage und schreibe zwei Milliarden Euro, wovon ein Teil direkt mit den Olympischen Spielen in Verbindung steht. Auch Brasiliens größter Baukonzern, Odebrecht, nimmt in der Causa Lava Jato eine zentrale Rolle ein. Der Konzern zeichnete für mehr als die Hälfte aller Olympia-Bauaufträge verantwortlich und hatte sogar eine eigene Bestechungsabteilung.

Odebrecht kooperiert mittlerweile mit den Behörden und hat im Zuge dessen mit dem Finger auf den Bürgermeister von Rio—Eduardo Paes, einen der größten Olympia-Fürsprecher—gezeigt. Unternehmensbosse behaupten, Paes für seine Kampagne zur Wiederwahl im Jahr 2012 bis zu 9 Millionen Dollar rübergeschoben zu haben.

Rios Bürgermeister, Eduardo Paes (links), ist Teil des Korruptionsskandals. Foto: Michael Madrid-USA TODAY Sports

Auch was die sogenannten „Legacy"-Projekte betrifft—also solche, die als Vermächtnis der Spiele in Rio zurückbleiben sollten—, sieht die Zukunft alles andere als rosig aus. Eines dieser „Legacy"-Projekte war auch das neue Bussystem, das meinem Freund Costa und seinen Nachbarn nachhaltig das Leben erschwert. Der Bau einer anderen Linie—der Transbrasil-Linie, die sinnigerweise direkt entlang einer Bahn- und einer Autobahnstrecke verlaufen sollte—wurde ganz gestoppt, seitdem der Korruptionsskandal bekannt wurde.

Und selbst bei den fertiggestellten Infrastruktur-Projekten überwiegen die kritischen Stimmen. Da wäre beispielsweise die neue U-Bahn-Linie, die für Olympia gebaut wurde und die wohlhabenderen Ecken im Süden mit dem Rest des U-Bahn-Netzes verbindet. Der größte Kritikpunkt: Die neue Linie ist für den Durchschnitts-Carioca sündhaft teuer geworden. Um konkrete Zahlen zu nennen: Eine Fahrt mit Bus und U--Bahn—diese Kombination ist die Regel und nicht die Ausnahme, weil man das U-Bahn-Netz nicht gerade als ausgedehnt bezeichnen kann—kostet jetzt 7,90 Reais (rund 2,30 Euro). Eigentlich wollte der Staat mit Subventionen niedrige Ticketpreise garantieren. Doch weil der jetzt pleite ist, fielen die Subventionen aus. Die Folge sind—neben teuren Tickets—leere Bahnen. Für die neue Linie hatte man eine Nutzung von 300.000 Passagieren pro Tag kalkuliert. Bisher nutzen die neue Linie nicht mal 80.000 Menschen pro Tag.

Ein anderes „Legacy"-Projekt ist kein totaler Reinfall. Die Rede ist von einer neuen Stadtbahn, der VLT do Rio de Janeiro. Die verbindet den zentralen Busbahnhof mit dem Flughafen—der bisher noch gar nicht an das öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen war—sowie dem neuen Hafenbezirk. Doch auch die VLT hat einen faden Beigeschmack. Denn eigentlich sollte sie zu einem Netzwerk von mehreren Bahnlinien aufgebaut werden, ein Plan, für den mittlerweile aber das Geld fehlt. Das wirklich Dumme an der Sache: Die Stadt Rio hat den Firmen hinter dem VLT-Konsortium feste Einnahmen für die kommenden 25 Jahre vertraglich zugesichert—also für ein Bauprojekt, das zu großen Teilen überhaupt nicht fertig ist.

RioOnWatch.org hat in einem Bericht darauf hingewiesen, dass manche dieser halbfertigen VLT-Projekte die lokale Wirtschaft in einigen Arbeiterbezirken schwer in Mitleidenschaft gezogen haben. Warum? Weil Fußgänger und Autofahrer diese Ecken aufgrund der aufgerissenen Straßen lieber umgehen—es fehlt also massiv an „Laufkundschaft". Außerdem wurden bestehende Linien eingestampft. Ein betroffener Anwohner brachte es gegenüber RioOnWatch auf den Punkt: „Es ist nur für Touristen besser geworden. Für uns, die hier leben, ist es der Horror."

Ebenso ein weiteres „Legacy"-Projekt kann man getrost als gescheitert abstempeln: Die Reinigung der Guanabara-Bucht. Denn nicht nur, dass das Wasser bei den olympischen Segelwettbewerben weiterhin verschmutzt war. Anfang des Monats feuerte die Firma, die für die andauernde Reinigung verantwortlich ist, sämtliche Mitarbeiter auf dem Guanabara-Projekt.

Auch was die olympischen Stätten betrifft, ist das Fazit sehr ernüchternd. Der Olympia-Park war—Stand Ende November—noch immer leer, wenn man von den Müllbergen mal absieht. Zumindest in naher Zukunft können hier keine Veranstaltungen stattfinden, wie es einst geplant war. Auch die Nutzung anderer Stätten als Schulen wurde nicht in die Tat umgesetzt. Daran wird sich, angesichts der klammen Kassen in Rio, in den nächsten Jahren auch nichts ändern.

Und dann wäre da noch die olympische Golfanlage, die der Öffentlichkeit in den nächsten 20 Jahren zugänglich gemacht werden sollte. Doch schon jetzt gibt es große Finanzierungssorgen. Die Anlage bleibt weitgehend ungenutzt, was an zwei Faktoren liegt: Erstens ist die Mindestgebühr von umgerechnet 74 Dollar mehr als heftig. Und zweitens ist Golf in Brasilien einfach keine beliebte Sportart.

Genauso wie Brasilien blickt Rios olympische Golfanlage einer unsicheren Zukunft entgegen. Foto: Rob Schumacher-USA TODAY Sports

Bei all den Horrormeldungen vergisst man schnell—und kann auch fast schon nicht mehr glauben—, was Olympia 2016 und die Fußball-WM 2014 eigentlich bezwecken sollten: Brasilien wollte mit den beiden Mega-Events seinen Aufstieg zur wirtschaftlichen Großmacht symbolisch untermauern. Zur Zeit der beiden Bewerbungen sah es ganz danach aus, als würde man Olympia und WM wirtschaftlich locker stemmen können. Daran hätte sich auch nichts geändert, wenn die allgemeinen wirtschaftlichen Bedingungen angehalten hätten. Haben sie aber nicht. Und der Rest ist eben nicht Geschichte. Weil die Brasilianer—und vor allem die cariocas—die Folgen der Krise und vor allem von Olympia noch in Jahrzehnten spüren werden.

Aber wie viel Schuld an der Misere tragen jetzt die WM und Olympia? Diese Frage lässt sich nicht leicht beantworten. Mauricio Santoro—Politikprofessor an der staatlichen Universität von Rio de Janeiro—erklärt mir, dass die öffentliche Wahrnehmung so aussieht, dass sich Brasilien mit den beiden prestigeträchtigen XXL-Partys erheblich übernommen hat. Doch das ist nicht die ganze Geschichte. Brasilien—und damit vor allem seine Einwohner—hatte auch eine Menge Pech. So ziemlich alles, was schief gehen konnte, ging auch schief. Dazu hat die Regierung einige kapitale Fehlentscheidungen getroffen, so etwa der Beschluss, Großkonzernen massive Steuererleichterungen zuzusichern. Außerdem wurde nach dem Fall des Ölpreises entschieden, Kredite billiger zu machen, in der Hoffnung, dass sich Brasiliens Bürger besonders ausgabebereit zeigen und so das Land aus der Krise kaufen. Gleichzeitig türmten sie dadurch Schulden auf, viele von ihnen verloren im Zuge der sich ausweitenden Wirtschaftskrise dann noch ihren Job. Natürlich haben die beiden Mega-Events nicht gerade geholfen, aber sie waren nicht der Auslöser der wirtschaftlichen Misere Brasiliens. Sie haben einfach „nur" ein paar Milliarden mehr auf die Rechnung geschrieben.

So ein Olympiastadion ist nicht billig. Foto: Michael Madrid-USA TODAY Sports

Was uns die Entwicklungen in Brasilien außerdem zeigen, und hier sollten vor allem Entwicklungs- und Schwellenländer besonders genau aufpassen: Brasiliens letzte zwei Jahre haben verdeutlicht, wie schnell aus wirtschaftlicher und politischer Sicht der Wind der Veränderung wehen kann und wie weit man die Finanzierung zukünftiger Großprojekte verlässlich vorausplanen kann. Wer weiß heute noch, dass Brasilien 2009—als man den Olympia-Zuschlag erhielt—kurz davor stand, Frankreich und das Vereinigte Königreich als die fünftgrößte Wirtschaft der Welt zu überholen.

„Ich glaube, die Krise wäre auch ohne Olympia eingetroffen", ergänzt Santoro, „aber die Tatsache, dass wir die WM vor zwei Jahren und Olympia erst in diesem Jahr ausgerichtet haben"—er stockt und fängt an zu kichern—„das ist irgendwie lustig, weil es sich anfühlt, als würde Olympia schon viele Jahre zurückliegen. Denn die Stimmung, die wir heute in Rio erleben, ist mittlerweile eine ganz andere."

Die Abschlusszeremonie fand vor gerade mal vier Monaten statt.