4 Dinge, die am Video-Beweis nicht funktionieren

Auch wenn der Confed-Cup den Stresstest bestanden hat, so war der Videobeweis ein einziges Fiasko. Was sich ändern muss, damit das Spiel nicht dauerhaft beschädigt wird.

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03 Juli 2017, 1:12pm

Foto: Imago

Confed Cup. Übersetzt heißt das nicht Konfetti-, sondern Konföderationen-Pokal. Neben unendlich viel sportlichem Ruhm geht es der FIFA dabei besonders darum, ein Jahr vor der Weltmeisterschaft das Gastgeberland einem „Stresstest" zu unterziehen. Und ja: Die Stadien in Russland stehen soweit. Die befürchteten infrastrukturellen Probleme? Fehlanzeige. Dafür schoss die FIFA mit der Einführung des Videobeweises ein – Vorsicht, Wortspiel – lupenreines Eigentor. Fehlentscheidungen, Spielunterbrechungen von mehreren Minuten und nicht nachvollziehbare Regelauslegung. Stand jetzt macht der „Video Assistant Referee" keinen Sinn. Wir haben überlegt, was sich bis zur WM im nächsten Jahr ändern muss.

1. Warum dauert das so lange?

In einer digitalisierten Welt, in der alles immer schneller gehen muss, kann ein Hauch von Entschleunigung nicht schaden, Aber: Das gilt nicht für den Einsatz des Videoassistenten. Und zwar in doppelter Hinsicht. Im Vorrundenspiel der Chilenen gegen Kamerun hatte Eduardo Vargas ein vermeintlich reguläres Tor erzielt und seine ausgedehnte Jubelchoreographie – ja, inklusive Herzchengeste ins Publikum und Sitzkreis mit den Kollegen an der Eckfahne – bereits beendet, ehe der Schiedsrichter als Spaßverderber einschritt. Dementsprechend groß war das Verständnis bei den stets besonnenen Südamerikanern.

Foto: Imago/Photosport

Doch nicht nur das: Muss der Schiedsrichter zur Sichtung der Videobilder wirklich zu diesem monströsen, unförmigen Monitorkasten an der Auswechselbank laufen? Der Mensch ist vor knapp 50 Jahren zum Mond geflogen, ein tragbares Gerät ist da doch wirklich nicht zu viel verlangt, oder? So würde Zeit gespart und der Spielfluss nicht völlig zerstört werden.

2. Warum sprecht ihr nicht mit uns?

Wie in jeder guten Beziehung auch im Fußball das A und O: Kommunikation. Fans und Spieler im Stadion müssen wissen, was passiert. Ein Beispiel: Im gestrigen Finale küsste Gonzalo Jaras Ellenbogen Timo Werners Gesicht und der Schiedsrichter entschied auf Einwurf. Wenn selbst der Unparteiische auf dem Rasen nichts mitbekommen hat, wie viel haben dann wohl die Zuschauer am anderen Ende des Stadions vom Ellenbogen-Check gesehen? Richtig: nichts. Sie sahen: einen Deutschen auf dem Boden, eine mal wieder viel zu lang andauernde Diskussion mit dem Unparteiischen, einen Schiedsrichter, der den Videobeweis zur Hilfe heranzieht, und einen Chilenen, der anschließend die Gelbe Karte sieht. Was wirklich geschah, müssen sie sich zusammenreimen.

Schauen, bewerten, entscheiden, Konsequenzen ziehen. Aber wo ist die Kommunikation? / Foto: Imago

In der NFL ist es hingegen Usus, dass der Referee seine Entscheidungen durch ein Mikrofon verkündet. Kurz und knapp erklärt er für alle Beteiligten, warum die Partie unterbrochen wurde, welcher Spieler gegen welche Regel verstoßen hat und welche Konsequenzen das jetzt hat.

3. Was bringt der Videobeweis, wenn trotzdem falsch entschieden wird?

Kein Mensch ist perfekt. Und Schiedsrichter sind bekanntlich ziemlich menschlich. Dennoch darf man getrost erwarten, dass Fehlentscheidungen dank der Nutzung des Videobeweises ausgeschlossen werden können. Darum geht es ja schließlich, oder?

Beim Confed-Cup war dies leider nicht der Fall. Im Spiel gegen Deutschland wurde Kameruns Sébastien Siani nach einem vermeintlichen Foulspiel und anschließender Sichtung der Videobilder mit glatt Rot vom Platz gestellt. Dumm nur, dass der an der Szene überhaupt nicht beteiligt war. Ganze vier Minuten dauerte die anschließende Diskussion, ehe der Schiedsrichter (nach erneuter Zuhilfenahme der Fernsehbilder) in Ernest Mabouka den Übeltäter erkannte. Aua.


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Ebenso ruhmreich verlief das VAR-Intermezzo im gestrigen Finale zwischen Chile und Deutschland. Nach ausführlicher Analyse des Ellenbogenschlags von Gonzalo Jaras gegen Timo Werner zückte der Unparteiische lediglich die gelbe Karte. Eine krasse Fehlentscheidung nach einer klaren Tätlichkeit.

4. Wann gewöhnen wir uns daran?

Der gemeine Fußballfan ist Traditionalist und Romantiker. Und natürlich gegen die immer weiter voranschreitende Kommerzialisierung seines liebsten Hobbys. „Fehlentscheidungen gehören zum Fußball dazu", „Dadurch entstehen Emotionen und davon lebt der Fußball". Man könnte unzählige Argumente gegen die Einführung des Videobeweises finden, aber: Es ist nur fair, wenn Strafstöße zu Recht gegeben werden, Schwalben konsequent entlarvt werden und grobe Unsportlichkeiten nicht ungeahndet bleiben. In einem Spiel, in dem es um Millionenbeträge geht, sollte nicht allzu viel dem Zufall überlassen werden. Vielleicht müssen wir Fans uns einfach daran gewöhnen, dass selbst im Fußball nicht immer alles gleich bleiben kann.

Auch wenn die verantwortlichen FIFA-Funktionäre ein positives Fazit der Videotechnologie beim Confed-Cup ziehen, momentan geht das auf Kosten der Zuschauer. Schafft es die FIFA, den Videobeweis für alle Beteiligten transparenter, weniger zeitintensiv und vor allem weniger anfällig für Fehlentscheidungen zu machen, dann sollte auch der letzte Kritiker zu überzeugen sein.

Dafür bleibt den Verantwortlichen noch ein Jahr Zeit.