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Alle Fotos: Konstantin Arnold

Nic von Rupp—ein vollendet veredelter Spitzenathlet?

Konstantin Arnold

Nic von Rupp ist der begnadetste deutsche Big Wave-Surfer. Was das konkret für ihn bedeutet? Ein Markenwert von 2 Mio. Euro, 200 Tage Jetlag im Jahr und ein eigener Film. Wir haben ihn auf der Suche nach Feierabend in seiner Wahlheimat Portugal besucht.

Alle Fotos: Konstantin Arnold

Es ist Freitagabend in Lissabon. Wir stehen vor einem haushohen Banner, das direkt über die Fassade des São Jorge Kinos gespannt wurde und warten auf den Einlass. Im Foyer stehen eine ganze Menge wichtige Leute. Profisurfer und die, die es werden wollen. Manager, Marketing-Direktoren aus der Surfindustrie und viele Karohemden. Es gibt eine leichtbekleidete Portugiesin, die dafür verantwortlich ist, Limetten in die freien Coronas zu stecken und eine ganze Menge Andrang. Viele haben braune Haare, die durch Sonne und Salzwasser fast blond sind. Viele stehen mit uns auf dem Balkon vor dem Poster und rauchen rote Gauloises auf Portugiesisch. Ich spreche mit Tiago Pires, fotografiere Marlon Lipke und verpasse den gut gekleideten Portugiesen, der den Film geschnitten hat. Dann dürfen wir endlich rein. Nur die freien Coronas müssen wir draußen lassen.

Ein Kinosaal mit 800 Besuchern ist kein Kinosaal mehr, sondern eine Arena, in der in den nächsten 16 Minuten Dinge gezeigt werden, die für eine fast 20 Meter hohe Leinwand zu groß sind. Nikolaus von Rupp betritt die Bühne. Aufgeregt und bescheiden. In der ersten Reihe seine Familie, dahinter seine portugiesische Freundin und in den Reihen danach ehemalige „World Tour Surfer" und ein solides Aufgebot an Journalisten. Willkommen zur Weltpremiere von „Four Cliffs", dem vierten Teil der „My Road Series", mit dem Nikolaus eine neue Bedienungsanleitung im Umgang mit Riesenwellen veröffentlicht. Viele sprechen von einem neuen Maßstab, der die Grenzen des „Big Wave Surfens" um ein solides Maß an eigener „Paddle Power" erweitert und das, obwohl er sich selbst niemals als „Big Wave Surfer" bezeichnen würde. 799 Kinobesucher sehen das anders, weil sie für eine kurzatmige Viertelstunde nichts anderes tun, als wirklich hinzugucken. Kein WhatsApp, keine Unterhaltungen. Selbst das Popcorn bleibt unversehrt. Viele jubeln und klatschen, wenn Nikolaus mal wieder aus einem Wellentunnel hervorschießt, in den man auch einen Kleinwagen parken könnte. Es sind seine 16 Minuten.

Über ein Jahr Arbeit, in dem er sich der Kurzlebigkeit des Internets entsagt und darauf gebaut hat, in geduldiger Manier einen Hammer zu veröffentlichen, in dem einfach alles auf Steroiden ist. Dafür müssen Kompromisse her! Über 600 Stunden in 52 verschiedenen Flugzeugen und dadurch fast 200 Tage Jetlag im Jahr. Denn Profisurfer zu sein funktioniert so: Pro Quartal bekommt man einen Katalog zugeschickt, aus dem man sich die Sachen aussuchen kann, die das Leben in der richtigen Konfektionsgröße schöner machen. Gut ausgestattet fliegt man nun 36 Stunden nach Westaustralien, um ein Tiefdruckgebiet zu jagen, das sich kurz nach Ankunft in wolkenlose Schönheit verwandelt. Weil es mit den haushohen Brechern leider nichts geworden ist, entscheidet man nun, für einen Contest nach Kalifornien zu fliegen, um in kniehohen Wellen, leider in der ersten Runde eliminiert zu werden ohne die Motivation zu verlieren. Journalisten muss man bereits kurz nach acht mit einem fröhlichen Lächeln begrüßen können und um krönenden Abschluss noch genügend Selbstbeherrschung besitzen, um sich leidenschaftlich für die Erfolge der Anderen zu freuen. Willst du das? Auch wenn Nikolaus gerade dabei ist, eine 56 personenstarke Warteschlange mit signiertenPostern zu versorgen, solltest du weiterlesen.

Denn wir gieren nach dem Lebensgefühl, was er verkörpert. Auch wenn wir wissen, dass ihn dieser Lebensstil die G-Shock Uhr kostet, wenn Jetlag jegliche Funktionalität zum Accessoire werden lässt. Denn auch Nikolaus bezahlt sein Surfwachs mit einer EC–Karte. Und er ist ausgebrannt, wie fast jeder zur Vorweihnachtszeit. Nur kennt der Beruf des Deutschportugiesen mit amerikanischen Pass und Schweizer Wurzeln keinen Feierabend. Keine Urlaubstage. Denn er bezahlt, die alltäglichen Ausgaben des Lebens mit seiner Leidenschaft. Wie lässt sich so noch Freizeit definieren? Vor einigen Wochen ist er nach Las Vegas geflogen, um die Hochzeit eines Freundes zu feiern. Viel konnte er mir nicht erzählen, denn was in der westamerikanischen Wüstenstadt passiert, sollte natürlich auch dort bleiben. Dann sind sie Snowboarden gewesen und haben den äußerst schmerzhaften Sturz eines Freundes gefilmt. Surfen war er in dieser Zeit nicht, um zumindest für den Moment einmal die Blase zu verlassen, die man erst dadurch wieder wirklich zu schätzen weiß.

Nikolaus von Rupp spricht fünf Sprachen und ist meiner Meinung nach fast zu intelligent, um nur Profisurfer zu sein. Er ist professionell im Umgang mit Journalisten und denen, die auf Instagram seinem digitalen Leben folgen. Er ist zugänglich und offen, selbst zu den Menschen, von denen er nichts zu erwarten hat und verbindet Höflichkeit mit einem klaren Standpunkt. Dabei hilft ihm ein starkes Team, das den Individualsport Profisurfen zum Mannschaftssport transformiert. Ein Manager, ein Techniktrainer. Dazu Physio- und Psychologe und die Unterstützung durch den engsten familiären Kreis, helfen von Rupp dabei sein Ziel für 2016 klar zu definieren. Er will seinen kompetitiven Ehrgeiz endlich wieder von der Leine lassen und sich nun mehr dem Wettkampfsurfen widmen, ohne sich dabei in zu hohen Erwartungen zu verlieren.

„Ich bin kein Typ der mit Endzielen arbeitet! Ich weiß zwar genau was ich möchte, aber gebe den Dingen auch die Möglichkeit einfach passieren zu können! Meine Art und Weise zu Surfen lässt sich im Wettkampf einfach am besten ausdrücken!". Klingt wie ein vollendet, veredelter Spitzenathlet mit Exotenstatus, der sich über sportliche Qualität definieren möchte und nicht über Karohemden. Oder danach, dass man als Profisurfer eine eigene Nische finden muss, um das Alleinstellungsmerkmal zu kreieren, welches dich im Auge der Surfindustrie unverkennbar macht. Hier geht es um Vermarktung. Bei einem geschätzten Markenwert von 2 Millionen Euro braucht man natürlich eine schöne Facebook-Fanpage und Sponsorenverträge, die ottonormale Alltagsprobleme sicherlich nicht aus der Welt schaffen, aber für einen Freiraum sorgen, in dem Athlet und Mensch in Harmonie zusammenleben können.

Das tut Nikolaus unweit von Lissabon. In einem verschlafenen Küstenort hatte sich der Profisurfer vor einiger Zeit ein Haus gekauft, das zum Leidwesen seiner schönen Freundin nach sechs Monaten immer noch auf seine Inneneinrichtung wartet. Deswegen treffen wir ihn nicht zu Hause, sondern irgendwo zwischen dem Mariot Hotel und der einzigen Hauptstraße in Praia del Rei. Miguel, Nik`s Manager, hat uns am Vorabend gebeten pünktlich zu sein. Mit ihm haben wir bei gedimmten Licht Octopuscapaccio gegessen und so getan, als ob uns das schmecken würde. Jeder erzählt Anekdoten und hofft, dass es die anderen lustig finden. Ein typisches Businessdinner eben. Doch zurück zum Morgen danach. Ohne digitalen Standort sind wir natürlich zu spät für die richtige Gezeit. Nikolaus fährt einen 300.000 Kilometer alten Golf Passat auf dessen Motorhaube man nach einer halben Stunde Spiegeleier braten könnte. Im Kofferraum sind vier Surfboards seiner „Signature Series", die für jeden Wellentyp das richtige Repertoire bereithalten. Eins davon ist neu und ungesurft. Halten wird es leider nur bis zum Nachmittag, weil Nikolaus im Line Up tiefer sitzt als alle anderen.

Auf Deutsch gesagt, gehört er zu den besten europäischen „Barrel Ridern". Tag für Tag will er herausfinden, wo genau das Limit des Machbaren ist. Dort, wo andere aufhören weiterzugehen? Oder dort, wo man diese Aufregung spürt. Die Schlaflosigkeit vor großen Tagen und das Adrenalin, wenn man sich bei eisigem Regen die Neoprenhaube überzieht, um im irischen Morgengrauen eine der heftigsten „Big Wave Arenen" der Welt zu betreten. Alles nur um sich lebendig zu fühlen und für einen Moment darüber entscheiden zu können, wie man eigentlich Leben möchte.

„Von Rupp", ist das eigentlich Portugiesisch?

Fragen zumindest die „World Surf League" Kommentatoren, die sich an dieser Stelle immer wieder gerne auf seinen deutschen Familienhintergrund beziehen, um sich während eines 30-minütigen Live-Webcasts ein paar interessante Fakten aus den geskripteten Unterhaltungen zu leiern.

Am Nachmittag essen wir Picanha. Unpaniertes Rindfleisch mit schwarzen Bohnen und Reis. Zwischen den hungrigen Gesprächspausen reden wir über die neue Hurley Kollektion von John Florence und fragen uns, ob Camouflage schon wieder im Trend ist. Zusammen mit einem neuseeländischen Filmer und genau dem Profisurfer, der sich bei seinen Fotoshootings die Hurley-Jacke eines Fotografen leihen muss, um nicht auf allen Bildern dasselbe zu tragen. Danke Nikolaus!

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Alle Bilder hat Konstantin Arnold geschossen. Checkt seinen Blog aus: byndmagazine.tumblr.com