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Wenn wir nicht versagen dürfen und es trotzdem tun

Mentaltrainer Markus Hornig coachte Profis wie Tennis-Star Nicolas Kiefer und nahm ihnen die Angst vor dem Versagen. Wir haben uns von ihm erklären lassen, wie man diese Angst bekämpfen kann.

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Sep. 16 2015, 10:35am

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Es hätte in dieser Situation wohl keinen Besseren geben können. Nach einem starken Turnier mit einem Punkteschnitt von 21 Punkten und einer Freiwurfquote von 83 Prozent stand Dennis Schröder, Top-Scorer der deutschen Mannschaft, nach einem gefoulten Dreier in den letzten Sekunden des Spiels gegen Spanien an der Linie. Sollte er treffen, würde es in die Verlängerung gehen und die Chance auf ein Weiterkommen der deutschen Basketball-Nationalmannschaft am Leben gehalten werden. Doch nach zwei verwandelten Würfen verlor er die Nerven und vergab seinen letzten Wurf. Deutschland war ausgeschieden.

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Der Moment, den Schröder an diesem Abend durchlebte, fällt unter den Begriff des „Choking" oder stressbedingten Leistungsabfalls. Dieses Phänomen kann in unterschiedlicher Stärke auftreten und manche Spieler sogar so weit hemmen, dass die Angst zu versagen einen großen Einfluss auf ihre Karriere nehmen kann.

Doch wie kommt es zu dem Leistungsabfall? Sind es „nur" die Nerven? Wie kann man dagegen vorgehen und in welcher Weise können auch Trainer auf ihre Spieler einwirken, dass der Kopf in den wichtigen Momenten mitspielt? VICE Sports hat sich mit Markus Hornig unterhalten. Er ist Mentaltrainer, Kolumnist beim FOCUS und betreute neben der Frauen-Fußballnationalmannschaft auch Davis-Cup-Tennisspieler wie Nicolas Kiefer als Spezialist in Fragen der mentalen Fitness. Neben Leistungssportlern sind mittlerweile auch Unternehmen ein Teil seiner Klienten und er berät sie im Bereich Leistungs- und Energiemanagement.

VICE Sports: Wie kommt es zum plötzlichen Versagen der eigenen Fähigkeiten unter Druck?
Oft sind es unrealistische Zielsetzungen, die dazu führen können, dass man sich zu sehr unter Druck setzt. Wenn man zum Beispiel mit 14 Jahren Berliner Tennismeister wird, bedeutet das noch lange nicht, dass man es problemlos ins Davis-Cup-Team schaffen wird. Sportler denken oft an die Konsequenzen, die ihre Handlung haben könnte und die Angst vor Misserfolg lässt sie dann schnell abschweifen. Wenn der nächste Wettkampf als der entscheidende Moment der Karriere angesehen wird, führt das eigentlich automatisch zum Verkrampfen. Der Weg zur Spitze ist verdammt hart und steinig und das muss den Sportlern bewusst sein.

Foto: Markus Hornig; Markus Hornig mit dem dreimaligen Davis-Cup-Sieger Charly Steeb

Was sind die Gründe dafür, dass Leute unterschiedlich mit Leistungsdruck umgehen?
Im Großen und Ganzen liegt es an den unterschiedlichen Persönlichkeitstypen. Menschen sind verschieden und das gilt auch für den Sport. Aber bei allen hat es mit Selbstvertrauen zu tun. Es gibt viele Leute, die ein Wettkampfumfeld brauchen, um zu trainieren, nur dann funktionieren sie. Michael Stich ist da nur ein Beispiel. Bei ihm musste es in jeder Übung um etwas gehen. Und gerade im Jugend- und Nachwuchsbereich spielen viele Athleten nicht für sich, sondern für ihre Eltern oder die Trainer. Da fehlt das Herzblut und solche Spieler setzen sich dann meist unter Druck.

Die besten Spieler leiden also nicht unter Leistungsdruck?
Natürlich verspüren auch sie das Gefühl von Leistungsdruck, doch sie wissen genau, wie sie damit umzugehen haben. Die hohe Kunst ist es eben, im Spiel immer in der Gegenwart zu bleiben. Gedanklich und vor allem emotional. Man muss immer wieder Möglichkeiten suchen, ins Hier und Jetzt zu kommen. Wenn man sich im Kopf mit den negativen Konsequenzen beschäftigt, die passieren könnten, dann programmiert man sich von Anfang an auf Misserfolg.

Leichter gesagt als getan. Wie schafft man es, sich nicht mit diesen negativen Konsequenzen zu beschäftigen?
Eine Möglichkeit ist die Atmung. In dem Moment, wo ich bewusst tief atme, meinen Körper spüre, komme ich automatisch wieder in die Gegenwart. Als zweiter wichtiger Punkt würde ich die Blickkontrolle hervorheben, wenn diese gepaart ist mit positiven Selbstgesprächen, dann ist man auf einem guten Weg, auch mental erfolgreich zu sein. Mit dieser Blickkontrolle ist das Fixieren eines Punktes in der Gegenwart gemeint. Er bringt einen zurück in die Realität und „raus aus seinem Kopf." Man muss nur mal schauen, was ein Rafael Nadal alles für „Ankerpunkte" hat. Für einen Außenstehenden mag das vielleicht lächerlich wirken, aber für einen Sportler sind genau das Hilfsmittel, die sie ins Hier und Jetzt zurückbringen können.

Wenn du Angst hast Fehler zu machen, dann ziehst du die Fehler an.

Wie geht man dann am besten an einen Wettkampf heran?
Ganz einfach, man sollte aufgabenorientiert arbeiten. Eine Mannschaft ist schlecht damit beraten, in ein Spiel reinzugehen und zu sagen 'wir müssen um jeden Preis gewinnen'. Das Gewinnen ist eine Folge. Ein Resultat aus der Strategie des 'Game-Plans'. Das vergisst man oft und läuft dadurch Gefahr zu verkrampfen, weil man gar nicht weiß, was man überhaupt machen muss, um zu gewinnen. Wenn du Angst hast, Fehler zu machen, dann ziehst du die Fehler an. Man unterscheidet da zwischen Leistungszielen und Erfolgszielen. Im Spiel sind Leistungsziele gefragt. Also die Ziele, die man erreichen muss, um sich in die bestmögliche Ausgangslage zu bringen, um zu gewinnen. Ein zweiter wichtiger Punkt ist, dass man lernen muss zu akzeptieren, dass auch Fehler passieren. Man sollte den Wettkampf als Herausforderung sehen und nicht als Bedrohung.

Wann hast du erkannt, dass du auf mentaler Ebene mit Sportlern zusammenarbeiten möchtest?
1985 bekam ich beim BTTC Grünweiss Lichterfelde meinen ersten Trainerjob als Tennistrainer, zudem war ich auch Verbandstrainer. Zu dieser Zeit hatten wir mit Markus Zoecke einen der besten Spieler Berlins im Verband. Er war auf Platz 285 der ATP-Weltrangliste und spielte in der Bundesliga. Er zweifelte jedoch daran, es jemals an die Weltspitze zu schaffen. Er fragte mich, ob ich sein Trainer werden wollte und obwohl ich keine Erfahrung auf hohem Niveau hatte, schaffte er es, durch unsere Zusammenarbeit innerhalb von eineinhalb Jahren auf Platz 48 der Weltrangliste zu klettern. Im Leistungsbereich musst du als Trainer irgendwie dafür sorgen, dass der Spieler, wenn es darauf ankommt, seine beste Leistung abrufen kann. Es ist alles Psychologie und das hat mich angespornt, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Ich versuche meinen Spielern immer die Relevanz der Gedankenkontrolle zu vermitteln

Du hast also deine Spieler schon früh auch auf mentaler Ebene weitergebracht?
Ja, einer meiner Methoden ist das Fehlerkonto, das ich meinen Spielern eingerichtet habe. Sie durften acht Fehler machen und erst ab dann durften sie sich aufregen. Wenn man einen zu perfektionistischen Ansatz hat, dann klappt es nicht. Es braucht immer eine gewisse Zeit, bis das 'Momentum' da ist und da muss man die Geduld mitbringen. Man sollte sich nach einem Spiel die Frage stellen können, ob man gegen sich selber verloren hat oder gegen seinen Gegenspieler. Wenn man diese Frage ernsthaft beantworten kann, dann kann man darauf reagieren. Ich versuche meinen Spielern immer die Relevanz der Gedankenkontrolle zu vermitteln. Das positive Denken und die innere Ruhe haben einen starken Einfluss auf die Performance. Auch das Visualisieren am Vorabend ist sehr wichtig.

Muss man ein Arschloch sein, um sich im Leistungssport durchzusetzen?
Es ist wichtig, zu definieren, was der Begriff 'Arschloch' in diesem Zusammenhang bedeutet. Gerade in Mannschaftssportarten braucht man schon ein großes Ego und da spielt die Mentalität eine ganz große Rolle. Man befindet sich ständig im starken Konkurrenzkampf untereinander. Dazu kommt noch, dass man auch dem Trainer zeigen möchte, dass man ein Tick besser ist als seine Mitspieler. Wenn man das als Arschlochsein bezeichnet, dann gehört es schon dazu.

Wie sehr spielt der Trainer eine Rolle?
Ein guter Trainer ist wichtig. Um das Maximale aus seinem Team rauszuholen, sollte er sein Team transformational führen. Das ist ein Führungsstil, der grundsätzlich davon ausgeht, dass Menschen bestimmte emotionale Grundbedürfnisse haben, allen voran nach Vertrauen, Verantwortung und Weiterentwicklung. Werden diese gezielt gefördert und befriedigt, dankt der Sportler mit besonderem Engagement und Leistungsbereitschaft.

Gibt es Beispiele für Trainer, die so arbeiten?
Ja, zum Beispiel der Führungsstil von Svetislav Pesic, dem Trainer der Bayern-Basketballer. Zwar sagen die Spieler von ihm, er sei ein harter Hund, aber er sieht seine Spieler als individuelle Personen. Für ihn ist es wichtig, seine Spieler zu kennen und zu verstehen, wie sie ticken. Erst wenn er das weiß, kann er auf sie individuell zugehen. Auf den einen muss er behutsam zugehen, da er sehr emotional ist und gleich ausflippt, den anderen muss er ein bisschen wachrütteln. Ein guter Trainer sollte sich genau überlegen, wie er mit seinen Spielern kommuniziert und was bei seinen Spielern ankommt. Leute wie Pesic, Klopp oder auch Jogi Löw haben das verstanden.

Kann diese Angst zu versagen auch in einer ganzen Mannschaft auftreten? Ich muss da nur an die Urangst der Engländer denken, wenn sie im Fußball im Elfmeterschießen gegen Deutschland antreten.
Ich glaube schon, dass eine solche Überzeugung von Generation zu Generation weitergegeben werden kann. Das Training für solche Situationen hilft dir nicht beim Ausführen des Schusses an sich, es gibt der Mannschaft nur eine gewisse Sicherheit. Sie wissen, dass sie diese Situationen trainiert haben. Es kann gut sein, dass bei den Engländern auch im Hinterkopf noch immer die Angst mitschwingt. Der Gedanke: „Wenn wir verlieren, was schreibt dann die Presse?"

Viele Leistungssportler führen Selbstgespräche, wie wichtig sind diese?
Selbstgespräche sind etwas ganz Normales. Wir führen sie jeden Tag. Das Interessante daran ist, wer da eigentlich mit wem spricht. Es sind immer zwei Stimmen, die miteinander kommunizieren. Das „Selbst-1" mit dem „Selbst-2". „Selbst-1" ist der Bestimmer und das „Selbst-2" ist die Persönlichkeit, die die Leistung erbringen soll. Je besser die Qualität dieses Gesprächs, desto erfolgreicher ist man. Je mehr du dich aber fertigmachst, desto mehr geht die Leistung nach unten. Vor allem Marathonläufer arbeiten viel mit positiven Affirmationen. Das sind kurze, knackige Sätze, die einem vor dem Aufgeben bewahren. Natürlich sind diese auch bei jedem individuell.

Das Erstaunliche ist, dass, bevor ein Läufer aufgibt, zuerst immer der Dialog zwischen „Selbst-1" und „Selbst-2" umschlägt. Man sieht also, wie wichtig diese Gespräche vor allem im Leistungssport sind.

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