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Weil Brasilianer nicht ins Tor gehen, kann man sich Torhüter für Freizeitkicks mieten

Brasilien liebt Fußball, aber keiner will im Tor stehen. Deswegen bieten sich gute Torhüter als „Miet-Torwart" an. In der aktuellen Wirtschaftskrise gibt es immer mehr von ihnen.

VICE Sports

Imago: 17660794

Brasilien ist Fußball. Kein Land der Welt wird so sehr mit dem runden Leder in Verbindung gebracht wie das Land des Rekordweltmeisters. Das liegt besonders daran, dass sich fernab der weltbekannten Balltänzer wie Ronaldinho oder Neymar die brasilianische Bevölkerung zum Kick in Parks, am Strand oder auf Bolzplätzen trifft. Ob arme Menschen aus heruntergekommenen Favelas oder die gutbetuchte Mittelschicht: Millionen Brasilianer spielen in einer privat organisierte Kickrunde, der „Pelada". Es gibt nur ein Problem im Land der Offensivkünstler: Wirklich niemand will sich ins Tor stellen. Dafür gibt es den Beruf des „Miet-Torwarts".

Der Autor Marc Schlömer begleitete für den Film „Für eine Handvoll Reais" für die WDR-Sendung Sport inside so einen Miet-Torwart. Der Teilzeit-Keeper heißt João Paulo Oliveira Silva und kommt aus einem Armenviertel in Rio de Janeiro. Wie viele Brasilianer hat er seinen Job verloren, seit das Land aus Südamerika sich in einer der tiefsten Rezessionen seit Jahrzehnten befindet. Aber die Brasilianer wollen trotz Wirtschaftskrise nicht auf ihre geselligen Peladas verzichten—und sich aber auch nicht ins Tor stellen. „Bei einer Pelada sieht alles ganz lustig aus, aber die Spieler nehmen die Sache verdammt ernst, also werden gute Torleute gebraucht", erzählt João. „Und wir Miet-Torhüter sind unser Geld wert."

Der 27-jährige João braucht das Geld, er hat einen kleinen Sohn zu ernähren und baut selbst ein Haus. Pro Einsatz erhält er umgerechnet zehn Euro. Die besten Keeper sollen pro Tag zwei oder drei Peladas spielen—ein guter Verdienst bei einem Monatsmindestlohn von umgerechnet 200 Euro. João braucht am besten zehn Einsätze in der Woche, um über die Runden zu kommen. Das Prinzip „Rent a Keeper" hilft ihm dabei—es läuft nämlich. Neben João gibt es zahlreiche andere Miet-Torhüter. Der Ehrgeiz der Brasilianer beim Freizeitkick ist so groß, dass sich manche Mittelschichtler sogar Torhüter für ihr Training mieten. João hält auch mal Bälle in abgelegenen Vierteln, wo sich die Polizei nicht hineintraut. Denn selbst die ärmeren Kicker aus der Unterschicht legen ein wenig Geld zusammen, um sich für ihre Pelada ein oder zwei Torhüter zu gönnen.

Entstanden aus der Krise und der Liebe zum Fußball entwickelte sich der „Miet-Torwart" zu einem richtigen Job. Keeper wie João sind zwar keine richtigen Fußballprofis, doch der Berufsstand scheint trotz Armut und Wirtschaftskrise ein sicherer Job zu sein. Das weiß auch João: „Arbeitslos könnte ich nur werden, wenn eins meiner Beine brechen würde. Bei kleineren Verletzungen kühle ich mit Eis."

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Mehr über den Film von João findet ihr hier auf der Seite von „Sport inside"