Wie sich Fußballer Floskeln und Psychotricks antrainieren

Nach seiner Schwalbe hetzte Fußballdeutschland gegen Timo Werner. DFB-Sportpsychologe Werner Mickler verriet uns, wie er für solche Situationen den Bundesliga-Akteuren in Rollenspielen wichtige Tricks beibringt.

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16 Dezember 2016, 12:45pm

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„Wir arbeiten mit Timo auch psychologisch. Die Situation in Ingolstadt war sicher neu für ihn. Aber das war eine Erfahrung für ihn, die er machen musste", erklärte RB-Leipzig-Trainer Ralph Hasenhüttl diese Woche. Tagelang hatten Medien und Fans über die Schwalbe von RB-Stürmer Timo Werner gegen Schalke 04 gewitzelt und ihn dafür scharf kritisiert, in Ingolstadt wurde der 20-Jährige ausgepfiffen. Für den jungen Spieler keine leichte Situation. Je mehr die Medien den Fußball beleuchten, umso größer wird auch der Druck für die Spieler. Aber was machen Sportpsychologen überhaupt genau, um Spieler und Trainer zu schützen?

Wir sprachen mit Werner Mickler, der die sportpsychologische Ausbildung für angehende Fußball-Lehrer des DFB in Köln leitet. Er erklärte uns, wie Spieler und Trainer mit Floskel-Interviews und Psycho-Tricks arbeiten und wie wichtig die sportpsychologische Betreuung schon in den Nachwuchsakademien ist.

VICE Sports: Wie ordnen Sie die Situation von Timo Werner als Sportpsychologe ein?
Werner Mickler: Als Spieler muss ich wissen, dass solche Aktionen sehr stark in die Öffentlichkeit gezerrt und diskutiert werden. Und dass durch die Kameras jeder gesehen hat, dass es eine Schwalbe ist. Timo Werner hat es relativ gut gemacht, denn er hat sich dem Interview gestellt und ist nicht einfach weggelaufen. Er meinte auch, dass Fährmann ihn nicht berührt habe, und hat so ehrlich seine Sicht geschildert. Das ist besser, als die Unwahrheit zu sagen. Wie so häufig war aber auch in der Situation die Wahrnehmung der verschiedenen Protagonisten unterschiedlich.

Die ganze Nation hat über seine Schwalbe gesprochen und noch Tage nach dem Spiel warteten zahlreiche Medienteams auf dem Trainingsgelände von RB Leipzig. Was würden Sie Timo Werner raten, damit er mit der Situation klarkommt?
Das Wichtigste ist, dass er versuchen muss, wieder ein gutes Spiel zu machen—er muss sich also trotz des Trubels auf seine Aufgabe konzentrieren, die er als Spieler hat. Dafür muss er für Ruhe sorgen, da er sonst immer wieder mit der Situation konfrontiert wird und damit deswegen nicht endgültig abschließen kann. Und er muss sich eine Strategie überlegen, wie er in einer ähnlichen Situation vernünftig umgeht.

Er sollte also nur abheben, wenn er klar gefoult wird...
Ich würde ihm immer raten: Lauf in der Situation einfach durch. Er sollte immer versuchen, einfach dieses Tor zu machen. Man darf sich in solchen Situationen gar nicht auf Spekulationen verlassen: Wenn man die Chance auf ein Tor hat, dann muss man alles versuchen, dieses Tor zu erzielen. Damit hilft der Spieler seiner Mannschaft und sich selbst am meisten.

Ralf Rangnick stellte sich vor Werner und zog damit die Aufmerksamkeit der Medien auf sich. Ist das eine Strategie?
Ob das eine gewollte Strategie war, weiß ich nicht. Aber es gibt eine Strategie, dass Trainer oder Sportdirektor die Aufmerksamkeit bewusst auf sich ziehen, um den Druck von den Spielern oder der Mannschaft wegzulenken. José Mourinho ist bekannt dafür, dass er diese Strategie nutzt.

RB wird in jedem Stadion ziemlich ungemütlich empfangen. Wie kann man die Spieler vor dem Hass der Fans schützen?
Man muss die Spieler im Voraus damit konfrontieren, damit sie dann beim Einlaufen im Stadion wissen, was auf sie zukommt. Sie müssen für sich selbst einen internen Schutzpanzer aufbauen, damit sie sich auf die eigene Aufgabe konzentrieren können. Dafür gibt es verschiedene Techniken und Strategien. Man muss den Fokus auf etwas legen, Konzentrationsübungen machen und nicht sofort auf negative Impulse reagieren, die von den Fans kommen. Es ist egal, ob du nun Spieler von RB Leipzig oder Bayern München bist: Am Ende wollen dich die Zuschauer verunsichern, damit ihr Team erfolgreicher sein kann. Die Spieler müssen das ignorieren.

Sie unterrichten angehende Bundesliga-Trainer unter anderem in Medienkompetenz. Stehen Trainer bei Medien mehr unter Druck?
Das will ich gar nicht so sagen. Man muss aber unterscheiden: Beim „gläsernen" Spieler kann man sich mittlerweile alle Lauf- und Statistikwerte herunterladen. Ihre Leistung zählt weniger im Interview, vielmehr auf dem Platz. Der gläserne Trainer wird hingegen mit diesen neuen Trainerkameras 90 Minuten von einer Kamera beobachtet und muss bei manchen Klubs beinahe jeden Tag Pressekonferenzen geben. An einem schlechten Tag wirkt man da schnell mal ratlos.

Was wäre ein typischer Tipp, den Sie einem Trainer bei Druck aus den Medien beibringen?
Wir erklären unseren Trainern immer wieder, dass die Medien zu ihrem Geschäft dazugehören, sie müssen für sie da sein. Es geht heute nicht mehr wie früher, als so mancher Trainer nicht Rede und Antwort stehen wollte. Zudem bringen wir ihnen bei, dass sie sich klarmachen, dass bei TV-Interviews die Gestik, Mimik und Körpersprache eine sehr wichtige Rolle spielen, beim Radio die Stimme und bei der Zeitung müssen sie ihre Sätze wohl überlegt formulieren—auch damit sie nicht aus dem Kontext gezogen werden. Dazu kommt besonders für die Spieler der vernünftige Umgang mit sozialen Medien wie Twitter, Facebook und Co.

Sportpsychologe Werner Mickler; Foto: Imago

Sind Sie also auch dafür verantwortlich, dass es die vielkritisierten Floskelantworten im Fußballgeschäft gibt?
Das liegt nicht nur an der Schulung von uns. Die Spieler und Trainer haben auch sehr gut gelernt: Sie wissen, wenn sie lange Antworten geben, dass genau die Antworten herausgenommen werden, die zu einem Bericht gerade gut passen. Daraufhin sagen sie lieber weniger in kurzen Sätzen—und dadurch viele Floskeln. Sie wissen, dass sich der Druck der Fans durch viele Berichte schnell vergrößern kann. Aber anderseits muss man auch sagen: Die Medien stellen auch immer die gleichen Fragen, natürlich gibt es dann auch immer die gleichen Antworten.

Was für Tipps geben Sie Trainern für Field-Interviews nach Abpfiff mit auf den Weg?
Bevor man nach einer Niederlage in die Mixed Zone oder vor die Kameras tritt, sollte man als Trainer erst einmal herunterfahren. In der Bundesliga sollten sie auf den Platz gehen, weil dort keine Medien hindürfen. Sie sollten in der Trainer-Kabine mit dem Pressesprecher und Co-Trainer über das Spiel sprechen oder brisante Szenen noch mal im TV aus einer anderen Perspektive anschauen. Erst wenn man seine Emotionen und das Adrenalin unter Kontrolle hat, sollte man vor die Presse treten—das gilt für die Spieler übrigens auch.

Die Pressekonferenzen von Christian Streich werden von den Fans vielfach geteilt und stoßen bei den Medien auf positive Resonanz. Bringen Sie den Trainern so etwas bei?
Das Wichtigste ist: Trainer und Spieler sollen authentisch sein. Sie sollen lernen so zu sein, wie sie sind. Eine Show abzuziehen, hinter der sie gar nicht stehen, funktioniert nicht. Das nehmen weder die Fans noch die Mannschaft ab. Wir vermitteln eher kleine Techniken für bestimmte Situationen. Zum Beispiel sollte man als Trainer niemals in kritischen Situationen aus der Emotion heraus die Mannschaft oder bestimmte Spieler attackieren.

Sie üben mit Rollenspielen in Ihren Seminaren. Was trainieren Sie da mit den Trainern?
Wir setzen sie etwa mit Journalisten in sogenannte Flash-Interviews und spielen die Situation nach einer Niederlagenserie mit bestimmten Vorkommnissen nach. Oder wir stellen Gespräche mit einem fremden Spieler nach, den man gerne von einem Transfer überzeugen will. Es sind alles Simulationen, die so im echten Leben auch passieren. Wobei klar ist, dass man es niemals schafft, den Druck zu erzeugen, den es wirklich nach einer Niederlagenserie gibt.

Die Sportpsychologie hat sich mittlerweile bei Profis und deutschen Nachwuchsleistungszentren etabliert. Was ist dort Ihre Aufgabe?
Es gibt natürlich immer Notfallsituationen, die sich auf bestimmte Vorfälle wie etwa im Fall Werner beziehen. Unsere eigentliche Aufgabe ist aber die kontinuierliche Arbeit vorab. Schon in den Nachwuchsleistungszentrengeht man mit den Jugendspielern viele Drucksituationen durch und erarbeitet Visualisierungstechniken oder macht mentales Training. Wichtig ist: Was für Möglichkeiten gibt es, um den Stress zu reduzieren—egal ob erfolgreich oder nicht.

Werden Sie als Sportpsychologe also sowohl bei Erfolg als auch Misserfolg gebraucht?
Ja, das ist eine kontinuierliche Arbeit im Vorfeld, damit man bei einer Erfolgsgeschichte nicht abhebt und durch eine Niederlage nicht komplett heruntergezogen wird. Das Kopftraining wird also immer mehr zu einer wichtigen Teilkomponente wie es auch Schuss- oder Konditionstraining ist—vor allem weil der Fußball immer schneller wird und der Druck immer weiter steigt, sowohl auf als auch neben dem Platz.

Das Interview führte Benedikt Niessen, folgt ihm bei Twitter: @BeneNie