„BVB-Ordner waren alle überfordert"—Union-Fans berichten über das Dortmunder Einlass-Chaos

Das Pokalspiel zwischen dem BVB und Union Berlin wurde später angepfiffen. Der BVB spricht von einem versuchten Blocksturm, die Union-Fans von einem katastrophalen Sicherheitskonzept.

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27 Oktober 2016, 11:40am

Foto: facebook.com

Das gestrige Spiel zwischen Borussia Dortmund und Union Berlin hatte eigentlich alles, was ein gelungener Pokalabend braucht: Zwei beinahe ebenbürtige Teams aus verschiedenen Ligen sorgten für ein spannendes Auf und Ab auf dem Platz. Nach 120 Minuten ging es ins Elfmeterschießen, in dem der BVB das glücklichere Ende hatte. Für das eigentliche Pokalhighlight sorgten jedoch die Fans im Dortmunder Westfalenstadion. Die rote Mauer aus 12.000 (!) angereisten Unionern stahl mit ihrem stimmgewaltigen Auftritt der gelben Wand auf der Dortmunder Südtribüne die Show. Aber leider hatte auch dieses Pokalspiel einen Beigeschmack.

Der Anpfiff des Spiels wurde um eine Viertelstunde verschoben, da zur Anstoßzeit um 20:45 Uhr viele Union-Fans noch vor den Eingangstoren des Westfalenstadions standen. Am Einlass kam es zu langen Wartezeiten und Gedränge. „An den Eingangstoren wurden Menschen nur zähflüssig reingelassen, es staute sich und es wurde heftig gedrückt von allen Seiten", erzählt Union-Fan Heinz* im Gespräch mit VICE Sports. Der langjährige FCU-Anhänger musste seine angemeldete Fahne bei den Ultras holen und bekam das Gedränge vor den Toren mit. „Die etwa 800 Jungchen von den Ultras haben die vorne am Eingang trotz Anmeldung ihrer Materialien nicht reinlassen wollen", erklärt der Fan, der sich selbst als „älteres Kaliber" beschreibt. „Warum die nicht reindurften, wusste keiner. Die Ordner haben da ihr Spielchen getrieben."


Der BVB informierte zur eigentlichen Anstoßzeit, dass einige Union-Fans versucht hatten, die Eingangstore zu stürmen, woraufhin es zum Einlassstop und einem Polizeieinsatz kam. „Einen Blocksturm habe ich nicht mitbekommen", erklärt hingegen Union-Fan Heinz. „Die Ultras wurden aber von hinten so heftig nach vorne rangedrückt, dass der Druck schon riesig war." Vor dem Auswärtsblock hatte der BVB erstmals provisorische Drehkreuze ("massive Drehsperren") errichten lassen, die auch beim Derby und gegen Sporting Lissabon sowie Legia Warschau eingesetzt werden sollen.

Das Konzept ging aber scheinbar nicht auf. „Die Ordner waren richtig aufgeregt und total überfordert", so Heinz, der sich anschließend nach hinten rausdrückte. „Ich hatte einen 14-jährigen Jungen dabei und ich meinte an einem anderen Eingang zu einem Ordner, er hätte furchtbare Angst. Dann hat der uns unkontrolliert mit Schwenker einfach so ins Stadion gelassen." Ein anderer Union-Fan berichtete uns: „Wir standen ein bis zwei Stunden dort. Es ging alles sehr langsam voran—zumindest wenn die Drehkreuze überhaupt funktionierten." Laut ihm seien die Ordner und Polizisten ein weiteres Problem gewesen: „Wir wurden extrem provokant empfangen. Zu mir meinte man nur: 'Na willst du genauso randalieren wie dein Vorgänger?' Vor mir stand mein 50-jähriger Vater."

Die oft kritisierte Dortmunder Polizei wurde vom Union-Fan Heinz hingegen gelobt. „Die Polizei gestern war sehr relaxt und ich habe nicht eine Gewaltaktion von denen gesehen—wie wir sie so häufig schon erlebt haben." Die Dortmunder Polizei berichtete, dass auf das Gedränge vor den Einlasstoren „Maßnahmen vom Veranstalter Borussia Dortmund zur Entlastung ergriffen wurden". Per Twitter gingen die Beamten im Minutentakt auf die Fragen verärgerter Fans des FC Union ein und erklärten etwa: „Sicherheitskonzepte werden immer in Kooperation und Zusammenarbeit mit allen Beteiligten erstellt." Ein Problem für das Gedränge waren wohl auch die provisorischen Eingänge, die dem Andrang scheinbar nicht standhielten: „Aktuell ist ein Einlass im Bereich Nord Mitte nicht mehr möglich. Dort wurden die Drehkreuze stark beschädigt."

Der BVB wollte mit den extra angebrachten Sicherheitsschleusen vor dem Auswärtssektor wohl auf Nummer sicher gehen. Im Jahr 2011 hatte der Verein ebenfalls über 10.000 Fans im Pokal zu Gast: Damals stürmten die Fans von Dynamo Dresden den Eingangsbereich—natürlich ohne Sicherheitskontrolle. Anschließend zündete der Dynamo-Anhang reichlich Pyrotechnik. Da vor dem Spiel schon Medien berichteten, dass sich die Unioner Fans mit Pyrotechnik im Wert von kolportierten 2.500 Euro eingedeckt hatten, war der BVB-Sicherheitsdienst wohl umso angespannter.

„Erst 30 Minuten nach Anpfiff waren die Ultras im Stadion und hatten einen Großteil ihres Materials gar nicht dabei", erklärt Heinz. „Was genau vorgefallen ist, weiß ich aber noch nicht." Die Vereine äußerten sich bislang noch nicht. Die Dortmunder Polizei vermeldete unter anderem „15 leichtverletzte Fußballanhänger durch den polizeilichen Einsatz von Pfefferspray und 6 leichtverletzte Polizeibeamte." Fünf der Beamten wurden laut Stellungnahme von „Berliner Gewalttätern verletzt, als ein sogenannter Polenböller geworfen wurde."


Trotz der Kontrollen wurde im Union-Block während des Spiels munter gezündet. „Für die Kontrollen ist der Veranstalter verantwortlich. Das wissen Sie doch", erklärte die Dortmunder Polizei. Unioner Heinz fällt ein vernichtendes Urteil: „Die ganze Organisation des BVB war unprofessionell. Das ist erstaunlich und unerklärlich, da kommen doch immer 80.000 Fans ins Stadion." Der BVB muss nun sein Sicherheitskonzept hinterfragen—am Samstag kommt Schalke zum Revierderby ins Westfalenstadion.

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*Name wurde von der Redaktion geändert