Alle Fotos: Benedikt Nießen

Katar züchtet seine WM-Spieler in der belgischen Provinz

Die katarische „Aspire Academy“ scoutet jedes Jahr mehr als eine halbe Millionen Kinder für das WM-Team 2022. Beim belgischen Zweitligisten KAS Eupen sollen einige von ihnen zu Stars werden. Ein Besuch im deutsch-belgischen Emirat.

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Apr. 24 2015, 7:40am

Alle Fotos: Benedikt Nießen

Samstagabend. Flutlicht. Zweitligatristesse. Es nieselt und ein kalter Wind fegt durch das Eupener Kehrwegstadion. Aus den Boxen auf der Haupttribüne dröhnt kölsche Karnevalsmusik. Heute spielt die KAS Eupen, Spitzenteam der zweiten belgischen Liga, gegen den Tabellenletzten KV Woluwé Zaventem. Die Tribünen sind spärlich gefüllt. Knapp 1.300 Zuschauer sind gekommen. Ein Dutzend Auswärtsfans sitzt einsam auf der überdimensionierten Auswärtstribüne. Den heutigen Anstoß macht Karnevalsprinz Mike I. mit Zepter und Strumpfhose. Dieser Verein ist also Katars Masterplan für die Weltmeisterschaft 2022?

Das 18.000-Seelen-Städtchen Eupen liegt zwischen Lüttich und Aachen direkt an der Grenze zu Deutschland. Die Hauptstadt der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens ist eigentlich nicht für ihren Fußball bekannt. Die Eupener fahren lieber mit den zahlreichen Ostbelgien-Fanclubs nach Gladbach, Köln oder zu Schalke. Denn belgischer Zweitligafußball ist grau und trist. Die Vereine haben finanzielle Sorgen, sind Spielzeug von Investoren und so etwas wie ein Stadionerlebnis gibt es kaum. So war es auch in Eupen—bis die Katarer die Tür zum Weltfußball öffneten.

Im Jahr 2012 übernahm die „Aspire Zone Foundation" aus Katar die KAS Eupen. Die Stiftung des katarischen Königshauses hat sich zur Aufgabe gemacht, mit einem weltweiten Exellenzprogramm Sporttalente zu fördern. In ihrem Programm „Aspire Football Dreams" werden jedes Jahr vor allem in Afrika—mittlerweile aber auch in Asien und Lateinamerika—um die 600.000 13-Jährige nach Jahrgängen von circa 6.000 Aspire-Mitarbeitern gescoutet. „Das ist wie Deutschland sucht den Superstar—nur viel größer", verdeutlicht Thomas Evers, der Sportjournalist bei der Eupener Tageszeitung Grenz-Echo ist und das Projekt begleitet. Die 20 besten Kicker kommen in den katarischen Recall: Sie erhalten ein fünfjähriges Stipendium und werden an den Akademien im Senegal und in Doha ausgebildet. Eupen ist in diesem abstrusen und dem wohl gigantischsten Sporttalentprogramm der Welt ein weiteres Mosaiksteinchen. Hier sammeln die dann 18-jährigen Fußballtalente ihre erste Wettkampferfahrung.

Geld ist bei diesem Größenwahn kein Problem. Es wurden nur die besten Experten engagiert. Der Erfinder von „Aspire Football Dreams" ist kein geringerer als Josep Colomer. Der Spanier arbeitete vorher für den FC Barcelona, wo er unter anderem Lionel Messi ebenfalls im zarten Alter von 13 Jahren aus Argentinien holte. Josep ist für alle sportlichen Angelegenheiten verantwortlich. Er entscheidet, welche Spieler nach Eupen kommen und welcher Vertrag verlängert wird", erklärt KAS Eupen-Generaldirektor Christoph Henkel. Henkel arbeitete vorher 24 Jahre für den 1.FC Köln und baute dort unter anderem das Nachwuchsleistungszentrum und das Sportinternat auf. Momentan beherbergen sie in Eupen zwölf Afrikaner. Samuel Asamoah ist einer von ihnen.

Der Ghanaer wurde 2007, im ersten Jahr des Programms, entdeckt und verließ mit 13 Jahren seine Familie. „Als Colomer sagte, dass ich ausgewählt wurde, war ich so glücklich. Es war das Beste, was mir passieren konnte", erzählt Asamoah mit funkelnden Augen. Danach verbrachte er fünf Jahre in der Akademie im Senegal. „Morgens hatten wir Training und nachmittags sind wir zur Schule gegangen", erklärt er. Richtige Pflichtspiele hatten sie nicht. Sie spielten Freundschaftsspiele gegen die besten Jugendteams der ganzen Welt. „Wir hatten Turniere in Katar, spielten in Italien oder Spanien—wir haben die Welt gesehen", schwärmt der schmächtige Mittelfeldspieler. „Und jetzt bin ich in Europa Fußballer", sagt er mit ein wenig Stolz. Einen Großteil seines Gehalts schickt er zu seinen Eltern und seinen sechs Geschwistern. Im provinziellen Eupen fühlt er sich nach einer kurzen Eingewöhnungsphase sehr wohl.

Die Eupener Fans und die Bevölkerung beäugten den Einstieg aus Katar anfangs sehr kritisch. Kein Wunder nach den turbulenten vergangenen Jahren des kleinen Vereins. Im Jahr 2010 kam ein windiger Investor aus Italien mit jeder Menge neuer Spieler nach Eupen und brachte den Verein erstmals in seiner Geschichte in die erste belgische Liga. Nach nur einem Jahr stieg man wieder ab. Danach versuchte sich ein deutscher Spielerberater als Mäzen und wurde später wegen Betruges verurteilt. Als der Verein im Jahr 2012 kurz vor der Pleite stand, kaufte Aspire die KAS Eupen. Der Standort Eupen ist nicht zufällig gewählt. „Wir sind hier im Herzen Europas, es müssen laut Reglement nur 6 von 18 Spielern auf dem Spielberichtsbogen Belgier sein, das Leistungsniveau der zweiten Liga passt perfekt zu den jungen Spielern und in Eupen spricht man auch Französisch wie viele der Spieler", erklärt Henkel. Und: Anders als in Deutschland kann in Belgien ein Verein zu 100 Prozent übernommen werden.

Auf den Vorwurf, dass Katar die afrikanischen Spieler züchtet, um sie später einzubürgern und sich damit für die WM 2022 im eigenen Land zu rüsten, reagiert die rheinische Frohnatur Christoph Henkel genervt. „Das Projekt gab es schon 2007, bevor sich Katar überhaupt für die WM beworben hat", entgegnet er. „Zudem spielen viele der afrikanischen Spieler schon für ihre Heimatländer." Doch wieso werden diese afrikanischen Kinder solange unterstützt und ausgebildet? Geld lässt sich damit nicht verdienen. Selbst wenn jedes Jahr ein neuer Ronaldo oder Messi produziert wird, holt Katar nicht ansatzweise die Kosten wieder rein. Zudem gibt es in dem Wüstenstaat soviel Geld wie Sand. Katar ist das erdgasreichste Land der Welt. Bei nur 300.000 Katarern und einer Gesamtbevölkerung von etwas über zwei Millionen Einwohnern—bestehend vor allem aus Gastarbeitern aus Indien oder Nepal—ist das Geld gut verteilt.

Henkel nennt als Antrieb für die Förderung Entwicklungsarbeit und humanitäre Gründe. Also reine Nächstenliebe? Kaum zu glauben. „Traum und Vision ist, dass man junge Spieler, die aus dem Nichts kommen, selber ausbildet, entwickelt und vielleicht einer bis in die Champions League geführt werden kann", erklärt Henkel. Selbst Fußballromantiker werden bei solchen Sätzen stutzig. Doch dieses romantische Bild ist kalkuliert. Katar, der Wohltäter und Förderer. Ein enormer Imagegewinn. In Europa steht das Land noch für Größenwahn, tote Arbeiter auf Baustellen und Menschenrechte aus dem Mittelalter. Doch in Afrika, Asien und Südamerika werden Programme wie „Aspire Football Dreams" von Politik und Bevölkerung als eine Chance gesehen.

Katar geht mit weiteren Werbekampagnen auf Tour. Und am besten lässt sich Werbung und Image mit Sport und Emotionen machen. Sie haben sich überall eingekauft. Der FC Barcelona bekam für seinen Trikot-Deal mit der „Qatar Foundation" etwa 170 Millionen Euro. Der Starmannschaft von Paris St. Germain wird jährlich 200 Millionen Euro überwiesen. Bayern-Trainer Pep Guardiola bekam als offizieller WM-Botschafter des Landes eine zweistellige Millionensumme. Die Bayern und auch Schalke sind regelmäßig im Wintertrainingslager in Doha. Trainiert wird in der „Aspire Zone", eines der weltweit größten Trainingszentren für Sportler. Zudem findet in dem kleinen Land fast jährlich ein Sport-Großereignis statt. Höhepunkt soll 2022 die Fußball-WM werden. Die Rolle des Entwicklungshelfers KAS Eupen rückt dabei in den Hintergrund, doch ist sie für Katar sehr wichtig.

Damit das Niveau der wenigen katarischen Talente angehoben wird, importiert Katar die guten Talente aus Afrika über „Aspire Football Dreams". In diesem Jahr kamen die ersten katarischen Spieler von der Aspire Academy ins Team der KAS Eupen. „Wir haben sechs Spieler der katarischen U19-Nationalmannschaft—drei spielen in der ersten Mannschaft und drei in der U21", erklärt Generaldirektor Henkel. Die Spieler gewannen im Oktober eindrucksvoll die U19-Asienmeisterschaft und bereiten sich jetzt bei der KAS auf die bevorstehende U20-WM in Neuseeland vor. Die „Aspire Academy" will „bis 2020 als die weltweit führende Sportakademie in der Entwicklung von Jugendsportlern anerkannt sein". Damit eigene Sportler endlich auch zur Weltspitze gehören.

Diese ehrgeizigen und maßlosen Ziele gehören zur „Vision 2030". Katar will sich zu einem der modernsten Staaten der Welt entwickeln. Nicht nur im Fußball, sondern in jedem Bereich. Das Land will die Abhängigkeit von Rohstoffen wie Öl verringern. In Frankreich investieren sie seit Jahren. In Deutschland besitzt Katar unter anderem 15,6 Prozent Anteile an VW und ist größter Aktionär der deutschen Bank. Das Land soll sich bis 2030 „zu einem dynamischen und wohlhabenden, mit sozialer und ökonomischer Gerechtigkeit gefestigten Staat entwickeln." Verschiedene Quelle berichten, dass zwischen 50 und 100 Milliarden US-Dollar in die Hand genommen werden.

Bei der KAS wird mit kleineren Summen jongliert. Doch dem Verein geht es gut. Wahrscheinlich zu gut. Letztes Jahr wurde der Aufstieg knapp im Relegationsspiel verpasst. „Die Fans hatten das Gefühl, dass die Mannschaft nicht aufsteigen will", erklärt Sportjournalist Thomas Evers. Diverse Matchbälle wurden nicht genutzt, Leistungsträger saßen plötzlich auf der Bank. In diesem Jahr will es ebenfalls noch nicht laufen. Mit Ibrahim Diallo wechselte in der Winterpause ein Leistungsträger zum FC Valencia B, statt die Saison zu beenden und bei der Mission Aufstieg zu helfen. Doch der Verein legt den Spielern keine Steine in den Weg. Sie gehen als Werbeträger. „Sie sind jetzt im dritten Jahr in Folge die spielerisch stärkste Mannschaft, doch auch in dieser Saison stehen sie nur auf dem dritten Platz", führt Evers fort. Der Vorwurf: „Da werden auch mal die besten Spieler auf die Bank gesetzt und blutjunge 18-Jährige von Aspire, die noch nie ein Pflichtspiel machten, in die Anfangself gestellt. Da fühlen sich die Fans verarscht", erzählt der Eupener Journalist Thomas Evers. „Das ist grausam für die Eupener Fans, weil du eine Mannschaft haben willst. Man darf aber eben nicht vergessen: Es ist ein Projekt."

Christoph Henkel erwidert, dass wie überall im Fußball nur die spielen, die gut trainieren—egal ob Belgier, Afrikaner oder Katarer. „Wir haben den klaren Auftrag: Die Talente von „Aspire Football Dreams und die jungen katarischen Spieler von der Aspire Academy zu fördern. Das versuchen wir mit den Interessen des Vereins zu vereinen", räumt er ein. Damit ist die sportliche Logik auf den Kopf gestellt. Der Wettbewerb ist kein richtiger Wettbewerb mehr. Doch nach den ersten zwei Jahren gab es auch ein Umdenken. Zwischenzeitlich lief die Mannschaft mit einem Durchschnittsalter von 20 Jahren auf. Zur neuen Saison wurden den jungen Talenten von Aspire erfahrene Spieler vor allem aus Spanien an die Seite gestellt. Der Stürmer Luis García, 34 jahre alt, und immerhin 7-facher Nationalspieler Spaniens ist genauso eine Säule wie Toptorjäger Víctor Curto, ehemaliger Jugendspieler beim FC Barcelona. Die Ligakonkurrenten der KAS können von solchen Spielern nur träumen. Über Geld will in Katar, aber auch in Eupen niemand reden. Ein Insider, der anonym bleiben will, spricht von Gehältern, „die in Belgien nur die Spitzenteams der ersten Liga aus Anderlecht und Lüttich zahlen—zumindest für die Spanier." Die afrikanischen Spieler kriegen weniger, doch in Belgien ist ein Bruttoverdienst von etwa 80.000 Euro für Nicht-EU-Ausländer festgelegt. Das liegt vor allem an Afrikanern, die vor ein paar Jahren gerne als billiges Spielermaterial ausgenutzt wurden.

Der Zuschauerschnitt der KAS Eupen liegt zwar nur bei 1500-1800 Zuschauern, doch das Engagement von Aspire wird heute positiver gesehen. Es wird seriöser und langfristiger gearbeitet. Die Schulden des Vereins sind abbezahlt, der Fußball ist besser geworden und aus dem Verein ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor der Region geworden. „Aspire Football Dreams Eupen", wie die ausgegliederte Profiabteilung des Vereins mittlerweile heißt, beschäftigt 90 Mitarbeiter. „Aspire hat einen nagelneuen Trainingsplatz gebaut und die Jugendarbeit mit dem benachbarten FC Eupen zusammengelegt und professionalisiert", erzählt Journalist Evers und fügt hinzu: „Niemand hier tritt überschwänglich oder arrogant auf und die Spieler aus der ganzen Welt haben sich in die Kleinstadt integriert." Hinterfragt wird das System nur noch selten.

Samuel Asamoah spielt seine dritte Saison bei der KAS Eupen und ist mittlerweile Kapitän der Mannschaft. Er ist vor wenigen Wochen 21 Jahre alt geworden. Normalerweise ist das seine letzte Saison in Eupen, denn es kommen wieder neue junge Talente. Im Spiel gegen KV Woluwé Zaventem gibt er nach einer Verletzungspause sein Comeback und wird in der 68. Spielminute eingewechselt. Das Spiel endet 4-1 für die Hausherren. Der Aufstieg wird aber auch in diesem Jahr kaum möglich sein. Auf die Frage, ob er denn bei der Weltmeisterschaft 2022 für Ghana oder Katar spielt, sagt er nur: „Natürlich möchte ich für mein Heimatland Ghana spielen, das ist mein Land und ich wäre sehr stolz. Aber es ist Fußball, es kann alles passieren." Vor allem wenn jemand viel Geld hat.

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