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Eine Kunsthistorikerin erklärt, warum Choreos zeitgenössische Kunstwerke sind

Wir bewundern Choreos und lassen uns zu Schwärmereien wie „Das ist doch Kunst!” hinreißen. Darum haben wir uns eine Expertenmeinung eingeholt. Spoiler: Choreos sind sogar stilprägend für die moderne Kunst.

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07 Februar 2017, 2:25pm

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Was haben ein Ausflug ins Museum und ein Ausflug ins Stadion gemeinsam? Du denkst jetzt wahrscheinlich: nichts. Und damit liegst du falsch. Klar, auf den ersten Blick scheinen Fußball und die Welt der Kunst nicht allzu viele Überschneidungen zu haben. Denn auch wenn auf dem Rasen der Schweiß, das Testosteron und die Schimpfwörter die Oberhand haben, sehen wir auf den Tribünen Wochenende für Wochenende einen Ausdruck von Support und Fankultur, den man ohne Übertreibung Kunst nennen kann. Das hat uns sogar eine Kunsthistorikerin bestätigt. Die Rede ist natürlich von Choreos.

Einer, der es ebenso beurteilen können müsste, ist Franck Berteau. Franck ist nicht nur glühender Fußball-Fan, sondern außerdem Autor der französischen Fußballbibel Dictionnaire des supporters: côté tribunes. Und zu der Frage, ob Choreos Kunstcharakter haben, hat Franck eine eindeutige Meinung. Für ihn sind Choreos nämlich „ein echt künstlerischer Ausdruck, in dem Sinne, dass es sich hierbei nicht um etwas Improvisiertes handelt, sondern um etwas wohl Reflektiertes. Dafür sind außerdem nicht nur unterschiedliche Materialien und Arbeitsgeräte nötig, sondern vor allem auch jede Menge Zeit und Arbeit – so wie auch bei anderen kulturellen Produkten in der Malerei, der Literatur oder der Fotografie. Ohne Know-how geht hier nichts. Wir reden von Leuten, die eine ganze Woche ins Stadion rennen, um dort zu malen und sich Animationen auszudenken."

Eine Choreo im Spiel zwischen Standard Lüttich und Zulte Waregem. Foto via

Denn bevor wir eine Choreo genießen können, sei es vom Sofa aus oder direkt im Stadion, muss es Leute geben, die sich den Kopf über die nächste Choreo zerbrochen haben. Was es dafür bedarf? „Man sollte schon ein bisschen verrückt sein", verrät mir Romain, Mitglied der Ultramarines, einer Ultragruppierung des französischen Erstligisten Girondins Bordeaux. Das sollte eigentlich nicht überraschen, schließlich sagt man Künstlern ja im Allgemeinen nach, etwas verrückt zu sein. Was ebenso wenig überraschen sollte: Romain bestätigt, dass er und seine Kollegen extrem viel Zeit aufwenden, um sich geeignete Motive auszudenken. Und im Anschluss gehe es darum, das, was anfangs nur die Frucht ihrer Phantasie war, jeden Tag ein bisschen konkreter werden zu lassen. Und er nennt mir gleich ein Beispiel: „Ich habe vor drei Wochen ein Treffen einberufen, weil wir bald 30-jähriges Bestehen feiern. Wir haben mit einem weißen Blatt Papier begonnen und einige Ideen gesammelt. Dann haben wir drauf losgekritzelt, wieder durchgestrichen, alles verworfen und erneut bei Null angefangen und uns peu à peu verbessert." Klingt doch ganz nach dem Arbeitsalltag eines Künstlers.

Außerdem muss man sich nur das Arsenal an Arbeitsgeräten von für Choreos zuständigen Ultras (Papier, Stifte, Pinsel, Farben, Klebstoff, Scheren, Nähmaschinen) anschauen, um zu verstehen, dass der Unterschied zu Zeichnern oder Malern am Ende gering ist. „Man kann sie mit bestimmten künstlerischen Milieus wie dem der Tag-Kultur oder der Streetart-Kultur vergleichen", findet Franck. „Es handelt sich hierbei um Communitys, die sehr ähnlich funktionieren, mit festen, eigenen Codes, Normen und einem gewissen Know-how." Und Romain von den Ultramarines ergänzt: „Bei Ultras denken viele an Typen mit nacktem Oberkörper, die mit dem Rücken zum Spielfeld stehen und die ganze Zeit nur rumbrüllen. Dabei stehen sie vor allem für ein soziales, kulturelles und künstliches Element, das viel zu selten berücksichtigt wird."

Eine Choreo von Inter-Fans vor dem Derby gegen den AC Mailand.

Ein anderes Element, das beide Welten eint, ist das der Kritik. Indem sie ihre Werke der Öffentlichkeit präsentieren, akzeptieren sie – wie jeder andere Künstler auch – die Tatsache, dass man sie kritisch bewerten wird. Eine gelungene Choreo kann einem in der Welt der Ultras eine Menge Respekt verschaffen, eine verhunzte Choreo hingegen sorgt in Zeiten des Internets schnell für einen Shitstorm. Darum nimmt auch keiner die Arbeit an einer Choreo auf die leichte Schulter. „Tage-, wochen-, manchmal sogar monatelange Arbeit kann in nicht mal fünf Minuten wertlos sein, nämlich dann, wenn irgendetwas schiefgeht", bestätigt Bastien Poupat, Redakteur der Fußball-Seite La Grinta. „Für die Ultras selbst sind die Choreos mehr ein visueller Ausdruck ihrer Vereinsliebe als Kunst im eigentlichen Sinne", so Bastien weiter.

Der einfachste und sicherste Weg, um Parallelen zwischen klassischer Kunst und Choreos aufzudecken, besteht darin, sich an eine Person mit einem geschulten Auge für Kunst zu wenden, die gleichzeitig noch fußballinteressiert ist. Aus diesem Grund haben wir uns an Mélanie Gentil gewandt. Mélanie hat das Buch Art et Football (Kunst und Fußball) geschrieben und darin die Frage beleuchtet, ob Choreos eine Art von Kunst sind. Wir haben sie um ein Fazit gebeten, das so lautet: „Man kann eine Choreo mit einem Gemälde vergleichen." Und weiter: „Mit meinem Auge einer Kunsthistorikerin – und als Person mit einem Gespür fürs Visuelle – habe ich Choreos mit einer Kunstströmung verglichen, die man Divisionismus oder Pointillismus nannte." Auch wenn der Vergleich an einigen Stellen hinke, gebe es gleichzeitig einige interessante Parallelen, wie uns Mélanie erklärt: „Ich denke vor allem an Georges Seurat. Seurat war ein Künstler, dessen Werke aus kleinen, mosaikähnlichen Farbklecksen bestehen.

Je näher man seinen Werken kommt, desto weniger erkennt man sie. Erst indem man sich vom Kunstwerk wegbewegt, versteht man seine Komposition. Ich hatte den Eindruck, genau das auch bei den von mir untersuchten Choreos wiederzufinden, mit anderen Worten eine Art von Farbmosaik, die erst aus einer bestimmten Entfernung sichtbar wird." Ebenso die Werke von Chuck Close würden laut Mélanie Ähnlichkeiten mit Choreos aufweisen. „Bei Chuck Close ist das Bild total verpixelt und wenn man es aus der Nähe betrachtet, sieht man nichts. Erst aus der Distanz entsteht vor unseren Augen ein Porträt."

„Paul", ein Werk des US-amerikanischen Künstlers Chuck Close. Foto: chuckclose.com.

Wir haben also bisher erfahren, dass Choreos verschiedene Kunstelemente verwenden. Doch auch das Gegenteil könnte der Fall sein. Ja, im Ernst. Wohl ohne es zu wissen, übernimmt die zeitgenössische Kunst mehr und mehr ein urtypisches Element von Choreos: ihren kurzlebigen Charakter. Tage und Wochen der Vorbereitung gehen für eine Choreo ins Land, doch die wird am Ende nur für wenige Minuten der Öffentlichkeit gezeigt. Eine Choreo verkörpert das Prinzip der Momentaufnahme, die es in der Form in der Kunst zuvor noch nicht gegeben hat und die sich erst allmählich ausbreitet", so Mélanie weiter. Bis vor nicht allzu langer Zeit war Kunst etwas, das man komponiert und dann der Öffentlichkeit in Galerien etc. zur Verfügung stellt. Mittlerweile setzt sich aber die Idee fest, dass Kunst etwas Kurzlebiges ist, das man ‚live' erlebt, das sich erst vor unseren Augen zu Kunst konstituiert und das der Mitarbeit des Publikums bedarf. Kunst ist immer häufiger etwas, das nur ein einziges Mal passiert, das nicht mehr 100 Jahre lang bewundert werden kann."

Wow, wir hatten zwar geahnt, dass Choreos etwas Künstlerisches haben. Dass aber so viel Kunst in Choreos steckt, das hätten wir auch nicht gedacht.