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„Man muss die guten Phasen lange hochhalten—ohne den Verstand zu verlieren"—Ein Profiwetter im Interview

Dirk Paulsen lebt nur von Fußball-Wetten und ernährt seine Familie damit. Der Profiwetter sprach mit uns über vermeintliches Bauchgefühl, Trips nach Monte Carlo und darüber, wie die Bundesliga ausgeht.

Katharina Reckers

Dirk Paulsen scheint ein ganz normaler vergnügter Kerl Anfang 60 zu sein. Doch eine Sache unterscheidet ihn von anderen Männern in seinem Alter. Er ist Profi-Wetter. Er ist eine Mischung aus wahnsinnigem Zocker, mathematischem Genie und fanatischem Fußballliebhaber. Und auch wenn man es denken könnte, er hat keineswegs den Verstand verloren. Er ernährt seine Familie mit Fußball-Wetten. Hört sich unseriös an, in einem gemütlichen Gespräch vor seinem Wett-Computer überzeugt er mich vom Gegenteil.

VICE Sports: Sie leben mit Ihrer Familie in einer großen Wohnung, haben mehrere Kinder und verdienen Ihr Geld nur mit dem Wetten. Wie groß ist der Druck richtig zu setzten?
Dirk Paulsen: Der Druck ist hoch. Vor allem ist auch eine Verlockung da, mal gegen die Zahlen und Statistiken zu wetten und auf sein Gefühl zu hören. Doch durch unrationelles Denken kann man große Verluste machen. Ich habe mittlerweile so viel Erfahrung gesammelt, dass ich mit völlig klarem Kopf und Verstand wette. Viel geht bei mir nicht schief.

Was war ihr größter Wettverlust?
Bis 2008 habe ich noch selbst gewettet. Der Wochenumsatz war nicht selten 100.000 Euro oder mehr. Sicher kam es auch mal vor, dass an einem Wochenende 30.000 Euro flöten gingen. Ab und an gab es natürlich auch längere Phasen, in denen es schlecht lief. Da muss man irgendwie rauskommen. Auf der anderen Seite die guten Phasen möglichst lange hoch halten, ohne je den Verstand zu verlieren. Sowohl im Positiven als auch im Negativen.

Sie wetten hauptsächlich auf Fußballspiele, ob der Ball nun ins Tor geht oder an die Latte knallt ist oft Glück, wie berechnend sind Ihre Tipps?
Ich habe selber ein Programm entwickelt, welches auf komplett mathematischer Basis funktioniert. Meine Wetten haben nichts mit Glück zu tun. Ich verlasse mich nie auf mein Bauchgefühl, sondern auf meine Rechnungen.

Haben Sie eine Ausbildung oder ein abgeschlossenes Studium, oder war schon immer klar, dass Sie Wetter werden?
Ich habe Mathematik studiert, aber parallel mehr und mehr gespielt. An der Uni die Programme entwickelt, in der großen weiten Welt gespielt. Backgammon, Black Jack, später kamen die Fußball Wetten dazu, wobei ich parallel an der Uni auch dafür schon ein Programm entwickelt habe.

Wie alt waren Sie denn, als Sie mit dem Wetten begannen?
Ich war 24 Jahre alt, als ein Freund mir erstmals einen Wettzettel von SSP Overseas betting zeigte. Damals konnte man nur schriftlich wetten. Zuerst habe ich das gar nicht verstanden und trotzdem die erste Wette platziert. Das ärgerte mich—wir haben verloren, wohl etwa 10 Mark—und ich habe angefangen, mir das selbst zu überlegen und alles auszurechnen.

Wann haben Sie dann mit diesem Programm die ersten Gewinne erzielt?
Bei der Europameisterschaft 1988 haben wir unsere ersten professionellen Wetten gesetzt. Wir haben etwa 4.000 Mark gewonnen. Pünktlich zur WM 1990, hatte ich mein Programm komplett fertig. Deswegen waren wir auch wahnsinnig erfolgreich! Nach dieser WM habe ich meinen Job als Programmierer geschmissen und bin seit dem komplett im Wettgeschäft.

Das ist ein mutiger Schritt, wegen einer erfolgreichen WM alles hinzuschmeißen und professioneller Spieler zu werden.
Klingt verrückt, aber ich war einfach gut! Ich habe das mit dem Wetten und zocken drauf. Mit 26 Jahren habe ich auch bei Backgammon Weltmeisterschaften in Monte Carlo 20.000 Dollar gewonnen. Das war keine einfache Laune, mich komplett auf das Wetten zu fokussieren. Ich wusste dass das klappt.

Sie waren ein junger Typ mit 20.000 Dollar in der Tasche, mitten in Monte Carlo. Sie sind doch bestimmt völlig größenwahnsinnig geworden, oder?
Ja total, ich habe auch ein paar Dummheiten gemacht oder anders gesagt: Mein Leben gebührend genossen. Die Mädels sehen es einem an, wenn man Erfolg hat und in Monte Carlo kann man sehr gut feiern. Nach dem Gewinn bin ich noch sechs Wochen rumgereist und habe immer weiter gespielt.

Kommt bei diesem ganzen Spielen und Wetten ein Suchtfaktor ins Spiel?
Nicht wirklich. Damals bin ich irgendwann aus Monte Carlo geflüchtet, mir war klar das ich auch wahnsinniges Spielglück hatte und das nicht auf Dauer so bleiben konnte. Es war zu viel, ich bin mit 5.000 DM nach Monte Carlo gekommen, nach sechs Wochen feiern und Spaß bin ich nach St. Tropez, Nizza und Paris gereist. Am Ende bin ich ohne Verluste zurück nach Berlin gekommen.

Was unterscheidet Sie von anderen Wettern?
Ich gehe nach keinem Lieblingsclub oder einer Glückszahl, bei mir zählt das wissenschaftliche, die Mathematik. Ich habe Statistiken gemacht, die wären auch für Sky, die Vereine, Trainer, Manager, Sportreporter, eigentlich für Jedermann interessant. Ich habe Rankings, die wesentlich genauer die gezeigten Leistungen abbilden als es die Tabellen tun. Darin eingebaut ist ein Luck-Ratio, mit welchem ich das Glück berechnen kann.

Wie misst man denn das Glück der Vereine?
Ich erkläre das an einem Beispiel: Wenn Werder einen Angriff spielt und sich irgendwo aus der Distanz, über 20 Meter Torentfernung, eine Schlusschance ergibt, versuchen sie vielleicht ihr Glück. Das ist ein Torschuss aber keine echte Torchance. Ein Bayern-Spieler würde vielleicht einen Nebenmann suchen und eine bessere Schussposition erspielen, bis die Zeit zum Abschluss reif ist.

Außerdem kommt hinzu, dass die besseren Angreifer ihre Chancen besser nutzen. Wenn also Lewandowski die gleiche Torchance vorfindet wie ein Hosiner von Köln, dann verwertet Lewandowski diese vielleicht zu 50%, Hosiner aber nur zu 25%.

Und wer hat nach dem Luck-Ratio viel Glück gehabt in der Vorrunde?
Zum Beispiel Hertha BSC, da war verdammt viel Glück im Spiel. Richtig Pech dagegen hatte Wolfsburg.

In diesem Ranking hat Paulsen den Rückrundenauftakt der ersten Fußballbundesliga vorhergesagt. In der letzten Spalte ist das „luck-ratio" berechnet, die roten Ziffern stehen für das Pech und die grünen Ziffern für das Glück der Mannschaften.

Was für Reaktionen bekommen Sie von der Öffentlichkeit auf Ihren Beruf?
Ein typisches Zitat ist „Wer wettet, will auch betrügen". Das ist natürlich riesen Quatsch. Wetten ist eine mathematische, faire Sache. Und zum Glück heute in der Gesellschaft auch etwas anerkannter als damals. Früher kam es vor das man angegangen wurde, vor allem von älteren Leuten. Heute gibt es kaum noch Probleme.

Was erzählen Ihre Kinder in der Schule, was Sie beruflich machen?
Meine kleineren Kinder verstehen es so allmählich. Und sie merken ja auch, dass immer Geld da ist und sie ihre meisten Wünsche erfüllt bekommen, schon von Anfang an. Wie sie genau antworten, wenn jemand fragt, weiß ich nicht. „Der macht was mit Fußball und Wetten und so", stelle ich mir vor. Schämen tun sie sich sicher nicht.

Haben Sie manchmal Sorgen, das Sie beruflich ein schlechtes Vorbild für Ihre Kinder sein könnten?
Mein großer Sohn ist fast 18 und brauchte letztens einen Job. Daraufhin bot ich ihm an mich etwas zu unterstützen. Er war eine Woche bei mir zu Hause und hat sich in mein Programm eingearbeitet und die Statistiken, Rankings etc. gepflegt. Es ist wie eine Art Vermächtnis ihn dort einzuarbeiten. Es gibt nämlich außer mir niemanden der das Programm bedienen kann. Ein schlechtes Vorbild bin ich also nicht.