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„Es ist gewöhnungsbedürftig, dass uns Leute mit Maschinengewehren begleiten"—Neustädters EM-Chronik

Roman Neustädter

Wie reagiert man, wenn man einerseits mit schweren Waffen abgeschottet wird und am anderen Tag in Paris Kaffee trinken geht? Roman Neustädter erklärt es im zweiten Teil seiner EM-Kolumne.

Schalke-Profi Roman Neustädter spielt für Russland bei der EM. Für VICE Sports berichtet er hinter den Kulissen seines ersten Turniers:

Ich weiß zwar nicht, wie es bei den letzten großen Turnieren war, aber die Sicherheitsvorkehrungen hier in Frankreich sind sehr hoch. Seit Sonntag ist unsere Mannschaft in einem kleinen Hotel etwas außerhalb von Paris untergebracht. Hier bereiten wir uns auf unser erstes Spiel gegen England vor. Zu Anfang war es schon sehr gewöhnungsbedürftig, dass uns Leute mit Maschinengewehren begleiten. Aber es geht natürlich auch nicht an uns Profis vorbei, dass die Medien in den letzten Monaten viel über die Gefahr von Anschlägen bei der EM geschrieben haben. Bisher habe ich aber kein komisches Gefühl. Ich fühle mich sicher.

Durch die Sicherheitsvorkehrungen werden wir schon ziemlich abgeschottet. Von Monaco nach Paris sind wir mit unserem Betreuerstab in einem eigenen Flugzeug geflogen. Zum Trainingsplatz fahren wir mit Polizeieskorte und dort ist auch alles abgesichert. Neben der Security von der Uefa, französischen Polizisten und einem Spezialkommando haben wir noch eigene russische Sicherheitsleute. Die kontrollieren zum Beispiel immer unseren Bus, bevor wir ihn betreten. Auch unser Hotel ist komplett abgeriegelt. Wir bräuchten also eine Spezialausbildung, wenn wir hier mal nachts ausbüchsen wollen...

Ich erinnere mich aber natürlich noch an die Attentate von Paris, das war ja auch ein Angriff auf den Fußball. Mein Schalker Mitspieler Leroy Sané war damals mit dem deutschen Team hautnah dabei und wir haben anschließend länger darüber gesprochen. Doch momentan ist das eigentlich kein Thema. Ich stehe mit einigen Spielern wie Christian Fuchs, Benedikt Höwedes oder eben Leroy Sané in Kontakt, aber wir tauschen uns eher über andere Dinge aus. Mit meinen Mitspielern rede ich eigentlich auch nicht viel über die Sicherheit hier.

Von der EM-Euphorie im Land kriegen wir so kurz vor Turnierstart trotzdem viel mit. Wenn wir mit unserem Bus zum Training fahren, winken die Leute und überall hängen schon Fahnen und halb Paris ist mit EM-Werbung zugeklebt. Und eingesperrt werden wir natürlich auch nicht. An unserem freien Nachmittag am Montag war ich mit fünf meiner Mitspieler in der Pariser Innenstadt. Wir sind ganz entspannnt durch die Straßen spaziert und waren Kaffee trinken—wir können ja nicht den ganzen Tag im Zimmer hocken und Playstation zocken. In der ganzen Stadt sind auch schon die ersten Fans mit verschiedenen Nationaltrikots unterwegs, auch bei ihnen ist keine Angst zu spüren.

Mehr lesen: „Im Team kennt keiner die Russenhocke"—Neustädters EM-Chronik Teil 1

So kurz vor dem Turnier steigt bei mir viel eher das nervöse Kribbeln der Vorfreude. Ich habe im letzten Test gegen Serbien leider nicht gespielt, doch ich versuche, mich auf und neben dem Platz von Tag zu Tag besser ins Team zu integrieren. Die Mannschaft spielt schon lange zusammen und ist eingespielt, aber ich warte auf meine Chance, um in die Stammformation zu kommen. Ein gutes Omen gibt es zumindest schon: Mir wurde zufällig die Trikotnummer 5 zugeteilt. Da das die Nummer meines Vaters in seiner Zeit als Profi bei Mainz 05 war, bedeutet mir das viel. Eine sichere und erfolgreiche EM kann also losgehen.

Liebe Grüße,

Roman.

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Protokolliert von Benedikt Nießen