Quantcast

Ein Hollywoodfilm-Nazi-Akzent wird nicht reichen, Tim Wiese

Tim Wiese kommt endlich in die WWE, so schreibt es zumindest der Boulevard. Dabei ist es noch ein verdammt langer Weg zur Wrestling-Karriere. Unser Autor hat gehörige Zweifel an Wieses Entertainer-Quailtäten.

Berni Mayer

Foto: Imago

„It's finally happening", twitterte gestern Deutschlands bekanntester Torwart gone Muskel-Mutant Tim Wiese. Es ist das eingetreten, worauf eher der Boulevard als echte Wrestling-Fans gewartet haben: Tim Wiese ist jetzt Wrestler bei der Millionenliga WWE (World Wrestling Entertainment) und will noch diesen Herbst im Ring stehen.

Aber Spötter, Fans und Stauner—hold your horses. Tim Wiese bestätigt damit lediglich eine Einladung der Nachwuchsliga NXT, in der die Stars von morgen geparkt und trainiert werden, bis darüber entschieden ist, ob sie es ins Main Roster und damit in die prominenten Fernsehshows „RAW" und „SMACKDOWN" schaffen.

NXT hat zwar seine eigene Fernsehshow und Special Events („NXT TAKEOVER") auf dem Bezahlkanal WWE Network und Tim Wiese ist damit theoretisch in bester Gesellschaft von internationalen Stars wie Shinsuke Nakamura, Finn Balor, Samoa Joe und fantastischen Wrestlerinnen wie Bayley oder Asuka, aber das ist noch lange kein Freifahrtschein für einen TV-Auftritt geschweige denn eine lukrative Karriere im Pro Wrestling.

NXT-Mentor Triple H bestätigt Wiese zwar, er sei „hartnäckig", doch klingt das nicht schon vorab wie ein Trost? Hat Tim Wiese außer einem harten Nacken und harten Bauchmuskeln das notwendige darstellerische Talent und die Athletik im Ring? Die Zeiten harten Steroid-Missbrauches in der WWE sind vorbei und wenn man vom persönlichen Fetisch des WWE-Magnaten Vince McMahon und seinen Bussibären John Cena und Roman Reigns einmal absieht, sind Muskelmassen lediglich „icing on the cake." Schnelle Akrobatik und gewitzte Manöver bestimmen das Geschehen im squared circle heute weitaus häufiger als dumpf aufeinanderprallende Bizepsberge.

Foto: Imago

Tim Wieses Sportleralltag wird ein völlig anderer werden. Ein Fußballer trainiert täglich unter akribischer Anleitung und hat ein Spiel pro Woche—ein Pro Wrestler im Main Roster der WWE steht mindestens vier Tage die Woche in Arenen quer über die USA verteilt im Ring, muss sich umständlich selbst Reisen, Hotelzimmer und Fitness-Studio buchen und jeden Abend sein Publikum unterhalten und das eben auch darstellerisch und im Zweifel auch rhetorisch. Nur selten war ein Wrestling-Star nicht zugleich auch ein superber „Talker". Nicht nur vor TV-Kameras, sondern vor allem im Ring braucht es einen spezifischen Intellekt, um gute Matches und Stories zu entwickeln. Und wie steht's bei Mr. Wiese eigentlich mit einer soliden Handhabung der englischen Sprache? Reicht da ein Hollywoodfilm-Nazi-Akzent?

Eins der größten Allround-Talente in Ring und am Mikrofon, der Kanadier Kevin Owens, hatte noch vor kurzem berichtet, er habe gehört Tim Wieses Probetraining in Orlando sei „nicht so gut gelaufen". Es brauche schon mehr als nur Muskeln und nie war der Zustrom an neuen talentierten Wrestlern in der WWE größer als jetzt. Ernüchternd könnte für Wiese hinzukommen, dass man als NXT-Upstart auch nicht unbedingt das Gehalt eines Bundesliga-Torwarts einstreicht, gerüchteweise verdient man magere 25.000 Dollar pro Jahr. Außer Wieses Berater haben einen Sonderdeal abgeschlossen.

Wiese selbst kündigt an, bei der kommenden Deutschland-Tour der WWE zwischen 2. bis zum 9. November in Frankfurt, München, Oberhausen und Berlin, das erste Mal im Ring stehen zu wollen, quasi als special attraction für die deutschen Fans. Vielleicht wird sich dann schon zeigen, ob er eher als Heel (=Bösewicht) oder als Face (=Publikumsliebling) eingesetzt wird. Der Autor dieser Zeilen ist sich nicht sicher, ob die WWE seinen Beliebtheitsgrad bei deutschen Fans nicht überschätzt. Ein Sympathikus war der 120-Kilo-Mann auch in seiner aktiven Bundesliga-Zeit nicht unbedingt, aber wenn man im Wrestling eins brauchen kann, dann Arschlöcher, die das Publikum gegen sich aufbringen. Buhrufe sind eine echte Währung in dieser Branche. Und vielleicht bekommt er ja auch noch einen schicken deutschen Wrestlernamen, um den xenophoben Anteil amerikanischer Wrestlingfans zu bedienen. Wie wär's mit Fritz von Wiese? Auch ein Finishing Move ist schnell gefunden, erinnert man sich an den High Kick, mit dem Wiese vor ein paar Jahren beinahe Ivica Olic das Gesicht aus dem Schädel getreten hätte.

Fun Fact zum Schluss: Wiese ist nicht der einzige Ex-Torhüter bei NXT. Da gibt es noch den englischen Ex-Drittliga-Goalie Stuart Tomlinson alias Hugo Knox (Ringname).

Folgt Berni auf Twitter: @burnster