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klein aber oho

Islands EM-Traum ist alles andere als eine Überraschung

Und wieder werden alle die große Underdog-Geschichte von Island bemühen. Doch Islands Fußball-Wunder ist keins. Es ist das Resultat unfassbar guter Arbeit und die Erinnerung daran: Trainer sind verdammt wichtig!

Brian Blickenstaff

Foto: Imago

Als Cristiano Ronaldo in der Nachspielzeit zum Freistoß antritt, steht es 1:1 im EM-Spiel zwischen Portugal und Island. Ronaldo schießt den Ball in die Mauer. Sofort danach pfeift der Schiedsrichter ab und Island feierte den größten Erfolg ihrer Fußballgeschichte. Nicht nur in Island wird die Mannschaft gefeiert, sondern gefühlt ganz Fußball-Europa freut sich mit dem sympathischen Außenseiter.

Das Land hat 330.000 Einwohner und ist damit der mit Abstand kleinste EM-Teilnehmer. Fußballerisch sind sie jedoch längst nicht mehr so weit entfernt von den anderen Teilnehmern. Die Qualifikation haben sie mit Bravur überstanden. Spätestens ihre zwei Siege gegen die Niederlande sorgten dafür, dass Island auf der Fußballkarte auftaucht und „Oranje" zuhause bleiben mussten.

Interessant ist, dass in der allgemeinen Berichterstattung die Isländer gerne als die holzende Wikinger-Truppe abgestempelt und ihre EM-Quali als „Wunder" verkauft wurde. Schließlich könne man aus 300.000 Einwohnern nicht elf Top-Talente finden. Kann man auch nicht, man muss nur wissen, wie man seine Spieler formt. Und das wissen die Isländer besser als die meisten anderen Länder in Europa.

Foto: WikiMedia Commons

An einem Frühlingstag im Jahr 1996 signalisierte Logi Olafsson, damaliger Trainer der isländischen Nationalmannschaft, einem blonden 17-Jährigen aus Reykjavik auf der Bank, sich warm zu machen. Das Match war ein Freundschaftsspiel gegen Estland. Der Teenager wurde eingewechselt für Arnor Gudjohnson, eine isländische Legende, die unter anderem für Anderlecht und Bordeaux spielte, als es noch kaum ein isländischer Spieler ins Ausland schaffte. Gudjohnson ist der Spieler mit den siebtmeisten Länderspielen und den viertmeisten Toren. Der Junge, der für ihn eingewechselt wurde, sollte Arnor in beiden Kategorien überholen. Es war sein Sohn, Eidur Gudjohnsen.

Eidur spielte in seiner Blütephase für Chelsea und Barcelona, gewann dabei fast jeden möglichen Titel—die Premier League, den FA Cup, La Liga, die Champions League—er ist so etwas wie Islands Michael Jordan.

„„Die Kids von heute sehen in Eidur Gudjohnson ein Vorbild, eine Ikone", erzählt Magnus Magnusson, ein Spielerberater, dessen Agentur viele isländische Spieler unter Vertrag hat, unter anderem Eidur und den isländisch-amerikanischen Stürmer Aron Johannson. „„Das hat den Spielern unglaublich geholfen. Es gibt den Spielern den Glauben, dass es möglich ist."

Als Jugendlicher hatte Eidur etwas, das andere isländische Jungs nicht hatten—einen Vater als Mentor und Trainer, der das Spiel in- und auswendig kennt. Doch auch das hat sich gewandelt. In Island finden sich mittlerweile überall gute Coaches.

„„Ich glaube nicht, dass es irgendwo in der Welt pro Spieler so viele UEFA-A- und UEFA-B-lizensierte Trainer gibt wie in Island", erzählt Trainer Hallgrímson. Zur Erklärung: UEFA-A- und B-Lizenzen werden benötigt, um europaweit in professionellen Vereinen oder Jugendabteilungen arbeiten zu können. Die Lizensierungsstruktur der UEFA hat dazu geführt, dass die Trainingsmethoden für die Spieler auf einem europäischen Level standardisiert wurden. Grob gesagt bedeutet das: Je mehr qualifizierte Trainer eine Nation hat, desto besser ist sie im Fußball. Ein Offizieller des isländischen Fußballverbands sagte gegenüber VICE Sports, dass das Land Ende 2013 563 B-Lizenz- und 165 A-Lizenz-Trainer hatte. Pro Einwohner ist das um ein Vielfaches mehr als Spanien oder Deutschland.

„„Hier macht es keinen Unterschied, wie groß oder klein das Dorf ist, sie alle haben lizensierte Trainer, die genauso gut wie die Trainer in der isländischen Premier League sind", erzählt Hallgrímson. „„Sie haben die gleiche Ausbildung, egal wo sie leben. Ich denke, das ist ein großer Vorteil für den isländischen Fußball. Jedes Dorf hat die Ambition, einen guten Trainer und gute Trainingsanlagen zu haben, in denen die Kids trainieren können. Jeder Ort ist stolz, wenn er gute Fußballer ausgebildet hat."

„„Heute sind die Trainingsgelände viel besser als zu der Zeit, als ich zum Beispiel gespielt habe", erzählt Heimir, der in den späten 80ern in der ersten isländischen Liga spielte. „In den vergangenen zehn Jahren hat Island sieben große und vier kleine Indoor-Fußballfelder gebaut. Und „wahrscheinlich hat jeder Verein im Land ein Kunstrasenfeld, das man zwölf Monate im Jahr nutzen kann."

Als Resultat hat Island viel mehr junge, talentierte Spieler als jemals zuvor produziert—eine Entwicklung, die so weitergehen wird. Die isländischen Spieler profitierten von der Entwicklung der Infrastruktur und dem Coaching-Boom als sie Teenager waren. Heute wachsen schon Fünfjährige mit diesen traumhaften Bedingungen auf. Weil die isländische Premier League semi-professionell agiert, sind gut ausgebildete isländische Profis günstig für europäische Clubs zu verpflichten. Die Skandinavier haben 58 Legionäre überall auf dem Kontinent und 23 Spieler, die in Jugendligen außerhalb Islands spielen.

Allerdings ist Folgendes auch Teil der isländischen Realität: Als Isländer must du irgendwann weggehen. Island kann zwar gute Jugendspieler ausbilden, aber um sich wirklich zu beweisen, müssen sie früher oder später woanders hingehen. Als isländischer Spieler musst du immer bereit sein, das Land zu verlassen.

Dies führt zu der Frage des „„isländischen Charakters" und was es bedeutet, auf einer kleinen Insel mitten im Nordatlantik zu leben. Ganz einfach, es ist ein Kampf. Die karge Insel ist einer der letzten Orte in Europa, auf der sich Menschen niedergelassen haben. Vor dem zweiten Weltkrieg war Island eines der ärmsten, heute ist es eines der am meisten entwickelten Länder in Europa. Der Kampf allerdings bleibt der gleiche—gegen das Wetter, gegen die geographische Isolierung.

Magnus ist davon überzeugt, dass isländische Spieler den Ruf haben, besonders ausdauernd und kämpferisch zu sein. Olafur Helgi Kristjansson, Trainer des dänischen Erstligisten FC Nordsjaelland, ist einer der ersten isländischen Coaches, die auch im Ausland einen Trainerjob bekamen. Er sagt, dass der isländische Geist über den Fußball hinausgehe.

„„Das innere Verlangen oder der Hunger, nenn es wie du willst. Das ist das Gleiche für mich als Trainer. Ich hätte in Island bleiben und ein großer Fisch in einem kleinen Teich sein können. Ich wollte aber mehr erreichen, darum nahm ich auch das Angebot vom FC Nordsjaelland an. Es ist wichtig, den Willen zu haben, sich als Mensch und Profi weiterzuentwickeln. Dafür musst du aber bereit sein, etwas zu opfern."

Das ist die Realität, wenn man von so einem isolierten Ort kommt wie Island. Wegziehen. Kämpfen. Sich selbst herausfordern. Olafur deutete seine Sorge an, dass die jungen Spieler das Bewusstsein für diesen Kampf verloren haben könnten, weil ihnen mittlerweile vieles leichter gemacht wird. „„Die Kids in Island haben die Möglichkeit, den Sport auszuüben", sagte er. „„Aus dem Nichts etwas zu erschaffen, dabei wird dir geholfen. Aber daraus etwas noch Größeres zu machen, das muss jeder für sich selbst schaffen. Und das verlangt viel Disziplin."

Trotzdem hat die isländische Mentalität für eine mehr als respektable Nationalmannschaft gesorgt. „Die Infrastruktur und das Training haben den Unterbau geliefert. Eidur Gudjohnson hat bewiesen, dass es möglich ist. Es hilft, dass viele der Spieler zusammen aufgewachsen und jahrelang miteinander gespielt haben. „Die Nationalmannschaft kann nicht so häufig zusammen trainieren, deswegen ist das gegenseitige Verständnis umso wichtiger," sagt Heimir.

„„Wir sind gewillt, besonders hart zu arbeiten und immer noch eine Schippe draufzulegen," sagt Heimir weiter. „„Und ich denke, das ist die Stärke der Leute hier. Wir sind an schlechtes Wetter gewöhnt. Wir sind daran gewöhnt, zur Schule zu laufen, wenn es windig und ungemütlich ist. Ich glaube, wir haben kein Problem mit Gegenwind."