„Dem FC Bayern traut man weniger Fouls zu"

Professor Dr. Eberhard Feess hat den Bayern-Bonus wissenschaftlich bewiesen. VICE Sport sprach mit ihm über den Dortmund-Bonus und die Desinteresse der Verbände für wissenschaftliche Studien.

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Apr. 21 2016, 1:07pm

Foto: imago

Am Dienstag Abend war es wieder so weit: Im Pokalhalbfinale zwischen dem FC Bayern München und Werder Bremen spielte Bayerns Arturo Vidal den Ball am reingrätschenden Sternberg vorbei und hob in bester Peter-Pan-Manier ab. Klare Schwalbe. Doch Schiedsrichter Tobias Stieler zeigte auf den Punkt—das Spiel war entschieden. Die Zuschauer fühlten sich bestätigt: Es war der Bayern-Bonus.

Wissenschaftler haben den Bayern-Bonus bewiesen

Am Wochenende hatte Dr. Eberhard Feess, Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance & Management, eine Studie zu diesem Phänomen veröffentlicht. Der Wissenschaftler und seine Kollegen fanden heraus, dass in den Spielen des FC Bayern gegen eine Mannschaft, die in der „ewigen Tabelle" keinen Spitzenplatz einnimmt, die Wahrscheinlichkeit, dass ein Elfmeter dem schwachen Team fälschlicherweise nicht gegeben wird, drei Mal größer ist. VICE Sports hat mit Professor Dr. Eberhard Feess über den Dortmund-Bonus, das Desinteresse der Verbände für wissenschaftliche Studien und eine ähnliche Analyse für die NFL gesprochen.

VICE Sports: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, den Bayern-Bonus zu untersuchen?
Eberhard Feess: Ich bin Fußballfan und es besteht natürlich ein Interesse bei mir, weil man immer über solche Dinge wie den Bayern-Bonus diskutiert. Zudem setze ich mich sehr viel mit Sportökonomie in meiner Forschung auseinander. Es gibt auch schon einige wissenschaftliche Arbeiten, die zeigen, dass Heimmannschaften statistisch gesehen von Schiedsrichterentscheidungen profitieren. Daher ist es naheliegend, sich anzuschauen, ob es einen ähnlichen Effekt bei Mannschaften mit einem höheren Status gibt.

War die These Ihrer Studie, ob es einen Bayern-Bonus gibt?
Die Hypothese war, dass es ihn nicht gibt. Ich hätte vermutet, dass der Bayern-Bonus ein Wahrnehmungsstreich ist. Der wäre darauf zurückzuführen, dass man sich eher mit den Schwachen identifiziert oder dass Top-Teams häufiger im Strafraum sind und eher die Gelegenheit haben, einen unberechtigten Elfmeter zu kriegen. Wir waren dann sehr überrascht, dass wir doch so starke Effekte gefunden haben.

Was haben Sie genau analysiert?
Wir haben die Daten genutzt, die wir aus der Datenbank verwenden konnten. Das waren sowohl gegebene als auch nicht gegebene Tore und Elfmeter. Anschließend haben wir uns auf die Situationen fokussiert, in denen Tore oder Elfmeter nicht gegeben wurden und haben dann geguckt, ob die Entscheidung richtig oder falsch war.

Was haben Sie herausgefunden?
Wenn Mannschaften mit niedrigem Status gegen Teams mit hohem Status spielen, ist die Wahrscheinlichkeit um 30 bis 40 Prozent höher, dass Teams mit niedrigem Status einen eigentlich berechtigten Elfmeter oder ein Tor nicht bekommen.

Auch Borussia Dortmund hatte viel Glück in letzter Zeit und ist ein Team mit hohem Status. Würden Schiedsrichter den BVB statistisch gesehen im Spiel gegen den FC Bayern benachteiligen?
Wir finden den Effekt über alle Spiele von Bayern München hinweg, jedoch kann man dadurch nicht auf einzelne Spiele schließen. Wir wissen aber: Wenn Bayern München gegen alle anderen Mannschaften spielt, dann gibt es diesen Effekt, wenn der BVB gegen alle anderen Mannschaften spielt, finden wir ihn nicht.

Woran kann dieser Bayern-Bonus liegen?
Anders als die handfesten Daten über diesen Zustand können wir darüber nur spekulieren. Ich vermute, dass viele Menschen dazu neigen, ein positives Vorurteil gegenüber Individuen oder Institutionen mit hohem Status zu haben. Das trübt ihre Wahrnehmung. Wenn ein Stürmer von Braunschweig im Strafraum von Bayern fällt, denkt man dann eher, dass es kein Foul sei. Dem FC Bayern traut man weniger Fouls zu, beziehungsweise glaubt man durch ihre hohe Klasse, dass sie kaum welche machen. Doch wir gehen auf jeden Fall davon aus, dass es in keiner Art und Weise beabsichtigt ist.

Aber Top-Teams wie der FC Bayern oder auch Teams, für die es um etwas geht, sind meistens prozentual gesehen öfter am Ball und spielen sich mehr Chancen heraus, weil sie müssen. Ist es dann nicht klar, dass es zu einem solchen Ergebnis kommt?
Das ist sehr wichtig, dass Sie diese Frage stellen. Wir schauen nicht, ob Bayern mehr unberechtigte Elfmeter bekommt, denn dagegen wäre der Einwand richtig. Wir schauen nur auf Situationen, in denen ein Elfmeter oder ein Tor zu unrecht verweigert wurde. Und das trifft um 30 bis 40 Prozent häufiger die Mannschaft, die gegen Bayern spielt, als den FC Bayern selbst. Die Häufigkeit der Angriffe spielt also überhaupt gar keine Rolle.

Zusätzlich erklären Sie, dass Heimmannschaften eher bevorteilt werden als die Gästeteams...
Da vermute ich—obwohl man es auch hier nicht statistisch beweisen kann—, dass der Druck der Zuschauer einen Großteil des Effektes erklärt. Diese Vermutung von social pressure wird auch dadurch gestützt, dass der Effekt sich vergrößert, wenn die Zuschauerzahl steigt. Beide Fälle haben also etwas mit sozialem Druck zu tun.

Was kann man dagegen tun?
Man müsste einerseits offen mit dem Druck umgehen. Die unbewusste Bevorzugung von Heimmannschaften ist schon seit vielen Jahren wissenschaftlich absolut unstrittig und wird trotzdem nicht zur Kenntnis genommen. Man müsste die Schiedsrichter auf dieses Problem hinweisen. Vor allem aber müsste man den Videobeweis einführen.

Warum?
Da sich der Effekt nicht wie oft gesagt in einer Saison ausgleicht, sondern systematisch ist, sehe ich keine vernünftigen Argumente gegen den Videobeweis. Man muss nicht jede Entscheidung analysieren, doch in anderen Sportarten gibt es auch die Möglichkeit, dass ein Team zwei Mal eine Entscheidung herausfordern kann.

Kann Ihre Studie den DFB, die Liga und somit die Schiedsrichter vielleicht davon überzeugen, anders zu pfeifen?
Ich halte das für eher unwahrscheinlich. Man sollte die Schiedsrichter nun auch nicht anhalten, bei Spielen des FC Bayern anders zu pfeifen. Man sollte ihnen stattdessen vielmehr diese Ergebnisse bewusst machen. Doch ich vermute eher, dass die Studie—obwohl sie mir wissenschaftlich schwer angreifbar scheint—bei Praktikern auf Kopfschütteln stößt. Ich würde mich wundern, wenn sie etwas ändern würde.

Warum schicken Sie die Studie nicht dem DFB?
Wir gehen eigentlich auf niemanden zu. Jedoch hat die DFL die Studie schon angefordert. Mal schauen, wie das ausgeht.

Welche Stammtisch-Weisheit aus der Welt des Sports werden Sie als nächstes analysieren?
Ich denke, wir werden eine ähnliche Studie bei der National Football League, der NFL, anwenden. Mal sehen, ob wir das gleiche Phänomen dort auch finden.

Das Interview führte Benedikt Niessen, folgt ihm bei Twitter: @BeneNie