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Foto: hahnfcb.cms4people.de; Ilu: Johann Steer

Die judenfeindlichen Fans von Stahl Riesa

Bastian Pauly

Immer wieder tauchen Bilder von Stahl-Riesa-Fans auf, die „JDN CHM"-Shirts tragen. Die klare Provokation gegen die linken Anhänger von Chemie Leipzig offenbart das Nazi-Problem beim ostdeutschen Traditionsverein.

Foto: hahnfcb.cms4people.de; Ilu: Johann Steer

Im Vereinsheim fließen Bier und Siegerschweiß. Alle Blicke richten sich auf ihn, man nennt ihn den „Boxer", man gehorcht ihm aufs Wort. Mit seinem massigen Körper hat er sich vor ihnen aufgebaut und fordert eine „Uffta"-Fans und Spieler stimmen ein. Schließlich hat ihr Verein, die BSG Stahl Riesa, im Spitzenspiel der Sachsenliga gerade Chemie Leipzig geschlagen.

Aber das „Scheiß Chemie Leipzig", das der Einpeitscher in die Menge ruft, ist nicht seine einzige Botschaft. Auf seinem T-Shirt prangen sechs Buchstaben, dem Logo der US-Hiphop-Ikonen Run-DMC nachempfunden, an denen sich niemand zu stören scheint: „JDN CHM" steht da unübersehbar, und es braucht nicht viel Fantasie, um das mit der Schmähung „Juden Chemie" zu übersetzen.

Leicht modifizierter Screenshot aus dem „Uffta"-Video, das durch das Netz gegangen ist

Grobe Typen und hasserfüllte Parolen sind in Fußballfankurven nichts Besonderes, schon gar nicht bei unterklassigen ostdeutschen Klubs. Aber dass ein Vorsänger seine antisemitische Hetze auf der Brust vor sich herträgt und dafür von Spielern und Fans mit Sprechchören belohnt wird, muss irritieren.

Dass sich die Szene Ende April genauso zugetragen hat, dokumentiert ein Video, das ein Riesaer Fan nach dem Spiel ins Netz gestellt hatte. Darin sind auch zwei Fans zu sehen, die ebenfalls ein „JDN CHM"-Pullover tragen, allerdings mit blau-gelbem Schriftzug. Bald rückte die Sequenz ins Blickfeld der Aktivisten von „Ultrapeinlich", die jeden Ausfall in den Fankurven akribisch dokumentieren. Als der Vorfall bei Facebook die Runde machte und Journalisten kritische Fragen stellten, verschwand das Video plötzlich wieder aus dem Netz. Offenbar hat man auch bei Stahl Riesa kein Interesse daran, in die rechte Ecke gestellt zu werden.

Die Kleinstadt im Herzen Sachsens jedenfalls ist braunen Kummer gewohnt. Lange schon gilt Riesa, auf halber Strecke zwischen Leipzig und Dresden gelegen, als Hochburg der NPD. Seit 2000 hat dort das parteieigene Hetzblatt der Rechtsextremen seinen Sitz, die Riesa seither als „Deutsche-Stimme-Stadt" feiern. Im Stadtrat sitzen zwei NPDler, dem örtlichen Parteikreisverband bescheinigt der sächsische Verfassungsschutz eine besondere Aktivität, rechtsextreme Straftaten haben sich im Landkreis 2015 im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Dem lokalen Fußball sind die braunen Kader nicht abgeneigt. „Die Riesaer NPD drückt der BSG Stahl Riesa alle Daumen", hieß es vor drei Jahren, als es um den Landesligaaufstieg ging.

„Wir sehen den Verein als unpolitisch, wie es unsere Satzung regelt", erklärt dagegen der Vorstand von Stahl Riesa auf Anfrage gegenüber VICE Sports. Von der antisemitischen Botschaft hinter dem „JDN CHM"-Schriftzug will bis zum Spiel gegen Chemie Leipzig niemand aus der Vereinsführung etwas gewusst haben—auf den offenkundigen Verstoß gegen die Stadionordnung wurde man angeblich erst durch einen Hinweis der Bereitschaftspolizei aufmerksam. Im Nachgang habe der Vorstand drei Personen ein Stadionverbot ausgesprochen. „Dieses werden wir auch durchsetzen."

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Bei der Siegesfeier im Vereinsheim war davon jedenfalls noch nichts zu spüren. Der Einpeitscher aus dem offline genommenen Video, der in Fankreisen „Boxer" genannt wird, ist einer von zwei Administratoren der geschlossenen Facebook-Gruppe „BSG Stahl Riesa", die mehr als 700 Mitglieder zählt. Schon vor der brisanten Begegnung – offenbar zur Einstimmung auf das Duell mit der als links geltenden Fanszene von Chemie Leipzig—hatten dort Riesaer Anhänger Links zu dem „JDN CHM"-Shirt und zu dem Song „Hooligan" der Rechtsrockband „Störkraft" gepostet.

Zu diesem Zeitpunkt entstand auch ein Foto, an dessen politischer Aussage es ebenfalls nichts zu deuten gibt: Ein Mob präsentiert darauf mit sichtbarem Stolz vor einer Riesaer Gaststätte eine Fahne, die gegen Chemie auch im Stadion zu sehen ist—mit dem Emblem der „Irriducibili", jener Ultrà-Gruppierung von Lazio Rom, die wie keine zweite für ihre stramm faschistische Ausrichtung bekannt ist.

Im Bild rechts vermuten wir zwei „JDN CHM"-Pullover

Eingeschworene lokale Patrioten, die sich im Verein eine Hausmacht erarbeitet haben und mit rechter Symbolik kokettieren, die gibt es auch bei Stahl. Die „Riesaer Jungs" waren 2003 die treibende Kraft, als der Klub aus der Insolvenz heraus in der letzten Liga unter altem DDR-Namen neu startete. Dass Stahl Riesa mittlerweile in der Sachsenliga-Spitze angekommen ist und im Durchschnitt gut 500 Fans zu den Heimspielen anzieht, ist vor allem ihnen zu verdanken. Die „Riesaer Jungs" engagieren sich ehrenamtlich und spenden regelmäßig an den Verein—und fallen Beobachtern vornehmlich durch Stammtischparolen auf. Die Gruppe mit der Zaunfahne in Sütterlin, zu deren Vertretern auch der „Boxer" zählt, verbindet mehr mit Pegida und der AfD als mit den „Gutmenschen" und „Linksextremen", die man als Feindbilder identifiziert hat. Längst nicht jeder Riesaer Junge ist ein erklärter Neonazi, aber Berührungsängste gibt es keine.

Die Grenzen zur Neonazi-Szene verlaufen fließend. Zum Umfeld der „Riesaer Jungs" zählt auch die Rechtsrockband „Selbststeller", die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. In den einschlägigen Kreisen ist die Gruppe aus Riesa überregional bekannt. Aus einem Nebenprojekt entstand die inoffizielle Vereinshymne des Vereins—veröffentlicht unter dem scheinbar unverfänglichen Namen „Herrenquintett Nostalgia". „Selbststeller" bekennen sich aber auch offen zu Stahl Riesa. Im Sommer 2015 präsentierte die Band auf dem Kuggnäs-Festival, einem europaweit bekanntem Rechtsrock-Event im schwedischen Nyköping, ein Banner mit dem Logo des Vereins. Nach Antifa-Recherchen unterhielt die Band auch Verbindungen zu der inzwischen nicht mehr aktiven Neonazi-Kameradschaft „Boot Boys Riesa", die dem in Deutschland verbotenen, internationalen rechtsextremen Musiknetzwerk „Blood and Honour" nahestand.

Bei Stahl-Riesa-Fans scheinen „Selbststeller" gut anzukommen, wie viele Facebook-Profile verraten. Neben dem „Boxer" ist darunter auch der zweite Administrator der geschlossenen Gruppe mit gut 700 Mitgliedern. Ihm gefallen die Seiten des rechtsextremen „Germania Versand", diverser Pegida-Ableger und der von der NPD gesteuerten „Nein zum Heim"-Kampagnen. Mit Jürgen Gansel, der für die Partei lange Jahre im sächsischen Landtag saß, ist er befreundet.

In der geheimen Facebook-Gruppe bietet der augenscheinlich bestens in der rechten Szene vernetzte Fußballfan unter dem Label „8400" selbst entworfene Bekleidung an. Kritische Beobachter sehen in der Zahlenfolge nicht nur eine Reminiszenz an die Postleitzahl von Riesa zu DDR-Zeiten. In Neonazi-Kreisen verbirgt sich hinter dem Code „84" die Abkürzung für „Heil Deutschland" und für die Grußformel „Heil dir". Auch als Anspielung darauf kann das Label verstanden werden, und der Faktor 100 verstärkt die Botschaft noch.

Zumindest von den „JDN CHM"-Shirts hat sich der Verein inzwischen öffentlich distanziert. Auf der Vereinswebseite verurteilte der Vorstand das „inakzeptable Fehlverhalten" einzelner Fans. Allerdings gelten die drei Stadionverbote lediglich bis zum Jahresende—ob auch der Einpeitscher betroffen ist, bleibt ebenso offen wie die Frage, was der Verein künftig gegen das Neonazi-Problem in den eigenen Reihen unternimmt.

„In unseren Augen agiert die BSG Stahl Riesa leider in einem Muster, wie es viel zu viele Vereine tun", urteilen die Szenebeobachter von „Ultrapeinlich". Um einem Image-Schaden zu entgehen, würden rechtsextreme Verflechtungen so lange geleugnet, bis es nicht mehr gehe. „Auf den Gedanken, präventiv gegen menschenverachtendes Gedankengut vorzugehen, kommt leider kaum ein Verein, dabei wäre dies in einer Stadt wie Riesa, die als NPD-Hochburg gilt, mehr als erforderlich."

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Da passt es ins Bild, dass der Vorstand zwar die antisemitischen Shirts kritisiert, aber von „Juden Chemie"-Sprechchören, die auf Videoaufnahmen des Spiels gegen Chemie Leipzig deutlich zu hören sind, nichts wissen will. Weder im Spielbericht des Schiedsrichters noch beim anschließenden Sportgerichtsverfahren sei davon Notiz genommen worden, heißt es zur Verteidigung. Andernfalls, so zitiert der Vorstand aus den DFB-Statuten, hätte der Schiedsrichter das Spiel wegen antisemitischer Schmähgesänge abbrechen müssen. Mit dem Schriftzug „JDN CHM" kommt in Riesa aber so schnell keiner mehr aufs Vereinsgelände, glaubt man dem Versprechen der Klubführung. „Die Shirts werden ab sofort nicht mehr in der Stahl-Arena zu sehen sein."

Bastian Pauly ist freier Journalist in Berlin, folgt ihm auf Twitter: @BastianPauly