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Wir sprachen mit dem Fotografen, der nur bizarre Sportarten ablichtet

Pulitzer-Preisträger Sol Neelman kündigte seinen Job, um auf der Welt nach „Weird Sports" zu suchen. Ein Gespräch über schlechte Bezahlung, fehlende Bildbeschreibungen und verkaterten Fisch-Weitwurf.

Michael van Dorp

Alle Fotos: Sol Neelman

Sol Neelman war 35, als er geweckt wurde. Er verdiente seinen Lebensunterhalt als Nachrichten-Fotograf für The Oregonian in Portland und gewann sogar mal einen Pulitzer-Preis— wirklich glücklich war er jedoch nicht. Ein Aha-Erlebnis und elf Jahre später wird Neelman gerufen, wenn jemand beim Unterwasserhockey oder Pappröhrenfechten Fotos schießen soll. Nicht nur seine Website und seine Bücher sind ein wenig skurril: Der Fotograf reist um die Welt und macht Bilder von „Weird Sports".

VICE Sports sprach mit ihm über schlechte Bezahlung, fehlende Bildbeschreibungen und verkaterten Fisch-Weitwurf vor Kneipen am Neujahrstag.

VICE Sports: Sol, hast du eine Idee, wie ich auf dich und deine Arbeit gestoßen bin?
Sol Neelman: Nein, erzähl!

Wenn man „Weird Sports" googelt, taucht dein Name ziemlich weit oben auf. Anscheinend bist du der Mann für merkwürdige Sportarten...
Ach ja, ich weiß. Es ist eine nette Ehre. Ich wäre zwar lieber der lustige, attraktive, intelligente Fotograf gewesen, aber ich nehme auch den seltsamen Sport-Fotograf.

Wie bist du dazu geworden?
Mein Vater starb, als ich zwei Jahre alt war. Also musste ich die männliche Seite meiner Erziehung vor der Tür finden. Sport war die Verbindung zu meinem Nachbarn. Beim Baseball spielen im Park oder den gemeinsamen Ausflügen zu Spielen fand ich eine Art Vaterersatz. Ich erkannte dann viel später, dass ich meine Liebe für den Sport auch in meiner Arbeit nutzen könnte. Als ich vor elf Jahren als Nachrichten-Fotograf bei The Oregonian arbeitete, fragte mich jemand, was ich wirklich mögen würde. Ich antwortete, dass ich Sport, Reisen, Fotografie und seltsame Scheiße mag. Plötzlich ging mir ein Licht auf. Als Fotograf für Nachrichtenmedium hast du einen Job und die Hoffnung Spaß zu haben, aber als freier und unabhängiger Fotograf kannst du dir die Themen selbst aussuchen. Wie cool ist das denn?

Fisch-Weitwurf am Neujahrstag vor einem Pub in Portland. Foto: Sol Neelman

Natürlich muss man aber auch damit seinen Lebensunterhalt verdienen. Wie kann man damit finanziell Erfolg haben?
Das kann man nicht. (lacht) Ich habe aber meinen Weg gefunden und kann tun, was ich liebe. Aber verdienen kann ich damit nicht viel. Ich fliege mit Billigfliegern, schlafe in einfachen Hotels und habe auch Freunde überall, wohin ich gehen kann. Um über die Runden kommen, mache ich neben der traditionellen Fotografie auch Fotos für Kunden wie Nike und Adidas.

Wie viele Sportarten hast du schon fotografiert?
Ich habe mehr als zweihundert bizarre oder ungewöhnliche Sportarten fotografiert—und habe eine Master-Liste die in die Richtung von Sechshundert geht. Ich hätte nie gedacht, dass es so viele gibt, aber fast jeden Tag bekomme ich per E-Mail neue Vorschläge. Es gibt also noch viele Fotos zu schießen...

Was steht momentan ganz oben auf deiner Wunschliste?
Fotos von Sportarten in den USA sind für mich natürlich einfacher zu realisieren, als irgendwelche, für die ich weit reisen muss. Ein Sport, den ich trotzdem noch immer nicht von meiner Liste gestrichen habe, ist die Baumstamm-Fahrt in Japan. Alle sechs Jahre gibt es ein Festival auf dem gefeiert wird, dass neues Holz aus dem Wald gewonnen wurde. Die Leute rodeln dann am Ende auf den Stämmen einen Hügel herunter. Der Letzte, der fällt, ist der stärkste. Aber es gibt nicht immer einen Gewinner bei den Sportarten, die ich fotografiere. Es sind häufig lokale Gewohnheiten mit einem sportlichen Element, an dem die Menschen einfach nur eine Menge Spaß haben. Das ist die Energie, die ich versuche, zu erfassen.

Es gibt ein paar Bilder auf deiner Website, bei denen man eigentlich eine nähere Erklärung bräuchte, um sie zu verstehen. Wo kann ich da nachschauen?
Ich habe bewusst keine Beschreibungen auf meiner Website veröffentlicht. Ich glaube, es ist einfach toll, wenn du es nicht verstehst und deiner Fantasie freien Lauf lassen musst. Aber ich kann dir bei zwei Bildern helfen. Der Mann mit dem Fisch steht vor einem Pub in Portland am Neujahrstag. Es geht darum, wer den Fisch am weitesten wirft. Jeder steht da mit einem massiven Kater von der Nacht zuvor und es ist vor allem ein Vorwand, um das Trinken dadurch fortzusetzen. Der Mann mit der Stormtrooper-Maske und dem Tennisschläger muss einen Feuerball wegschlagen... Kennt ihr in Europa keinen Tetherball? Ein Ball hängt an einem Seil und die Spieler versuchen das Seil samt Ball um eine Stange zu wickeln. Genau das, nur mit einer Rolle Toilettenpapier, Benzin und einem Feuerzeug.

„Flaming Tetherball"—wie Tetherball, nur mit einer Rolle Toilettenpapier, Benzin und einem Feuerzeug.

Spielst du manchmal mit?
Manchmal. Aber ich habe so viel Spaß, die Menschen zu fotografieren, dass ich in der Regel weniger Spaß daran habe, selbst zu spielen. Beim „Flaming Tetherball" habe ich teilgenommen, was sehr schön war. Oft gibt es jedoch gar keine Option, weil die Teilnehmer zum Beispiel ihre eigene Toilette auf Skiern mitbringen müssen. Oft ist eine Menge Vorbereitung mit dem eigentlichen Sport verbunden.

Hasz du auch mal einen Sport erfunden?
Ich würde es vorziehen, eine Art von Verband zu gründen, der einige dringend benötigte Koordination und mehr Sicherheit schafft. Aber dann kommt natürlich die Geschichte der Haftung ins Spiel. „Flaming Tetherball" ist beispielsweise erstaunlich sicher, aber versuch dafür mal eine Versicherung abzuschließen. Und die Finanzierung ist schwierig. Ich kann als Fotograf gerade so davon leben, aber die Betreiber dieser Sportarten verdienen in der Regel keinen einzigen Cent. Es kommt häufig vor, dass ein Sportereignis nur ein einzige Mal stattfindet.

Hast du ein Lieblingsfoto?
Die Bilder sind natürlich alle meine Kinder, aber ich habe einen Favoriten. Bei den Redneck-Games, einer Parodie auf die Olympischen Spiele, wurden Schlammtauchwettbewerbe organisiert. Ich liebe dieses Bild so sehr, weil meine Freunde da ebenfalls drauf sind. Wir hatten viel Spaß an diesem Tag und haben extrem viel gelacht. Wenn ich dieses Bild betrachte, blicke ich sofort auf meine Freunde und nicht zu dem Mann, der da gerade taucht.

Sol Neelmans Lieblingsbild bei den Redneck-Games. Foto: Sol Neelman

Hast du auch einen Lieblingssport—also einen normalen und einen verrückten?
Normalerweise ist mein Lieblingssport Basketball. Ich liebe alle Nuancen des Spiels. Ich habe auch viel in der Schule gespielt, obwohl ich in erster Linie dafür da war, die Bank warm zu halten. Ansonsten muss ich sofort an „Kaiju" denken. Es ist im Grunde wie Wrestling, aber in einem Godzilla-Anzug. Es ist so lustig, dass man nicht mehr aufhören kann zu lachen. Die meisten Sportarten habe die ich nur einmal fotografiert, aber „Kaiju" habe dreimal gesehen. Ich nehme gerne meine Freunde mit, ohne ihnen zu sagen, was sie erleben. Es sind eben diese Fragenzeichen, die so viel Spaß machen. Die Leute bitten mich manchmal Beschreibungen in meine Bücher zu schreiben, aber das ist todlangweilig. Meine Bücher tun besonders gut bei Kindern, weil sie mit den Bildern und ihrer Fantasie ihre eigenen Geschichten erfinden.

Du hast auch während der Olympischen Spiele in Peking und Vancouver fotografiert. Kamst du trotzdem noch an seltsame Scheiße heran?
Auf jeden Fall. Curling zum Beispiel, haha. Es scheint ziemlich Spaß zu machen, aber wer will schon ein paar erwachsenen Männer dabei zusehen, wie sie mit Besen hantieren? Und hast du das Outfit der Norweger gesehen? Außerdem finde ich Biathlon sehr merkwürdig. Ich wurde einmal von einem norwegischen Magazin interviewt und sie konnten mir nicht erklären, warum man Ski fährt mit einem Gewehr auf dem Rücken. Es macht Spaß bei den Olympischen Spielen dabei zu sein, aber meistens war ich dort gelangweilt. Du musst immer an bestimmten Orten sein und neben dir schießt jemand genau die gleichen Bilder wie du.

Hast du für die Menschen, die dieses Interview noch lesen, noch einen Rat?
Mein Leben änderte sich, als mich jemand gefragt, was ich wirklich gerne mache. Ich dachte nicht an die Zeitung, auch wenn s mein Job war. Ich dachte an Sport und seltsame Scheiße. Sobald du entdeckst, was du selbst tun möchtest, ist das unglaublich aufregend und beängstigend zugleich. Ich verdiene hier nach elf Jahren immer noch wenig und am Anfang sogar nichts. Mein Rat ist trotzdem, dass man all seinen Mut sammeln sollte und das Bedürfnis nach Sicherheit sein lassen sollte. Wenn du etwas tust, was du liebst, bist du besser darin.

*Alle Fotos: Sol Neelman