Hulk Hogan—ein amerikanischer Patriot und Lügner

In einem Sport, der eine einzige Lüge ist, hat es Hulk Hogan geschafft, zum verhassten König der Lügner zu werden. Nicht nur, weil er so viel Bullshit erzählt, sondern weil er dabei so verdammt selbstgerecht ist.

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Juli 16 2015, 1:05pm

Photo by Kyle Terada-USA TODAY Sports

Hulk Hogan lügt. So wie alle Profi-Wrestler, denn Wrestling ist nun mal eine einzige große Lüge. Doch Hulk Hogan ist der (verhasste) König unter den Lügnern. Er hat erzählt, er sei mal fast Bassist bei Metallica geworden. Und dass er den japanischen Wrestler Tatsumi Fujinami verprügeln musste, um den WWF-Titel zu retten. Er hat seine Nacherzählung vom berühmten Kampf gegen „Andre the Giant" bei der WrestleMania III mit so vielen offensichtlichen und dummen Lügen gespickt, dass er nicht ernsthaft glauben kann, dass man ihm das glauben kann—Andre hätte über 600 Pfund gewogen; Hogan hätte nicht gewusst, ob Andre ihn gewinnen lassen würde; wenige Tage nach dem Kampf wäre Andre gestorben.

Hogan hat so viele hübsche Stars gedatet, ohne sie in Wirklichkeit je getroffen zu haben, so viele gefährliche Biker verprügelt, ohne sie jemals auch nur angerührt zu haben. Es hat fast schon etwas Unheimliches, wie leicht es ihm fällt, sich all diese Lügengeschichten aus den Fingern zu saugen. Dass er so unendlich viel Bullshit erzählt, hat aber auch einen Vorteil: Man kann leichter auf Durchzug schalten. Doch wie genau ging alles los?

Das tragische Vermächtnis des Chris Benoit

Hogan begann seine Karriere als echter American Hero, der erst stolz die Stars and Stripes schwenkte und dann Iron Sheik den Arsch aufriss und sich so seinen ersten Titel sicherte. Die Hulkamania-Begeisterung fiel zeitlich mit dem Beginn der Reagan-Ära zusammen, was kein Zufall war. Hulk stand für den Rächer amerikanischer Männlichkeit und Kampfeslust. Seine Gegner waren entweder böse Ausländer oder fette Amis, denen man ansehen sollte, dass sie arbeitsscheue Schmarotzer und/oder Kriminelle sind. Also genau der Schlag Mensch, dem die Reagan-Regierung den Kampf angesagt hat.

Auch wenn es nur schwer zu glauben ist: Die Zeit war reif für beide Männer. Die Amerikaner wollten endlich wieder mit süßen Unwahrheiten umgarnt werden. Der weichgespülte Carter und seine demokratischen Parteikollegen gingen einer Nation, die sich wieder stark fühlen wollte, einfach nur noch auf den Keks. Das Land schrie nach einem charismatischen Lügner. Und keiner konnte das 1984 besser als ein gewisser Hulk Hogan.

Damit wollen wir natürlich in keiner Weise andeuten, dass das Übel der Reagan-Zeit in irgendeiner kausalen Verbindung mit der Hulkamania stand. Wie auch? Am Ende war Hogan ja nur ein Wrestler. Doch er stand natürlich gleichzeitig auch für einen besonders starken und erfolgreichen Babyboomer. Am Anfang seiner Karriere strahlte er noch eine fast schon natürlich wirkende Coolness aus, dieser braungebrannte Kalifornier mit seinen langen Haaren und der unerschütterlichen „Whatever, Dude"-Haltung. Er wusste stets zu betonen, dass es harte Arbeit, Vitamine und das tägliche Gebet waren, die ihm den Weg zu seiner Weltkarriere geebnet hatten. Wie sollte ein blonder Superman mit einem Kreuz um den Hals kein Good Guy sein?

Wenn ein zu strenges Vitaminregiment zu Persönlichkeitsveränderungen und Akne auf dem Rücken führt. Foto: John McKeon

Natürlich sah die Wahrheit ganz anders aus. Hogan intrigierte und schob, wo er nur konnte, und nahm auch keine Rücksicht darauf, wer dabei unter die Räder kommen würde. Er sorgte dafür, dass der letzte ernsthafte Versuch, die verschiedenen Wrestling-Ligen zu vereinen, im Sand verlief, um damit der WWE (damals noch WWF) und dessen Besitzer Vince McMahon einen Gefallen zu tun. Mit seinem Dazutun hat er am Ende die Karriere von Dutzenden von weniger bekannten Wrestlern zerstört. Sich selbst umgab er mit möglichst untalentierten Kämpfern, Typen wie Ed „Brutus Beefcake" Leslie und The Nasty Boys, die ihm nicht gefährlich werden konnten. Ihre kriecherische Loyalität belohnte er dann mit Posten, die sie—kraft ihrer Unfähigkeit—nie auszufüllen vermochten.

Hogan war nicht nur gut darin, sein Publikum zu belügen. Er hat(te) es auch echt gut drauf, sich selber etwas vorzumachen, so wie etwa bei seiner „Karriere" als Schauspieler, die er selbst dann, als sein Stern schon lange im Sinken begriffen war, noch stoisch vorantrieb. Ohne dabei natürlich seine Berufung „Wrestler" aus den Augen zu verlieren, was dazu führte, dass er sich Anfang der 90er-Jahre weiterhin mit aller Kraft ins Rampenlicht drängte—auf Kosten jüngerer und talentierterer Wrestler wie Bret Hart und Shawn Michaels. Dank seines riesigen Backstage-Einfluss ging das solange gut, bis seine unausstehliche Art und der Steroiden-Prozess um McMahon ihn letztlich doch—wenn auch nur vorübergehend—aus der WWF drängten.

Danach ging es für Hogan gen Süden, und zwar zur WCW, wo er einfach nochmal dieselbe Masche abzog: gelb, rot, Vitamine. Kein Wunder also, dass er ausgebuht wurde, erst zögerlich, dann immer lauter. Auf Hogans Lügengerüst hatte einfach keiner mehr Bock. Stattdessen wollten wir lieber die „Pantomime rebellion" von Stone Cold Steve Austin sehen, diesen biertrinkenden Rebellen, der es wagte, sich gegen seinen Boss, den Multimilliardär Vince McMahon, aufzulehnen.

Nicht dass es für Hogan nicht auch einen zweiten oder dritten Akt gegeben hätte. In Teil 2 der Hogan-Selbstinszenierung spielte er den Bösewicht der von ihm gegründeten New World Order (nWo). Die Gruppe kam gut bei den Zuschauern an, obwohl man ergänzen sollte: trotz, und nicht etwa wegen, Hogan. Deutlich sympathischer hingegen war das angenehm-lässige Auftreten der beiden anderen nWo-Mitglieder, Kevin Nash und Scott Hall.

Was er da wohl wieder zum „Besten" gab? Foto: USA TODAY Sports

Eine kurze Rückkehr zu WWE gipfelte in seinen Auftritten als Mr. America, ein mehr schlecht als recht verkleideter Hogan in übertrieben patriotischer Kluft. Wir mussten lachen, genauso wie er, denn diese Form des Patriotismus konnte man einfach nicht ernst nehmen, zumal sie zu einer Unzeit kam. Amerika stand nämlich kurz davor, in den Irak einzumarschieren. In der Zwischenzeit gewann Hogan Kämpfe gegen Wrestler, die gerade mal halb so alt wie er waren und wurde richtig pissig, als er dafür nicht das Geld bekam, das ihm aus seiner Sicht zugestanden hätte—vielleicht wäre eine Gewerkschaft gut gewesen...Am Ende wechselte er zum WWE-Rivalen TNA. Dort angekommen, holte er seine Buddys aus früheren Tagen gleich mal mit ins Boot—sowie auch seine unsagbar untalentierte Tochter—und sorgte dafür, dass man den Kasperverein auch ja jede Woche bewundern konnte. Als Hogan dann 2013 TNA den Rücken kehrte, war das Unternehmen komplett runtergewirtschaftet. Aussicht auf Besserung: äußerst gering.

Darum ist es fast schon folgerichtig, dass Hogans letzter Publicity-Strohhalm mit einem dicken Gerichtsprozess und einem Porno zu tun hat. Wie schon so oft in der Vergangenheit hatte sich Hogan einen talentfreien Trottel—einen Radiomoderator namens Bubba the Love Sponge (sein „Künstlername", versteht sich)—gesucht, der bereit war, Hogans gebrechliches Ego zu streicheln. Nur dass das diesmal ordentlich nach hinten losgegangen ist. Bubba hatte Hogan seine eigene Frau „ausgeliehen" und Bubba hat das Ganze dann gefilmt. Das Video—auf dem man eigentlich nicht wirklich viel Spannendes zu sehen bekommt (nicht dass wir großen Wert auf Close-ups vom „kleinen Hulk" gelegt hätten...)—wurde dann von Gawker geleakt. Und plötzlich war der arme Hulk Hogan, der sich von einem echten Freund schwer hintergangen fühlte, (mal wieder) eine einzige Lachnummer. Da hatte er natürlich keine andere Wahl, als vor Gericht zu ziehen. Und zwar mit Karacho. Seine Klage gegen Gawker wurde seitdem schon gefühlt tausendmal aufgeschoben, wie das bei Prozessen dieser Art nun mal Usus ist.

Dass er Gawker auf nicht weniger als 100 Millionen Dollar Schadensersatz verklagt hat, ist natürlich kein Zufall. Schließlich musste auch hier eine schöne fette und darum medienwirksame Summe her. Doch jetzt mal ehrlich: Wer zum Henker soll Hogan glauben, dass er sich urplötzlich in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt fühlt, nachdem er die letzten Jahrzehnte damit verbracht hat, sich so gut es nur geht bis auf die Knochen zu blamieren. Wie soll man Hogan glauben, dass ihm urplötzlich seine Privatsphäre am Herzen liegt, nachdem er sein gesamtes Leben in einer Reality Show nach der nächsten ausgekotzt hat?

Privatsphäre ist das Letzte, was er will. Denn eine Person des öffentlichen Lebens zu sein, ist das Letzte, was ihm noch bleibt. Hulk Hogan ist wie ein TV-Werbespot für Viagra um 11 Uhr mittags, wenn grad die Lieblingsshow deiner Kinder läuft; der ewig währende Babyboomer, der einfach nicht von der Bühne runter will; ein Relikt einer vergangenen Epoche, deren Strahlenabfälle auch noch unsere Gegenwart verseuchen. Wenn wir ganz viel Glück haben, ist der laufende Schmuddelfilm-Prozess das Letzte, was wir von Hogan hören werden. So viel Glück kann man aber gar nicht haben. Denn wenn uns die letzten Jahre etwas gelehrt haben, dann die Gewissheit, dass nach einer Bullshit-Aktion von Hulk Hogan vor einer Bullshit-Aktion von Hulk Hogan ist.