"Judenfreunde Nürnberg und der S04" – wie im Dortmunder Pokalzug alle weghörten

Im Sonderzug zum Pokalfinale nach Berlin sangen szenebekannte Ultras antisemitische Lieder. Unser Autor berichtet über seine innere Wut und warum die restlichen Fans alle schwiegen.

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23 Mai 2016, 1:10pm

Banner von 0231 Riot; Foto: Imago

Während der Fahrt des Sonderzugs der Dortmunder Fanszene zum DFB-Pokalfinale (nicht der Sonderzug der BVB-Fanabteilung) fielen einige Fans mit antisemitischen und homophoben Parolen auf. Unser Autor schildert die Vorkommnisse und erklärt, warum keiner etwas sagte.

Dortmund, Hauptbahnhof. 9:27 Uhr. Ich steige in den Sonderzug des Fanbündnisses „Südtribüne Dortmund" nach Berlin zum DFB-Pokalfinale. Viele Gesichter erkenne ich von den zahlreichen BVB-Auswärtsfahrten. Man kennt sich. Wir stehen in einem der beiden Samba-Wagen—ein Waggon ohne Sitze, nur mit einer Bar, Party-Licht, DJ und Tanzfläche ausgestattet. In dem schlecht belüfteten Abteil wird gepogt, blank gezogen und gesoffen. Bier wird herumgeschleudert, auch außerhalb der Toiletten wird gepinkelt. 1,50 Euro kostet der halbe Liter Brinkhoff's—natürlich aus der Dose. Der DJ spielt Mitgröhl-Lieder. „Jeder Schalker ist ein Hurensohn", schallt es durch den Wagen, danach wird „Am Tag als der FC Scheisse starb" angestimmt. Der Waggon stimmt mit ein. Alles grenzwertig, aber auswärts ist halt ein bisschen assi. Und solche Schmähgesänge gehören irgendwie auch dazu—so lange es dabei bleibt.

Diesmal sind auch viele Typen der neuen Fangruppe „0231 Riot" anwesend, die seit Anfang der Saison mit einer Zaunfahne samt BVB- und Hooligan-Logo auftreten. Um ein paar Desperados daneben scharen sich auch einige Mitglieder der befreundeten Kölner Ultragruppe Boyz sowie einige stabile Jungens aus Essen, die man keiner Gruppe, aber der gewaltbereiten Szene zuordnen kann. Inmitten der bunt gemischten Gruppe aus Fans fallen sie auf. Alle sind etwas aufgepumpt und szenetypisch gekleidet. Begleitet werden sie von einer grundaggressiven Stimmung. Einige ziehen mehr oder weniger offen Pepp oder Speed. Aber solche Typen sind eben immer dabei und stören eigentlich nicht.

Dann stimmen einige von ihnen antisemitische und auch homophobe Lieder an. „Judenfreunde Nürnberg und der S04", singen sie. Immer wieder werden weitere Gesänge gegen Juden in Verbindung zum FC Schalke gesungen. Die Lieder kenn ich nicht. Etwa 20 bis 30 Leute singen mit, es könnten auch mehr sein. Der Rest des Waggons schweigt.

Ich hätte gern etwas gesagt gegen solche Gesänge. Doch jeder weiß genau, dass man im weniger schlimmen Fall nur angepöbelt—oder eben sofort angegangen wird. Den meisten geht es wie mir. Niemand sagt etwas gegen die Parolen. Die Lieder werden lediglich nicht mitgesungen, man versucht es zu ignorieren. Eine Gegenbewegung gibt es nicht. Obwohl der Sonderzug vom Fanbündnis „Südtribüne Dortmund" organisiert wird—zu dem neben den drei großen Ultragruppierungen „THE UNITY", „Desperados Dortmund" und „Jubos" auch noch andere Fanclubs gehören—sehe ich keine Mitglieder der anderen Ultragruppen. Den meisten einzelnen Fans geht es wie mir, aber niemand hat den Mut, sich gegen die Gruppe aufzulehnen und Prügel zu riskieren.

Mich kotzt so ein antisemitischer Dreck an, ich brodle innerlich. Einige wenige Fans bringen die ganze Dortmunder Fanszene wieder in Verruf. Es war zwar ein abgeschlossener Raum, wo nur Dortmunder unter sich waren, dennoch sollte dies kein Anlass sein, um solche Gesinnungen herauszuposaunen. Die Stadt Dortmund und unser Stadion ist leider mit einigen rechten Fans durchsetzt und das spiegelt sich auch in so einem Sonderzug wider. Alle gesellschaftlichen Schichten und politischen Strömungen sind hier vertreten. Aber was kann man gegen solche Parolen machen?

Der Verein Borussia Dortmund sowie Fanprojekt und Fanbeauftragte unternehmen viel gegen diese rechten Strömungen. Viele Fans scheinen mittlerweile sensibilisiert. Wenn vorher der ganze Samba-Wagen mitsingt und bei antisemitischen Liedern ein Schweigen eintritt, ist das Gespür eines Großteils der Fanszene ja schon richtig. Es ist zumindest ein Anfang. Im Stadion oder im öffentlichen Raum weiß ich aber nicht, ob es eine andere Situation wäre. Bei uns im Block werden jedoch immer wieder Fans, die zum Beispiel den rechten Arm heben, innerhalb der Fanszene gemaßregelt.

Ich halte es jedoch für unwahrscheinlich, dass man die rechten Anhänger von solchen Sonderzug-Fahrten oder der Südtribüne ausschließen kann. Es ist schwierig, weil ein Ausschluss nur funktioniert, wenn sie sich im Stadion etwas zuschulden kommen lassen. Andererseits sind sie auch Teil der Dortmunder Fanszene und die tut sich schwer, dort eine klare Position zu vertreten. Die rechten Mitglieder mancher Gruppen gehören ebenso zum Südtribünen-Bündnis, supporten auch den BVB und singen auch bei normalen Liedern mit. Für viele Fans ist es schwer, den richtigen Weg zu finden und klare Entscheidungen zu treffen. Da ist der Tenor: Sofern jemand seine Gesinnung nicht im Stadion oder Sonderzug teilt, kann er ja auch Fan von Borussia Dortmund sein.

Die Fanbeauftragten des BVB waren nicht im Zug, doch sie wissen, welche Gruppen und Typen sie beobachten. Auch die Polizei konzentrierte sich noch am Berliner Bahnhof Zoo auf die Gruppierung „0231 Riot" und „verfolgte" sie außerhalb des Zuges, während die Mitglieder durch die Abteile liefen. Dass einige an den Fenstern ganz offen Pepp durch die Nase zogen, schien die Polizei erst mal wenig zu interessieren—da die wohl froh waren, wenn die Bahn wieder nach Dortmund fährt.

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Ich war dieses Jahr sowohl schon mit dem Sonderzug der Fanabteilung als auch dem Sonderzug der „Südtribüne Dortmund" unterwegs und hatte nie Ärger. Nun holt auch mich wieder mal der rechte Teil der Dortmunder Fanszene ein. Da stören dreieinhalb Stunden Verspätung, eine Ankunft um 08.30 Uhr und 17 (!) Notbremsungen auf der Rückfahrt wesentlich weniger. Auch wenn fast jeder im Zug weiß, wer das war...

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Der Text wurde protokolliert von Benedikt Niessen. Die Person hinter den Erzählungen möchte anonym bleiben.