Alle Fotos: We Love MMA

Ein menschlicher Kopf ist kein Fußball—Die „We love MMA“ in Berlin

Der Deutsche Olympische Sportbund und die Sportministerkonferenz bescheinigten MMA eine "Pervertierung sportimmanenter Werte". Doch MMA hat sich gewandelt. Wir haben uns den Vollkontaktsport, der scheinbar keine Regeln hat, genauer angeschaut.

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Juli 15 2015, 10:15am

Alle Fotos: We Love MMA

Mixed-Martial-Arts-Veranstaltungen sind keineswegs unumstritten, manche sehen in ihnen brutale Gewaltexzesse, die eigentlich verboten sein sollten. Doch sie ziehen auch ein immer breiteres Publikum an. Die Organisation „We Love MMA" stellt jedes Jahr in mehreren deutschen Städten Veranstaltungen auf die Beine und hat sich hierzulande längst neben der weltweit führenden UFC etabliert. Das jährliche Berliner WLMMA-Event fand am 4. Juli 2015 bereits zum 15. Mal statt. Ich wollte wissen, was dran ist am Kampf im Käfig und habe es mir genauer angesehen.

Trotz brütender Hitze von über 30 Grad ist kaum ein Sitzplatz im Tempodrom freigeblieben, dem Veranstalter zufolge sind 2.200 Besucher gekommen. Die eigenwillige Architektur des Tempodroms, das einem Zirkuszelt nachempfunden ist, kommt dem Anlass sehr entgegen. Die ansteigenden Sitzreihen umringen das effektvoll beleuchtete Oktagon im Halbkreis wie bei einer antiken Arena.

Das Knochenbrecher-Image haftet der Wettkampfsportart seit den 1990er Jahren an, als das Vale Tudo in den USA einen Boom erlebte. Dieser Vorläufer der modernen MMA hatte seinen Ursprung in der brasilianischen Subkultur der Hinterhof-Kämpfe und erlaubte tatsächlich so manches, was heute ganz klar verboten ist. Bei „We Love MMA" wird nach den Unified Regeln des MMA gekämpft. Ein Sieg kann zum Beispiel durch KO oder Punktsieg, aber auch durch Submission, also das Abklopfen des Gegners erzielt werden. Über die Einhaltung der Regeln wacht das Kampfgericht des Fachverbandes GAMMA. Alle Duelle gehen über zwei Runden á fünf Minuten. Das klingt sehr systematisch und durchorganisiert—und das ist es auch.

Im ersten Kampf des Abends gelingen Kevin Walsh vom Spitfire Gym Berlin einige harte Treffer gegen Stanislaw Lotis, er triumphiert noch in der ersten Runde mit einem souveränen KO-Schlag. Lotis wird von den Cutmen, den medizinischen Betreuern am Ring, wieder flott gemacht, steht aus eigener Kraft auf und erhält dafür einen respektvollen Applaus des Publikums. Im Anschluss zwingt Faruk Kaya vom Key Gym Bremen seinen Gegner Kenny Mingau durch Armbar am Boden zur Aufgabe.

Das größtenteils männliche Publikum trägt sportliche Kleidung. Kurzhaarfrisuren und Tattoos sind keine Seltenheit. Manche Zuschauer feuern enthusiastisch einen bestimmten Kämpfer an und ignorieren die anderen weitgehend, weil sie offenbar selbst Mitglieder oder Freunde eines der teilnehmenden Gyms sind. Die Stimmung im Block ist nicht ohne Spannung. Entgegen einem landläufigen Vorurteil sind aber weder offen auftretende Rocker-Formationen noch aufgeputschte Hooligan-Gruppen auszumachen.

„Los Matze!", brüllt jemand hinter mir zu Beginn des dritten Kampfes, doch die Zurufe nützen nichts. Auch Federgewicht Matthias Friedrich muss bereits in der ersten Runde abklopfen, aus der Armbar von Davit Karapetian kann er sich nicht befreien. Armin Kuliev siegt daraufhin nach weniger als zwei Minuten gegen Daniel Makin. Die Entscheidung fällt wieder am Boden. Kuliev wendet die Strategie „ground and pound" an: dominant auf seinem Gegner sitzend überzieht er ihn mit einer Salve von Schlägen. Der Referee schreitet ein: technisches KO.

Angeblich ist es mittlerweile 55 Grad heiß in der Halle, das behauptet zumindest der Ringsprecher. Dessen inhaltsbefreites Geschwätz ist kaum leichter zu ertragen als die Temperatur.

Ebraim Hosseinpour (Spitfire Berlin) trifft auf Rainer Benjatschek von Planet Eater Bisingen, der Kampfschule des UFC-Veteranen Peter Sobotta, der auch selbst am Ring zu sehen ist. Im Grappling zeigt sich Benjatschek technisch überlegen, Hosseinpour hingegen setzt auf harte Schläge und Kicks. In der zweiten Runde gelingt es dem Berliner plötzlich, sich aus der Umklammerung zu lösen. Über seinem liegenden Gegner stehend gibt er ihm Tritte und erwischt dabei den Kopf. Abbruch. Dieser klare Regelverstoß führt zur sofortigen Disqualifikation und zum Sieg Benjatscheks.

In der Pause schnappe ich draußen ein wenig Luft. Im kleinen Park am Gebäude ziehen ein paar Jungs einen Joint durch und beschweren sich über die ihrer Meinung nach zu hohen Bierpreise im Tempodrom. Außerdem solle doch endlich jemand den nervtötenden Ringsprecher umhauen. Wann denn überhaupt der angekündigte Frauenkampf käme, fragt einer. „Frauen zerstören sich auch richtig!", meint ein anderer anerkennend.

Den siebten Kampf gewinnt Mehmet Yüksel aus Hamburg gegen „Seine Geschmeidigkeit" Sven Groten durch Rear Naked Choke, eine aus dem Rücken des Gegners ausgeführte Würgetechnik mit Ursprung in den japanischen Kampfkünsten. Nach seinem Sieg nimmt Yüksel das Mikrofon zur Hand und erklärt ein wenig überraschend, dass er sich mit seinem Sport für Tierrechte einsetzt, vor allem für Gorillas: „Wir gehen in den Käfig, um die Affen aus dem Käfig herauszuholen."

Die Komplexität des MMA zeigt sich deutlich, als Andreas Gözutök aus Berlin und der Dresdner Jonny Kruschinske aufeinandertreffen. „Gib ihm ein Ding, Andi! Ein richtiges Koma-Ding!", brüllt jemand hinter mir, der die Situation durchschaut hat: Gözutöks Stärke liegt ganz klar im Boxen, er muss im Stand bleiben. Ein Superman-Punch verfehlt sein Ziel, Kruschinske weicht den Schlägen immer wieder aus und versucht beharrlich, Gözutök ins Grappling und dann zu Boden zu bringen. In der zweiten Runde gelingt es. Sieg durch einen vernichtenden Guillotine Choke—ein Koala-Bär hätte es nicht besser gekonnt.

Auch Mert Oezyildirim und Guiseppe Correra schenken sich nichts. Der abwechslungsreiche Leichtgewicht-Kampf mit vielen schönen Knie-, Tritt- und Bodenkampftechniken endet mit einem Sieg nach Punkten für Oezyildirim. Daraufhin bezwingt Stephan Janßen seinen Gegner Johannes Michalik aus Bremen mit einem Triangle Choke. Auch diese Technik, bei der der Hals des Gegners mit den Beinen gewürgt wird, hat ihren Weg von Japan aus auf dem Umweg über das Brazilian Jiu-Jitsu in die MMA gefunden.

Dustin Stoltsfuß und Arda Adas werden während des Bodenkampfes vom Ringrichter wegen gesundheitlicher Bedenken gestoppt. Nachdem jedoch die Mediziner ihr Okay gegeben haben, geht es weiter. Um keine Nachteile entstehen zu lassen, müssen beide Kämpfer wieder die Position einnehmen, in der sie sich zum Zeitpunkt der Unterbrechung befanden. Also verknoten sie ihre Körper wieder miteinander und nehmen auf das Signal des Referees den Kampf erneut auf. In der zweiten Runde jedoch verliert Adas offenbar die Kontrolle über sich. Er tritt dem am Boden liegenden Benjatschek mehrmals gegen den Kopf als wäre der ein Fußball. Der Referee wirft sich sofort dazwischen und beendet die unschöne Szene. Disqualifikation und Sieg für Stoltsfuß. Seiner Facebook-Seite zufolge ist der 23-jährige Kämpfer vom Frankers-Fight-Team aber wohlauf und munter.

Im finalen Kampf treten die einzigen weiblichen Kontrahentinnen des Abends gegeneinander an: Camilla Hinze aus Dänemark gegen Katharina Lehner aus Köln. Die Frauen schenken sich nichts, außer harten Kicks und Schlägen. Obwohl beide auch als geschickte Bodenkämpferinnen bekannt sind, duellieren sie sich ausschließlich im Stand. Die Punktrichter werten letztlich 3:0 für Lehner. Erst später erfahre ich, dass Hinze sich bereits in der ersten Kampfminute die Hand gebrochen und daher verständliche Koordinationsschwierigkeiten hatte.

Einige Tage nach dem Event besuche ich den Matchmaker von „We Love MMA" in seiner Sportschule IMAG im Wedding. Frank Burczynski kam vom klassischen Ringen über Kali und Jeet Kune Do zum Brazilian Jiu-Jitsu und den MMA. Mit dem Kampfkunstboard betreibt er außerdem eine der größten Online-Communities für Kampfsport im deutschsprachigen Raum.

Der MMA-Sport sei heute wesentlich vielseitiger als in den 1990er Jahren, sagt Frank. Damals traten vorrangig Kämpfer unterschiedlicher Schulen gegeneinander an, um herauszufinden, welcher Stil „der bessere" sei. Heute stehen Taktik und Strategie im Vordergrund, die Kämpfer können aus einer großen Bandbreite von Techniken einen individuellen Stil entwickeln, der ihren persönlichen Fähigkeiten entspricht. Ein guter Amateur-Fighter trainiert in der Regel täglich, nicht selten mehrmals, einschließlich Konditions- und Krafttraining.

Dass im Tempodrom mehrmals Stand-Up-Experten auf Bodenkämpfer trafen, war durchaus die Absicht des Matchmakers. Diese Konstellationen stellen für beide eine große Herausforderung dar, da dem Gegner jeweils das eigene Spiel aufgezwungen werden muss. Die Techniken vieler Stilrichtungen ähneln sich letztlich, meint Burczynski. Unterschiede bestehen vor allem in der Methode, die angewandt wird, um Lücken in der Abwehr des Gegners zu finden und mit dem richtigen Timing die passende Technik anzubringen.

2010 setzte die Bayrische Landeszentrale für neue Medien durch, dass MMA-Kämpfe nicht mehr im deutschen Fernsehen ausgestrahlt werden. Der Deutsche Olympische Sportbund und die Sportministerkonferenz äußerten im Zuge der damaligen Debatte die Einschätzung, der Vollkontaktwettkampf berge ein „erhebliches gesellschaftliches Konfliktpotenzial" und dürfe wegen der „Pervertierung der sportimmanenten Werte" nicht als Sportart eingestuft werden. Seither ist die Sache vor Gericht, die Entscheidung des Bayerischen Verwaltungsgerichts steht noch aus.

Die Mixed Martial Arts sind zwar ein harter Vollkontaktsport, haben sich aber stark weiterentwickelt seit den wüsten Vale-Tudo-Experimenten der Frühphase - wohl nicht zuletzt aufgrund des gesellschaftlichen Drucks. Es liegt heute im kommerziellen Interesse der Veranstalter, Regelwerk und Organisation eher an etablierten Wettkampfsportarten zu orientieren als allein auf ein Harte-Kerle-kennen-keine-Regeln-Image zu bauen. Die MMA professionalisieren sich und drängen langsam aber sicher in Richtung Mainstream. Ob sie dort ankommen oder nicht, ist zwar unklar, wird aber vermutlich nicht von konservativen Sportfunktionären entschieden werden.