Was, wenn dieses Mal wirklich Liebe draus wird?

Wieder Stunde 0, wieder soll auf Schalke alles besser werden, wieder sind alle verliebt in dieses Schalke. Doch sollten Heidel und Weinzierl wirklich Erfolg haben, ist der Hype dann vorbei?

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25 Mai 2016, 10:45am

Foto: Imago

Outet man sich als Schalke-Fan, folgen zwei mögliche Reaktionen: entweder man hat einen neuen Freund gewonnen oder einen neuen Feind. Dazwischen gibt es nichts. Schalke 04 ist von der Mitgliederzahl der viertgrößte Sportverein der Welt, hatte schon massenweise Anhänger in ganz Deutschland lange bevor irgendwelche Zugezogenen in Berlin 2011 zufällig anfingen den BVB abzukulten. Aber für ebenso viele fußballaffine Menschen liegt es außerhalb ihrer Normvorstellungen, dass jemand Schalke-Fan ist. Irrational, unruhig, chaotisch—wer die Königsblauen hassen will, findet immer irgendwas. In der vergangenen Saison sorgte vor allem der fragwürdige Umgang mit Ex-Trainer André Breitenreiter, den jetzt Markus Weinzierl nach nur einem Jahr ablöst, für ständigen Diskussionsbedarf. Doch gerade das erklärt den Mythos Schalke.

Beim Fußball geht es eben nicht nur um Erfolge oder Taktikanalysen. Wen interessiert schon der Kindergeburtstag der Bayern auf dem Marienplatz oder Sportkneipen-Smalltalk darüber, ob sie mit Robben auf rechts ins Champions-League-Finale eingezogen wären. In der Fußballkultur dreht sich vieles einfach um Drama und Unterhaltung. Und dafür ist Schalke geeignet wie kein zweiter Club. Im Positiven und Negativen. Wem sonst hat der WDR bereits eine lange TV-Nacht mit einem „Best of Jahreshauptversammlungen" gewidmet? Schalke ist wahlweise Stoff für Filme, Serien oder Sketche. Eine Marke, die sich kein überdrehter Werber auf Koks besser hätte ausdenken können.

Ob sich André Breitenreiter über das volle Ausmaß dieses surrealen Umfelds bewusst war, als er im Sommer 2015 den Job annahm, weiß niemand. Auf jeden Fall tat er es als zwölfter Cheftrainer in dreizehn Jahren, Weinzierl ist Nummer dreizehn in vierzehn. Allein das beweist schon die ganze Faszination, die der Verein ausstrahlt. Auf Schalke herrscht immer Stunde Null. Dank ständiger Trainerwechsel erlebt man als Fan jährlich, manchmal sogar halbjährlich, das Kribbeln einer neuen Verliebtheit und nicht die Routine nach der Silberhochzeit. Begleitet werden alle Neustarts stets von hohen Erwartungen. Platz eins bis drei muss es mit dem meist zweitteuersten Kader der Liga schon werden. Dumm nur, wenn ein Fußballlehrer mit einer eher langfristigen Idee kommt, der zunächst eine Umbruchphase plant.

Auf Schalke gibt es eben nur direkt hop oder top. Als es Breitenreiter zu Beginn der letzten Saison gelang, eine Siegesserie hinzulegen, träumte die Nordkurve schon wieder vom Titel. Spätestens nach der Winterpause folgte die Ernüchterung. Breitenreiter bekam den Spitznamen „Pleitenreiter" und in Gelsenkirchen brach erneut der archaische Zustand jeder gegen jeden aus. Dieses ständige Auf und Ab, diese Emotionen der Extreme sind einmalig. Schalke ist so schön undeutsch. In der Bundesliga ist der Chaos-Club ein bisschen wie der Druffi, der den Abiball crasht, M.O.P. auflegt und Stimmung in den Puff bringt. Schalke bringt Bild Auflage und dem Doppelpass Einschaltquoten.

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So auch seit Anfang des Jahres, als die Namen Heidel und Weinzierl auftauchten. Die Unruhe ist das größte Schalker Manko, wenngleich sie für Leidenschaft sorgt. Wenn aber nicht ständig alles und jeder hinterfragt werden würde, bräuchte man vielleicht gar nicht so viel Geduld und könnte sogar kurzfristig Erfolge erzielen. Mit wenigstens etwas Ruhe hätte auch ein André Breitenreiter die Mannschaft in der zweiten Saisonhälfte noch in die Champions-League führen können. Immerhin wurde er am Ende mit Jubelchören von den kritischen Fans verabschiedet, als ob er Jahrzehnte auf Schalke gedient hätte. Sogar der kühle Horst Heldt, den viele in seinen sechs Jahren Amtszeit oft mit Mistgabeln aus dem Dorf treiben wollten, heulte plötzlich wie ein Schlosshund. Das macht nur Schalke aus Menschen.

Das macht nur Schalke mit Menschen; Foto: Imago

Breitenreiters „Scheitern" war somit auch nicht sein eigenes. Es war erneut Schalkes Scheitern, das, zumindest auf die Meisterschaft bezogen, seit mittlerweile 58 Jahren tief im Verein verwurzelt ist. Der einstige Rekordmeister jagt den Drachen und das ist das Großartigste am Schalke-Fantum. Aufgrund der Tradition, der vergangenen Erfolge und des regelmäßigen Mitspielens an der Spitze—wer kann es den Schalkern da übel nehmen, dass sie ständig den ganz großen Wurf erwarten? Gleichzeitig ist es das Scheitern, das alles so spannend macht. Es trägt die immerwährende Hoffnung, dass es diesmal klappt, das Brüchige, dass ständig alles wieder in sich zusammenfallen kann, mit sich. Nicht auszudenken, was wäre, wenn die Schale eines Tages tatsächlich da ist. Der Hype wäre direkt vorbei. Wünschenswert, aber eigentlich schrecklich.

Jetzt macht sich also Markus Weinzierl an diese Mission. Und da ist es wieder, das Kribbeln. Wie zwölfjährige Mädchen vor der Autogrammstunde des Youtube-Stars erwarten alle Schalker sein Konzept. Egal was es sein wird, Hauptsache es beinhaltet, dass er es irgendwie schafft, in Ruhe ein bisschen länger arbeiten zu dürfen. Aufsichtsratsvorsitzender Clemens Tönnies hat angekündigt, sich in Zukunft zurückzuhalten, was aber wohl so viel Wert ist, wie das Versprechen eines Enkeltrickbetrügers. Nur zwei oder drei Jahre Arbeit, auch mal ohne Europa, geschweige denn Titel, wären auf Schalke schon viel Wert. Klopp landete in seiner ersten Saison in Dortmund auf Platz sechs und qualifizierte sich nicht fürs internationale Geschäft. Er durfte dennoch weitermachen, der Rest ist bekannt.

Nur ist Schalke nicht Dortmund, auch wenn die Rivalen sehr ähnlich wirken. Der proletarisch gegründete S04, vom westfälischen Kleinbürgertum und polnisch-masurischen Einwanderern geprägt, war schon immer wilder als der BVB mit seinem katholischen Background. Auf Schalke brach das Chaos früh aus. 1930 zum Beispiel: Finanzskandal, den Spielern, die damals nur als Amateure gelten durften, wurde wohl zu viel bezahlt, Finanzobmann Willi Nier ertrank sich tief gekränkt im Kanal. 6000 Menschen kamen zur Beerdigung. Eines Vereinskassierers. Schalke, das war und ist ein Schmelztiegel unterschiedlichster Menschen. Der Düsseldorfer Yuppie sitzt neben dem alten Gastarbeiter aus Bottrop. In ihrer Leidenschaft für den Verein sind alle so schön undeutsch, doch die logische Konsequenz daraus ist das Chaos.

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Weinzierl scheint zu wissen, worauf er sich einlässt. Er spricht bereits selbst vom möglichen Scheitern. Das Interessante am Job auf Schalke ist für einen Trainer, dass der Misserfolg hier keinen dunklen Fleck im Lebenslauf hinterlässt. Da haben schon ganz andere versagt. Ein möglicher Erfolg aber führt direkt ins Reich der Legenden. Vom Typ her ist Weinzierl vielleicht der geeignete Mann, ebenso wie Heidel als Manager. Beide sind offen und direkt, streng und lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie könnten als Gegenpole auf ihr Umfeld einwirken. Breitenreiter war da etwas zu lieb und kumpelig, Heldt zeigte hin und wieder Nerven. Christian Heidel ist dazu ein Mann, der weiß, wie man etwas aufbaut. Er hat das kleine Mainz nach Europa gebracht, bewies Gespür für passende Trainer und geschickte Transfers. Von ihm erwartet man nicht weniger, als das er jetzt auch das große Schalke wieder groß macht. Trump lässt grüßen.

Schalke selbst wird den Kern seines Wesens nicht ändern. Die Frage ist, ob Weinzierl und Heidel sich damit arrangieren können. Wenn Schalke auch dieses Duo fertigmacht, dann ist das halt so. Dann funktioniert es halt wieder nicht, das Chaos übernimmt, Fußballdeutschland bekommt wieder Entertainment. Und auf Schalke wartet man auf das nächste Kribbeln.