Illustration: Simon Prades

Die Jäger illegaler Streams

Im Kampf gegen illegale Streams setzt Pay-TV-Sender Sky Studenten ein, die früher selber gestreamt haben. Ein Gespräch über das zögerliche BKA und die Genugtuung, einen Stream abzuschalten.

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Mai 3 2016, 10:20am

Illustration: Simon Prades

Der Bezahlsender Sky zahlt pro Saison hunderte Millionen Euro für die Übertragungsrechte von Bundesliga und Champions-League. Illegale Streamingseiten sind dem Sender ein Dorn im Auge. Wir haben bei Sascha Tietz und Thomas Stahn von Sky nachgefragt, was man dagegen unternimmt, um illegale Streams aus dem Netz zu verbannen. Sascha Tietz, „Director Anti-Piracy & Content Security", ist mit seinem Team für die technische und operative Bekämpfung von illegalen Streamingseiten im Bereich Sport und Film zuständig. Thomas Stahn ist Jurist und „Head of Anti-Piracy / Legal Affairs", er kümmert sich dabei um alle rechtlichen Aspekte.

VICE Sports: Für die aktuelle Bundesligarechte-Periode (2013/14 bis 2016/17) zahlt Sky pro Saison im Schnitt 486 Millionen Euro. Wie viel finanziellen Schaden verursachen illegale Streamingdienste?
Sascha Tietz: Es ist extrem schwer zu sagen, wie hoch der Schaden ist und wie viel Prozent des Schadens, den die Anbieter werbefinanzierter, illegaler Streaming-Plattformen verursachen, auf Sky Deutschland entfallen. Es ist ja nicht nur das Sendesignal von Sky betroffen. Sie finden auf illegalen Plattformen ein buntes Sammelsurium: Signale, die von uns kommen, Signale von niederländischen Sendern, Eurosport ist betroffen und so weiter und so weiter. Das geht bis in die Vereinigten Arabischen Emirate, wo Streams gestohlen und irgendwo anders wieder angeboten werden.

Hier findet ihr alle Artikel zu unserer Themen-Woche: „Die Abräumer—die Schattenwelt der illegalen Sportstreams"

Das heißt, Sie können gar keine ungefähre Größenordnung angeben, wie viel Schaden Sky zum Beispiel an einem Bundesligaspieltag nimmt?
Tietz:
Das kann man beim besten Willen nicht valide sagen. Einfacher ist es abzuschätzen, wenn es um illegales Pay-TV geht und die Nutzer die Streams gegen Gebühr schauen, also unser Geschäftsmodell direkt kopiert wird. Wir kennen die Einnahmen von zwei Pay-Plattformen, die wir in der Vergangenheit hochnehmen konnten. Die Frage ist dann aber wieder, ob jeder, der einen illegalen Stream guckt, auch ein Abo bei uns abschließen würde. Diese Rechnung, diese Analogie ist generell schwierig.

Wie viel Geld nimmt denn so eine illegale Pay-TV-Streaming-Plattform ein?
Thomas Stahn:
Im Jahr 2013 konnte die Polizei eine Plattform namens teamstream.to hochnehmen. Die Plattform hatte über 22.000 registrierte Nutzer. Das war ein klassisches Pay-Modell, also nicht werbefinanziert: Die Leute mussten eine Abonnement-Gebühr bezahlen. Innerhalb von zwei Jahren hat teamstream.to geschätzt eine knappe halbe Million eingespielt. Für die Anbieter war das durchaus lukrativ, das war ein kleines Team, das im Wesentlichen nur aus drei Leuten bestand.

Was mussten die Nutzer dort monatlich für ein illegales Sky-Abo zahlen?
Stahn:
Um die zehn Euro. Die Preise variierten, je nachdem, welches Paket man abonniert hatte.

Wir hatten testweise mal eine Kundenserviceanfrage bei einem illegalen Anbieter laufen und die Antwort lautete nur: „Fuck you und laber keinen Shit"

Sky zum Spottpreis...
Tietz:
Ja, die illegalen Anbieter sparen sich den Rechteeinkauf, Produktionskosten, Kundenservice et cetera. Wir hatten testweise mal eine Kundenserviceanfrage bei einem illegalen Anbieter laufen und die Antwort lautete nur: „Fuck you und laber keinen Shit". Wir bei Sky erheben schon den Anspruch, unseren Kunden gehaltvoller zu helfen als mit so einer Antwort...

Auf welchem Kriminalitätslevel bewegen sich die Anbieter einer illegalen Pay-Plattform?
Stahn:
Die machen Brutto gleich Netto. Und deren Hauptproblem ist dann irgendwann die Geldwäsche. Da geht es dann nicht mehr nur um die Urheberrechtsverletzungen, sondern neben der nicht autorisierten Verbreitung unseres Rundfunksignals auch um Steuerhinterziehung. Diese Leute sind sich in der Regel gar nicht bewusst, in was für eine Spirale sie da geraten und was sie sich und ihren Familien antun, wenn man ihnen auf die Schliche kommt.

Geht es Ihnen beim Vorgehen gegen illegale Streams nicht nur ums Geld, sondern auch ums Prinzip – also um Gerechtigkeit und die Wahrung von Exklusivität?
Stahn:
Erstens natürlich Gerechtigkeit. Ich habe ein großes Problem damit, beklaut zu werden. Dagegen möchte ich mich wehren. Aber es geht auch darum, unser Geschäftsmodell zu schützen. Wir verfügen über das wertvollste und exklusivste Portfolio an Inhalten in den Bereichen Live-Sport, Film und Serien in Deutschland und Österreich. Unsere Aufwendungen für Programmrechte sind immens. Sie werden von unseren ehrlichen Kunden refinanziert, die für unser Angebot einen angemessenen Preis zahlen. Wir werden es nicht hinnehmen, dass sich Kriminelle auf unsere und die Kosten unserer Kunden bereichern.

Tietz: Wir wollen wie jeder andere auch, dass die Arbeit, die hier geleistet wird, anerkannt wird. Wenn man daran denkt, was die Kollegen, die unsere Sendungen Woche für Woche produzieren, da an Herzblut reinstecken, sind solche parasitären Geschäftsmodelle schwer zu ertragen. Die Anbieter illegaler Streams bereiten ja redaktionell auch nichts auf. Die nehmen unseren Content und verbreiten den. Das ist ein Schlag ins Gesicht eines jeden Kollegen – vom Kabelträger bis zum Regisseur.

Herr Tietz, Sie fahnden an Bundesliga- und Champions-League-Spieltagen mit ihrem Team im Internet nach illegalen Sky-Fußballübertragungen, um sie dann vom Netz zu nehmen. Wie funktioniert das?
Tietz:
Der eine Teil des Teams sitzt in Live-Schichten und spürt illegale Sky-Übertragungen auf. Die Kollegen, die dort arbeiten, verhalten sich im Prinzip wie Nutzer und googlen nach Streams. Wenn jemand dann eine Plattform identifiziert hat, versucht er sie zu kontaktieren und auf die Urheberrechtsverletzung aufmerksam zu machen. Dieser Teil des Teams arbeitet eng mit der Technik- und der Rechtsabteilung zusammen, die die Ergebnisse dann aufbereiten. Wenn wir uns die illegalen Plattformen später genauer angucken und Beweise sichern wollen, muss alles hieb- und stichfest, sauber recherchiert und strukturiert sein.

In der Technikabteilung arbeiten Informatiker, in der Rechtsabteilung Juristen – wer erledigt das schnelle Geschäft, also das Aufspüren der illegalen Streams?
Tietz:
Da arbeiten wir sehr gerne und erfolgreich mit Studenten aus den Fachbereichen Sport, Medien und Informatik zusammen. Ich will nicht sagen, dass es ein Einstellungskriterium ist, aber: Wenn jemand schon mal einen illegalen Stream geschaut hat, wissen wir, dass derjenige in der Lage ist, einen Stream zu finden.

Wir sind teilweise aber auch in der Lage, Streams aus der Ferne binnen einer Minute abzuschalten. Für mich ist das fast eine Art „E-Sport": Es ist unwahrscheinlich cool, wenn der Schütze beim Elfmeter anläuft, und dann ist der Stream plötzlich weg.

Das Finden eines Streams ist die eine Sache – aber ist das Kontaktieren eines Seitenbetreibers illegaler Sky-Angebote nicht unheimlich schwierig?
Tietz:
Viele technische Provider sind erstaunlich kooperativ, reagieren auf unsere Anrufe oder Mails und nehmen den Stream danach herunter. Wir sind teilweise aber auch in der Lage, Streams aus der Ferne binnen einer Minute abzuschalten. Für mich ist das fast eine Art „E-Sport": Es ist unwahrscheinlich cool, wenn der Schütze beim Elfmeter anläuft, und dann ist der Stream plötzlich weg – in solchen Momenten wird sich der ein oder andere sicher fragen, ob er bei uns nicht besser aufgehoben wäre.

Und wenn beides nicht funktioniert, weder Kontaktieren noch Abschalten?
Tietz:
Nun, die Server stehen nicht unbedingt immer auf den Cayman Islands oder in Panama, wie man oft annimmt. Die Streams kommen aus den Niederlanden, der Schweiz, Frankreich oder Rumänien. Denn die Anbieter illegaler Streams haben auch einen gewissen Anspruch gegenüber ihren Nutzern: Die wollen ja nicht, dass die fünf Minuten später jubeln, als die, die es legal im Fernsehen schauen. Die Anbieter sind also dazu genötigt, ihre Server möglichst im europäischen Raum aufzustellen, damit die Verzögerung nicht so groß ist. Wer nicht reagiert und kooperiert, gerät so über kurz oder lang in unseren Fokus und wird gegebenenfalls juristisch verfolgt.

Gibt es auch technische Schutzmaßnahmen, die die illegale Verbreitung eines Sendesignals im Vorfeld verhindern können? Oder können Sie die illegal verbreiteten Signale sogar stören?
Tietz:
Ein Stören dieser Sendesignale ist schwierig. Das Signal kommt per Satellit oder aus dem Kabelnetz und jeder, der dazu berechtigt ist, kann das Signal auffangen. Ob derjenige es dann illegal weiterverbreitet, das liegt nicht mehr in unserem Einflussbereich, da können wir nichts stören. Derjenige würde das Signal geschützt auf einen Streaming-Server hochladen und von dort verbreiten. Wir können in diesen Teil der Signalkette nicht eingreifen.

Was können Sie in Zukunft gegen illegale Streams tun?
Tietz:
Wir arbeiten daran, jedes einzelne von uns gesendete Signal identifizieren und zurückverfolgen zu können. Selbst, wenn das Signal mehrfach transkodiert würde, könnten wir den illegalen Stream aufspüren und immer herausfinden, wer unser Sendesignal ursprünglich weiterverbreitet hat. Das sind Perspektiven, die uns froh stimmen, dass wir das Thema mittelfristig stärker in den Griff kriegen.

Wir stellen Vorermittlungen an und übergeben den Ermittlungsbehörden dann unsere Rechercheergebnisse. Bei einer gewissen Tragweite interessiert sich dann auch das BKA dafür.

Sie sprachen eben bereits den Fall von teamstream.to aus dem Jahr 2013 an. Welche großen Erfolge konnten Sie sonst noch bei der Jagd nach illegalen Streams feiern?
Stahn:
Die Beschlagnahmung der Plattform istreams.to durch das Bundeskriminalamt Anfang dieses Jahres fällt definitiv in diese Kategorie. Da ging es wie bei teamstream.to um ein Pay-Modell. Das war für uns ein großer Erfolg, da wir das Thema auch beim BKA platzieren konnten und das Phänomen „Illegales Streaming" nicht mehr nur als Urheberrechtsverletzung, sondern auch als Teil von Cybercrime wahrgenommen wird—illegale Übertragungen werden mehr und mehr Teil der organisierten Kriminalität. Eine klassische Urheberrechtsverletzung landet ja normalerweise nicht beim BKA. Wir stellen Vorermittlungen an und übergeben den Ermittlungsbehörden dann unsere Rechercheergebnisse. Bei einer gewissen Tragweite interessiert sich dann auch das BKA dafür.

Was ist mit der Seite istreams.to und dem Betreiber passiert?
Stahn:
Die Plattform ist inzwischen nicht mehr erreichbar, der Betreiber wurde vorläufig festgenommen. Nach der Razzia prangte wochenlang ein Banner auf der Seite: „Beschlagnahmt vom BKA". Das ist für uns ein schöner Effekt, weil es den Nutzern auch zeigt, dass es sich beim illegalen Abrufen unserer Inhalte nicht um ein Kavaliersdelikt handelt. Das Geld, das die Leute auf illegalen Pay-Plattformen zahlen, fließt beispielsweise in Drogengeschäfte oder gefälschte Ausweispapiere. Das ist den Nutzern bisher gar nicht so bewusst, dass sie damit hochgradig kriminelle Geschäftsmodelle unterstützen und sich selbst auch noch schädigen.

Inwiefern?
Tietz:
Wir müssen jeden Tag, bevor wir anfangen nach Streams zu suchen, unsere Rechner säubern. Es ist unglaublich, wie viel Schadsoftware man sich alleine an einem Bundesliga- oder Champions-League-Spieltag einfängt. Und es ist durchaus wahrscheinlich, dass jemand, der sich regelmäßig illegale Streams anschaut, Teil mindestens eines kriminellen Bot-Netzes ist, über das wiederum Spam und Malware verbreitet wird – das ist den Wenigsten bewusst, denke ich.

Sie sind jetzt seit vielen Jahren auf der Jagd nach Streams. Wie hat sich die Szene verändert?
Tietz:
Es ist eine starke Konsolidierung in der Szene der illegalen Streams zu erkennen: Die Anzahl der werbefinanzierten Streaming-Plattformen ist ungefähr gleich geblieben. Aber sie gehören immer weniger Leuten. Wenn meine Kollegen einen Stream „abschießen", dann verschwindet der aus sieben oder acht anderen Plattformen. Das sind große Netzwerke und deren Betreiber sind mit allen Wassern gewaschen, extrem professionell. Die schrecken nicht davor zurück, ihre Konkurrenten vom Markt zu drängen – auch mit nicht so netten Mitteln.

Von welchen Mitteln sprechen wir da?
Tietz:
Das einfachste Mittel wäre ein DDoS-Angriff (Distributed Denial of Service, Anm. d. Verf.), damit kann man andere Plattformen lahmlegen, so dass sie nicht mehr verfügbar sind. Und ich habe gerüchteweise gehört, dass unter Konkurrenten auch schon mal Radmuttern gelöst worden sind. Das ist ein richtiges Business. Diesen Leuten geht es nicht darum, der Robin Hood für Sportübertragungen zu sein – sondern einzig und allein um ihren persönlichen Profit.

Sascha Tietz, Thomas Stahn, ich danke Ihnen für das interessante Gespräch!

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