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Was wir aus Sinan Kurts Penisbildern lernen können

Sinan Kurt soll Dick Pics an Minderjährige geschickt haben. Die Empörungswelle ist ausgeblieben. Liegt es daran, dass einige ein schlechtes Gewissen bekommen dürften?

Paul Wilmot

Foto: Imago; Illustration: Jutta Babak

„Sinan Kurt ist ein Mann geworden", lobte ihn sein Trainer Pal Dardai noch vor einem Monat. Jetzt hat sein Schützling einem minderjährigem Mädchen Fotos von seinem erigierten Glied geschickt. Das Ergebnis: 25 Tagessätze à 800 Euro, macht in der Summe 20.000 Euro Strafe. Man wolle „unverzüglich Rechtsmittel einlegen", so Kurts Berater Michael Decker, weil „der Strafbefehl erlassen wurde, ohne dass Sinan Kurt sich zu dem Vorwurf geäußert hat". Viel Glück damit.

Die Eltern der Dick-Pic-Empfängerin erstatteten die Anzeige, und die anschließenden Polizeiermittlungen ergaben für die Justiz offenbar ein sehr deutliches Bild. Doch der traurige Versuch, Sinans Kopf rechtlich noch aus der Schlinge zu ziehen, ist nur ein Nebenschauplatz. Wenn man genauer hinsieht, ist eine große Empörungswelle ausgeblieben. Niemand haut drauf. Warum nicht?

Was hier offenbart wird, ist der schmale Grad, auf dem sich die Profis und ihre Vereine bewegen, wenn so etwas wie eine Fußballkarriere zustande kommen soll. Sinan Kurt galt schon früh als einer der begnadetsten Spieler seiner Generation—nicht umsonst legte Bayern München 1,1 Millionen Euro für den damals 18-Jährigen bei Borussia Mönchengladbach auf den Tisch.

Und so begann die alte Leier: Der Druck auf die Nachwuchskicker ist immens, die Spieler sind für die Vereine teure Investitionen, sie werden in den einschlägigen Internaten wie rohe Eier behandelt. Fußballtraining, Schule, Fußballtraining, Schule—viele von ihnen wohnen bereits im Teenageralter nicht mehr zu Hause. Rundum-Betreuung, böse Zungen sprechen auch von der Aufzucht perfekter Fußballroboter.

Aber so einfach ist es dann doch nicht. Zum einen, weil die Vereine neben der sportlichen und schulischen Entwicklung auch auf den Charakter ihrer Schützlinge Wert legen; und zum anderen kann selbst mit den bösesten Absichten keine Person nach Wunschvorstellungen zu einem Ideal hingeformt werden. Wir haben es hier nicht mit Vieh oder Knete zu tun, sondern mit Menschen.

Und wie sehr sich der Charakter einer Einflussnahme von außen widersetzen kann, zeigt eben der Mensch Sinan Kurt. Schon lange beißen sich die „Verantwortlichen" seiner Vereine die Zähne an ihm aus. In Gladbach, wo der Junge bereits mit Elf in den Jugendkadern spielte, sagte Borussias Jugendkoordinator Roland Virkus (in der Dokumentation Projekt Profi) über ihn: „...wo der Sinan auf jeden Fall noch daran arbeiten muss, das ist an seiner Persönlichkeit. Seine Ausstrahlung ist nicht immer so, dass man von Zielstrebigkeit reden kann. (...) Er gibt sich zu schnell zufrieden, wenn er ein gewisses Niveau erreicht hat, dann reicht ihm das. Aber das reicht nicht, um sich weiter zu entwickeln."

Schließlich kaufte Bayern München den Youngster, wo er es in der Summe auf nur einen 44-minütigen Bundesligaeinsatz gegen seinen späteren Arbeitgeber Hertha BSC brachte. Schlagzeilen machte Kurt trotzdem – neben dem Feld. Nach einem Trainingslager in China flog der 19-Jährige mit drei seiner Freunde erstmal nach Cannes. Dort hielt er es für eine gute Idee, die 74 Kilometer lange Strecke nach St. Tropez anstatt im Auto lieber mit einem Hubschrauber zu überwinden. Kostenpunkt 1.900 Euro. Das war den Bayern dann doch zu extravagant und die Ga­zet­ten titelten: „Bayern-Teenie per Heli auf Abstellgleis?".

„Bleib so wie du bist, Sinan. Oder lieber nicht?"; Foto: Imago

Nach der Nummer verbannten die Bayern-Bosse Kurt in die Regionalliga-Mannschaft. Doch selbst dort wurde er wenig später aus diesem Kader gestrichen. In seiner Funktion als Bayerns Sport-Vorstand sagte Matthias Sammer über ihn: Sinan hat das Problem, dass ihm in der Jugend schon alle gesagt haben, was für ein super Spieler er ist." Nach Bayern also die Hertha, dort Gewichtsprobleme wegen mangelnder Disziplin, dann ein Herankämpfen an den Mannschaftskader und schließlich kurz nach dem Lob vom Trainer die Aktion mit dem abgelichteten Schwanz.

Nun stellt sich fast wie von selbst die Frage: „Wie kann man nur so blöd sein?" Der Junge hatte alles: Talent, beste Ausbildungsstätten in den Top-Internaten Deutschlands und dann baut er Scheiße am laufenden Band? Während Kurt als eines der größten Talente im 1996er-Jahrgang rumpimmelt, haben ihn gleichaltrige Kollegen wie Leroy Sané, Julian Brandt oder Jonathan Tah längst überholt.

So kann man die Causa Sinan Kurt sehen: Ihn als ein leichtsinniges Talent, das von der eigenen Hybris niedergestreckt wurde, abhaken und fertig. Kann man machen, wäre nur ekelhaft. Es wäre geheuchelt, weil wir hier mit einer Doppelmoral urteilen würden. Wir klängen wie all die 40-jährigen Stammtischnostalgiker mit ihrer alten Leier von den „fehlenden Originalen" im Fußball und der Sehnsucht nach „Typen", wie es damals Mario Basler, Walter Frosch oder Éric Cantona waren. Die kommen aber nicht wieder.

Wir kritisieren die Vereine, dass sie nur noch menschliche Schablonen heranzüchten, die alle dieselben abgekochten Interviews geben und—abgesehen von ihren bunten Instagram-Profilen—einen diplomatischeren Umgang mit der Öffentlichkeit haben als der Bundestagssprecher unter Angela Merkel. Wir wollen keine Fußballroboter, wenn aber ein Spieler tatsächlich über die Strenge schlägt, sind die Aufregung und das Mediengewitter groß.

Dann legen wir genau jenen moralischen Maßstab an den Gebrandmarkten heran, den wir selbst für uns nicht gelten lassen würden, weil der Maßstab fußballerischen Institutionen entspringt, die übermäßige Nonkonformität zu eliminieren versuchen. Wir als Außenstehende sind schizophren, denn: Fußballer sollen bescheiden, aber spaßig-vulgär sein, sollen mit Kippe im Mund und Bierchen in der Hand auch mal auf den ganzen Fußballzirkus scheißen, aber dennoch „alles für den Verein geben", weil sie ja schließlich Millionen verdienen. Sie sollen Entertainer und Heilige zugleich sein, und am besten ihre Popularität für relevante Dinge nutzen: Die AfD umwirbt doch die Jugend, wo ist der moderne Paul Breitner, der auch mal politisch in diesen Zeiten ein Statement setzt?

Ist ein bisschen viel, was wir von den Jungs und Mädels da wollen; schalten wir einen Gang runter, was natürlich nicht heißen soll, dass Aktionen wie Kurts Penispost gutzuheißen wären. Nur vergessen wir nicht, dass Kurt fast selbst noch ein Kind ist. Zudem großgeworden unter der Käseglocke von Fußballinternaten, kann er in seiner persönlichen Entwicklung nicht so weit sein wie Gleichaltrige, die sich an den Realien der Alltagswelt abarbeiten müssen.

Aber vielleicht liegt genau hier der Hund begraben: Anstatt sich jetzt auf all die Sinan Kurts und Max Kruses einzuschießen, sollten wir den Fokus auf die Fußballinternate richten. Was machen die da eigentlich hinter verschlossenen Türen? Was ist das für ein System, dass im Kontext der Jugendentziehung mit Floskeln von „starken Charakteren" und „souveränen Persönlichkeiten" um sich wirft, aber einen tätowierten Undercut-Jüngling nach dem anderen ausbildet, die teilweise nicht mal einen Ticketautomaten der Deutschen Bahn bedienen können? Will halt auch keiner, aber zumindest im Fußball sind wir wieder wer. Die Engländer kaufen Weltklassespieler, wir produzieren sie. Doch wo gehobelt wird, da fallen auch auch Späne.

Hertha BSC hat sich jedenfalls dazu entschlossen, trotz der Penis-Eskapade mit Sinan Kurt weiterzufahren: „Der Fall ist uns bekannt", teilte ein Sprecher des Vereins dem Tagesspiegel mit. „Wir haben ihn intern besprochen und bitten mit dem Verweis auf das laufende Verfahren um Verständnis dafür, dass wir uns dazu im Moment nicht äußern wollen."

Für das Topspiel am Wochenende gegen Köln hat der Zwischenfall vorerst keine Auswirkungen. Sinan steht im 18er-Aufgebot, das Pal Dardai nominieren darf. Viel Glück dann, ...dem ganzen Fußballzirkus.